Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Monatsarchive: Dezember 2016

Zum Jahreswechsel

Moin 2017,

schreiberling-2es ist leider weiterhin so, dass das meistverkaufte Buch unseres Verlages das Fußballbuch über Adolf Jäger ist. Das ist ebenso erfreulich wie ärgerlich, sind wir doch ein explizit anarchistischer Verlag. Wir wollen nicht klagen, denn die Bücher von Doris Ensinger und Tim Wätzold werden über die Zeit auch ihre Käufer finden.

Die angekündigte Erstveröffentlichung von deutschen Texten von Emma Goldmann kostet Zeit und viel Energie, da wir doch einiges an weiterem Material aus der damaligen Yellow-Press (Boulevard-Zeitung seiner Tage, u.a. der New York World von Joseph Pulitzer, einem Konkurrenten des Hearst-Konzern) aus dem Jahre 1893 hinzufügen wollen … es folgt aber in einigen Tagen eine Erstveröffentlichung über Die ‚deutsche‚ Emma Goldmann. Hier dann auch die Neuerung, dass längere Texte auch gleich als pdf-Datei zur Verfügung stehen werden.

Der Reprint des Büchleins von Albert Weidner – Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung – ist nun doch noch erfolgt. Er ist seit Anfang März 2017 für EUR 10,– bei 186 Seiten Umfang käuflich zu erwerben.

Wir drucken hier aber trotzdem zur Erbauung und Erinnerung das Kapital Die Arbeitslosenversammlung ab. Der springende Punkt ist allerdings die doch ziemlich ehrabschneidende Darstellung Albert Weidners, denn er geht auf die Folgen des Skandals nicht weiter ein. Es folgen nämlich umfangreiche Gerichtsverfahren, die als Gummischlauch-Prozesse oder auch als Massenpresse-Prozeß nicht nur in die Annalen der Berliner Arbeiterbewegung und reichsdeutsche Geschichte 1894 eingehen.

Ergänzt wird das Ganze durch einen juristischen Artikel aus der Zeit: Anarchistenprozesse. Hier die pdf-Datei zum schnellen download: bieber_anarchisten-prozesse_1897

Damit machte sich Weidner m.E. nicht nur für seine Ex-Genossen zum Verräter. Dennoch folgt hier eine würdigende Erinnerung an den anarchistischen Genossen und Verleger  Albert Weidner.

Wer selber weiter forschen möchte, hat hier eine Auswahl Zeitungen, in denen nach Vorliebe gut recherchiert werden kann: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/

In diesem Sinne, möge der Glockenschlag der Geschichte mal wirklich zu unseren Gunsten erklingen – noch wartet der „Schläger“ ja mit seinem toque revolucionario … leider seit viel zu vielen Jahren und Jahrzehnten sehnsüchtig.

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verlag | barrikade
25. Dezember 2016

banderarojinegra[27.12.2016]

Die ‚deutsche‘ Emma Goldmann

Die ‚deutsche’ Emma Goldmann

emma_goldmanEmman Goldmann (1869-1940) hier um 1892

Die angekündigte Erstveröffentlichung von deutschen Texten von Emma Goldmann kostet Zeit und viel Energie, da wir doch einiges an weiterem Material aus der damaligen Yellow-Press (den ersten Boulevard-Zeitungen wie der u.a. der New York World von Joseph Pulitzer) übersetzen und ergänzen wollen. Der Text hier als pdf-Datei eg_barrikade-2017

* * *

Emma Goldmann erster Text in einer deutschen Zeitung:
Der Anarchist 1880 - St. Louis

Eingesandt.

Lange Jahre hat es ein Mann fertig gebracht, sich als Held und Märtyrer hinzustellen, die größten Schurkereien zu verüben und zu verlaumden und so die besten Kräfte zu untergraben.
Und dies allen unter dem Deckmantel des Anarchismus, ohne daß auch nur eine Hand sich erhoben hatte, die Maske von dem Gesicht dieses Mannes herab zu reißen.
Der Mann von dem ich hier spreche ist John Most der „Anarchistenführer“, der Mann, der es wagt, sich an die Seite eines Krapotkin. einer Perowskaya und anderer Helden unterer Bewegung zu stellen.
Genossen und Freunde, wenn ich jetzt die Feder ergreife, um Euch diesen Most in das richtige Licht zu stellen, so ist es wahrlich  nicht persönlicher Haß, (ich bin gerade im Interesse der Bewegung noch nicht gegen Most aufgetreten), sondern die Empörung über die Haltung dieses Schuften, unserem Genossen Berkmqann gegenüber. Ja, die Empörung die einen jeden ehrlichen Arbeiter ergreifen muß. über dieses verläumderische Treiben, über dieses Denunziantenthum dieser Demagogen.
Die Genossen werden das Interview, das M. mit einem Reporter hatte, an anderer Stelle übersetzt finden.
Was, frage ich, kann einen Menschen veranlassen, so gemein, so niederträchtig zu handeln?
Einfach der schmutzige persönliche Haß, der Neid und die Furcht ist es, was diesen Menschen treibt so zu sprechen. Most ist feig, feig bis zum Äußersten, daß ist jeden bekannt, der ihn nur ein bischen genau kennt.
Ich, die ich ihn leider gut kennen gelernt habe, die jeden Charakterzug zur Genüge studirte, ich behaupte, daß Most ein ganz erbärmlicher Feigling, ein Lügner, Schauspieler und zugleich ein Waschlappen ist.
Alle seine sogenannten heroistischen Thaten sind nicht der Liebe zur Sache, der Ergebenheit zum Prinzip entsprungen. Oh nein! Es war Berechnung, es war ganz schmutziger Ehrgeiz, der ihn zwang „sein“ Prinzip (?) zu vertreten. Was hat denn Most bisher Großen geleistet? Ein paar Jahre hat er im Gefängniß, wo es ihm nebenbei bemerkt, sehr gut erging, zugebracht, das ist alles. Die Arbeiter haben ihren letzen Cent hingegeben, um es diesen Parasiten an nichts fehlen zu lassen.
Wo es aber galt, irgend eine That zu vollbringen oder andere zu unterstützen, da hat er sich stets feige und erbärmheh gezeigt.
Ich führe nur aus letzter Zeit einige Beispiele an, die Versammlung auf Union Square am 1.. Mai, wo er aus Furcht nicht hinkam, troztdem er Wochen zuvor aufforderte die Genossen möchten sich an der Maidemonstration betheiligen. — Weiter die Versammlung in Philadelphia, die er deshalb sich nicht zu adressiren getraute, weil kurz zuvor Genosse Hoffmann verhaftet wurde.
Und die größte und gemeinste Feigheit die jetzigen Handlung Most‘s. Aus Angst und persönlichem Haß erzählt er allerlei Lügen über Genossen Berkmann. Anstatt diese That propagandisch auszunützen, versucht er sie in den Koth hinab zu ziehen. Nichts ist ihm zu schlecht, um es gegen B. anzuwenden. Er erzählte unter anderem dem Reporter, daß B. ein sehr ungeschickter Arbeiter sei, troztdem er mir und anderen gegenüber hundertemal betheuerte, daß B. ein sehr geschickter und fleißiger Arbeiter sei.
Aber weil B. frei und offen M. die Meinung in‘s Gesicht sagte, weil er gesagt hat, daß er alles andere eher sei, als ein Anarchist, weil B. die Corruption und den Schmutz in der „Freiheit“ aufgedeckt, wurde er Mitte Juli entlassen, mit dem Versprechen bald wieder eingestellt zu werden.
Genossen! wenn in Euch noch ein Funken Selbstachtung vorhanden ist, wenn Ihr nicht theilnehmen wollt an den Schurkereien dieses Charlatan, dann bedenkt diese Worte.
Ihr seid es, die ihn ernähret, die ihn Mittel schafft, um ein feines Leben zu fuhren. Durch Euren Schweiß und Euer Blut, hat er sich einen Namen erworben. Hat er doch so oft gesagt, er sei lieber Carl Schurz als John Most.
Genug der Worte, denn man müßte ein Buch schreiben, um all die elenden Handlungen zu behandeln.
„Die Polizei will ihn verhaften.“ Eine größere Dummheit, eine größere Schande könnte der That B.‘s nicht gemacht werden. B. würde Most niemals etwas anvertrauen, einfach weil er diesen Schwätzer kennt Most hat schon manche That eines Genossen hintertrieben, so manche Tapfern abgehalten etwas zu thun. Das fanatische russische Volk hat die Niedertracht eines Alexander III. erkannt, hoffentlich werden auch die aufgeklärten deutschen Genossen endlich die elenden Handlungen eines Most erkennen.
Denn solange wir solche Demagogen groß ziehen, welche durch uns und unsere Groschen „Größen“ werden, wird die Bewegung gehemmt sein und die herrschende Klasse triumphieren.
Worte helfen bei solchen Menschen nichts; eine Tracht Hiebe würde diesen Menschen wohl nicht ändern, aber ihm das Maul stopfen.

Emma Goldmann.

• Der Anarchist, 30. Juli 1892

* * *

Schlecht beraten.

In’s Fahrwasser des Anarchismus gerathen die Arbeitslosen.

Die gestrige Demonstration auf Union Square — In Brandreden wird radikaler Unsinn verzapft und denen, die nach Brod schreien, wird ein Stein gegeben.

Professionelle Hetzer, Volksverführer, Utopisten und Demagogen machen sich die mißliche Lage, in welche infolge der allgemeinen Geschäfts-Depression ein großer Theil der Arbeiter gerathen ist. weidlich zu Nutze und tragen durch die maßlose Aufreizung der niederen Klassen das ihrige dazu bei, daß die Situation sich, wenn dies möglich ist, noch verschlechtert. Beweis hierfür ist die Demonstration, welche gestern Abend stattfand.

Mit einer zweiten großen Massenversammlung auf dem Union Square, noch größer als die am Samstag stattgehabte, schloß der gestrige Tag für die Arbeitslosen.

Etwa fünftausend Menschen hatten sich auf dem großen Platze, der so manche Volks-Demonstration gesehen, eingefunden und besonders unter ihnen auffallend war die Zahl der jungen Leute unter 25 Jahren. Der Demonstration auf dem Square ging ein Umzug der Arbeitslosen heran, welcher um 7 Uhr Covenant Hall, No. 56 Orchard Str., verließ und etwa 2500 Mann stark die Orchard Str. hinauf ging, die Houston Str., Ave. A, 2. Str., 2. Ave., 13. Str. passirte und um 7 ½ Uhr auf dem Square eintraf.

Der Umzug war ein sehr ruhiger und der einzige zu erwähnende Vorfall war, daß Kapitän Devery in der Orchard Str., zwischen der Rivington und Delancey Str., einem der Männer eine schwarze Flagge wegnahm und sie konfiscirte.

Auf der Terrace vor der Cottage am Square präsidirte David Levy. während zwei Lastwagen zu beiden Seiten der Cottage als Rednertribünen verhielten. Dr. Theodore Kinzel, der erste Redner, erklärte, daß er ein Anarchist sei, worauf er die bestehende Gesellschaftsordnung kritisirte, die „sociale Revolution“ ankündigte und den Anwesenden rieth, sich für dieselbe vorzubereiten.

Unter den anderen Rednern war es besonders der Schneider John Timmermann [1], welcher durch seine aufreizende maßlose Redeweise die Anwesenden packte. „Wir müssen Brod haben“, rief er; „wenn die Kapitalisten Euch ohne Brod lassen, so sind sie Mörder und wenn sie uns kein Brod geben, so müssen wir es nehmen. Wir sind keine Politiker und haben nichts mit der Politik zu thun.“ Nachdem er von der französischen Revolution gesprochen, erklärte er, daß auch hier Straßenkämpfe stattfinden würden.

Bereitet Euch auf die sociale Revolution vor. Gewalt gegen Gewalt! Ich sage Euch, die Zeiten werden noch schlechter werden, wie sie jetzt bereits sind, und man wird uns auf den Straßen tödten. Ihr habt die Paläste gebaut, Ihr habt alles geschaffen, aber Ihr selbst habt nichts. Fordert Brod! Es ist Euer Recht, dasselbe zu verlangen, und könnt Ihr es nicht bekommen, so könnt Ihr es ja nehmen“ Er schloß mit den Worten: „Hoch lebe die Anarchie!

Nach ihm sprachen Arthur Morton, F. Herschdorfer und Bamet Brave. Letzterer erklärte, daß man sie Anarchisten nenne, weil sie Brod verlangten, und man rufe dann die Polizei herbei, sie zu verhaften. „Wenn sie einen verhaften, sollen sie alle mitnehmen, alle unsere Familien. Man hat mir mitgetheilt, daß ich verhaftet werden soll. Sie sollen es nur thun. Ich kann im Gefängnis nicht schlimmer daran sein, als ich es jetzt bin. denn morgen soll ich ermittirt werden. Giebt man uns kein Brod, so werden wir es nehmen.

Emma Goldmann sprach dann zu der Menschenmenge, welche begierig den Wortschwall der Petroleuse verschlang und denselben stürmisch applaudirte.

Das ist das Land eines Thos. Jefferson, eines John Brown, eines Abe Lincoln.“ geiserte die Maulheldin in schlechtem Englisch, „und in ihm schreien Hundertausende nach Brod. Könnten jene dieser Versammlung beiwohnen, so wurden sie vor Scham erröthen. Die Reichen wohnen herrlich und in Freuden und ihre Frauen haben alles, was das Herz begehrt, aber die Lohnsklaven sind schlimmer daran, wie die Farbigen in der Sklavenzeit. Die schlechte Zeit kommt nicht von der Silberkrise her. sie hat andere Ursachen. Ihr verlangt Brod und wenn Ihr es nicht auf friedlichem Wege bekommen könnt, so werdet Ihr es Euch mit Gewalt holen. Vereinigt Euch und nehmt es mit Gewalt, wenn Ihr es nicht friedlich bekommen könnt. Man hat in den Zeitungen berichtet, daß Arbeiter nach Albany gehen wollen, um dort Forderungen zu stellen; was werden sie erhalten? Nichts. An solche Geschichten glaube ich nicht mehr. Verlaßt Euch auf Eure eigene Kraft, da die Kapitalistenklasse die Polizei bewaffnet hat. Nochmals, könnt Ihr kein Brot bekommen, so nehmt es mit Gewalt. Geht hinaus in die sociale Revolution!

Der Wortlaut der Brandrede ist nur deshalb bemerkenswerth, weil sich voraussichtlich die Polizei mit der Urheberin derselben befassen wird.

Nur wenige Redner sprachen nach Emma Goldmann. Es hatte sich inzwischen das Gerücht verbreitet, daß die Polizei beschlossen habe. Timmermann und Emma Goldmann wegen ihrer Reden zu verhaften und dies sah um so wahrscheinlicher aus, als sich wohl ein Dutzend Detektives auf der Platform befand.

Plötzlich verschwand Timmermann, und man konnte nicht in Erfahrung bringen, ob er verhaftet worden sei oder ob ihn seine Freunde fortgcschmuggclt hänen. Nachdem Emma Goldmann geendet, entfernte sie sich langsam in Begleitung einiger Freunde.

Mehrere Reporter folgten, sowie ein kleiner Menschenhaufen. Durch den Park ziehend, schwoll der Zug im Nu um Hunderte an und als er um die Cottage gehend die Ecke der 17. Str. und 4. Ave. erreicht hatte, befanden sich nahezu tausend Leute in Emma’s Gefolgschaft.

Immer größer wurde das Gedränge. Es ging die 4. Ave. hinunter bis zur 14. Str. und als man dieselbe erreichte, waren wenigstens 2000 Personen in dem Zuge. Plötzlich kam der Haufen zum Stillstehen. Emma hatte eine in westlicher Richtung fahrende Car bestiegen und mehrere Leute waren nach ihr hinaufgesprungen. Die Car entfernte sich und langsam ging die Menge auseinander. Es hieß, daß sie noch später  verhaftet werden würde.

Im Laufe des Tages fanden zwei sehr ruhige Massenversammlungen der Arbeitslosen statt, eine in Covenant Hall, No. 56 Orchard Str.. und die andere in Pythagoras Hall in der Canal Str. nahe der Bowery. In letzter sprachen A. Jablinowski, Jos. Lederer, M. Hillkowitz und Jac. Milch, welche die Anwesenden ermahnten, keine Ruhestörungen zu begehen. In der ersteren sprach Emma Goldmann, welche die entgegengesetzte Maßnahme empfahl. (…)

  • New Yorker Staats-Zeitung, New York, 22. August 1893  [zitiert nach: EG Band 1, S. 142-144]

* * *

Interview in der New York World, 28. Juli 1892 [1]

Die Höhle der Anarchie.

———

Emma Goldman, ihre Königin, regiert mit einem Nicken die wilden Roten.

———

PEUKERT, der schweigsame Autonomist, die Macht hinter ihr.

———

BERKMAN, der Attentäter, das Werkzeug dieser Führer.

———

Ihr Hauptquartier in einer billigen Wohnung in der Fünften Straße.

———

[…] Und hier war Emma Goldman.[2]

In der äußersten Ecken, nahe einem staubigen, mit Spinnweben verhangenen Fenster, saß eine Frau. Allein in dieser Versammlung hartgesichtiger, halbbekleideter Männer, eingehüllt in einer dichten Wolke erstickenden Rauchs, lehnte sie sich gelassen in einem Kneipenstuhl zurück und las. Sie schien ziemlich hübsch zu sein. Die Lehne ihres Stuhls lehnte gegen die hintere Mauer, und ihr linker Fuß ruhte auf der Sprosse eines Stuhles, der vor ihr stand. Ein weißer Strohhut mit einem blauen, weiß gepunkteten Band lag auf dem Tisch neben ihrem Ellenbogen.

Haselnußbraunes Haar, das seitlich gescheitelt worden war, war über ihrer Stirn aufgeplustert und ließ nur eine Spur dieses Teils sichtbar werden. An der Rückseite war das kurze Haar nachlässig arrangiert. Sie hatte einen wohlgeformten Kopf; eine lange, niedrige weiße Stirn; helle blaugraue Augen, bewehrt mit einer Brille; eine kleine, fein gemeißelte Nase, an den Nasenlöchern eher zu weit, um symmetrisch zu sein; die Haut farblos; Wangen, die einst voll gewesen waren, aber nun leicht eingesunken sind, geben einem Gesicht, das seine Formschönheit im rapiden Abfall zum Kinn verliert, eine etwas zusammengedrückte Erscheinung. Der Mund in Ruhestellung ist hart und sinnlich, die Lippen voll und blutlos.

Ein Nacken, der einst gerundet war, war immer noch wohlgeformt, aber als sie ihren Kopf drehte, wölbten sich die Sehnen aus der Magerkeit heraus, und Flecken hier und dort verstärkten die heftige Enttäuschung, die einen überkommt, nachdem man den oberen Teil des Gesichtes verlassen hat. Eine schlanke Figur, fünf Fuß vier oder fünf Inches [1,65 – 1,68 m] groß, gut geformt mit festem Fleisch, gekleidet in eine weiße Bluse, einen ockerfarbenen Gürtel und einen Rock aus blauem Satin mit weißen Streifen und ockerfarbenen Schuhen.

Das war Emma Goldman, während sie in der anarchistischen Trinkhöhle [3] saß, gestern Nachmittag, um 5 Uhr.

„Sie sind Fräulein Emma Goldman?”

„Das bin ich.”

Der Reporter machte ein paar Scherze, und sie lächelte. Ihre Lippen verzogen sich zu Falten, die ihr Gesicht häßlicher machten, als es in Ruhestellung war [4]. Die beiden Vorderzähne standen weit auseinander, und an beiden Seiten waren Zahnlücken, die das Innere des Mundes schwarz aussehen ließen, oder eher wie jener stumpfe undurchsichtige Farbton, der für die Mäuler einiger Schlangen charakteristisch ist. Ihr Englisch war gut, mit sicherer Betonung, aber es gab einen bemerkbaren Akzent.

Stolz ein Anarchist zu sein.

„Ja, ich kenne Berkman. Er ist ein großartiger Mann – ein Mann voller Intelligenz und Mut. Ob ich ein Anarchist bin? Ich bin es, und ich bin stolz darauf. Sie haben Mollock verhaftet, wie ich sehe. Nun, ich bin sicher, daß Mollock nichts mit der kleinen Affäre in Pittsburgh zu tun hatte.” [5]

„Aber Mollock und Berkman waren Freunde?”

„Oh ja, sie waren Freunde, und ich nehme an, Mollock schuldete Berkman etwas Geld. Tatsächlich weiß ich, daß er das tat,und darum schickte er es ihm.”

„Wann haben Sie Berkman zuletzt gesehen?”

„Oh, vor einiger Zeit; vielleicht vor einer Woche oder vor zehn Tagen. Ich kann mich nicht genau erinnern.”

„Hat er Ihnen gesagt, wohin er gehen wollte und was vorhatte?”

„Nein, er zieht Leute in solchen Dingen nicht ins Vertrauen.”

„Aber Sie sind seine Frau?”

„Ha! ha! ja, ich bin seine Frau, aber auf anarchistische Art, Sie wissen nicht, was das bedeutet! Die Anarchisten glauben nicht an Eheschlüsse nach dem Gesetz. Wir wollen kein Gesetz, und wenn wir vereinbaren zu heiraten, nun, ha! ha! das ist es.”

„Die anarchistische Ehefrau erwartet nicht das Vertrauen ihres Gatten?”

„Warum sollten wir? Aber das ist eine Sache, die ich nicht zu diskutieren beabsichtige.”

„Sie haben mit Frau Mollock zusammengelebt?” [6]

„Ja.”

„Der Name unter der Klingel ist Pollak, ist das ihr richtiger Name?”

„Ich nehme es an. Sie ist Mollocks Frau, so wie ich Berkmans bin. Sie konnte nicht mit ihrem ersten Ehemann leben und ging mit Mollock.”

„Aber Mollock unterzeichnet seine Briefe an sie mit dem Namen Pollak?”

„Stimmt das?”

Fräulein Goldman versuchte spaßig zu sein. Es war ein schrecklicher Fehlschlag, den sie nicht wiederholte.

Die Polizei ermüdet mich.”

„ Mollock lernte seine Frau in Buffalo kennen, und als sie hierher kamen, half Berkman ihnen, und wir lebten alle in der Chrystie Street zusammen. Nein, ich weiß nicht, wo seine Frau jetzt ist, aber ich glaube, sie ist nach Long Branch gegangen, um ihren Gatten zu sehen. Die Zeitungen haben um mich einen großen Aufstand gemacht, aber ich habe mich nicht versteckt. Ich bin die ganze Zeit in der Stadt gewesen.”

„Sind Sie gestern Abend von Chief O’Mara [7] von der Pittsburgher Polizei besucht worden?”

„Nein, wurde ich nicht. Die Polizei ermüdet mich. Die meisten sind Trottel. Sie wandern geheimnistuerisch herum und machen nichts. Alles was sie taten war, den alten Narren Most [8] ins Gefängnis zu stecken.”

„Sie sind ein Freund von Most?”

„Ein Freund! Der alte Betrüger! Ich wünschte mir nur, daß ich, als ich die Möglichkeit dazu hatte, ihn dazu gebracht hätte, mir etwas von seinem Geld zu geben. Er ist ein Feigling und ein Anarchist nur gegen Bezahlung.”

„Waren Sie nicht seine anarchistische Gattin, bevor er sich mit Lena Fischer [9] zusammentat und Sie Berkman trafen?”

„Ha, ha, ha!”

Wieder dieses harte, unmusikalische Lachen. Diese Mal hatte es einen Beiklang von Unehrlichkeit an sich, der ihre Worte Lügen strafte. „War ich nicht”, sagte sie entschieden [10].

„Wann hatten Sie die Möglichkeit, ihn dazu zu veranlassen, daß er ihnen Geld gibt?”

„Ihr Reporter seid zu impertinent. Ich hasse Reporter.”

„Warum?”

„Weil ich alle Inquisitoren hasse. Ich habe dieses ganze Land bereist, Vorträge vor den Gruppen gehalten, und ich habe hier gesprochen, als diese Memme Most Angst vor der Polizei hatte. Ja, ich bin eine Russin, aber ich habe nicht die Absicht zu sagen, aus welchem Teil Rußlands. Aber vor allem bin ich Anarchist.”

„Sind Sie denn stolz auf das, was Ihr Geliebter erreicht hat?”

„Das bin ich tatsächlich; das sind wir alle.”

„Sie haben letzten Sonnabend verschiedene Telegramme erhalten; waren sie von Berkman?”

„Ich habe jetzt nicht mehr die Absicht, mehr zu sagen. Ich habe Ihnen genug erzählt, und ich schätze, Sie werden einen Haufen Lügen schreiben. Das macht ihr alle, denn eure Leute müssen sich an die Kapitalisten verkaufen, die euch das Brot geben, und die Kapitalisten mögen es, die Lügen über uns Anarchisten lesen.”

„Wollen Sie mir nicht erzählen, wann Sie zuletzt von Berkman gehört haben?”

„Das geht die Öffentlickeit nichts an. Jetzt, mein Herr, werde ich nichts mehr sagen. Und wenn Sie mir die ganze Nacht Fragen stellen würden, ich würde nicht antworten.”

Die anderen Anarchisten erhoben sich.

Einer nach den anderen hatten sich die dunkelhäutigen, halbbekleideten und schmutzigen Anarchisten aus dem Vorderraum dem Platz genähert, wo ihre Königin saß. Einer von ihnen hatte ihr möglicherweise ein Zeichen gegeben, nichts mehr zu sagen. Ein Dutzend handfester schwarz- und rotbärtiger Anarchisten standen ein paar Schritte hinter den Rücken des Reporters. Ein anderer Reporter näherte sich und stellte Emma Goldman eine Frage. Während ihre Augen der Gruppe ihrer Freunde einen bedeutsamen Blick zuwarfen, sagte sie mit einer Stimme, die weitaus lauter als notwendig war, so laut, daß sie sogar im Vorderraum gehört werden konnte:

„Ich habe nichts zu sagen. Wollen Sie mich nicht allein lassen?”

Als ob ihre Worte ein Signal gewesen wären, umzingelte ein halbes Dutzend Anarchisten den Reporter, fuchtelten mit ihren Fäusten in der Luft herum und schleuderten Flüche und Beschimpfungen auf Deutsch und Russisch gegen die Reporter. Ein Mann stand nahe bei einem Tisch, mit einem Eispickel in seiner Hand.

Alle Reporter sollten umgebracht werden.”

Die Gruppe wurde größer. Emma Goldman stand auf. Ein stämmiger Anarchist, breiter gebaut als Sullivan [11], ballte seine Fäuste und rief – sein Gesicht gerötet von Bier, Hitze und Zorn – auf Deutsch, daß alle Reporter umgebracht werden sollten.

„Ja, er kann Deutsch verstehen!” heulte er. „Du – –!”

„Nein”, antwortete die Frau auf Deutsch, „er ist ein Amerikaner.” Sie lächelte dieses hohlwangige Lächeln, während ihre Augen hinter ihren Brillengläsern leuchteten. Ein glücklicher und stolzer Ausdruck war auf ihrem Gesicht, und während sie einen schwachen Versuch machte, ihre Sklaven zu beruhigen, bekam ihr fahles Gesicht einige Farbe, und sie stand da, von Lächeln umkränzt, inmitten von Rauch und Bierdünsten. […]

interview-womans-anarchy-1892Anmerkungen

[1] New York World, 28. Juli 1892, S. 2. Anmerkungen des Übersetzers sind mit (AdÜ) gekennzeichnet, alle anderen sind aus der Vorlage übernommen. Emma Goldman wird mit EG, Alexander Berkman mit AB abgekürzt. (AdÜ)

[2] Der Artikel enthält eine Zeichnung von EG. Er fährt fort mit kurzen Interviews mit Claus Timmermann und Josef Oerter, die sich beide vor polizeilichen Ermittlungen durch vage und ausweichende Antworten auf die Fragen des Reporters schützten. Die Überschrift bezieht sich auf Joseph Peukert, anarchistischer Kommunist und ein Führer der Gruppe Autonomie.

[3] Zum Großen Michel, der Saloon in 209 Fifth Street, dem regelmäßigen Treffpunkt der Gruppe Autonomie wie auch die Adresse der Brandfackel und von Claus Niedermann, der die Brandfackel herausbrachte, während ihr Gründer und Herausgeber Claus Timmermann 1893 auf Blackwell’s Island inhaftiert war. Der Reporter bemerkte später, daß „an den Wänden Werbung für anarchistische Zeitungen hing und sich in einem Regal gebundene Ausgaben von La R[é]volt[é], [Die] Autonomie und andere Zeitschriften mit offensichtlich anarchistischer Ausrichtung befanden”.

[4] Der Satz lautet in der Vorlage: „Her lips wreathed into lines that were uglier than when her face was in repose.” (AdÜ)

[5] Die Polizei in Long Branch, New Jersey verhaftete auf Anforderung der Polizei von Pittsburgh Frank Mollock um den 23. Juli, weil er an AB in Pittsburgh sechs Dollar geschickt hatte. Mollock gab zu, das Geld geschickt zu haben, leugnete aber jegliche Beteiligung an ABs Versuch, Henry C. Frick umzubringen – die „kleine Affäre”, auf die sich EG in dem Interview bezieht. AB erzählte im Gefängnis, wie er direkt nach seiner Ankunft in New York am 10. Juli versucht hatte, Geld einzusammeln, das ihm verschiedene Genossen schuldeten.

[6] Josephine Mollock, bei der EG und AB gewohnt hatten, hatte anscheinend auf Druck des Vermieters EG nach ABs Attentat aus der Wohnung ausgesperrt.

[7] O’Mara, der Chef der Polizei von Pittsburgh, hatte kurz zuvor behauptet, daß ABs Anschlag auf das Leben von Henry C. Frick Teil einer anarchistischen Verschwörung sei, siebzig Millionäre zu ermorden, deren Namen auf einer Liste erschienen, die in der Schreibtischschublade des Pittsburgher Anarchisten Henry Bauer gefunden worden sei, der als Komplize verdächtigt wurde.

[8] Johann Most war kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine Haftstrafe abgesessen hatte (Juni 1891 bis April 1892), die er für seine Brandrede vom 12. November 1887, dem Tag nach der Exekution der Haymarket Märtyrer, erhalten hatte.

[9] Lena Fischer war die Schwester des Haymarket-Anarchisten Adolph Fischer, obwohl der Reporter sie mit Helene Minkin verwechselt haben mag, einer jungen Anarchistin, die mit EG und AB zusammengewohnt hatte und später Johann Most heiratete.

[10] Tatsächlich fühlte sich EG zu Most sowohl als Liebhaber wie als Mentor hingezogen, kurz nachdem sie das erste Mal nach New York gezogen war. Er ermutigte sie, half bei der Organisierung ihrer ersten Vorträge und unterstützte so den Anfang ihrer Karriere als öffentliche Rednerin.

[11] Hinweis auf den Schwergewicht-Weltmeister im Bare-knuckle-Boxen (Boxen ohne Handschuhe) John L. Sullivan, der den Titel von 1885 bis 1892 hielt.

• Quelle: The Emma Goldman Papers, Berkeley Library, University of California
http://www.lib.berkeley.edu/goldman/pdfs/Anarchy%27sDen_GoldmanSuspectedintheFrickAssassinationAttempt.pdf

[ Übersetzung und bearbeitet von  Jonnie Schlichting | barrikade ]
eg-1901-polizeifotoPolizeifoto nach ihrer Festnahme nach Arbeitslosen-Rede am Union Square 1893

 Einer ihrer ersten Artikel in einer anarchistischen Zeitschrift:

Das Recht der freien Rede in Amerika.

Es ist schon lange nichts Neues mehr, daß die herrschende Klasse Amerikas unter dem Deckmantel der sog. Freiheitlichen Institutionen einer Republik, die größten Niederträchtigkeiten und schamlosesten Vergewaltigungen dem arbeitenden Volke gegenüber begangen hat.  Die Gefängnisse Amerikas bergen eine große Zahl von Menschen,  die es gewagt hatten für ihre unveräußerlichen Rechte einzutreten; gar nicht jener Zahlreichen zu gedenken, die von Seiten des herrschenden Raubgesindels auf feige und niederträchtige Art hingemeordet wurden. Das Recht der freien Rede wurde zwar schon längst mit Füßen getreten, die herrschende Klasse konnte aber bisher die Ausrede gebaruchen, daß bei dieser oder jener Gelegenheit ihre Schergen von den Arbeitern attaquirt wurden, oder daß das Eigenthum irgend eines Blutsaugers gefährdet schien und sie daher das Recht hätte, dieselben zu zu bestrafen und Reden zu unterdrücken, die zu derartigen Handlungen aufreizen.

Das Elend der Arbeiterschaft Amerikans wächst von Jahr zu Jahr und niemals haben es noch die Hungernden gewagt, ihre Stimme laut werden zu lassen. In diesem Jahre aber wurde die Noth zu groß, der Hunger gräßlich und die Arbeiter wollen ihr Joch  nicht länger mehr ertragen. Der Schrei der Unterdrückten und Hungernden ertönt aus allen Ecken und Enden Amerikas, und die Entrechteten versammelten sich zu Tausenden, um den Ausführungen der Redner mit Spannung und Aufmerksamkeit zuzuhören. Solches liegt gar nicht im Interesse der herrschenden Blutsaugerbande — das wäre ja das Recht der freien Rede auf eine ganz sonderbare Art interpretirt. Wir, die Arbeiter, diese unsere Sklaven, unsere Ausbeutungs-Objekte, ihnen soll dieses Recht auch zugestanden werden? Nie und nimmermehr! In dem Momente wo die Arbeiter sich ihrer wahren Lage bewußt werden, derselben Ausdruck zu geben suchen und so an unseren Vorrechten rütteln, in diesem Momente ist unsere Existenz auf das Ernstlichste bedroht.

So und ähnlicher Art hat die capitalistische Bande in den letzten Tagen gedacht und gesprochen und in ihrer Angst und Bestürzung ihre Heer von Schergen auf diejenigen gehetzt, die es unternommen, die hungernden Arbeitslosen aufzuklären und denselben Mittel und Wege anzugeben — sich Brod zu verschaffen.

Nach Ansicht der herrschenden Capitalistenbande, haben also die Arbeiter, diese modernen Slaven des neunzehnten Jahrhunderts, hierzulande nicht den geringsten Anspruch auf das Recht der freien Rede; sie haben kein Recht, ihre Forderungen um Brot geltend zu machen; sie haben kein Recht, über ihre Noth und ihr Elend und über die Mittel zur Beseitigung derselben zu sprechen: sie haben kein Recht, von der reichgedeckten Tafel des Lebens etwas für sich in Anspruch zu nehmen — sie haben nur ein Recht: das Recht, geduldig zu verhungern.

Von diesem Geiste beseelt, hetzten also die aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit gescheuchten Volksbedrücker ihre Bluthunde auf einige der Redner, die in den Arbeiterslosen-Versammlungen der letzten Zeit es versuchten, das gedrückte, entrechtete und ausgesogene Volk auf die richtige Bahn zu leiten und demselben zu zeigen, wie es sich von einem schmählichen Sklavenjoche befreien könne. Der ganze Büttel-Apparat von New York und Philadelphia wurde beispielsweise in Bewegung gesetzt und eine ganze Scharr von Spionen war in Thätigkeit um meiner Person habhaft zu werden, trotzdem ich nicht das Geringste unternahm mich vor den Häschern zu verbergen, vielmehr überall offen und frei meine Tätigkeit weiter entfaltete. Ich will mich über die mir seitens der Polizeibrut zu Theil gewordenen brutalen Behandlung und über die ganz niederträchtige Vergewaltigung, die mir von den Philadelphier Behörden wiederfuhr, hier nicht weiter ergehen — das eine nur will sagen, daß in meinen Augen der Leichenschänder des Schlachtfeldes ein ehtenwerter Mann ist im Vergleich zum Polizisten im Allgemeinen, und zum amerikanischen Polizisten im Besonderen. — Ich hatte es in ganz kurzer Zeit während rneiner Haft in Philadelphia herausgefunden, daß man mich mit den angewandten raffinirten Torturen und niedrigen Anträgen zu demoralisiren suchte.

Bekanntlich soll das Weib hierzulande mehr Rechte haben. Ja, aber nicht das Proletarierweib, nicht eine Anarchistin. Mit Verachtung sieht der Amerikaner auf die Despotie RußIands hin und doch werden hier unter dem Deckmantel der Freiheit dieselben Greuelthaten am Volke begangen. Nun wohl, wenn ich nicht frei meine Meinung sagen kann, so werde ich noch andere Mittel und Wege finden um dem Volke die Augen zu öffnen., zu ihm zu sprechen, daß den capitalistischen Cäsaren Amerikas das Herz im Leibe beben wird; ich werde der feigen Bande die Maske der Lüge noch vom Gesichte reißen. Die Idee der wahren Freiheit wird fortleben bis zum Tage der großen Abrechnung; an diesem Tage wird das jahrtausende lang getretene und gedrückte Volk zu neuem Leben erwachen — zum wahrhaftig freien Leben in der Anarchie.

Emma Goldmann.
Tombs Prison, New York

  • Die Brandfackel, 1. Jg., Nr. 2 – 13. September 1893 (S. 3-5)

Brandfackel-Logo

[1] Claus Timmermann, emigrierte um 1883 in die USA und wirkte ab 1889 in St. Louis als Anarchist, gab hier u.a. die Zeitschrift Die Parole (1884-1891) mit herausaus und von 1889-1891 Der Anarchist. Dann in New York war er Herausgeber der Brandfackel (1893-1894), des Sturmvogels (1897-1899). Er arbeitete u.a. als Tischler (baute Setzkästen), als Tellerwäscher und als Handwerker. Er starb im Camp Greylock im Jahr 1941.

„Ein glühender deutscher Anarchist … Er hatte erhebliches poetisches Talent und schrieb kraftvolle Propaganda … Er war ein sympathischer Kerl und ganz vertrauenswürdig, obwohl ein erheblicher Trinker“.
Mein Leben. Emma Goldman über Claus Timmermann

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anarchists-in-action-1894[27.12.2016]

Anarchistenprozesse.

Hier noch ein kleiner juristischer Nachschlag zu Albert Weidners Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung und den Prozessen um die Arbeitslosendemonstration 1894 in Berlin.
Als pdf bieber_anarchisten-prozesse_1897

Adler_Deutsches-Reich

Dr. jur. Richard Bieber (Berlin)

Anarchisten-Prozesse. [*]

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass in unserer Gerichtspraxis die einzelnen Sachen in der Weise bezeichnet werden, dass man den Namen des Angeklagten nennt und die Strafthat hinzufügt, wegen der die Anklage erhoben wurde. So wurde der letzte Aufsehen erregende Prozess vor dem hiesigen Schwurgericht richtig in den Zeitungen bezeichnet: „wider Koschemann und Genossen wegen versuchten Mordes“. Von dieser wohl für ganz Deutschland gängigen Praxis wird aber in der amtlichen Aktenbezeichnung eine Ausnahme gemacht, welche nicht bekannt sein dürfte. Seit mehreren Jahren bezeichnet man bei dem Landgericht I zu Berlin eine Reihe von Strafthaten nicht bloss wie oben angegeben, sondern es steht auch noch auf dem Aktendeckel von vornherein roth unterstrichen der Name [1] „Anarchistensache“, und zwar wird dieser Name nur aus dem Grunde daraufgesetzt, weil die politische Polizei den Angeklagten als Anhänger der politischen Lehren des Anarchismus bezeichnet. So unscheinbar an sich diese Aeusserlichkeit einem dem Gerichtsleben Fernstehenden vorkommen mag, so schwerwiegend ist sie in Wirklichkeit. Gerade bei unserem Strafverfahren und der dasselbe beherrschenden freien Beweiswürdigung darf man psychologische Eindrücke in keiner Weise unterschätzen. Man muss sich klar machen, wie selbst in unseren Richterkreisen, und natürlich noch mehr in den weiten Kreisen der Bevölkerung überhaupt, eine fast absolute Unwissenheit herrscht über das, was die Anarchisten-Lehre predigt und bezweckt, um übersehen zu können, welches Vorurtheil von vornherein wachgerufen wird, wenn auf der Anklagebank eine Person vorgeführt wird, die durch die Bezeichnung Anarchist in den Augen der Richter jeder That fähig erscheint, welche gegen Gesetz und Gesellschaftsordnung verstösst. Sind doch nach Meinung unendlich Vieler die Anarchisten Leute, die mit Bomben in der Tasche umherlaufen, um bei erster bester Gelegenheit eine Schreckensthat zu begehen. Bezeichnet nun gar der Vertreter der politischen Polizei auf Grund seiner, von unbekannten und ungenannten Hintermännern ihm gewordenen Information den Angeklagten als Anhänger der Propaganda der That, so überlauft sämmtliche Betheiligte ein Gruseln, das wahrlich nicht dazu beitragt, eine objektive Urtheilsfindung zu erleichtern.

Vor Allem muss darum auch immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Lehren des Anarchismus an sich absolut nichts mit den Schreckensthaten, welche von einzelnen Anhängern dieser Lehren zweifellos verübt worden sind, zu thun haben. Bezeichnet doch Elisée Reclus, der berühmte Geograph und Anarchist, als Propaganda der That: die vorbildliche Lebensführung, welche beweise, dass jeder Herrschaftszwang entbehrlich sei, und verlangt, dass die Anarchisten durch eine solche Propaganda der That für ihre Ideallehre eintraten. Die grosse Zahl der sogen. Anarchisten, welche unter dieser Bezeichnung die Anklagebank betreten und meistens als Verurtheilte verlassen haben, bestritten auf das Entschiedenste, und in durchaus glaubwürdiger Weise, Anhänger der Propaganda der Thal im Sinne der Anklagebehörde zu sein. In der langen Reihe von Anarchisten-Prozessen, die sich in Berlin seit dem Jahre 1892 vor dem Prozess Koschemann abgespielt hatten, ist niemals ein Delikt auch nur nur Sprache gekommen, das als ein spezifisch anarchistisches, d. h. als gewalttätiges wahlloses Zerstören von Eigenthum und Leben gerichtetes, bezeichnet werden kann. Es handelt sich fast immer um Pressvergehen oder um aufreizende Reden.

Die Art und Beurtheilung dieser Delikte zeigen am deutlichsten einige Beispiele. Im September 1893 befanden sich auf der Anklagebank 3 Männer, beschuldigt der Geheimbündelei. Monatelang waren zwei derselben aua den Grunde in Untersuchungshaft, weil sie den dritten gekannt, anarchistische Schriften besessen, und der eine überdies 2 Adressen bei sich geführt hatte, über welche er glaubhafte Auskunft nicht hatte geben wollen, während der andere in einem Brief an den Hauptangeklagten erwähnt worden war und im Besitz eines Briefes sich befunden hatte, in dem zwei Mal die Abkürzung K. A. vorkam und ausserdem die Worte „Ich verbitte mir solche Injurien, wie Kutschergruppe, so wat jiebts hier nicht zu lecken”. Die Anklage folgerte hieraus, dass der Angeklagte mit dem Klub Autonomie in London zu thun, und „dass er zur Bildung einer anarchistischen Kutschergruppe aufgefordert habe”. In Wirklichkeit war mit K. A. „Kommunistische Anarchisten“ gemeint, der Adressat war gar kein Kutscher, sondern Mechaniker, und mit Kutscher war eine bekannte Mischung von Kümmel mit Rum gemeint. Allerdings wurden diese Angeklagten, aber doch erst nach langer Untersuchungshaft, freigesprochen. — Ein anderer, besonderes Aufsehen erregender Fall waren die Anklagen gegen den jungen praktischen Arzt Dr. G. [2] aus Oesterreich im Februar und Mai 1894. Derselbe wurde in einer Volksversammlung verhaftet, weil er in seiner Rede die geschmacklose Aeusserung gemacht hatte, „der Staat sei eine organisierte Räuberbande”. In diesen Worten wurde eine Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen gefunden, und eine Strafe von 9 Monaten Gefängnis ausgesprochen. Charakteristisch scheint mir aber besonders, dass derselbe Mann dann noch wegen Aeusscrungen, die er in einer früheren Rede gethan hatte, unter Anklage gestellt wurde, und auch hierfür weitere 9 Monate Gefängnis erhielt. Unsere Polizei macht doch im Allgemeinen mit unliebsamen Ausländern nicht viel Umstände. Es ist mir unerfindlich, warum man den Dr. G. nicht sofort nach seiner ersten Rede verhaftete oder auswies und so am weiteren Delikten im Lande verhinderte, anstatt ihn erst, ohne ihm auch nur Mittheilung zu machen, dass man an einer ersten Rede Anstoss genommen habe, längere Zeit sich hier noch aufhalten zu lassen, bis er wiederum mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Bei der Verbindung gegen Dr. G. ereignete sich auch jenes denkwürdige Ereignis, dass der jetzige Erste Staatsanwalt Dr. Benedix, welcher zunächst etwa 2 Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf die Vertheidigungsrede des Dr. G. hin, welcher ausführte, dass eine längere Gefängnissstrafe gegen ihn gar keinen Sinn habe, da die Gefängnissbeamten ungebildet und nicht in der Lage seien, ihn zu bessern, aufsprang, und nunmehr wegen dieser Rede eine Gefängnissstrafe von 8 Jahren verlangen zu müssen sich verpflichtet hielt. — In Kottbus hatte man im Juli 1895 3 Leute wegen Geheimbündelei angeklagt. Nach viermonatlicher Untersuchungshaft stellte sich als einziges Ergebniss der als Geheimbündelei bezeichneten intimen Beziehung heraus, daß die Drei befreundet waren, und in ihren Familien miteinander verkehrt hatten. Nur der Eine von ihnen gab zu, Anarchist zu sein, und es wurde in dieser Beziehung weiter nichts erwiesen, als dass er ein Heft der anarchistischen Bibliothek, welches hier in Berlin anstandslos und mit Wissen der Polizei vertrieben worden war, an einen Logisgenossen verkauft halte mit den Worten: „Das sei etwas zum Lesen”. Hieraus folgerte das Gericht „die Absicht, dass nicht nur der Käufer, sondern auch Andere die Schrift lesen sollten”. Das Gericht fand nun in der Brochüre an einigen Stellen Aufforderungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Die beiden anderen Angeklagten wurden freigesprochen, der anarchistische Verkäufer erhielt wegen Verbreitung einer derartigen Schrift 9 Monate Gefängnis. — Gegen einen ferneren Angeklagten. welcher unter seinen Genossen den Spitznamen „der gesetzliche Anarchist” erhalten hatte, weil er stets die Ansicht vertrat, er wolle beweisen, dass man Anarchist sein könne, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, führte der Staatsanwalt bei einer Anklage wegen Betheiligung an einem Pressvergehen als strafschärfend aus: der Angeklagte sei besonders gefährlich, weil er es bisher verstanden habe, sich so zu halten, dass er noch nie mit den Gesetzen in Konflikt gekommen. Den Drucker der anarchistischen Zeitung „Der Sozialist” klagte man wiederholt mit an, weil in der Zeitung ein Artikel strafbaren Inhalts erschienen war. Er wurde zunächst stets freigesprochen, schließlich aber doch auf Grund des gleichen Thatbestandes unter der Feststellung, dass er sich um die Redaktion und Expedition der fraglichen Nummer nicht gekümmert habe, zu 6 Monaten Gefängnis verurtheilt, natürlich mit Hülfe des bekannten Dolus eventualis [3]. Ein andermal erhielt der Redakteur des Sozialist für einen ohne jeden Zusatz erfolgten Abdruck des bekannten Gedichts von Heine „König Langohr” [4] wegen Majestätsbeleidigung 4 Monate Gefängnis. Alle diese Verurtheilungen und Beurtheilungen sogenannter anarchistischer Strafthaten sind nur wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Sie könnten noch um eine erhebliche Anzahl Beispiele bereichert werden.

Die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Rechtsprechung Anarchisten gegenüber hat erst der Prozess wider Koschemann und Genossen, welche der Absendung einer Sprengkiste an den Polizeiobersten Krause beschuldigt wurden, erregt, welcher vom 6.—15. April d. J. vor dem Schwurgericht am Landgericht I Berlin verhandelt wurde.

In der Nacht vom 29. zum 30 Juni 1895 kam in Berlin aus Fürstenwalde eine an den Obersten Krause, Alexanderplatz 2, adressirte Kiste an. Dieselbe wurde infolge heraustropfender Flüssigkeit verdächtig, und als sie unter Anwendung von Vorsichtsmaassregeln auf der Post geöffnet wurde, ergab sich als Inhalt des Packets eine sogenannte Höllenmaschine: ein Pulverbehälter mit Zündschnur, die mit einer Weckeruhr derart verbunden war, dass nach Ablauf einer bestimmten Zeit die Explosion erfolgen musste. Die Anklage beschuldigte die beiden Hauptangeklagten Koschemann und Westphal der gemeinsamen Thäterschaft. Sie sollten beide in der Wohnung Westphals die Kiste hergestellt und Koschemann sie dann selbst in Fürstenwalde zur Post gegeben haben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angegeben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angetreten, für die Thäterschaft wurde in der Hauptsache angeführt: Koschemann sei identisch mit der Person, die das Packet in Fürstenwalde aufgegeben hat. Es wurden ca. 20 Zeugen vernommen, welche die in Frage kommende Person am 29 Juni 1895 gesehen hatten. Auf fast sämtliche Zeugen hatte die Person den Eindruck einer verkleideten Frau gemacht. Von Koschemann, einem durchaus männlich gebauten, jungen Menschen von 23 Jahren mit bartlosem, vielleicht etwas mädchenhaftem Kopf, sagten nun einige Zeugen, er könne mit jener Person identisch sein, andere verneinten es mit Bestimmtheit. Ferner bekundete der Bibliotheksdiener Brede, gegen dessen objektive Glaubwürdigkeit erhebliche Bedenken geltend gemacht wurden: Koschemann habe ihm gegenüber viel Redensarten über den Obersten Krause gemacht, er habe ihm am zweiten Pfingsttag (3. Juni) 1895 gesagt, dass er sich in Wusterhausen eine Weckuhr gekauft habe. In der Kiste befand sich nun eine sogenannte Junghans-Weckuhr. Ein Uhrmacher in Wusterhausen hatte am zweiten oder dritten Pfingstfeiertag (nach der Eintragung in den Büchern aber wahrscheinlich am dritten) eine solche Weckuhr an einen ihm unbekannten Käufer, der den Namen Kurte angab, also einen Namen, der mit demselben Buchstaben anfange, wie Koschemann, verkauft. In Bezug auf die erste und wichtigste Frage, die Identität mit der in Fürstenwalde gesehenen Person trat Koschemann einen Alibi-Beweis an, dessen Beweiskraft aber von der Anklagebehörde bestritten wurde. Diese blieb auf Grund der mündlichen Verhandlung bei der Ansicht, dass Koschemann die Kiste zur Post gegeben habe, verlangte dagegen Verurtheilung des Westphal nur wegen Begünstigung, welche darin gefunden werden sollte, dass Westphal versucht habe, dem Koschemann den Alibi-Beweis zu sichern, in der Absicht, ihn der Bestrafung zu entziehen.

Die Geschworenen haben die Frage, ob Koschemann der Thäter ist, verneint. Sie haben also Koschemann nicht für die Person gehalten, welche die Kiste in Fürstenwalde zur Post gegeben hat. Die Geschworenen haben aber die Frage, ob er zur That Beihülfe geleistet habe, bejaht und haben ferner Westphal der Begünstigung schuldig erklärt. Jener wurde zu 10 Jahren und 1 Monat Zuchthaus, dieser zu 1 Jahr Gefängnis verurtheilt.

In welchen Thatumständen die Geschworenen eine Beihülfe gefunden haben, die Koschemann unbekannten Thätern geleistet haben soll, entzieht sich der öffentlichen Kenntniss. Wie nun aber die Geschworenen weiter dazu gekommen sind, trotz der Verneinung der Thäterschaft Koschemanns die Frage gegen Westphal auf Begünstigung zu beziehen, ist unerfindlich. Es sei denn, man nehme an, dass die Geschworenen der Ansicht waren: die Angeklagten sind Anarchisten, man kann sich von ihnen der That versehen, und darum werden sie verurtheilt.

Die Möglichkeit, dass die Geschworenen zu einem solchen Urtheil kommen konnten, muss man zugestehen, wenn man der ganzen langen Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist. Da durfte zunächst der Kriminalkommissar Bösel eine lange Geschichte über das angebliche Treiben der hiesigen Anarchisten in einem Lokal in der Petersburgerstrasse (wo die Angeklagten aber, wie Bösel selbst zugiebt, nie verkehrt haben) und in einem Lokal bei Späth, wo ein Diskutirklub nach polizeilicher Anmeldung seine Sitzungen abhielt und wo allerdings die Angeklagten auch ab und zu hingegangen sind, erzählen. Gerade an diesen Orten sollten nach Angaben des Herrn Bösel eifrige Anhänger der Propaganda der That verkehren, wie ihm seine — ungenannten — Gewährsmänner versichert haben. Es ist aber nun doch mehr als auffällig, dass noch nicht ein Mal gegen irgend einen Besucher dieser Diskutir-Versammlungen eine Anklage wegen strafbarer Aeusserungen erhoben worden ist. Entweder sind die Angaben der Gewährsmänner des Herrn Bösel falsch, oder man lasst dort bei Späth ruhig Strafthaten begehen, die anderswo, wie wir an oben aufgeführten Beispielen ersehen haben, mit schweren Strafen belegt worden sind. Aus diesem Gedankengang heraus wird es dann verständlich, wenn ein anderer im Prozess vernommener Zeuge die Diskutir-Versammlungen bei Späth als „Spitzelfalle” bezeichnete. — Ein anderes Mal bekundete der Zeuge Bösel in längerer Auseinandersetzung, wie die Polizei dazu gekommen sei, nach Jahr und Tag doch wieder den schon einmal fallen gelassenen Verdacht gegen die Angeklagten aufzunehmen [5], warum er sie für schuldig halte, und dass das Beweismaterial erdrückend sei. Hat man denn schon jemals früher in einem Prozess einen Polizeibeamten, welcher die Vorermittelungen angestellt hatte, als Gutachter auftreten lassen? Ein Zeuge ist zum Bekunden von Thatsachen da; eine gutachtliche Meinungsäusserung über die Frage, ob das Beweismaterial erdrückend ist, oder nicht, hat ein Gericht noch niemals extrahirt, weil dies die Frage ist, die von den Urtheilenden selbst zu beantworten ist. — Ein anderer Kriminalbeamter hielt den Geschworenen einen ausführlichen Vortrag über die Herkunft des in der Sprengkiste befindlichen Revolvers, um damit zu schliessen, dass es nicht gelungen sei, irgend einem der Angeschuldigten zu beweisen, dass sie überhaupt einen Revolver, am wenigsten den hier in der Kiste befindlich gewesenen jemals besessen haben. Bei einem der freigesprochenen Angeklagten hatte man die Abschrift eines Sprengstoff-Rezeptes gefunden. Flugs hält der sachverständige Chemiker den Geschworenen einen Vortrag über die Gefährlichkeit des Stoffes, welcher nach diesem Rezept angefertigt werden könne. Zum Schluss aber die (in diesem Prozess fast übliche) Bezeugung, dass das Rezept mit der an den Obersten Krause adressirten Sprengkiste und deren Inhalt nicht das Geringste zu thun habe. Dutzende von Zeugen werden vernommen, nur um darzuthun, dass irgend welche anderen Leute, die nicht auf der Anklagebank sitzen, auf die man aber vielleicht hatte Verdacht werfen können, nicht die zur Anklage gestellte That begangen haben. Ja, muss denn nicht schliesslich in den Geschworenen die Ansicht sich festsetzen: wenn alle Anderen es nicht gewesen sind, dann bleiben ja nur die Angeklagten übrig. Bisher war im Gerichtsaal Sitte, dass man nicht aufwies, wer es nicht gewesen sei, sondern nur sich für verpflichtet erachtete, zu erweisen, dass der Angeklagte die That begangen. Wehe den Angeklagten, wenn die Rechtsprechung diesen einzig zulässigen Weg verlässt.

Dass alle diese Umstände zusammen geeignet sind, auf Geschworene dahin zu wirken, dass sie die Angeklagten mit anderen Augen ansehen, als sie es Angeklagten gegenüber gethan haben worden, deren politische Ansicht ausser Betracht geblieben wäre, bedarf keines besonderen Beweises.

Der Unterzeichnete hörte einmal aus berufenem Munde in einer Anarchistensache den Ausspruch: „Was, solche Leute berufen sich auf das Gesetz!” Mit diesem Ausspruch ist die Stimmung bezeichnet, in welcher allein es möglich ist, von Anarchistensachen als von einer besonderen Kategorie von Strafprozessen zu sprechen. Erste Grundlage des Rechtsstaats sollte es doch wohl sein, dass alle Menschen, mögen sie selbst die Gesetze für noch so schlecht halten, mögen sie politische oder religiöse Ansichten haben, welche sie wollen, von ihren Richtern nur nach dem Gesetz beurtheilt werden. Er ist deshalb unzulässig, einen Angeklagten allein darum, weil er sich Anarchist nennt, für schuldig zu erachten.

Die zahlreichen Anarchisten-Prozesse, welche in den letzten 5 Jahren, und namentlich seit dem Scheitern der Umsturzvorlage [6], angestrengt wurden, haben das eine gemeinsame Ergebniss zutage befördert, dass es eine anarchistische Bewegung, welche den gewaltsamen Umsturz anstrebt, in Deutschland nicht giebt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gefahr einer solchen Bewegung gänzlich ausgeschlossen sei. Diejenigen, welche den Wunsch hegen, es möge in Deutschland wirklich zur feststehenden Methode werden, anarchistischen Angeklagten gegenüber ein anderes Beweisverfahren und eine andere Rechtsprechung zu üben, als gegenüber Angeklagten anderer politischer Richtungen, mögen sich klar machen, dass dann allerdings einmal ein also Verurtheilter aufstehen und sagen könnte: Ihr habt mir gegenüber das Gesetz ausser Kraft gesetzt, ich halte mich infolgedessen auch meinerseits nicht mehr an ein solches gebunden.

Mit Ungerechtigkeit wird man Ungerechte nicht zu Gerechten machen.

Richard Bieber

Anmerkungen
*      Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik (Berlin – Frankfurt/M). Jg. VI, No. 31, 29. April 1897, Spalte 745-751. – Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Sperrungen im Original werden kursiv wiedergegeben, Anmerkungen der Herausgeber sind mit [JS] gekennzeichnet.

Richard Bieber (1858 – 1936), Dr. jur.; Schriftsteller, Rechtsanwalt und Notar. Verheiratet mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hanna Bieber-Böhm (1851 – 1910). Beide gehörten 1892 zu den Begründern der in Berlin ansässigen Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur und ihrer Zeitschrift Ethische Kultur, die bis 1936 bestanden. Bieber war lange Zeit in der Leitung der Gesellschaft und Herausgeber der Zeitschrift. In der Gesellschaft waren bekannte Linksliberale und Sozialisten wie Ferdinand Tönnies, Dora Lux (geb. Bieber), Heinrich Lux, Lily Braun und Friedrich Wilhelm Foerster aktiv. [JS]

[1]      Durch Zufall wurde dem Unterzeichneten gegen Ende des Jahres 1892 das erste Mal eine Vertheidigung in einer sogenannten Anarchistensache übertragen, und er hat seit dieser Zeit in der weitaus grössten Mehrzahl derartiger zur Verhandlung gekommener Sachen mitgewirkt. Es ist dies im Ganzen in 27 Anklagen der Fall gewesen. Für die herrschenden Vorurtheile muss als charakteristisch erwähnt werden, dass in der beim Landgericht Kottbus verhandelten Sache (s. u.) die Angeklagten sich an den Unterzeichneten wandten, weil es ihnen nicht möglich war, in Kottbus selbst einen Vertheidiger zu finden; dass der Unterzeichnete ferner sehr häufig gefragt wird, ob er etwa selbst Anarchist sei, offenbar weil in den Augen der Frager ein Anarchist ein Individuum ist, das an sich auf Gerechtigkeit keinen Anspruch hat, und das man gegen ungerechte Anklagen nur zu vertheidigen wagt, wenn man selbst dessen politische Anschauungen theilt.

[2]      Władysław (Ladislaus) Gumplowicz (1869 – 1942); Wirtschaftswissenschaftler, Geograph, Politiker; nach der Verhaftung Gustav Landauers 1893 kurzfristig Herausgeber des „Sozialist”; Übersetzer von Peter Kropotkin, Die historische Rolle des Staates, Berlin 1898; Verfasser von Nationalismus und Internationalismus im 19. Jahrhundert (Am Anfang des Jahrhunderts, 7. Heft), Berlin 1902; Kwestya polska a socyalizm, Warszawa 1908. [JS]

[3]      Dolus eventualis, Eventualvorsatz, Eventualdolus oder bedingter Vorsatz: wenn der Täter den Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hält und ihn zugleich billigend (im Rechtssinne) in Kauf nimmt und sich damit abfindet (wikipedia). [JS]

[4]      Heinrich Heine, König Langohr I. (http://www.heinrich-heine.net/langohr.htm) [JS]

[5]      Sofort am 30. Juni 1895 hat die politische Polizei gegen Koschemann und Westphal ein Ermittelungsverfahren begonnen. Die damaligen Ermittelungen hatten damit geendet, dass die Polizei das Alibi als bewiesen annahm. Nach etwa einem Jahr nahm man das Verfahren wieder auf. Da die Polizei es gleich nach der That nicht für nötig gehalten hatte, die Entlastungsbeweise in ausführlichen Protokollen festzulegen, verwickelten sich die Beschuldigten nunmehr nach Jahr und Tag in einzelnen Punkten in Widersprüche (und wer würde sich nicht in Widersprüche verwickeln, wenn er gezwungen würde, sich heute darüber auszusprechen, wo er am 29. Juni 1895, sowie an den Tagen vorher und nachher sich aufgehalten habe), welche danach das Hauptbelastungsmaterial der Anklage bildeten.

[6]      Gesetz, betreffend Änderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuchs, des Militärgesetzbuchs und des Gesetzes über die Presse – ein am 6. Dezember 1894 von der Regierung Hohenlohe dem deutschen Reichstag vorgelegter Gesetzentwurf, der sich in erster Linie gegen die Sozialdemokratie und deren (angeblich) gesellschaftsumstürzende Absichten richtete und einer verschärften Neuauflage des Sozialistengesetzes gleichkam, in seinen verwaschenen Formulierungen allerdings auch tiefgreifende Eingriffe in die Pressefreiheit und selbst in die Freiheit der Forschung und Lehre möglich gemacht hätte. Der Gesetzentwurf führt zu einer breiten Protestbewegung, an der sich neben der Arbeiterbewegung auch die liberalen Parteien, Stadtverwaltungen, Bauernverbände sowie bekannte Intellektuelle aus Kunst und Wissenschaft beteiligen. Die Umsturzvorlage scheiterte am 11. Mai 1895 in zweiter Lesung im Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokratie und den liberalen bürgerlichen Parteien. [JS]

[JS – bearbeitet von Jonnie Schlichting | barrikade]

kaiserzeit02_gross[26.12.2016]

Die Arbeitslosenversammlung – 18. Januar 1894

Vor 123 Jahren passierte in Berlin folgendes …

poor-houseWarten auf den Einlaß in eine Wärmehalle – das Bild stammt aus England -, ähnlich dürfte es am Alexanderplatz in Berlin ausgesehen haben (Poor house – Armenhaus)

Die Arbeitslosenversammlung

 Anfangs der neunziger Jahre legte sich eine schwere Depression über das wirtschaftliche Leben Deutschlands. Besonders die arbeitenden Schichten des Volkes litten darunter außerordentlich, und die Zahl der Arbeitslosen wuchs zusehends, um schließlich andauernd in einer Höhe zu bleiben, wie kaum je zuvor.

Die Sozialdemokratie ergriff die Gelegenheit zur Einberufung von Arbeitslosenversammlungen, die sich eines zahlreichen Besuchs erfreuten und in denen Männer wie Liebknecht die sozialdemokratischen Ziele als einzige Erlösung von dem Drucke und von der ewigen Existenzgefahr darlegten, unter denen das moderne Proletariat leide. Daneben wurde gewöhnlich in Resolutionen an Staat und Kommune die Forderung geeigneter Maßnahmen zur augenblicklichen Steuerung und Verminderung des großstädtischen Arbeitslosenelends gestellt.

Schon war es im Anschluß an derartige Arbeitslosenversammlungen zu aufsehenerregenden Demonstrationen auf offener Straße gekommen. Die Arbeitslosen hatten sich, wie es der Zufall gab, zu geschlossenen Zügen formiert. Aus den Vorstädten, wo diese Versammlungen gewöhnlich stattfanden, bewegten sie sich nach dem Stadtinnern, dem Rathaus und dem königlichen Schloß zu, mit jenem Instinkt, der jede revolutionäre Volksmenge zu dem Sitz der obersten Gewalten hinstreben heißt.

Da erwachte im Januar 1894 bei einer Anzahl Berliner Anarchisten die Idee einer großen Arbeitslosenversammlung, von einer Art, wie sie Berlin noch nicht gesehen.

Das Publikum der gewöhnlichen, sozialdemokratischen Arbeitslosenversammlungen bestand durchgehend aus jener verhältnismäßig gut situierten Schicht der industriellen Arbeiterschaft, die sich in den Gewerkschaften organisiert findet, augenblicklich Arbeitslose, die immerhin insofern noch Boden unter den Füßen haben, als ihnen die, wenn auch mitunter nicht allzunahe Hoffnung auf Arbeitsvermittlung durch den gewerkschaftlichen Arbeitsnachweis winkt.

Die erwähnte Anzahl Anarchisten jedoch, selbst Arbeitslose, faßten die Idee, einmal jene breite, stumme Masse aufzurütteln, die den sozialen Bodensatz der Großstand bildet. Gelegentlich der – schon erwähnten – Februarkrawalle von 1891 hatte das sozialdemokratische Zentralorgan, der „Vorwärts“, dieser untersten Schicht des Volkes, dem Lumpenproletariat gegenüber die arbeitslose Arbeiterschaft streng abgetrennt.

Nun sollte einmal der Versuch gemacht werden, dieses Lumpenproletariat zu versammeln, dem jeder Zusammenhalt fehlt und das so tief gesunken ist, daß ihm von irgend einer Interessengemeinschaft nichts bewußt ist.

„Unsere Anklage“ – so kündigte der Einberufer an – „wollen wir der heutigen Gesellschaft entgegenschleudern, bis unter der Wucht dieser Anklagen und der von allen Seiten auf sie eindringenden Not- und Verzweiflungsschreie diese morsche Gebäude der Unvernunft und der Willkür zusammenbricht.“

Zum 18. Januar wurde die Versammlung anberaumt, und zwar in einem der größten Berliner Versammlungssäle, dem der Brauerei Friedrichshain im Nordosten der Stadt; Inserate in der Arbeiterpresse wie Plakate an den Anschlagsäulen waren wie gewöhnlich auch hier Publikationsmittel.

Mehrere Tage vorher machten indessen bereits außergewöhnliche Anzeichen auf diese Versammlung aufmerksam. Da die Veranstalter derselben sich sagen müßten, daß jene Parias der Großstadt, die sie aufzurütteln gedachten, die Inserate der Arbeiterblätter so wenig lesen als die öffentlichen Plakate beachten würden, bedienten sie sich alsbald noch anderer Mittel und Wege, sie auf diese Versammlung hinzuweisen. So wurde das Lumpenproletariat direkt an jenen Orten aufgesucht, wo sein bedauernswertes Los es zusammendrängt. In den Volksküchen und Volkskaffeehäusern, in den Wärmehallen und in den Asylen tauchte die Versammlungsankündigung in Gestalt von Zetteln auf, die unbekannte Hände verteilten und die von Hand zu Hand weitergingen.

* * *

Unweit des Bahnhofs Alexanderplatz befindet sich, in einigen Stadtbahnbogen etabliert, die städtische Wärmehalle. Während der Wintermonate ist sie der einzige Zufluchtsort jener Tausende bejammernswürdiger Existenzen, die durch Arbeitslosigkeit zur Obdachlosigkeit gesunken sind. Nur ein Teil findet in den weiten Hallen Raum. Auf rohen Holzbänken dicht zusammengefercht, lassen sie die gastfrei gespendete Wärme den gebrechlichen, wenn nicht schon gebrochenen Körper durchströmen. Schweigsam oder leise flüsternd hocken sie beisammen, eine Anzahl „Booste“ oder „Kalfaktore“ beobachtet sie ständig und sorgt dafür, daß sie nach einer bestimmten Zeit die Plätze wieder verlassen. Denn auch hier sind sie nicht zu unbegrenzter Ruhe geduldet; neue Scharen warten schon des Einlasses.

Dicht zusammengedrängt harren diese draußen auf der Straße, von einem starken Polizeiaufgebot zu Reihen formiert und streng bewacht. Eng an den Straßenbahnviadukt ist die Menge gepreßt. Ein Zug donnert über ihre Köpfe hin – und plötzlich rauscht es und flattert herab: hunderte kleine Zettelchen, aus dem Coupéfenster geschleudert, breiten sich über den Menschenschwarm aus. Hunderte Hände recken sich empor, alles greift danach. Und ehe noch die resolut eindringende Schutzmannschaft die Versammlungsankündigung den Widerstandslosen aus den verklammten Händen gerissen, läuft die Sensation durch die Menge; eine Versammlung für uns! Und bei Nacht, im Asyl wie in jenen Schlupfwinkeln, wo berechnendes Geschäftigkeit selbst von den Pfennigen dieser Heruntergekommenen noch Profite zu machen weiß, überall raunt die Kunde von der Versammlung, wo über „Das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ gesprochen werden soll.

* * *

Doch auch an anderer Stelle hat das bevorstehende Ereignis die Gemüter erregt.

Gegenüber der Wärmehalle ragt jener gewaltige Gebäudekomplex empor, in dem die Großstadtpolizei ihre Zentrale hat. Dort erscheint unter dem Eindruck dieser anarchistischen Propganda das Gespenst der Rebellion und befängt die Gemüter.

So ballt sich ein Gewitter zusammen.

In einem vornehmen Restaurant des Westens sitzen drei Männer an einem Tisch, deren halblaut geführte Unterhaltung sich um die bevorstehende Demonstration dreht.

Der Polizeikommissar Röwer in Begleitung des seinem Ressort angehörenden Kriminalschutzmannes Lachmund haben in Eile den Schlosser Brandt zu einem Rendevouz geladen. Er ist ein intimer Freund des Einberufers der in drohende Nähe gerückten Arbeitslosenversammlung. Wenige Wochen zuvor hat Lachmund gelegentlich einer gegen Brandt eingeleiteten Untersuchung versucht, diesen in Polizeidienst zu locken. Er hat dem Arbeitslosen, der mit Weib und Kindern bitter Not leidet, ein Goldstück über den Tisch hin zugeschoben. Im Verlauf des Verhörs hat der so Attackierte es wiederholt zurückgeschoben; schließlich siegt die Begier; er steckt es ein. Und er empfängt seine Weisungen. Nur beobachten und berichten darf er, nicht selbst handeln, provozieren. Letzteres sei früher wohl mal geübt worden, aber mit diesem System sei gebrochen.

Im Norden, „im 6. Wahlkreise“, vermutet die Polizei „Männer der Tat“. Ihre Namen werden genannt. An sie soll Brandt sich heranmachen. Gegen 50-70 M. Monatseinkommen. Gelingt es ihm, rechtzeitig zu ermitteln, daß ein Attentat geplant sei, oder vermag er irgendwo das Vorhandensein von Dynamit zu entdecken, so soll er spornstreichs per Droschke zur Behörde eilen: 1000 M. seien ihm sicher.

Der Vigilant aber hat seinen Freunden, eben diesen verdächtigen „Männern der Tat“, vor dem Handel Mitteilung gemacht. Er berichtet das, was er mit diesen vorher verabredet. So auch die geplante Arbeitslosendemonstration. Und er verschweigt nicht, daß er zu dem Druck der mysteriösen Handzettel, die an den Stätten des Elends massenhaft kursieren, einige Mark beigesteuert.

Angesichts dieser Tatsache ist bei dem Polizeikommissar, der die Affäre Brandt leitet, der Verdacht rege geworden, daß der Vigilant ein doppeltes Spiel treibe.

Nun tritt der Kommissar bei diesem Rendevouz dem zweifelhaften Vigilanten persönlich gegenüber.

„Sie treiben ein falsches Spiel mit uns! Sie geben von Ihrem Gelde, das sie von uns erhielten, zur Veranstaltung dieser Demonstration, damit es nachher heißt: sie sei mit Polizeigeld gemacht, eine Provokation!“

So fährt der aufgeregte Beamte den Anarchisten an.

Dieser verteidigt sich.

Die paar Mark seien Geld, das er von früher her im Besitz habe.

„Wie dürfen Sie sich überhaupt in solche Geschichten einlassen!“ herrscht ihn der Kommissar an. „Das ist direkt gegen unsere Anordnungen! Wollen Sie die Verantwortung übernehmen für das, was geschieht? Glauben Sie man nicht, daß die Sache so milde abgehen word, wie bei den Krawallen von 1892.“

Alle Möglichkeiten werden in der weiteren Unterredung erwogen. Ja, daß es gelegentlich der Versammlung Blutvergießen und Leichen geben könne. Schließlich droht der Kommissar dem Anarchisten, von dessen doppelter Rolle er sich allmählich überzeugt hat, mit sofortiger Verhaftung für den Fall, daß derselbe in der Versammlung das Wort zu nehmen wage.

* * *

Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Am Morgen des 18. Januar zeigt der Friedrichshain am Königstor ein ungewöhnliches Aussehen. Ueberall blitzt und leuchtet es von Helmspitzen. Der Weg vom Tor zum Versammlungslokal, links von den Vorgärten der Häuser, rechts vom Hain begrenzt, gleicht einer Spießrutengasse. Schutzleute zu Fuß und zu Pferde bilden eng Spalier.

Um 11 Uhr ist die Versammlung anberaumt. Doch schon vom frühen Morgen an kommen die Besucher in schwarzen Scharen herangezogen. Zwei Stunden vor Beginn ist der riesige Raum gedrängt voll.

Ein Polizeiaufgebot schließt den Saal und bewacht seine Ausgänge.

Tausend müssen vor der verschlossenen Türe umkehren. Schwarz und dicht steht die Menge am Königstor. Von wo aus die Polizei schließlich die ganze Straße zum Saal absperrt.

Inzwischen harren die Versammelten des Beginnes.

An dreitausend sitzen still und starr beieinander. Vor ihnen auf der Estrade, an einem kleinen Seitentisch der überwachende Polizeileutnant und sein Begleiter. Auch ihn mag der Anblick peinigen, denn das ist keine Versammlung wie so viele andere. An langen Tischen, auf denen die üblichen Biergläser völlig fehlen, hockt da, tausenfältig vervielfacht, jenes scheue Individiuum, das man sonst nur vereinzelt zu sehen gewohnt ist, bleich, von Hunger und Kälte zermergelt, in verschlossenem, zerlumptem Gewand. Von den Veranstaltern hat keiner in den Saal zu dringen vermocht. Er war überfüllt und gesperrt, ehe sie ihn erreicht. Ein halbes Dutzend ihrer Genossen stehen schweigsam am Eingang des Saales beisammen, befangen gegenüber dieser Menge, von der aus es wie ein einziger Schrei nach Brot und Sonne emporsteigt.

Mitten in der Menge sitzt ein Mann in guter, bürgerlicher Kleidung, den Zylinder auf dem Kopf. Aus dem ernsten Antlitz mit der hohen, gewölbten Stirn und dem festen, energischen Kinn leuchten ein Paar mildblaue Augen über die Menge hin: es ist Moritz von Egidy, der einstige Oberstleutnant. Von den dogmatischen Satzungen der Kirche innerlich befreit, hat er auch äußerlich den Bruch vollzogen. Und hat weiter seine militärische Stellung aufgegeben, an der er mit Liebe hing, wie selten einer; nicht um der Luft an Herrschaft und Blutvergießen willen, aber um der Freude willen, die dieser klaren kernigen Mannesnatur der Dienst mit seinen Anforderungen, Strapazen und seiner Entwicklung schlagfertiger Energie bedeutete.

So sitzt die Versammlung wohl zwei Stunden beisammen. Ruhig und peinlich schweigsam. Bis endlich einer der Anarchisten [35] die Estrade ersteigt, um nach kurzer Auseinandersetzung mit dem überwachenden Polizisten der Menge in wenigen Worten mitzuteilen, daß der Einberufer verhaftet ist und daß die Versammlung deshalb nicht tagen dürfe. Dann tritt er zurück. Und ohne einen Laut des Mißfallens, niedergeschlagen, wortlos erheben sich die Tausende, und langsam, Schritt für Schritt, ohne Drängen, verlassen sie den Saal über die breite Treppe, die zur Straße führt.

Dichter noch steht hier das Polizeispalier. Lautlos schiebt sich die Menge hindurch. So wogt es zum Känigstor. Eine geschlossene Kette von Polizisten ist hier aufgestellt. Sie hat wohl die Instruktion, die Menge zu verteilen. Diese aber weiß nichts davon, begreift es nicht. Die Vordersten werden aufgehalten, in eine bestimmte Richtung gewiesen. Allein wer vermöchte in dem Drängen der von hinten heranrückenden Masse der Weisung zu folgen. So schiebt es sich schwer über den Platz.

Plötzlich ist das Bild verändert.

Kommandorufe erschallen. In die Polizei kommt Bewegung. Mit ihren Pferden bricht sie in die Menge. Blanke Säbel blitzen in der Luft, Zivilbeamte mit Gummischläuchen werden bemerkbar, und im Nu bedeckt ein wildes Getümmel den Platz. Schläge und Geschrei. Die Menge, hilflos, ratlos, drängt sich nach allen Seiten, verfolgt und mit Waffengewalt zerstreut. Einige Minuten später spielen sich in den angrenzenden Straßen die letzten Szenen des Schauspiels ab. Vereinzelte, die sich vor dem Getümmel in die Häuser felüchtet, werden herausgeholt und von berittenen Schutzleuten verjagt.

* * *

Die Anarchisten aber, denen die Polizei die Inszenierung einer Revolte zugetraut, von deren Bewaffnung gemunkelt wurde, waren nicht in die Versammlung gelangt und saßen, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, in einem Lokal dicht am Schauplatz des Getümmels, von dem in jeder geschilderten Unterredung des Scheinvigilanten mit dem Polizeikommissar gedroht worden war, daß es mit Blut und Leichen enden werde.

War nun auch dieses letztere nicht eingetroffen, so veranlaßten die geschilderten Vorgänge doch sowohl die sozialdemokratische wie auch die freisinnige Presse zu einer scharfen Kritik des polizeilichen Vorgehens. Die Folge davon war ein umfangreicher Prozeß, der unter der Leitung des später im Irrenhause verstorbenen Landgerichtsdirektors Brausewetter tagte und in dem der Staatsanwalt Bendix die Bestrafung der Preßsünder durchsetzte, obgleich die Zeugenaussagen, vor allen die klaren, konkreten Aussagen M. von Egidys, die Ereignisse, wie sie sich ohne Verschulden der Einberufer wie der Arbeitsloen abgespielt, anschaulich darlegten.

Der Einberufer der Versammlung wurde gleichfalls unter Anklage gestellt. Ihm wurde vorgeworfen, mit seinem Aufruf zum Besuch der Versammlung gegen den § 130 (Aufreizung zu Gewalttätigkeiten) verstoßen zu haben. –

Berlin hat eine ähnliche Versammlung nie wieder gesehen. Ein von einigen Anarchisten wenige Tage später unternommener Versuch, eine Arbeitslosenversammlung zum 27. Januar (dem Geburtstag des deutschen Kaisers) im Saale des Feenpalast, eine Minute vom Königl. Schloß entfernt, abzuhalten, scheiterte an dem Bedenken des Saalbesitzers, der seinen schon zugesagten Saal noch vor Ankündigung der Versammlung verweigerte.

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2-G50-A6-1892 -------------------- D: -------------------- Polizeieinsatz gegen Arbeiter, 1892 Geschichte: Arbeiterbewegung. - Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin (Naehe Denk- mal Friedrichs II.) am 25.2.1892. - Zeitgen. Holzstich.

Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin in der Nähe des Denkmals für Friedrichs II. am 25.2.1892. (Zeitgenössischer Holzstich)

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In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Januar 1894 – Abendausgabe lesen wir unter „Aus Berlin.“:

„lb. Eine für heute Vormittag auf 10 ½ Uhr durch den unabhängigen Sozialisten Metallarbeiter Rodrian nach der Brauerei Friedrichshain einberufenen Versammlung von Arbeitslosen konnte nicht stattfinden, weil, wie Metallarbeiter Litsin den Versammelten mittheilte, der Einberufer verhaftet und die polizeiliche Genehmigung deshalb nicht zur Stelle war. Der Andrang zu der Versammlung war sehr bedeutend. Schon um 10 Uhr wurde das etwa 2000 Personen fassende Lokal als gefüllt polizeilich geschlossen. Die zahlreich aufgebotene Schutzmannschaft – die 500 an diesem Tage dienstfreien Schutzleute waren einberufen – verhinderte schon an den Zugangsstraßen zum Friedrichshain, am Königsthor u.s.w. jede Ansammlung.“ (Seite 2 unten)

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Und die anarchistische Wochenzeitung Der Sozialist – Organ aller Revolutionäre. (Redakteure/Herausgaber u.a. Gustav Landauer und Albert Weidner) schreibt am Sonnabend, den 27. Januar 1894, Nr. 4 / 4. Jahrgang (verantwortlicher Redakteur: Oskar Adam, Berlin) u.a. folgendes:

„Schon zu früher Stunde sah man Schutzleute zu Fuß und zu Pferde truppweise nach einer dem Königsschlosse entgegengesetzten Richtung die Straße ziehen. Weiter dem Osten zu waren dem Auge kleine Gruppen von Arbeitern bemerkbar, die schweigend ihres Weges gingen, ebenfalls der Richtung nach dem Königsthor zu.

Das Verhalten der Polizei in der Morgenstunde von 9 bis 10 Uhr, also als die Gefahr einer Demonstration noch nicht vorlag, ist ganz und gar nicht zu erklären. Schon um diese Zeit wurde am Königsthor und in der Greifswalderstraße blank gezogen und Passanten belästigt. – Vor den Rinnsteinen der Straße standen Mann an Mann geheime Polizisten und Schufte von Achtgroschen-Jungen, die für diesen Tag ein Extraschnapsgeld bezogen haben mochten, Spalier. Unter die Arbeiter mischten sich verrätherische Schufte, agents provocateurs in künstlich zerlumpten Kleidern, und suchten bereits am frühen Morgen die Arbeitslosen zu provozieren und traktirten auf ein gegebenes Zeichen, oder auch selbständig, ohne mit ihren Provokationen Erfolg gehabt zu haben, die Arbeitslosen und andere unbetheiligte Passanten mit ihren Knüppeln, Gummischläuchen und Ochsenziemern. Ich sah, wie eine alte Frau, die über den Fahrdamm ging, von hinten mit einen Säbel angegriffen wurde und wie dann eine Bestie mit ihrer Waffe der Frau den Topf mit Milch aus der Hand schlug, daß Milch und Scherben auseinanderstoben und die Frau von der Wucht der Schläge hinstürzte. Einem Barbier, der ahnungslos in seiner Ladenthür stand, schlug ein Polizeiagent mit seinem Ochsenziemer mitten in’s Gesicht. Doch das Alles war Kinderspiel gegen die Metzeleien und rohen Gewaltthaten der darauf folgenden Stunden.

In der Versammlung, in der Dr. Gumplowicz über „das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ referiren sollte, bestieg gegen 11 ¼ Uhr Genosse Litsin die Rednertribüne und theilte der Versammlung mit, daß der Einberufer, Metallarbeiter Rodrian, in dessen Besitz sich die polizeiliche Genehmigung der Versammlung befinde, plötzlich verhaftet worden sei und die Versammlung, da eine polizeiliche Anmeldung derselben einen anderen Genossen nicht zugegangen sei, daher nicht stattfinden könne, (in Wirklichkeit war der mit der Anmeldung erschienene Freund Rodrian’s nicht zur Versammlung zugelassen worden). Litsin mahnte zur Ruhe und warnte davor, sich von Unbekannten zu unbesonnenen Handlungen hinreißen zu lassen. Der Umstand, daß man Rodrian in frechster Weise belästigte, war allein schon provozirend, aber jedenfalls mußte es provozirend wirken, daß man angesichts der versammelten Menge, die gekommen war, sich über ihr Elend auszusprechen, den durch den Besitz der Versammlungsgenehmigung als Einberufer qualifizirten Arbeitslosen den Einlaß verweigerte. Nichtsdestoweniger war die versammelte Menge friedlich gestimmt, wie es den Deutschen mit ihrer Eselsgeduld geziemt.“ Danach zitiert das Blatt den Bericht des Vorwärts.

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Dem Gummischlauchprozeß am 5. Mai folgte am 8. Mai 1894 – der Massenpresseprozeß unter dem Rubrum «Adam und Genossen»

Im sogenannten Massen-Preßprozeß werden gegen neun Zeitungsredakteure mehrmonatige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Die Angeklagten hatten behauptet, Krimalbeamte und Politische Polizei in Zivil hätten im Januar nach der Arbeitslosen-Kundgebung am 18. Januar 1894 Demonstranten mit Gummischläuchen geschlagen.

Den Vorsitz der zweiten Strafkammer des Landgerichts I hatte Landgerichtsdirektor Brausewetter, die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Benedix. Es sind ca. 40 Zeugen geladen, darunter Polizeihauptmann Feist, vier Polizeilieutenants, mehrere Schutzleute und Kriminalbeamte, Oberstlieutenant v. Egidy, mehrere Zeitungsberichterstatter u.s.w. [Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Vorab einige Bonmots aus dem Prozeß, entnommen ddem Prozeßbericht der Volks-Zeitung vom 9. April 1894 (Abendausgabe):

  • „Der Verteidiger will sich ferner vergewissern, daß es gerichtsnotorisch sei, daß über die Existenz von Polizeispitzeln eine Legendenbildung im Volke bestehe, die von den Sozialdemokraten weidlich ausgebeutet wird. – Präs.: Das kann ich sofort beantworten: Ich gehöre auch zum Volke und weiß von Lockspitzeln nichts. – Rechtsanwalt Mosse beantragt dann die Verlesung der Akten in dem Prozesse Christensen in Bern. Ein Berliner Gericht hat damals festgestellt, daß ein Polizeibeamter Ihring-Mahlow[1] als agent provocateur zu Dynamitverbrechen etc. aufgefordert habe. Das Posener Gericht ist in gleicher Angelegenheit anderer meinung gewesen. Daraus schon wird sich ergeben, daß eine Legendenbildung in Sachen Lockspitzeltums besteht. – Der Vorsitzende will von einem solchen Antrage nichts wissen. Der Staatsanwalt bittet, den Antrag abzulehnen. Hier handle es sich einfach um die Frage, ob das Polizeipräsidium den Beamten den Befehl erteilt hat, unter fingirtem Vorwande auf die Menge loszuschlagen, d.h. durch agents provocateurs Unruhen zu provoziren. Er habe durch den Kommissarius Boesel und den Hauptmann Feist das gegenteil strikte erwiesen. – Die beiden Letztgenannten bestätigen dies, namentlich erklärt Hauptmann Feist, daß er nur den Auftrag erhalten habe, unter allen Umständen für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Er habe sich lange Zeit sehr ruhig verhalten und den Beamten der Befehl erteilt, sehr ruhig und zurückhaltend vorzugehen. Er sei aber dann doch gezwungen gewesen, energische Maßregeln zu ergreifen. Dadurch sei es möglich gewesen, in ganz kurzer Zeit den Platz wieder so herzurichten, wie er vorher war. – Rechtsanwalt Mosse: Der Angeklagte Grüttsien hat direkrt die Frage aufgeworfen, ob die Ihring-Mahlow’s noch existiren und das Polizeipräsidium hätte doch eine Aufklärung geben sollen. – Präs.: Wem denn? – Rechtsanwalt Mosse: Der Öffentlichkeit. – Präs.: Ach was, die Öffentlichkeit existirt nicht! – Rechtsanwalt Mosse: Gott sei Dank, daß sie doch existirt! – Präs.: Solche Dinge wie Lockspitzel, agents provocateurs etc. existiren doch nur in der Einbildung sehr konfuser Köpfe. – R.-A. Mosse: Dann müssten also die betr. Berliner Richter sehr unvernünftige Menschen gewesen sein. – Präs.: Wir sind hier auch ein Berliner Gericht! Wenn wir anderer Meinung sind, dann existirt jener Gerichtsspruch für uns nicht. Es ist doch ein reiner Unsinn, von Lockspitzeln und dergl. zu reden. Die Polizei braucht Leute, die ihr Nachrichten zubringen, zur Sicherheit des Publikums und zur Information! – Der Antrag des Verteidigers wird hierauf abgelehnt.“ Hintergrund ist, dass der Rechtsanwalt Mosse behauptet und beweisen will, „daß Lorenz den Brandt im Auftrage des Röber als Polizeispitzel für anarchistische Dinge angestellt hat, daß Brandt dafür 95 Mark erhalten und das Geld zum Druck der Einladungen zu jeneer Versammlung verwendet hat. Es ergebe sich daraus, daß die Kriminalpolizei durch Beschäftigung solcher unzuverlässiger Leute wider ihrem Willen anarchistischen Bestrebungen Verschub leiste.“ Der Staatsanwalt Dr. Bendix stellt darauf ebenfalls Beweisantrag, um das „direkte Gegenteil zu erweisen und diese Unterstellung als unrichtig hinzustellen.“
  • „Der Berichterstatter der ‚Deutschen Warte’, Journalist Joël, hat an Ort und Stelle gesehen, daß plötzlich aus den Häusern Männer herausschwirrten und mit Gummischläuchen auf die Menge losschlugen.“
  • „Auf Antrag des Staatsanwalts Dr. Benedix werden sodann Artikel des ‚Vorwärts’ und des ‚Sozialist’ vom Jahre 1892 über das Thema der damaligen Februar-Excesse verlesen. Der ‚Vorwärts’ hatte die Excedenten als Vertreter der ‚Ballonmützen’[2] und Wachtparade-Radaubrüder bezeichnet, und der ‚Sozialist’ hatte ihn darob arg abgekanzelt.“
  • „Bei der Frage der Erledigung des Antrages des Rechtsanwalts Mosse fällt von diesem wieder das Wort „Lockspitzel“, gegen welches sich der Vorsitzende wieder wendet. Er meint, das Wort „Lockspitzel“ sei in der besseren Gesellschaft den meisten unbekannt. Das sei nur gebräuchlich in der anarchistischen und sozialistischen Presse. – Rechtsanwalt Mosse überreicht ein Zeitungsblatt, in welchem das ganz gebräuchliche Wort auch vorkomme. – Präs.: Das ist wohl auch ein anarchistisches Blatt. – Rechtsanwalt Mosse: O nein, es ist die ‚Norddeutsche Allegemeine Zeitung’![3] (Heiterkeit) – Der Präsident rügt es weiter, daß es jetzt Mode werde, immer 24 Stunden vor Beginn einer Verhandlung mit ellenlangen Beweisanträgen zu kommen. – R.-A. Mosse verweist darauf, daß es ihm trotz vieler Mühen nicht geglückt sei, Einsicht in die Akten zu erhalten und daß hier die Anklage gegen so viele Personen auf einmal erhoben wird, gegen die auch getrennt hätte verhandelt werden können. – Staatsanwalt Dr. Bendix: Das geht den Verteidiger garnichts an, wie die Anklage erhoben wird.“

Das Urteil vom 9. Mai 1894 (auszugsweise aus der Berliner Volks-Zeitung vom 10. April 1894, Morgenblatt):

„Die Versammlung war von einem als Anarchisten bekannter Mann einberufen und zwar auf Grund einer sehr aufreizenden gedruckten Einladung. Zum Schutze des Publikums und zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der Ruhe war ein kleines Aufgebot von Polizeioffizieren und Schutzleuten angerückt. Die Polizeibeamten haben zuerst von den Waffen nicht Gebrauch gemacht, unter der Menschenmenge, die mit der Polizei in Konflikt kam, befanden sich viele jugendliche Leute, die in Berlin hauptsächlich die Radaubrüder bilden. Diese vielen Personen im Zaume zu halten, war, wenn man sich der Februarereignisse des Jahres 1892 erinnert, ein wichtiges und schweiriges Werk, dessen Misslingen äußerst gefährlich werden konnte. Die Polizeibeamten haben nach Ansicht des Gerichts ihre volle Pflicht und Schuldigkeit getan, wenn sie die Bildung von Ansammlungen zu verhindern suchten und event. Die Menschenmassen zwangen, auseinanderzugehen. Demgemäß hat die Polizei operirt. Der Polizei-Hauptmann Feist hat unter seinem Eide bekundet, daß er wohl hundert Mal zum Auseinandergehen aufgefordert hat und daß erst, als der Polizei aktiver und passiver Widerstand geleistet wurde, zu energischen Maßregeln gegriffen werden musste. Der Polizeisergeant Arndt hat eidlich bekundet, daß seinen Mannschaften ein ganzer Haufe entgegengekommen war und er deshalb blank ziehen musste. Der Polizeihauptmann Feist hat auch ausdrücklich bekundet, daß die Mannschaften zur größten Zurückhaltung instruirt waren. Erst dann, als die Aufforderungen vergeblich waren, wurde das Kommando zum Blankziehen gegeben. Der Widerstand der Bevölkerung musste gebrochen werden. Unter diesen Umständen lag für die Presse kein Anlass vor zu gehässigen Angriffen gegen die Polizei. Was hätte wohl daraus werden sollen, wenn die Auftritte vom Jahre 1892 sich wiederholt hätten? Auch der Vorwurf, daß einzelne Personen, die sich in die Häuser geflüchtet hatten, von den Beamten wieder herausgeholt wurden, ist nicht berechtigt. Die Polizei musste diese Leute holen, damit dieselben nicht hinter dem Rücken der Polizei sich wieder zusammentaten und Trupps bildeten. Der Gerichtshof erachtet auch für erwiesen, daß einige Personen, welche zufällig in die Menge geraten waren, unter den polizeilichen Maßnahmen haben leiden müssen und daß sogar Frauen in arger Weise in Bedrängnis gerieten. Aber dergleichen kommt bei dergleichen Tumulten immer vor und kann der Polizei nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Hauptschuldigen und Anstifter wissen sich immer zu decken, die Verführten und zufällig hinein Geratenen müssen leiden. Jeder hat das Recht, darüber zu berichten und kann auch in Erwägung ziehen, ob es praktisch ist, Beamte in Zivil mit Gummischläuchen auszustatten, aber dies muss in einer Form geschehen, die in den zulässigen Grenzen bleibt und nicht beleidigt.“ [Originalschreibweise nicht verändert]

Zu den Verurteilten gehört auch Dr. Gustav Keßler (Volkszeitung), später Mitbegründer der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften: „Auch aus den Artikel des Angeklagten Keßler springt die Absicht der Beleidigung in die Augen. Er hätte sich bei der Übernahme dieses Artikels aus dem ‚Vorwärts’ sagen müssen, daß derselbe auf Wahrheit nicht beruhen kann. Mit Rücksicht auf seine Vorstrafen ist der Angeklagte zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden.“. Der anarchistische Genosse Oskar Adam (Sozialist) ist flüchtig. Schmidt hat 5 Monate Gefängnis bekommen (‚Vorwärts’), „wegen dreier beleidigender Artikel“.

Die Angeklagten Redakteure waren: 1. Oscar Adam (‚Sozialist’), 2. Max Zachau (‚Vorwärts’), 3. Gustav Keßler (‚Volksblatt’), 4. Franz Wißberger (‚Berliner Zeitung’), 5. Siegmund Perl und 6. Ernst Grüttesien (beide ‚Berliner Tagebblatt’), 7. Friedrich Harnisch (‚Die Lichtstrahlen’), 8. Wilhelm Schütte (‚Allg. Fahrzeitung’), 9. Schmidt (‚Vorwärts’).
[Quelle: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Wann und ob der Genosse Oskar Adam gefasst oder nach Deutschland zurückgekehrt ist und ob er abgeurteilt wurde, haben wir bisher nicht ausfindig machen können.

(Abtipperei: FM)

Fußnoten:

[1]  Ihring-Mahlow, agent provocateur der Berliner Politischen Polizei, der sich als Schutzmann Ihring als „Techniker Mahlow“ in die Berliner Sozialdemokratie eingeschlichen hatte. Er schwelgte in Majestätsbeleidigungen, vertrieb anarchistische Schriften und wirkte für die „Propaganda der Tat“.

[2]  Ballonmütze, auch Schiebermütze, abfällig für Arbeitermütze und die von Berliner Kleinganoven

[3]  ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung’, das Sprachrohr und Magenblatt des Eisernen Kanzlers, Otto Fürst von Bismarck, Reichskanzler …

Kleiner Nachtrag:
• Kurze Zeit später verfiel der Gerichtspräsident Brausewetter dem Wahnsinn unheilbar anheim; ebenso endete der Staatsanwalt Benedix in einer Irrenanstalt in Breslau.

...Karikatur eines „Anarchisten“ in der schweizer Satire-Zeitschrift Nebelspalter 1895
– Zeichnung von Fritz Broscovitz (mit freundlicher Genehmigung des ‚Nebelspalter‘)

Netter Nachtrag:

„In Zukunft werden wir den Arbeitern raten müssen,
sich mit Revolvern zu bewaffnen, sie haben doch nicht nötig,
sich von der Polizei überfallen zu lassen.“

Berliner Volks-Zeitung, 24. Januar 1894 – Beiblatt –
Notstandsdebatte – Hier Disput zwischen Karl Heinrich von Boetticher
(Stellvertreter des Reichskanzlers) und dem rechten SPD-Abgeordneten Paul Singer

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Zur Infiltration der anarchistischen und sozialdemokratischen Bewegungen siehe die beiden Beiträge von Albert Weidner in Aus den TiefenDie unsichtbaren Fäden der Polizei und Eine mißglückte Spitzelwerbung (hier wird der Polizeikommissar Boesel enttarnt, siehe Foto).

spohr-landauer-weidner-1898Drei Männer mit Bärten bei der Aufdeckung der Spitzelaffäre Machner um den Polizeikommissar Boesel in Berlin:
Landauer übersandte Boesel das Foto mit der handschriftlichen Widmung: „Herrn Kriminalkommissarius Boesel zur freundlichen Erinnerung an den schönen Abend in der Gewerbe-Ausstellung, 1. Oktober 1896, Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Albert Weidner“ (von links).

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A l b e r t   W e i d n e r

alfred-weidneralbert-weidner-unterschriftAlbert Wilhelm Weidner (24.2.1871-1.2.1946), in Berlin geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater fiel im Deutsch-Französischen Krieg 1871. Er erlernte den Beruf eines Schriftsetzers, arbeitete aber auch als Buchdrucker.

Politisch bekannte sich Albert Weidner seit ca. 1891 zu den Unabhängigen Sozialisten. Er strebte aber bald zum Anarchismus und geriet seit 1895/96 deshalb unter strenge Polizeikontrolle. Er wurde Vorsitzender der Freien anarchistisch-sozialistischen Vereinigung und übernahm um 1896 die Redaktion der Zeitung der Unabhängigen, Der Sozialist. Aus dieser Zeitung wurde dann das ‚Organ für Anarchisrnus und Sozialismus‘, das er zusammen mit Gustav Landauer und Wilhelm Spohr leitete. Ab 1896 war er gleichzeitig verantwortlich für das anarchistische Agitations- und Arbeiterblatt Der arme Konrad.

1899 erschien die letzte Ausgabe des Sozialist; Weidner musste die Herausgabe einstellen – 2.000 Mark Schulden beim Drucker und nur noch 4-500 Abonnenten waren der Grund.

Als Mitglieder des Friedrichshagener Dichterkreis (dies war eine lose Vereinigung von Schriftstellern, die seit 1888/89 zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille in Friedrichshagen am Müggelsee – heute im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick – zusammenkamen) sind als bekannte Anarchisten John Henry Mackay und Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Max Baginski, Hermann Teistler sowie Bernhard und Paul Kampffmeyer, der sozialistische Politiker Georg Ledebour, eben auch Albert Weidner zu nennen. Angesichts dieser Breite unterschiedlicher Milieus und ihrer politischen und literarischen Wortführer der gesellschaftlichen Opposition, charakterisierte Bruno Wille, sie als „literarisches Zigeunertum und sozialistische wie anarchistische Ideen, keckes Streben nach vorurteilsloser eigenfreier Lebensweise, Kameradschaft zwischen Kopfarbeitern und begabten Handarbeitern, aber auch geistvollen Vertretern des Reichtums“. (1)

Weidner schreibt nebenher im Jahre 1898 auch in der rechten SPD-Theorie-Zeitschrift Sozialistische Montshefte Artikel über den Anarchismus, so wie Spohr und Landauer und andere linksradikale intellektuelle Genossen ebenfalls.

Seit dem 4. Mai 1902 gab Weidner die Zeitung Der arme Teufel heraus. Für ein Jahr arbeitete auch Erich Mühsam als Redakteur für das Blatt. Den Satz machte Weidner in seiner Wohnung selbst. Um den Drucker vor Polizeimaßnahmen zu schützen meldete er eine Druckerei an. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten erschien der Arme Teufel unregelmäßig und wurde 1905 eingestellt.

Erich Mühsam erinnert sich an die Zeit: „Ich kam nach Friedrichshagen als Mitbegründer, Mitarbeiter und verantwortlicher Redakteur der Wochenschrift Der arme Teufel, als dessen Herausgeber Albert Weidner zeichnete. Weidner war von Hause aus Setzer, die Zeitschrift wurde dadurch materialisiert daß er sich auf Abzahlung den erforderlichen Schriftsatz kaufte; seine Artikel flössen stets ohne Manuskript aus dem Kopf in den Setzkasten, währenddem ich dabeisaß und mir bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre das aktuell-satirische Gedicht abquälte, das unter dem Pseudonym »Nolo« jede Nummer beleben mußte, oder technische Redaktionsarbeiten erledigte.“ (2)

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung erscheint dann 1905 in den Berliner Großstadt-Dokumenten. Zu dieser Zeit ist er – seit 1904 – auch Redakteur des Organs Der freie Arbeiter in Berlin. Diese Wochenzeitung der Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) ist die Fortsetzung der Konkurrenzgründung Neues Leben, deretwegen seinerzeit angeblich der landauersche Sozialist einging (es waren finanzielle Gründe!). Mit Weidners Übernahme der Redaktion – er hat sich die Namensänderung wohl als Forderung ausbedungen gehabt – erscheinen auch vermehrt literarische Artikel und Übersetzungen in der Wochenzeitung. Er bleibt trotz heftiger Querelen wegen seines Stiles, der den radikaleren Elemente als zu gemäßigt daherkam, und die im Jahre 1904 bereits sein Ausscheiden erwarteten, und dieser Mißachtung und schlechten Behandlung durch einen Teil der Genossen bis zur Mainummer 1906 als verantwortlicher Redakteur im Amt. Allein zwischen der Nr. 1 (1904) und der Nr. 31 (1914) wurden 86 Verbote gegen das Blatt erlassen. Ab der Nr. 31 (1. August 1914) wurde die Zeitschrift polizeilich verboten sowie Geldzuweisungen und Briefe von der Post gesperrt.

Bisher ist nichts mehr auffindbar zu dem Hinweis bei Volker Linse, dass Albert Weidner im Jahre 1907 eine neue eigene Zeitung namens Die Unabhängigen editiert haben soll.

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Weidner ging auf Reisen nach Süddeutschland und Holland, wo er für den Anarchismus agitierte. In den folgenden Jahren wandte er sich immer mehr vom Anarchismus ab. Er legte seine Tätigkeit als Redakteur nieder und wurde sogar 1913 aus der „Anarchistenliste“ der Berliner Polizei gestrichen. Nebenbei hatte Weidner bereits bei der vom liberalen Hellmuth von Gerlach herausgegebenen Wochenzeitung Welt am Montag : Unabhängige Zeitung für Politik und Kultur mitgearbeitet, an der auch Erich Mühsam regelmässiger Mitarbeiter war. Beide wurden dafür in der anarchistischen Bewegung kritisiert, weil sie dort für Geld arbeiteten.

Ob Albert Weidner als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen wurde, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Sein Engagement bei der WaM umschrieb er 1920 so: „Vielmehr wollte sie eine Lücke im Berliner Zeitungswesen ausfüllen: es fehlte an einem Blatte, das über Partei- und sonstige Gruppeninteressen stand, das infolgedessen, vorurteilslos und rücksichtslos der Wahrheit dienend, Schäden und Schädlinge geißeln konnte, wo immer sie sich zeigten.“ (3)

1930 schreibt er noch in Ossietzkys Weltbühne einen Nachruf auf Gustav Landauer.

Die Familie Weidner, die aus zehn Personen bestand, war auf Grund ihrer elenden finanziellen Verhältnisse gezwungen bis zum Jahr 1913 zehnmal umzuziehen.

Anfang Februar 1932 beantwortete er noch Fragen von Max Nettlau zur Geschichte des Sozialist. Darin schreibt er u.a.: Nachdem Landauer und Spohr im August 1895 aus dem Gefängnis entlassen waren, betrieb „Landauer jetzt besonders die Propaganda der Arbeiter-Konsum-Genossenschaft als Waffe proletarischer Selbsthilfe. (…) Im Sozialist begann nun eine gründliche Debatte über die sozialistischen Theorien. Sie dehnte sich im Raum des Blattes schließlich so stark aus, dass im Kreise der Genossen sich Widerstand dagegen regte, das das Blatt durch Überlastung mit theoretischen Abhandlungen dem Propagandazwecke zu stark zu entziehen. Die Verärgerung bei einer Anzahl Gruppen wurde zu einem noch schlimmeren inneren Kampf. Schließlich konnten die drei Herausgeber des Sozialist sich nicht der Einsicht verschliessen, dass jene Kritik nicht ganz unzutreffend war. Deshalb entschlossen sie sich, neben dem Sozialist noch ein kleineres, ganz populäres, mehr aktuelles Wochenblatt zu schaffen, so erschien im August 1896 neben dem Sozialist neu Der arme Konrad, herausgegeb, redigiert und zum Teil gesetzt von Weidner.“ (4)

Als fest angestellter Redakteur arbeitete Weidner bis zum 6. März 1933 bei der Welt am Montag, mit dieser 10. Ausgabe des 39. Jahrgangs wurde das Erscheinen durch die Nationalsozialisten verboten. Es ist der Tag nach dem überwältigenden Wahlsieg der NSDAP bei den „letzten freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933“ …

Aber, – „Albert Weidner blieb seiner Gesinnung treu, für die ‚Hakenkreuzblätter‘ schrieb er keine Zeile mehr. Von 1935 bis 1945 lebte er zurückgezogen von der Tätigkeit als Lektor des Ullstein-Verlages, später Deutschen Verlages, für Unterhaltungsromane.“ (5)

Hierbei wird leider nicht erwähnt, dass nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 das Familieunternehmen Ullstein 1934 „arisiert“ wurde. Der Verlag wurde 1937 in Deutscher Verlag umbenannt und dem Zentralverlag der NSDAP (Franz Eher Nachfolger GmbH) angegliedert. Die politisch-inhaltliche Ausrichtung – auch der Unterhaltungsromane, die Weidner lektorierte! – wurde durch die Übernahme im Sinne des NS-Regimes verändert. Wie Weidner das ertragen oder mitmachen konnte, ist zumindest fragwürdig.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Weidner 1925 ein zweites mal und siedelte nach Charlottenburg über. Hier wurde er 1943 ausgebombt und kehrte nach Friedrichshagen zurück.

Nach Kriegsende erhielt er 1945 vom Friedrichshagener Kultur- und Volksbildungsamt den Auftrag, die Volksbücherei ‚vom Nazigift zu reinigen‘. Im September trat er der SPD bei, veröffentlichte Artikel in dem Parteiorgan Das Volk und hielt Vorträge in der Volkshochschule Friedrichshagen.“ (6)

Von Mai 1945 bis November 1946 wohnte er bei Verwandten in der Bruno-Wille-Str. 75, wo er auch im 75. Lebensjahr am 1. Februar 1946 an einem Hungerödem verstarb. (7)

Albert Weidner lebte also in östlichen Ostberlin in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die Gründung der DDR 1949 erlebte er nicht mehr, ebenso erspart geblieben ist ihm die Vereinigung von SPD und KPD am 21./22. April 1946 zur SED und damit zur Staatspartei des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates“ auf deutschem Boden.

Albert Weidner ist eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Figur im kaiserlich-wilhelminischen Anarchismus Berlins. Seine vielfältigen Fähigkeiten als Setzer, Redakteur und Autor spiegeln seine pazifistisch-liberales verständnis eines friedfertigen Anarchismus wider, den es in Literaten- und Bohéme-Kreisen seiner Zeit mannigfaltig gab, diese intellektuell-idealistische Sichtweise – geprägt durch Landauers geradezu gottesfürchtigem Sozialismus-Anarchismus-Begriff – führte zu den Konflikten in und mit der mehrheitlich klassenkämpferisch eingestellten anarchistischen Arbeiterbewegung Berlins.

Weidners Beschreibungen der Verhältnisse zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 sind so tiefschürfend interessant und amüsant zugleich, dass wir uns entschlossen haben, sein ‚Hauptwerk‘ nachzudrucken. Es ist schon deshalb erhellend, weil er versucht, einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Publikum – die Großstadt-Dokumente erreichten recht hohe Auflagen – eine Sicht auf den Anarchismus zu verschaffen, der selbst heute noch bürgerlichen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, ob ihrer verdrehten Gewaltphantasien.

Folkert Mohrhof

 

(1) Bruno Wille – Aus Traum und Kampf. Mein 60jähriges Leben. (Berlin 1920, S. 507)
(2) Erich Mühsam – Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen, Leipzig 1949 (erschienen zuerst 1927-1929 in der Vossischen Zeitung)
(3) Albert Weidner: „25 Jahre Welt am Montag“, in: Welt am Montag, 26. Jg., 13.12.1920
4) Brief von Albert Weidner an Max Nettlau vom 2. Februar 1932 (Quelle: IISG)
5) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. Von Friedrichshagen nach Woltersdorf. Briefe an Albert Weidner 1903-1939 (Berlin 1998)
6) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. (1998)
7) Albert Weidner ist in Berlin auf dem Friedhof Christophorus-Friedhof, Feld B beerdigt und hat dort einen Ehrenplatz auf der Gedächtnisstätte gefunden. (http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=1201)