Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Die Barrikade und der Schützengraben

Die Barrikade und der Schützengraben

Sie stehen einander gegenüber, die beiden verfeindeten Verteidigungsmittel, die Barrikade des Volks und der Schützengraben des Militärs. Die Barrikade zeigt der Sonne ihre enorme unregelmäßige Masse und scheint stolz zu sein auf ihre Unförmigkeit. Der militärische Schützengraben zeigt seine geometrisch gezogenen Linien und lächelt über seinen buckligen Rivalen. Hinter der Barrikade ist das Volk, in Aufruhr, hinter dem Schützengraben  befindet sich die Miliz.

»Was für eine schreckliche Sache ist eine Barrikade!« ruft der Schützengraben aus und fügt hinzu: »Schrecklich wie die Leute, die hinter ihr stehen!«

Von hinter der Barrikade ertönen die mannhaften Noten revolutionärer Gesänge, im Schützengraben herrscht Schweigen.

»Wie klar sichtbar es ist«, sagt der Schützengraben, »dass hinter diesem Monstrum nur verlorene Menschen stehen! Ich habe noch nie gesehen, dass derartiger Unfug zu etwas Anderem taugt, als die Kanaillen vor ihrem wohlverdienten Tod zu schützen. Dreckige und stinkende Leute, Banditen, aufständische Plebs, das ist das Einzige, was eine derart hässliche Sache schützen kann. Hinter mir hingegen sind die Verteidiger von Gesetz und Ordnung, die Stützen der republikanischen Institutionen, disziplinierte und korrekte Leute, Garantie der öffentlichen Ordnung, Schild des Lebens und der Interessen der Bürger.«

Die Barrikaden sind in sich selbst verliebt und diese ist keine Ausnahme von der Regel. Sie fühlt, dass ihr Inneres aus Stöcken, Kleidung, Töpfen, Steinen und noch vielem mehr vor Empörung zittert und mit einem Tonfall, in dem die Feierlichkeit und die Strenge der höchsten Entschlossenheit des Volkes liegt, sagt sie: »Halt ein, du Beschützer der Unterdrückung, du Festung des Verbrechens, du stehst der Bastion der Freiheit gegenüber! Hässlich und bucklig wie ich bin, habe ich doch Größe, weil ich nicht von bezahlten Menschen errichtet wurde, von Söldnern im Dienste der Tyrannei. Ich bin die Tochter der Verzweiflung des Volkes, das Produkt der gequälten Seele der Demütigen und aus meinem Innern wachsen die Freiheit und die Gerechtigkeit.«

Es folgt ein Augenblick der Stille während dessen die Barrikade nachzudenken scheint. Sie ist unförmig und schön zugleich: Unförmig aufgrund ihrer Konstruktion, schön aufgrund ihrer Bedeutung. Sie ist eine starke und robuste Hymne auf die Freiheit, sie ist der großartige Protest des Unterdrückten. Die würdevollen Noten eines Horns, die aus dem Schützengraben dringen, brechen das Schweigen. Ein Märzwind fegt die verlassenen Straßen der aufständischen Stadt. Das Geräusch von Waffen, die zusammenstoßen, dringen aus der Barrikade und dem Schützengraben. Die Barrikade fährt fort: »Ich bin stolz darauf, die edle Brust des Sohnes des Volkes zu verteidigen und ich würde mir selbst die Innereien herausreißen, wollte mich der Scherge zu seiner Verteidigung benutzen.«

Eine Kanonenkugel trifft die Mitte der Barrikade ohne eine Bresche schlagen zu können. Die gesamte Barrikade kracht und das Krachen ähnelt den Anstrengungen eines Kolosses, der seine sämtlichen Kräfte darauf verwendet, einem Angriff zu widerstehen. Nichts! Ein paar Splitter, die springen und in der Sonne glänzen wie Funken, die von einer Schmiede abfallen. Die Barrikade fährt fort: »Der Tyrann erbleicht, wann immer auch nur mein Name fällt und die Kronen wackeln auf den Köpfen der großen Banditen, wo ich stehe. Was gäbest du, Wache von Schergen, dafür, hinter dir den eifrigen Atem des Volkes zu spüren, das für seine Freiheit kämpft? Du erhebst dich, um Unterdrückung und Sklaverei zu verewigen, ich erhebe mich als Ankündigung von Forderungen und Fortschritt. Ich bin unförmig und buckelig, aber, für den, der leidet, strahle ich wie die Morgenröte und von meiner Unebenheit geht ein Licht aus, das für die Männer den Platz der Pflicht markiert.«

Das Horn des militärischen Schützengrabens spielt den Befehl »Achtung!« und direkt danach »Feuer!«. Ein Hagelschauer von Geschossen trifft die äußere Wand der Barrikade und bringt Holz-, Ziegel- und Scherbenteile zum Springen. Die Barrikade bleibt stehen. Mutig widersteht sie den Angriffen des Maschinengewehrs, den schrecklichen Angriffen der Kanonenkugel und den wilden Bissen der Gewehrkugeln. Die Trommeln verdoppeln ihr Spiel im Schützengraben und das Horn vibriert wütend, so dass man es klar vernimmt inmitten des Donnerns der Salven, wie der unheilvolle Schrei eines Jagvogels inmitten des Sturms. Die Barrikade kracht wie ein Riese, der in einem Duell von Titanen von hinten einen Keulenhieb erhält. Während die Barrikade ihre Kräfte sammelt, fährt sie auf folgende Weise fort: »Eine Barrikade in jeder Stadt zur selben Zeit und die Freiheit würde aus meinem leuchtenden Inneren hervorquellen, strahlend wie der Atem eines Vulkans! Dunkel, wie ich bin, erleuchte ich. Wenn der Arme mich sieht, seufzt er und sagt: »Endlich…!« ♦

• Regeneración # 213, 20. 11. 1915   — barrikade # 1 – November 2008

Broschüre zum mexikanischen Magónismo: Magon-Broschüre vom Café Libertad Kollektiv eG, 2005

Quelle:

Ruben Trejo
Magonismus: Utopie und Praxis in der Mexikanischen Revolution 1910-1913
Edition AV, 2006 – 250 Seiten – ISBN 978-3-936049-65-7

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