Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Monatsarchive: November 2018

Replik – Gegendarstellung von Doris Ensinger gegen V. Bianchi

Replik

In dem in „Arbeit.Bewegung.Geschichte – Zeitschrift für historische Studien“ (2018/1) veröffentlichten Artikel von Vera Bianchi mit dem Titel „Feminismus in proletarischer Praxis: Der ‚Syndikalistische Frauenbund‘ (1920 bis 1933) und die ‚Mujeres Libres‘ (1936 bis 1939)“ werde ich namentlich mit folgender Aussage erwähnt: „Bis heute gibt es HistorikerInnen, die die Existenz von Sexismus in der anarchistischen Bewegung in der Zwischenkriegszeit negieren. So spricht Doris Ensinger den Mujeres Libres jede Existenzberechtigung ab, da es in der CNT weder Sexismus noch Paternalismus gegeben habe, obwohl Mary Nash und Martha A. Ackelsberg deren Vorhandensein ausdrücklich belegen.“

Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich zu keinem Zeitpunkt die Existenzberechtigung der Mujeres Libres infragegestellt habe. Ebenso wenig bezweifle ich die Forschungsergebnisse anerkannter feministischer Autorinnen und habe auch nie paternalistisches oder machistisches Verhalten in der anarchosyndikalistischen Bewegung bestritten. Allerdings erlaube ich mir, Aussagen zu kritisieren, die nicht der historischen Wahrheit entsprechen. Bianchis Aussage ist völlig absurd und eine Verdrehung dessen, was ich tatsächlich sagte, eine infame Lüge.

Ich lebe seit 1977 in Barcelona, wo ich durch meine politischen Aktivitäten sowie über zahllose CNT-Aktivisten der älteren wie der jüngeren Generation Kenntnisse über Bürgerkrieg und Anarchismus erwarb. Selbstverständlich gab es Macho-Verhalten bei manch einem Genossen, das auch ich zu spüren bekam, die Organisation pauschal als sexistisch zu charakterisieren ist jedoch falsch und zudem unwissenschaftlich. Die Mujeres Libres blieben mir natürlich nicht fremd. Über ihr Wirken erfuhr ich durch das 1973/74 entstandene Buch „Mujeres Libres“ von Mary Nash sowie über Veranstaltungen zu dieser anarchistischen Frauengruppe. Zu Beginn der 1980er Jahre lernte ich u.a. Pepita Carpena kennen, die immer wieder zu einem Kongress oder zu sonstigen Veranstaltungen der CNT nach Barcelona kam. Die mir unterstellte Aussage, ich würde diesen Frauen die Existenzberechtigung absprechen, entbehrt folglich jeder Grundlage.

Wie kommt die Autorin des genannten Artikels zu einer solchen Behauptung?

Im April 2016 stellte ich mein Buch* im Rahmen der Veranstaltungsreihe „80 Jahre Soziale Revolution in Spanien“ in Hamburg vor. Bei dieser Präsentation war auch V. Bianchi anwesend und erwarb ein Exemplar meines Buches, wie mir später mitgeteilt wurde. In der Vorankündigung der Veranstaltungen wurde die Präsentation ihrer Magisterarbeit zum Thema Mujeres Libres sinngemäß mit den Worten eingeleitet: „Aufgrund des Sexismus der CNT beschlossen einige Frauen …“. Es war allein diese Formulierung, die mich neugierig auf die Veranstaltung machte. Und was ich schließlich zu hören bekam, war in vielen Punkten hanebüchen und zeugt von einer absoluten Unkenntnis der spanischen Gesellschaft und der Geschichte der CNT, ohne die die Geschichte der Mujeres Libres gar nicht erzählt werden kann. Der Vortrag bedeutete in wesentlichen Punkten eine klare Geschichtsklitterung, da Bianchi bei vielen Aspekten die Ereignisse nicht angesichts des kulturellen und sozialen Hintergrunds der damaligen Zeit analysiert und referiert, sondern immer wieder von ihrer Sichtweise und heute gängigen Vorstellungen ausgeht, was automatisch zu Entstellungen und Verfälschungen führt, worauf ich schließlich reagierte.

Was ich in Wirklichkeit in Hamburg sagte – denn das ist das einzige Mal, dass ich mich öffentlich zu diesem Thema äußerte – und was mich zu dieser Gegendarstellung gezwungen hat, da ich öffentlich diskreditiert und diffamiert werde, war Folgendes:

Mein erster Einwurf war, dass eine Organisation wie die CNT als Ganze nicht als ‚sexistisch‘ bezeichnet werden kann und dass eine Analyse Jahrzehnte zurückliegender Ereignisse nicht von heute üblichen Maßstäben und Wertvorstellungen ausgehend vorgenommen werden kann. Ebenso können heute gebräuchliche Termini nicht einfach auf Ereignisse früherer Zeiten übertragen werden, da automatisch falsche Assoziationen hervorgerufen werden. Sexismus ist ein Terminus, der Mitte der 1960er Jahre in Amerika aufkam und später ins Deutsche übernommen wurde. „Sexismo“ ist inzwischen auch in Spanien gebräuchlich, ist aber kein Synonym von „machismo“, ein Terminus, der längst in die deutsche Sprache eingegangen ist bzw. mit Machoverhalten wiedergegeben wird. „Machismo“ ist das überlegene, herablassende Verhalten der Männer gegenüber Frauen, demgegenüber bedeutet „sexismo“ im Wesentlichen die Verachtung des anderen Geschlechts (der personifizierte Sexist ist D. Trump), und das heißt, auch Frauen können sich sexistisch verhalten. Im Übrigen gab es etliche Anwesende im Publikum, die mir in diesem Punkt beipflichteten, allerdings kritisierte keiner der Genossen den männerfeindlichen und CNT diffamierenden Vortrag.

Mary Nash differenziert übrigens, indem sie von einer Mehrheit der Aktivisten spricht, die eine paternalistische Haltung an den Tag legten, es ist nie die Rede von der CNT oder der Libertären Bewegung insgesamt. Zumindest in ihren frühen Publikationen taucht der Terminus Sexismus nicht auf, weil er in Spanien ja noch gar nicht existierte. Sie verwendet Bezeichnungen wie „autoritarismus“, „prejuicios machistas“ (machistische Vorurteile), „hostilidad“ (Anfeindung), „animosidad“ (Abneigung). Die Mujeres Libres als Anarcho- oder Anarchafeministinnen zu bezeichnen, was sich inzwischen durchgesetzt hat, ist meiner Meinung nach ebenfalls falsch, da sie sich stets ausdrücklich dagegen verwehrten, als Feministinnen bezeichnet zu werden. Sie wollten sich klar von den ihrer Ansicht nach bürgerlichen Feministinnen und den Frauengruppen linker Parteien abgrenzen, die hauptsächlich, vor Ausrufung der Republik, für das Wahlrecht der Frauen gekämpft hatten und während des Bürgerkriegs für den Sieg der Antifaschisten, die im Wesentlichen von Stalin unterstützt wurden. Die Mujeres Libres waren jedoch Anarchistinnen, was ihre Texte belegen, viele von ihnen ihr Leben lang, und ihr Ziel war eine freie, gerechte Gesellschaft, die Abschaffung des Staates, letztendlich die Befreiung aller Menschen.

So schreibt das Kollektiv Paideia in dem Text La Anarquía. Mujeres libres: luchadoras libertarias, dass sich diese Frauen als libertäre Organisation mit den Bestrebungen der spanischen libertären Bewegung identifizierten und die Frauenorganisation als integralen Bestandteil dieser Bewegung betrachteten. In den Statuten der Gruppe war festgelegt: „Durch Austausch mit den Gewerkschaften, Ateneos und Juventudes eine Verzahnung schaffen, durch die unsere revolutionäre Bewegung gestärkt wird.“ Dies widerspricht eindeutig der immer wieder vorgebrachten Ausführung, die Gruppe sei wegen des sexistischen Verhaltens der CNT gegründet worden.

Einige der Aspekte, die von der Autorin von verschiedenen Publikationen kritiklos übernommen wurden bzw. völlig falsch wiedergegeben werden und die mir in Erinnerung geblieben sind, sind Folgende:

Um einen Beweis für den ‚Sexismus‘ der CNT-Aktivisten zu liefern, diskreditiert die Autorin das Verhalten der Milicianos, die die Frauen an der Front zum Waschen, Kochen, zu Lazarettarbeiten verdonnert hätten, um so auf ihre Minderwertigkeit hinzuweisen. Sie seien schmutzig gewesen und wären schließlich von der Front ins Hinterland zurückgeschickt worden. Wie kommt Bianchi zu dieser Behauptung? Ihre Quelle ist Diego Camacho / Abel Paz, der „Alpha–Macho“, der sich für den einzigen wahren Anarchisten hielt und mir 1978 wortwörtlich dasselbe erzählte. Ich habe diesen Kommentar angezweifelt und für machistisches Geschwätz gehalten. Er selbst war nie an der Front, aber man muss nicht dort gewesen zu sein um zu wissen, dass es an der Front nie und nirgends sauber zugeht. Es gibt keine Duschen, und im Spanien der 1930er Jahre gab es meist nicht einmal eine Waschgelegenheit. Wer wissen möchte, wie es an der Aragón-Front zuging, sollte George Orwells Homage to Catalonia lesen, wo er die Zustände ausführlich beschreibt. Im Sommer, bei glühender Hitze, wurde den Menschen im Schützengraben der Staub ins Gesicht geweht, sobald es regnete, wateten sie im Schlamm. Teilweise lagen sie zehn Tage bis zu einer Ablösung in den Schützengräben. Die Milicianas wurden auch nicht von den Genossen fortgeschickt, wie behauptet, sondern aufgrund des Dekrets der Volksfrontregierung über die Militarisierung, also die Aufstellung einer regulären Armee, abgezogen. Dies war die Voraussetzung dafür, dass die Anarchisten mit Waffen versorgt werden würden. Es war die erpresserische Auflage „entweder keine Frauen oder keine Waffen“. Frauen, die mit Waffen umgehen konnten, kämpften sehr wohl an der Seite der Milicianos, und trotz der genannten Verordnung blieben sie mit deren Unterstützung an der Front, wie z.B. Clara Thalmann oder La Dinamitera, manche auch bis zum Kriegsende wie Mika Etchebéhère, die zur Capitana einer POUM–Brigade ernannt wurde. Die Milicianas wurden vor allem von den Kommunisten als Mannweiber disqualifiziert und gerne auch als Prostituierte abgestempelt. Die nach Emanzipation strebenden „freien Frauen“ waren eben vielen ein Dorn im Auge, und durch Verhöhnung oder herabsetzende Bemerkungen sollte den Frauen und der anarchistischen Bewegung insgesamt geschadet werden. Mercedes Comaposada, eine der drei Gründerinnen der Gruppe, schreibt in einem Artikel im März 1937: „Der Verband Mujeres Libres richtete in den ersten Tagen des Kampfes in allen Vierteln Barcelonas Gemeinschaftskantinen ein und organisierte die „Kolonne Mujeres Libres“, die mit Wasch- und Bügelmaschinen an der Front agieren sollte.“ Haben sich diese Frauen freiwillig zu typischer, angeblich minderwertiger Frauenarbeit erniedrigen lassen, oder ging es nicht vielmehr darum, dass angesichts der dramatischen Lage jede nach ihrem Vermögen das Kollektiv unterstützte?

Der Vortrag war meiner Meinung nach großen Teils eine Glorifizierung und Idealisierung dieser Frauen, da Bianchi ihnen immer wieder Dinge zuschreibt, die so nicht der historischen Wahrheit entsprechen, zudem unterschlägt, dass zehntausende Frauen der libertären Bewegung und eine Million CNT-Aktivisten an der Umsetzung der revolutionären Ziele mitarbeiteten. Die soziale Revolution wurde ja von der Libertären Bewegung als ganzer vorangetrieben, die Mujeres Libres waren also ein Teil davon. Viele Projekte, wie Schulen, Institute, Vortragszyklen, spezielle Kurse etc. wurden zwar von den Mujeres Libres organisiert, die Initiative ging aber oft von der republikanischen Regierung zwischen November 1936 bis Mai 1937 aus, als Federica Montseny das Gesundheitsministerium leitete und einer ihrer Staatssekretäre, der Arzt Félix Martí Ibañez, seine fortschrittlichen Ideen realisierte, wie die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Die Idee der sogenannten Liberatarios, Zentren zur Resozialisierung der ehemaligen Prostituierten, kam im Gesundheitsministerium auf. Die Evakuierung und menschenwürdige Unterbringung der Kriegswaisen oder die Verschickung der Kinder in sichere Gegenden Spaniens oder ins Ausland geht ebenfalls auf die Initiative Federica Montsenys zurück wie auch die Einrichtung von Kindergärten in den Fabriken oder in der Nähe der Handwerksbetriebe. Es schmälert das Werk der Mujeres Libres absolut nicht, wenn festgestellt wird, dass sie all diese Projekte zur Verbesserung des Lebens der Frauen und Kinder mitorganisierten und vorantrieben. Denn trotz aller Widrigkeiten aufgrund der Kriegssituation und der Anfeindung durch die nichtrevolutionären Sektoren der Gesellschaft versuchten sie diese umzusetzen. Zur geschichtlichen Wahrheit gehört es jedoch festzustellen – und das vermisse ich in den meisten Publikationen über die Mujeres Libres –, dass es oftmals bei den Projekten blieb; so existierte bei Kriegsende ein einziger Fabrikkindergarten. Dies ist keinesfalls einem eventuellen Unvermögen dieser Frauen anzulasten, sondern wie gesagt den Umständen jener Zeit. Außerdem waren die zur Verfügung stehenden Mittel begrenzt, und die vorhandenen Kräfte wurden vorrangig für die Aufrechterhaltung des täglichen Lebens eingesetzt.

Nichts erfahren wir übrigens von dem überaus interessanten Aspekt der Finanzierung der genannten Projekte wie der Kinderheime, Schulen, sonstiger Ausbildungsstätten. Bekannt ist, dass die CNT Villen in Barcelona beschlagnahmte, die dann als Schulen oder Kinderheime dienten. Die aus Madrid und der Region Centro geflüchteten Frauen und Kinder wurden von der katalanischen Regierung in Hotels einiger Küstenorte untergebracht. Zum anderen profitierten die Mujeres Libres selbstverständlich von der CNT, da einige Gewerkschaften für die Unterbringung der evakuierten Kinder sorgten und ihre Lokale für Kurse der Mujeres Libres zur Verfügung stellten. Bekannt ist auch, dass sie von der anarchosyndikalistischen Organisation für den Erhalt ihrer Zeitschrift eine Subvention erhielten. Mit welchen Mitteln wurden aber die unzähligen Projekte finanziert, von denen auch V. Bianchi sprach?

Kultur und Bildung waren für die „Mujeres Libres“ wie für die anarchistische Bewegung insgesamt von höchster Bedeutung. Dazu ist zu sagen, dass die Anarchisten bereits Ende des 19. Jahrhunderts neue pädagogische Konzepte und Unterrichtsformen entwickelten, so Francisco Ferrer i Guardia mit seiner „Escuela Moderna“, die später von Joan Puig Elias in der „Escuela Natura“ fortgeführt wurde. Er war es auch, der ab dem 1. Oktober 1936 in Katalonien als Präsident des neuen, unter dem Namen CENU bekannten Schulsystems diese pädagogischen Ideen umsetzte. Welch großartige Leistung dies war, nämlich in zwei Monaten unter Kriegsbedingungen und dem Widerstand bestimmter gesellschaftlicher Sektoren dieses neue System zu implementieren, sieht man daran, dass heutige Schulreformen Jahre benötigen und das Unterrichtswesen nicht unbedingt verbessert wird. In den von den Mujeres Libres gegründeten Ausbildungsstätten wurden die Beschlüsse des IV. Kongresses der CNT in Zaragoza im Mai 1936 im Bereich Pädagogik umgesetzt, d.h. die bereits Jahrzehnte zuvor ausgearbeiteten Konzepte. Dazu gehörte ein Programm zur Alphabetisierung, ein Hauptanliegen der Anarchisten seit Ende des 19. Jahrhunderts, dem sie sich in den Ateneos und insbesondere in den Gefängnissen gewidmet hatten. Das Verdienst der Mujeres Libres war es, dass sie die Alphabetisierung der Frauen forcierten, die bis dahin weitgehend von Bildung und Kultur ausgeschlossen gewesen waren.

Die Mujeres Libres waren keine männerfeindliche Gruppe. Ihr Ziel war es, „die Rolle der Frauen und Männer auf ein höheres kulturelles Niveau zu heben, das ihnen den gemeinsamen Kampf für den Aufbau einer gerechteren und humaneren Gesellschaft ermöglichen sollte“. Zwischen den männlichen und weiblichen Mitgliedern der Libertären Bewegung sollte sich kein Graben auftun, gefordert wurde „eine echte Übereinstimmung zwischen den Genossen und Genossinnen erreichen; zusammenleben, zusammenarbeiten und sich nicht abgrenzen; Energien in die gemeinsame Arbeit einbringen.“ Lucía Sánchez Saornil schrieb, dass Männer und Frauen komplementär sind, sich ergänzen müssen. Mary Nash stellt fest: „Die Mujeres Libres identifizierten sich mit dem revolutionären Ideal des Anarchismus und daher mit dem Bestreben, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es eine echte Gleichberechtigung hinsichtlich der Rechte und Pflichten beider Geschlechter gäbe und deren Sozialsystem auf dem libertären Kommunismus basiere.“ Lucía Sánchez spricht in diesem Kontext auch vom „integralen Humanismus“. Wie eng verbunden die Mujeres Libres mit den anarchistischen und anarchosyndikalistischen Organisationen waren, lässt sich nicht nur aus den „Statuten der Föderation Mujeres Libres“ ablesen. Lucía Sánchez schreibt in einem Text: „Diese Sektionen verdanken eine direkte Hilfe der CNT, deren Ortsverband Madrid uns eine entschlossene und effektive Förderung zuteilwerden ließ.“

Die Gründerinnen der Mujeres Libres waren also keineswegs gegen die anarchosyndikalistische Organisation eingestellt, wie das ständig angeführte Sexismus-Argument vermuten lässt. Folgende Aussage von Lucía Sánchez unterstreicht die enge Verbindung zwischen der CNT und den Frauen: „Nur Antifaschist zu sein ist sehr wenig; (…); wir setzen dieser Negation eine Affirmation entgegen, und unsere Affirmation – unsere, die der Mujeres Libres – ist in drei Buchstaben zusammengefasst, in einem dieser Anagramme, die heute ein wenig unschuldig von vielen Frauen auf ihrer Kleidung getragen wird: C.N.T. (Confederación Nacional del Trabajo), was bedeutet, dass das Leben auf der Grundlage von Arbeit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit rational organisiert wird.“

Auch M. A. Ackelsberg betont: „Die Frauen von Mujeres Libres waren vollkommen im Anarchismus und in den Zielen und Strategien der spanischen anarcho-syndikalistischen Bewegung verwurzelt.“ Diese Frauen kamen nämlich aus einem durch die CNT und den Anarchismus geprägten Umfeld, aus anarchistischen Familien, in denen sie „DIE IDEE gleichsam mit der Muttermilch aufgenommen“ hatten. Die eigene Gewerkschaftsarbeit, der Besuch der Ateneos seit frühester Kindheit, der Lebensgefährte hatten ebenso ihre anarchistischen Ideen gefördert. So manifestiert sich vor allem in den Artikeln der Gründerinnen der Mujeres Libres nicht nur ihre anarchistische Überzeugung, sondern auch die gewerkschaftliche Erfahrung, die sie im Laufe der Jahre in der CNT gesammelt hatten. Viele der Frauen lebten mit einem CNT-Genossen zusammen, und von den namentlich Bekannten, die in den Texten über diese Frauen erwähnt werden, weiß ich, dass sie – bis auf Lucía Sánchez – nach Kriegsende mit einem der angeblichen Sexisten der CNT eine Ehe eingingen und fünfzig oder sechzig Jahre glücklich mit ihm zusammenlebten.

Bei zwei Aspekten der Präsentation zeigte sich eine klare Unkenntnis der Geschichte sowie die kritiklose Übernahme von Behauptungen. In verschiedenen Publikationen, auch bei Mary Nash und Martha A. Ackelsberg, wird zwar das Plenum der CNT im Oktober 1938 erwähnt, mit keinem Wort jedoch der eigentliche Anlass für dieses 15tägige Plenum mitten im Krieg angesprochen. Es geht nur darum, zum wiederholten Male das „sexistische“ Verhalten der CNT an den Pranger zu stellen. Die Sachlage war Folgende: Die Faschisten hatten bereits die Provinz Castellón erobert, waren also bis ans Mittelmeer vorgedrungen, und somit war das Gebiet der Republik zweigeteilt. Die Delegierten aus Levante mussten per Schiff anreisen, während italienische Bomber über sie hinwegflogen und ihre Last über katalanischem Gebiet, auch über Barcelona, abluden. Am Ebro tobte seit Ende Juli eine der blutigsten Schlachten des Bürgerkriegs und die alles entscheidende Schlacht. Nach mehr als zwei Jahren Krieg fehlte es an allem, die Bevölkerung konnte nur noch mit dem aller notwendigsten versorgt werden. Die Kritik an der Beteiligung von CNT-FAI an der republikanischen Regierung war in der Organisation immer heftiger geworden, und das Plenum sollte über die weitere Unterstützung der Regierung entscheiden. Die Juventudes, die schon zehntausende Mitglieder an der Front verloren hatten, während weitere tausende von den Falangisten und den marokkanischen Söldnern ermordet worden waren, hatten bereits zu verstehen gegeben, dass sie nicht länger als Kanonenfutter herhalten würden. Auf dem Plenum ging es um nichts weniger als Fortbestand oder Untergang der Libertären Bewegung, um Leben und Tod. Die Mujeres Libres hatten den Antrag auf Aufnahme in diese Bewegung als vierter Säule – neben CNT, FAI und Juventudes – gestellt, und er wurde sehr wohl vom Plenum besprochen, mit folgender Begründung jedoch abgelehnt: “… eine frauenspezifische Organisation wäre ein Element der Uneinigkeit und Ungleichheit innerhalb der libertären Bewegung und hätte negative Folgen für die Entwicklung der Interessen der Arbeiterklasse.“ Verschwiegen wird oft, dass auch viele weibliche Mitglieder von CNT-FAI und insbesondere die Juventudes gegen eine separate Frauenorganisation waren, dass andererseits der Beschluss gefasst wurde, der Basis die Entscheidung über den Antrag zu überlassen – eine Lösung, die voll und ganz den Prinzipien der Organisation entsprach. Dazu kam es nicht mehr, denn am 16. November war die Schlacht am Ebro vorbei, die franquistischen Truppen konnten fast ungehindert nach Katalonien einmarschieren. Zwei Monate nach diesem Plenum begann die große Massenflucht, am 26. Januar 1939 nahmen die Faschisten unter dem Jubel der Bevölkerung Barcelona ein. Und zwei Monate später war die Zweite Republik in ganz Spanien Geschichte.

Zum Abschluss des Vortrags erfuhr das Publikum dann noch, dass sich Lucía Sánchez Saornil schließlich „geoutet“ habe. Wer eine solche Behauptung aufstellt (die auf einem Gerücht beruht), muss auch erklären wann, wo, wie dieses Outing stattfand, da der seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland verwendete Begriff ja bedeutet,sich öffentlich zu seinen homosexuellen Veranlagungen zu bekennen“. Dazu ist erstens zu sagen: Die Nichte von América Barroso, der Frau, mit der Lucía seit 1939 zusammenlebte, bestreitet vehement, dass es sich um eine homosexuelle Beziehung der beiden Frauen gehandelt habe. Eine tiefe Freundschaft hätte sie verbunden. Zum anderen hat sich kein Mensch in Spanien vor 1976 „geoutet“. Selbst der bekannteste Homosexuelle Spaniens hat nie öffentlich über seine Sexualität gesprochen, er hat sie einfach gelebt, was letztendlich sein Schicksal besiegelte. Denn Federico García Lorca wurde von den Faschisten nicht allein wegen seiner fortschrittlichen Einstellungen und der Kritik an der spanischen Gesellschaft ermordet. In den letzten Minuten vor seiner Erschießung wurde er von seinen Peinigern und Mördern wegen seiner Homosexualität verspottet und gedemütigt. Im ultrakatholischen Spanien jener Jahre galt Homosexualität – wie überall damals – und insbesondere für die katholische Kirche als Abartigkeit, als Teufels Werk. Selbst in heutiger Zeit – im Jahr 2017 – gibt es noch Bischöfe in Spanien, die von der Kanzel herab von Krankheit sprechen, die geheilt werden könne. In Spanien wurde Homosexualität – wie vermutlich in allen Ländern damals – als Unzucht strafrechtlich verfolgt, und erst bei der Strafrechtsreform in den 1990er Jahren wurde dieser Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. In der Franco-Zeit gab es tausende Häftlinge, die aufgrund des Gesetzes von 1933, also aus der Zeit der Zweiten Republik, verurteilt worden waren. Das „Ley de vagos y maleantes“ entsprach dem NS-Asozialen-Paragraphen, und deshalb ist es völlig unglaubhaft, dass eine Frau wie Lucía Sánchez, die unerkannt bleiben wollte und deshalb jahrzehntelang untergetaucht lebte, sich eines Tages, in den Jahren der brutalen Repression, öffentlich als Lesbe zu erkennen gab.

Fazit

Wer wissen möchte, was ich über die anarchistischen Frauen denke, braucht nur das Vorwort zu meinem Buch zu lesen. Ich bin der Meinung, dass alle Frauen der Libertären Bewegung Spaniens unseren Respekt und unsere Wertschätzung verdienen, dass aber auch der aufopferungsvolle Kampf der CNT-Aktivisten und der Juventudes gegen die Militärs und den Faschismus entsprechend gewürdigt werden sollte. Es waren schließlich die Anarchisten, die am 19. Juli 1936 in Barcelona die Kasernen stürmten und in ganz Spanien zu den Waffen griffen, um die Republik zu verteidigen, zu einem Zeitpunkt, als die Mitglieder der katalanischen und spanischen Regierung noch zauderten. Lluis Companys, der katalanische Präsident, wollte am 20. Juli sogar den Anarchisten die Regierung übergeben. Heute gilt er als der große Held, als Märtyrer der Katalanen, weil er 1940, nach der Auslieferung durch die Gestapo an Spanien, von den Franquisten zum Tode verurteilt wurde. An die Anarchisten, von denen viele das gleiche Schicksal erlitten, Tausende ermordet wurden, wollen sich nur noch wenige erinnern.

Wer sich öffentlich äußert, kann nicht nur Zustimmung und Applaus erwarten, er sollte kritikfähig sein und sich andere Forschungsergebnisse, Meinungen oder Erfahrungen anhören oder aneignen. Sobald ich das Lokal betreten hatte, in dem die Präsentation stattfand, wurde ich von den Organisatorinnen mit einer kaum zu übertreffenden Herablassung und Verachtung beäugt, lange bevor überhaupt ein erstes Wort über meine Lippen kam. Es wurde mir später zugetragen, dass sie Angst hatten, ich würde diese Veranstaltung „sprengen“. Es gibt viele radikale Elemente, die glauben eine Veranstaltung sprengen zu müssen, weil etwas nicht zu ihrer Ideologie passt. Das ist nicht mein Stil. Allerdings reflektiere ich über Kritik und gehe darauf ein, wenn ich sie für berechtigt halte. Offensichtlich hat sich bisher niemand kritisch über Bianchis Texte geäußert, weshalb sie so wütend auf mich reagiert, und schlimmer noch, mir völlig erfundene Aussagen unterstellt und mich denunziert und diffamiert. Das ist unredlich und erbärmlich. Es ist eine Verletzung meiner Würde, ihre Texte eine Verdrehung der historischen Wahrheit.

Doris Ensinger, Barcelona, 22. November 2018

*Doris Ensinger, Quer denken, gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo. verlag barrikade, Hamburg, 2015.

Spanische Fassung: Amor y Anarquía. Mi vida en Alemania y con Luis Andrés Edo. Icaria, Barcelona, 2016.

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