Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Rudolf Rocker – Odyssee eines Manuskriptes

»Die Odyssee eines Manuskriptes«

ÜberdieUmständeundWidrigkeitendeutscheErstveröffentlichungvon
Rudolf
ROCKERsNationalismusundKultur1949inHamburg

EineDokumentation

Im Jahre 1949 erscheint im jungen, drei Jahre vorher erst gegründeten Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik, dem Verlag Friedrich Oetinger, in Hamburg die deutscher Erstausgabe von Rudolf Rockers [1] kulturhistorisches Werk ‚Die Entscheidung des Abendlandes’. Der Titel sollte »ein Gegengewicht zu Spenglers ‚Untergang des Abendlandes’« darstellen und wurde kurz vor Drucklegung vom Verlag geändert. Dieser Artikel dokumentiert die widrigen Umstände dieser deutschen Erstausgabe. Bereits 2002 erschien ein kleiner ‚Exkurs: ‚Die Entscheidung des Abendlandes’ von Rudolf Rocker’ im spannenden Buch von Hans-Jürgen Degen über ‚Anarchismus in Deutschland 1945-1960: die FFS’ .

Vorgeschichte

Das Buch wurde bereits seit Juni 1929 unter dem Titel ‚Der Nationalismus und seine Beziehungen zur Kultur’ von der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde (GfB) angekündigt [2]. Es sollte im Gildenjahr 1929/30 erscheinen, allerdings informierte die Redaktion von »Besinnung und Aufbruch« im März 1930 die Gildenfreunde: »Der Genosse Rudolf Rocker teilt uns in einem Brief aus Amerika mit, daß er zurzeit nicht in der Lage sei, die Manuskripte der beiden geplanten Gildenbücher: ‚Godwin‘ und ‚Der Nationalismus‘ einer letzten Durchsicht zu unterziehen. Die Gildenleitung hat daher das oben beschriebene Gildenbuch [3] als nächstes geplant. Sobald Kamerad Rocker zurück ist, werden die beiden Bücher erscheinen.« [4]

Zu seiner Entstehung schreibt Rocker 1947, im Vorwort zur deutschen Ausgabe: »Die ersten Ideen zu dieser Arbeit kamen mir geraume Zeit vor dem ersten Weltkriege und fanden zunächst ihren Ausdruck in einer Serie von Vorträgen und später in einer Reihe schriftlicher Abhandlungen, die in verschiedenen europäischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Durch eine lange Internierung zur Zeit des ersten Weltkrieges und später durch mannigfache literarische Arbeiten wurde die Vollendung des Werkes immer wieder unterbrochen, bis ich endlich kurz vor dem Machtantritt Hitlers das letzte Kapitel fertigstellen und mein Buch für den Druck vorbereiten konnte. Dann kam die sogenannte nationale Revolution über Deutschland, die mich wie so viele andere zwang, ins Ausland zu flüchten, wobei ich nichts anderes retten konnte als das Manuskript dieser Arbeit.« [5]

Im Februar 1932 wünscht Karl Dingler [6], der Obmann der Ortsgilde Göppingen der GfB, daß Rocker hoffentlich bald »einen leistungsfähigen Verleger« für sein Buch finden möge, denn es »wäre schlimm, wenn diese riesige Arbeit nur in so wenigen Exemplaren, wie wir es von unseren Gildenbüchern gewöhnt sind, in die Welt ziehen würde.« [Brief Dingler an Rocker, 11. Februar 1932]. Ein Jahr später schreibt Dingler dann: »Dass Dein Buch der endgültigen Vollendung entgegengeht, freut mich. Es ist eine Schmach für die deutsche Arbeiterklasse, wenn Dein Buch erst in Spanisch erscheinen sollte. Doch besteht vielleicht die Möglichkeit, am Ende bekommen die Verleger wieder etwas Mut, wenn sie sehen, daß der große Adolf nun doch so ziemlich unten durch ist.« [Dingler an Rocker, 10. Januar 1933].

Am 5. Juli 1935 bittet Diego Abad Santillan auf dem Briefpapier der spanischen Zeitschrift Tiempos nuevos (Barcelona) seinem Freund Rocker um die Übersendung des Manuskriptes von ‚Nationalismus’, um es in drei Bänden zu veröffentlichen. Santillan garantiert Rocker dafür pro Band 1.000 Peseten Honorar. Schön dieser Satz: »Das Volk ist noch mit uns; aber man kann ihm nicht bloß Phrasen bieten. Du könntest uns sehr viel helfen; kein anderer wie Du.«[7][Santillan an Rocker, Barcelona, 5. Juli 1935]

Am 21. Juli 1935 bietet Santillan Rocker an, in der Tageszeitung der CNT von Barcelona Solidaridad Obrera, monatlich vier Artikel gegen Honorar in US-Dollar abzudrucken. [Santillan an Rocker, Barcelona, 21. Juli 1935] Aus dem Gefängnis schreibt er am 14. September 1935, daß sich die Herausgabe des Buches ‚El Nacionalismo’ verzögert, weil er auch das Manuskript noch nicht von A.B. [Alexander Berkmann, USA] [8] bekommen habe. Im Mai 1936 informiert er Rocker, daß der erste Band bereits fertig gedruckt ist [‚Nationalismus – Die Autoritätswurzel’; Kapitel 1-11]. Der zweite Band war in Arbeit [‚Nationalismus – Die politische Theologie’; Kapitel 12-15 und vom zweiten Band 1-6] und der dritte [Kapitel 7 bis Ende des zweiten Bandes] sollte umgehend bearbeitet werden. [Santillan an Rocker, Barcelona, 11. November 1935] Als Honorar verlangte er für den Autoren und sich als Übersetzer jeweils 4.500 Peseten. Seinen Anteil aber wollte er Rocker für einen erwarteten Aufenthalt in Spanien zurücklegen und zahlte es auf ein Konto unter dem Namen seiner Frau Elise Kater [9] in Barcelona ein. [Santillan an Rocker, Barcelona, 24. Mai 1936]

Am 29. Mai 1938 notiert Santillan über die Veröffentlichung des Rocker-Textes ‚Anarcosyndicalismo’: »Un hermoso volumen«. [Santillan an Rocker, Barcelona, 29. Mai 1938] Und am 6. September 1938 schreibt er als Privatmann auf dem Briefpapier des Ministeriums für Öffentliche Bildung und Gesundheit (Ministerio de Instrucción Pública y Sanidad – Particular), daß die Herausgabe der Werke Rudolf Rockers beschlossen wurde. [Santillan an Rocker, Barcelona, 6. September 1938] Und Ende November 1938 teilt er Rocker mit.

Am 18. Dezember 1939, nach der Flucht vor dem Franco-Regime, schreibt Diego Abad Santillan auf dem Briefpapier des Verlages Ediciónes Imán aus Buenos Aires; er konnte der Niederlage der Spanischen Revolution entkommen. [Santillan an Rocker, Buenos Aires 18. Dezember 1939] Anfang April 1941, überbringt er das Angebot, daß die FORA-Zeitung La Protesta 30 Pesos pro Artikel bietet und das noch im gleichen Jahr ‚Nacionalismo y cultura’ – nach Vorlage der englischen Auflage – gegen ein Honorar von 1 000 argentinischen Pesos [10] erscheinen soll. [Santillan an Rocker, Buenos Aires, 4. April 1941] Im Juli schreibt er, daß es 500 feste Vorbestellungen durch verschiedene Gruppen in Argentinien gibt und das Honorar in zwei oder drei Raten ausgezahlt werden soll. [Santillan an Rocker, Buenos Aires, 17. Juli 1941]

Nach dem II. Weltkrieg – Die Odysee des Manuskriptes

Am 23. April 1946 schreibt Walter Hanke [11] eine von der US-Zensur geprüfte Postkarte an Rudolf Rocker: »Nach vielen Jahren des Schweigens und einer Reaktion, die ihresgleichen sucht, ist es jetzt möglich auch für unsere Ideen wieder zu arbeiten. Vor allem ihre letzten Bücher möchten wir im deutschen Sprachgebiet verbreiten. Wie das ist allerdings noch eine ungeklärte Frage.« Und zwei Monate später stellt er sich selbst so vor: »Ich habe bis Februar 1946 in Breslau gelebt, wo ich 1909 geboren wurde. Von Beruf bin ich Buchhändler, doch durfte ich diesen Beruf wegen nicht vorschriftsmäßiger Abstammung nicht ausüben. Dass ich die Nazi-Herrschaft lebend überstanden habe, erscheint mir wie ein Wunder. Mit den Ideen des freiheitlichen Sozialismus bin ich durch die antimilitaristische Bewegung, der ich schon beinahe zwei Jahrzehnte angehöre, bekanntgeworden. (…) – Emma Goldmann sprach ich 1932, als sie eine Vortragsreise durch Deutschland machte und nach Breslau kam. Mit dem Genossen Nettlau habe ich nach 1933 bis etwa 1938 als er noch in Wien lebte, korrespondiert … « Und dann schreibt er: »Ich werde versuchen, einen Verleger für Ihr Werk ‚Nationalismus und Kultur’ zu finden. In einem Hamburger Verlag erscheint demnächst Landauer’s ‚Aufruf zum Sozialismus’. [12] Es ist immerhin möglich Ihr Werk auch dort unterzubringen.«[Hanke an Rocker, 27. Juni 1946]

In diesem Brief erwähnt Hanke auch zum ersten Mal die Zeitschrift Die Gefährten, (Nürnberg), deren »Herausgeber stehen den Gedankengängen Silvio Gesell’s nahe«.

Im September 1946 dann die bange Frage Hankes: »Wie wird man das Manuskript nur hierher bekommen. Wenn der Verleger die Herausgabe übernimmt, so sehe ich keine weitere Schwierigkeit, da hier alle Neuausgaben ehe sie überhaupt im Buchhandel erscheinen, vergriffen sind. Ausserdem bemüht sich Genosse Dingler in Göppingen die Gilde freiheitlicher Bücherfreunde wieder ins Leben zu rufen. Wir würden für unseren Kreis etwa 300-400 Stück des Buches übernehmen.« Dann erklärt er kurz, bei der »Zeitschrift ‚Die Gefährten’ handelt es sich um eine Publikation, die den Freiwirten nahe steht. Die Herausgeber stehen auch dem christlichen Sozialismus nahe und stehen ausserhalb der politischen Parteien.« [Hanke an Rocker, 20. September 1946]

»Der Verleger schrieb mir heute, dass er das Manuskript Ihres Buches sehen möchte. Wie aber bekommen wir dieses hierher?« [Hanke an Rocker, 3. Oktober 1946]

Wie kommt das deutsche Manuskript aus den USA nach Hamburg zum interessierten Verleger – irgendwie über London, oder soll Hanke bei den amerikanischen Behörden eine Einfuhrgenehmigung erbitten? Um den Verleger für Rockers Arbeit zu interessieren, schickt er dem Verlag das Buch über ‚Johann Most’ [13] und Zeitungsartikel, die er vom Genossen Kettenbach [14] erhalten hatte. [Hanke an Rocker, 3. und 19. Oktober 1946]

Ende November 1946 schreibt Dingler an Rocker: »Nun ist des Novembers Mitte schon überschritten. Der Monat, der uns endlich Dein sehnlichst erwartetes großes Buch bringen soll. Kann es vielleicht doch noch wahr werden?« Und dann führt er aus: »Ja, ich trage mich mit dem Gedanken der Wiedergründung der Büchergilde, die aber über den Rahmen einer reinen Bücherbezugsvereinigung hinausgehen soll (…). Nun kommt Dein Angebot, mir die Manuskripte Deiner Bücher zur Verfügung zu stellen, ein hochherziger Vertrauensbeweis, um den zu bitten ich wohl kaum den Mut gehabt (Seitenende) hätte.« [Dingler an Rocker, Göppingen, 23. November 1946]

Am 6. Januar 1947 schreibt Hanke dann, dass er und Helmut Rüdiger [15] mit dem Hamburger Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik (Theodorstraße 35, 24, Hamburg-Bahrenfeld) in Verhandlungen stünde.  Außerdem schlägt er vor: »Ich würde es für besser halten, zuerst Ihr Werk ‚Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus’ zu veröffentlichen und dann das grössere.«  Über die Einschränkungen teilt er mit: »Leider kann man von hier immer noch keine Druckschriften ins Ausland senden, so dass ich Ihnen noch kein Exemplare der Zeitschrift ‚Die Gefährten’ zusenden konnte.« Vielleicht könne Rüdiger das ja über Schweden erledigen, der ein Heft mitgenommen habe. [Hanke an Rocker, 6. Januar 1947]

Auf einer Postkarte dann die Meldung: »Der Verlag Wirtschaft und Sozialpolitik in Hamburg will das Buch ‚Nationalismus und Kultur’ herausbringen, wie ich aus einem Brief an Hepp [16] von Bernhard Koch, Bremen, entnehme. Ich habe noch keine Bestätigung von dem Verlag.« [Hanke an Rocker, 18. Juni 1947]

Eine Woche später vermeldet Bernhard Koch, der Gildenleiter der neuformierten Bremer GfB an Rudolf Rocker, daß er sich »mit mehreren Freunden in Verbindung gesetzt (habe), darunter auch mit Freund Dingler und Hanke, Frankfurt der letztere ist Buchhändler, und ihr schreibt Euch ja wohl auch. Über die Herausgabe Deiner Bücher möchte ich alles in seine Hände legen und ich habe ihm auch die Gildenleitung jetzt schon angeboten … Also alles diesbezügliche wird Dir dann der Freund Hanke mitteilen, der ja jetzt schon für Dich mit dem Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik verhandelt, wie mir der Verlag schrieb, haben wir ja wirklich Hoffnung, das von Deinen Werken bald in Deutschland etwas wieder erscheint. Wir würden uns jedenfalls sehr freuen, vor allem wenn Dein Werk was schon derzeit erscheinen sollte jetzt mit über 15jährige Verspätung erscheint.« [Brief Koch an Rocker, 23. Juni 1947]

Die GfB wird am 23./24. August 1947 in Darmstadt – ausgehend von einigen ehemaligen  Bremer Gildenmitgliedern um Bernhard Koch – wieder gegründet. Die FAUD/AS hatte sich bereits zu Pfingsten als Nachfolgeorganisation unter der Leitung von Alfred Leinau [17] als Föderation freiheitlicher Sozialisten – FFS re-organisiert.

Auch im Herbst 1947 ist das Manuskript noch immer nicht in Hamburg beim Verlag. »Wir haben eventuell noch eine andere Möglichkeit, als den Weg über Schweden. In der Nähe von Basel wohnen Genossen, mit denen wir in Verbindung stehen. An diese könnten Sie das Manuskript gesandt und von jemandem von uns abgeholt werden. – Mit dem Verlag werde ich dann einen Vertrag schließen. Den Verlag auf eine Erscheinungsfrist festlegen wird schwer sein. Aber, soweit ich das übersehen kann, hat er ja ein grosses Interesse, das das Werk bald herauskommt. Die höchste Auflage eines Buches ist in den Westzonen ist 5000 Stück. Honorar wird allgemein 10% vom Verkaufspreis gezahlt. Es ist so, dass die meisten Bücher schon vor dem Erscheinen vergriffen sind, so dass Absatzschwierigkeiten nicht bestehen. Die Verlage in der Ostzone können ganz andere Auflage herausbringen. Von Plieviers ‚Stalingrad’ sind bisher 150 000 Stück gedruckt worden. (…) Du willst, dass das Honorar für die Gilde, die inzwischen in Bremen zugelassen worden ist, verwendet wird. Das ist nicht so ohne weiteres möglich. Wir haben hier eine sehr komplizierte Devisengesetzgebung. Zunächst wird das Geld auf Deinen Namen bei einer Bank in Hamburg eingezahlt. Das Konto ist bis auf unbestimmte Zeit ein Sperrkonto, über das nur mit Zustimmung der Reichsbank verfügt werden darf. Und sobald das Buch erscheint, würde ich Dich bitten, jemandem eine Vollmacht auszustellen, der mit Dir zusammen über das Geld verfügen darf. Schenken kannst Du es zurzeit niemandem. Höchstens Zuwendungen machen, die ausführlich begründet werden müssen. Aber all dies ist zurzeit nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, dass das Manuskript nach Hamburg kommt « [Hanke an Rocker, 31. August 1947] Die Schweizer Adresse ist dann F. Koechlin …

Rocker hat das Honorar für ‚Nationalismus und Kultur’ ausdrücklich für den Wiederaufbau eines Verlages oder einer Büchergilde zur Verfügung gestellt. Zu seinen Sachwaltern der Honorarsumme des Buches ernannte er Dingler und Detmer [18]. Diese Bürde wollte Dingler jedoch nicht übernehmen, »da ich mich am besten kenne, zwang ich mich gerade in diesem Fall zur nüchternen Sachlichkeit und Überlegung, damit der Gaul der Begeisterung nicht mit mir durchgehe.« Es war ihm »gar nicht so selbstverständlich«, dieses »edle Angebot ohne weiteres anzunehmen. Du hast zwei Söhne, ich bitte Dich mich recht zu verstehen, und ich halte es für meine Pflicht, mit Dir zuerst darüber zu reden, ob wir nicht versuchen sollen, das Geld für sie möglichst mündelsicher auf ein Sperrkonto zu legen.«  Dann kommt aber sein Hauptargument: »Zum anderen sehe ich augenblicklich überhaupt keine sachliche Möglichkeit, an einen eigenen Verlag oder eine lebensfähige Büchergilde heranzukommen«, weil »z.Zt. keinerlei Verlagslizencen erteilt werden.« Er warnte aufgrund dessen eindringlich Rocker davor, sein Geld für ein »dilletantisches Unternehmen« zu verwenden. [Brief Dingler an Rocker, 18. September 1947]

Die Wahrung der Vertragsangelegenheiten übertrug Rudolf Rocker dem Gilde-Genossen und Buchhändler Walter Hanke in Frankfurt/Main, wie aus dem Schreiben des Verlags vom 8. Oktober 1947 hervorgeht. Unterzeichnet hat dieses Schreiben an den in Schweden lebenden Ex-FAUD-Funktionär Helmut Rüdiger [Unbekannt1] („Werter Genosse Rüdiger!“) Oetingers Teilhaber Dr. Carl Tornieporth. [Verlag Friedrich Oetinger & Co. an Helmut Rüdiger, Hamburg, 8. Oktober 1947] Hanke soll den Verlag erst auf Rockers Buch aufmerksam gemacht haben, der wiederum eine definitive Zusage zur Herausgabe nur anhand des deutschen Originalmanuskriptes gab. [19]

»Die Verhandlungen mit dem Hamburger Verlag sind durch einen Vertrag vom 30. Oktober 1947 nunmehr abgeschlossen. Das Werk wird, wenn nichts besonderes dazwischen kommt, womit man in Deutschland leider rechnen muss, April/Mai 1948 zweibändig je etwa 430 Seiten kartoniert herauskommen. Die Preise für Bücher sind in den letzten Monaten sehr gestiegen, aber da die Auflage nur 5000 Stück beträgt und 1000 Stück die Gilde in Bremen erhält, so haben wir keine Sorgen wegen des Absatzes. Das Buch wird unverändert nach dem Manuskript gedruckt. Auch die Frage des Honorars ist so ziemlich geklärt. Ich schreibe Dir dann noch darüber. Die Hauptsache ist, dass das Buch erscheint. Auch für Deine anderen Sachen interessiert sich der Verlag. Es hat jedoch wenig Zweck jetzt schon irgendwelche Abmachungen zu treffen, da die Papierzuteilung infolge des Stillliegens der wenigen Papierfabriken wegen Wassermangels, sehr gering ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dich bitten, ob es Dir oder den Genossen dort möglich wäre uns einmal etwas Briefpapier und Umschläge zu schicken. Wir sind oft rein technisch nicht in der Lage einen Brief zu schreiben.« [Hanke an Rocker, 16. November 1947]

Im Januar 1948 erscheint DieGilde als Informationsblatt der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde mit dem Titel »Der Weg ist frei!« Auf der dritten Seite wird dann für Rockers BuchDerNationalismusundseineBeziehungenzurKultur mit einer Rezension aus der GfB-Zeitschrift AufbruchundBesinnung von 1933 geworben: »AuslieferungdiesesWerkesimApril1948.DerBezugwirdgesichertdurchBestell-Gutschein,erhältlichbeimumstehendbenanntenGilden-Obmann.« [DieGilde, Nr. 1 – Januar 1948]

Am 18.2.1948 teilt der GfB-Leiter Bernhard Koch, Bremen, Rudolf Rocker die »erfreuliche Nachricht« mit, »daß ich die 1000 Exemplare Deines Buches ‚Nationalismus und Kultur’ für uns finanziell – das ist eine Vorauszahlung – gesichert habe, und nun vor der Auslieferung eine Währungsreform kommt. Unseren Mitgliedern ist damit der Bezug auf jeden Fall verbürgt. Walter Hanke, der den Vertrag mit unterzeichnen mußte, schrieb mir seinen Dank „für die sehr sympathische Regelung“. Außerdem vermerkt Koch, daß Hanke jetzt zwei weitere Manuskripte Rockers habe – »und mir damit die Aussicht diese unseren Freunden zugängig zu machen«. [Brief Koch an Rocker, 18. Februar1948]

»Das Buch wird nun wohl Ende April 1948 erscheinen. Es ist das grösste Werk, das der Verlag bisher herausgebracht hat. Die Honorar-Frage ist ebenfalls gelöst. Die Gilde in Bremen, erhält 1000 Exemplare, die bereits bezahlt worden sind, wobei das Honorar mit verrechnet wurde. Das ist insofern günstig, weil wir damit gegen erhebliche Verluste bei der bevorstehenden Währungsreform gesichert sind. (…) Geld spielt bei uns zurzeit noch keine Rolle, da es fast nichts mehr zu kaufen gibt. Sogar die kärglichen Rationen sind weiter gekürzt oder stehen nur auf dem Papier. – Absatzschwierigkeiten werden wir keine haben. Bei einer Auflage von 5000 Stück erhalten die Buchhandlungen in en Westzonen und Berlin jede etwa 3-5 Stück.« [Hanke an Rocker, 25. Februar 1948]

Und dann per Schreibmaschine: »DeinBuchistnochnichterschienen,ichhabeandenVerlaggeschriebenundmitgeteiltbekommen,dassderersteBandbestimmtimLaufedesSommersherauskommenwird,DerGrundderVerzögerungistinderungeheurenPapierknappheitzusuchen.DaswirtschaftlicheLebeninDeutschlandstagniertgegenwärtigvölligundzwarwegenderbevorstehendenWährungsreform.JederBesitzervonSachwertenwillfürdasumlaufendeGeld,dasdemnächstseinenWertverlierenwird,nichtsabgeben.NachderWährungsreform,dieindiesemJahr,vermutlichEndeJunivorgenommenwerdensoll,wirdesetwasbesserwerden,aberdannwerdendiemeistenMenschenwiederkeinGeldhaben,grössereKäufezumachen.VorallemdasVerlagswesen,dievielenZeitschriftendieerscheinenwerdendavonbetroffenwerden.

RüdigerwirdaufderRückreisenachSchwedendenVerlagsleiterDr.TornieporthinHamburgbesuchenundichwerdevermutlichEndeJuni1948ebenfallspersönlichdarübermitihmsprechen,OberdiebeidenSachenvonDir,PionieredesfreiheitlichenGedankensindenVereinigtenStaatenundDieabsolutistischenGedankenimSozialismusherausbringenwill,ichnehmean,dassdieLagebisdahinetwasklarerseinwird.« [Hanke an Rocker, 23. Mai 1948]

Pfingsten 1948 wird Bernhard Koch als Gildenobmann auf dem 1. Gildentag in Darmstadt bestätigt. Aufgrund von »Paßschwierigkeiten oder sonstigen Gründen konnten viele Ortsgilden keine Vertreter entsenden. Vertreten waren 24 Ortsgilden. Über 60 Teilnehmer waren anwesend.« [20]

Vom Verlag erhält Bernhard Koch im Juli folgende Mitteilung: »Nachdem sich durch die Währungsreform die wirtschaftliche Verkrampfung gelockert hat, ist die Druckerei jetzt mit Hochdruck bei der Fertigstellung der Rockerschen Arbeit. Den größten Teil der Fahnen zum ersten Band haben wir jetzt vorliegen, einen endgültigen Termin möchten wir Ihnen jedoch noch nicht nennen.« [Brief Koch an Rocker, 22.7.1948]

»Infolge der Währungsreform in Deutschland hat sich die Fertigstellung Deines Buches verzögert. Der Druck ist dieser Tage beendet und die Auflage geht zum Buchbinder. Koch-Bremen schrieb mir dieser Tage, dass mit der Auslieferung spätestens im November 48 zu rechnen ist. Ich habe sofort an ihn und den Verlag geschrieben die Angelegenheit zu beschleunigen. Auf dem gebiete des Verlagswesens sieht es gegenwärtig sehr trübe aus, da die wenigsten Menschen in der Lage sind sich Bücher zu kaufen, deren Preis sehr hoch sind.« [Hanke an Rocker, 24. August 1948]

»An den Hamburger Verlag bitte ich Dich das Manuskript Deiner Erinnerungen zu schicken und für mich eine Vollmacht, die mich berechtigt den Vertrag mit dem Verlag abzuschliessen. Der Verleger hat Koch und mir noch einmal versichert, dass der Nationalismus noch in diesem Jahr erscheinen wird. In der Ostzone ist der Absatz allerdings nicht möglich.« [Hanke an Rocker, 12. Oktober 1948]

»Der Abstand zwischen dem Erscheinen des ersten und zweiten Bandes des ‚Nationalismus und Kultur’ wird sicher gering sein, vielleicht kommen auch beide Bände zusammen heraus. Ich werde jedoch noch einmal an den Verlag schreiben und ihn bitten, wenn es irgend möglich ist beide Bände gleichzeitig herauszubringen. Aber auf keinen Fall möchte ich den Termin des Erscheinens nur deshalb verschieben, um nur beide Bände zusammen auszuliefern. Viele Freunde, die das Buch schon vor längerer Zeit bezahlt haben, allerdings in alter Währung, sind ungeduldig geworden. Nun, das Geld wäre sowieso verloren und wir müssen jetzt, um die Kosten des Versandes zu decken, eine kleine Nachzahlung erheben.« [Hanke an Rocker, 26. Oktober 1948]

In einer Sonderausgabe des BörsenblattdesdeutschenBuchhandels – Herbst- und Weihnachts-Neuerscheinungen 1948 [21] – liest Hanke dann »dieAnkündigungdesRocker-BuchesvomOetinger-Verlag(Union-Verlag)Hamburg.DadieBuchhändlernachdiesemKatalogihreBestellungenmachen,sonehmeichan,dassdasBuchbalderscheinenwird.«Dies schreibt er an Helmut Rüdiger und bittet ihn,»diesauchRockermitzuteilen.« [Hanke an Rüdiger, 7. November 1948] Die ganzseitige Anzeige ist jedoch von der Union-Verlag GmbH, der Oetinger-Verlag hat eine ebenfalls ganzseitige Werbung im Börsenblatt, wirbt jedoch nicht für Rudolf Rocker, sondern hauptsächlich für neue Upton Sinclair-Bücher.

Neben den besten Neujahrswünschen schreibt Hanke: »Ich halte es für das beste, wenn Du das Manuskript [der ‚Erinnerungen’; Anm. des Verf.] an Rüdiger schickst. Von dort aus wird sich schon eine Möglichkeit ergeben, es nach Hamburg zu expedieren. Sobald es dort eingetroffen ist, werde ich mit dem Verlag den Vertrag abschliessen. Wie mir Koch schrieb, hat er von N.u.K. ein Abzug der für die Gilde bestimmten Ausgabe erhalten. Beide Bände sollen nun doch zusammen herauskommen. Das Werk ist bereits im ‚Börsenblatt der Deutschen Buchhändler’ angekündigt. Vor Weihnachten ist es jedoch nicht fertig geworden. In diesem Lande und in dieser Zeit kann man leider nichts für einen bestimmten Zeitpunkt festlegen.« [Hanke an Rocker, 1. Januar 1949]

»Eine freudige Mitteilung: Der erste Band Deines Buches ist erschienen, der zweite folgt in vier Wochen. (…) Der Verlag hat allerdings den Titel geändert, um einen etwas besseren Absatz zu haben, der bei den meisten Büchern zurzeit katastrophal ist. Das Buch heisst ‚Die Entscheidung des Abendlandes’. Von der Titeländerung hatte mich der Verlag nicht unterrichtet, aber ich wäre einverstanden gewesen, um das Erscheinen nicht zu gefährden. Ich hoffe, dass Du nicht allzu ungehalten sein wirst. Wir sind sehr froh, dass das Buch doch noch herausgekommen ist.« [Hanke an Rocker, 19. April 1949]

»Von Koch ist Dir ein weiteres, gebundenes Exemplar Deines Buches zugegangen.« [Hanke an Rocker, 25. April 1949]

Koch schreibt am Juni 1949, »Der 2. Band wird dieser Tage fertig sein.« Und weiter: »Vor allem nimm noch einmal unseren herzlichen Dank, denn Deiner Großmütigkeit verdanken wir viel, Du hast uns damit viel, sehr viel geschenkt wenn auch mancher es kaum zu schätzen weiß, aber wir wissen es. Es wird mir dadurch auch möglich einigen Alten Freunden, die heute nur von ihrer kärglichen Rente leben müssen ein Freiexemplar zu schicken … (…) Auch unsere Freunde haben es sehr preiswert erhalten, fast geschenkt.« »Zur Titeländerung durch den Verlag einiges«, schreibt Koch, »auch ich war überrascht, halte diese Änderung aber für sehr wertvoll.« Für die Zukunft plante er dann auch die Herausgabe „Deiner Erinnerungen“ bei Oetinger, den er in der nachfolgenden Woche in Hamburg zu Gesprächen besuchen wollte. [Koch an Rocker, 4.6.1949]

»… zunächst die freudige Mitteilung, dass nun auch der zweite Band Deines Buches herausgekommen ist. Der Versand ist in vollem Gange. Die Freude, dass dieses Werk trotz aller Schwierigkeiten doch noch erscheinen konnte, ist gross. Die Lage der meisten westdeutschen Verlage ist zurzeit katastrophal. Eine Reihe Zeitschriften und Zeitungen werden Besprechungen bringen, die Dir dann zugehen werden.« [Hanke an Rocker, 11. Juli 1949]

»Wegen des zweiten Bandes Deines Buches spreche ich heute mit Koch der aus Bremen hier eintrifft. An den Genossen Drewes werden wir ein Buch schicken.« [Hanke an Rocker, 11. August 1949]

Am 21. August 1949 versendet Bernhard Koch aus Bremen ein Rundschreiben der Gilde an alle Mitglieder und teilt ihnen die Übergabe der Gildenleitung durch Georg Hepp in Frankfurt/Main mit. Außerdem fordert er säumige Zahler auf, ihre Schulden bei der Gilde zu begleichen, da dieses »eine ordentliche Weiterarbeit gefährdet«. »BesondersdieNachzahlungfürdasRocker-Werksindbaldigstzuüberweisen,dawirdasWerkwiegeschenktgelieferthaben.« Auch Bernhard Koch ist körperlich geschwächt, die »GildenleitungsarbeithatmeinevolleKraftinAnspruchgenommen», aber Rockers Werk »wird,wieichjetztschonübersehenkann,eingrosserErfolg und allein dieser Erfolg hat alle Mühen und Sorgen gelohnt.« [GfB-Schreiben vom 21. August 1949, Bernhard Koch, Bremen]

Kurz darauf schreibt er an Rocker verbittert: »Die Vorwürfe, allein wegen der Verspätungen der Auslieferungen, die Verdächtigungen vor allen zwischen den Zeilen, dies alles hat mich zermürbt.« [Koch an Rocker, 24. August1949]

Neuaufbau

Im September 1949 erscheint dann Rockers Broschüre über den LeidenswegZenslMühsams [22] in einer Auflage von 5 000 Exemplaren – als erste Publikation des am 15. August 1949 in Darmstadt auf der 3. FFS-Landeskonferenz gegründeten Verlages DiefreieGesellschaft. [Hanke an Rocker, 21. August 1949] Kurz darauf hofft Hanke, dass Rocker »einigermassenmitdemDruckundderAusstattungzufrieden« sei, denn »dieDruckereiinDarmstadtbesitztnichtdieletztenErrungenschaftenderDrucktechnik,siewurdedeshalbgenommen,weilderPreisvon1,305DMerschwinglicherschien,wennesauchschwerfieldiesenBetragaufzubringen.AberdieBroschüreistnunbezahltundwennalle5000Stückabgesetztwerdensollten,soergibtdasnocheinenReingewinn.« [Hanke an Rocker, 3. Oktober 1949]

»DieBesatzungsmächtehabenvorkurzemeinsogenanntesKulturabkommengeschlossen,wonachDruckerzeugnissederWestzonenauchinderOstzoneundumgekehrtverkauftwerdendürfen.MeistenshaltensichdierussischenBehördennichtandiesesAbkommen,abermanchesgehtdochdurch.DeinBuchwarübrigensinBerlin-Ostsektor,LeipzigundDresdeninwenigenStundenverkauft,trotzdeshohenPreisesvon33DM-Ost.« [Hanke an Rocker, 30. Oktober 1949]

In jedem Fall kauften die Dresdner Anarchosyndikalisten vierzig Exemplare von Rockers Werk.

Wer war der Verlag Friedrich Oetinger?

Im Hamburger Verlag Oetinger – der heute als renommierter Kinderbuchverlag (v.a. Pippi Langstrumpf und andere Bücher von Astrid Lindgren) bekannt ist, entstand 1946 als Verlag für sozialistische und sozialpolitische Literatur.

Im Jahre 1949 residiert der Verlag Oetinger bereits im Hamburger Pressehaus der SPD, wo deren Tageszeitung Hamburger Echo im Auer-Druck erscheint. Friedrich Oetinger läßt das Rockers Buch allerdings von W. Th. Webels in Essen drucken. Den Einbandentwurf besorgte Walter Scharnweber (der übrigens auch die Einbände und Illustrationen der deutschen Ausgaben von Lindgren schuf). Der erste Band enthält keinerlei Verlagswerbung o.ä. Die GfB hatte aber bereits früher eine Geschäftsverbindung zum Oetinger Verlag aufgenommen, denn aus dessen Verlagsprogramm wurde von Jaf Last ,VordemMast’ und auch Upton sinclairs Co-op.EinRomanderGemeinschaft’ angeboten.

Das zweibändiger Werk Rockers erscheint, ebenfalls 1949, parallel im umbenannten Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik des Verlages Oetinger, der Hammonia Norddeutsche Verlagsgesellschaft mbH (kurzfristig wohl Union-Verlag), in heute nicht mehr feststellbarer (vermutlich) Teil-Auflage. Auch kann die Frage nicht mehr geklärt werden, warum der Verlag hier zweigleisig verfuhr. Im Hause Oetinger liegen bedauerlicherweise keinerlei Unterlagen mehr aus dieser Zeit vor [23]. Eine Vermutung wäre, daß die Hammonia-Ausgabe für den Vertrieb in Ostdeutschland produziert wurde. Die Bücher für die GfB erhielten einen eigenen Eindruck auf der Impressumseite: »VondieserAusgabesind800ExemplarealsGildenbuchfürdieGildefreiheitlicherBücherfreundegedruckt« [24]

Die erste Auflage des Buches sollte ursprünglich 5 000 Exemplare betragen, wurde dann jedoch auf 3 000 Exemplaren reduziert, der Grund dafür dürfte die bevorstehende Währungsreform vom 21. Juni 1948 gewesen sein (die DM wurde alleingültiges Zahlungsmittel). Band I von ‚Die Entscheidung des Abendlandes’ erscheint dann erst im April 1949 und der Band II noch einmal acht Wochen später. »Die Auslieferung an den Buchhandel erfolgt vom Verlag erst mit dem 2. Band zusammen, so wie Du es gewünscht hast.« [Brief Koch an ROCKER, 8. April 1949] Der zweite Band wurde dann jedoch erst im Juli fertig: »Eben habe ich ihn ausgepackt.« [Brief Koch an Rocker, 5. Juli 1949]

In der 13. Ausgabe Die Freie Gesellschaft (DFG), die den zweiten Jahrgang dieser Monatszeitschrift der FFS im November 1950 eröffnet, wird die zweibändige Ausgabe ‚Die Entscheidung des Abendlandes’ von Rudolf Rocker bereits nur noch für den Preis von 15,– DM angeboten (der kartonierte Ausgabepreis lag noch bei 22,– DM). Bereits ab der Ausgabe 23 vom September 1951 wird das Werk »Streifkartoniert mit farbigem Umschlag« als Sonderangebot für 9,80 DM angepriesen – bis zur Ausgabe 32 im Juni 1952 wurden so die letzten Exemplare ‚verramscht’.

Die Finanzierung und die Abrechnung

Der Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik bedankt sich mit einem Schreiben seines Co-Verlegers Dr. Tornieporth [25] vom 8. Oktober 1947 bei Helmut Rüdiger für den Eingang des Manuskriptes von Rocker: »Wir haben uns sofort mit der Druckerei in Verbindung gesetzt und die Arbeit bereits in Auftrag gegeben. Wegen des Vertragsabschlusses werden wir uns wunschgemäß mit Herrn Walter Hanke, Frankfurt, in Verbindung setzen.« [Brief Dr. Tornieporth an Helmut Rüdiger, 8. Oktober 1947]

Eine Woche später legt Bernhard Koch dann noch seine »Rechenschaft« über die Veröffentlichung von ‚Nationalismus und Kultur’ gegenüber Rudolf Rocker wie folgt ab:

»… weil die Gilde als solche die Vorauszahlung und auch 800 Exemplare bezogen hat, haben den Verleger veranlaßt, oder besser gesagt, diese Verpflichtung mußte er erfüllen, und gerade jetzt haben mir die beiden Verleger Dr. Tornieporth und Fr. Oetinger bestätigt, ohne die Gilde wäre das Werk nicht erschienen: es war immerhin ein gewaltiges Wagnis und eine Investition von 30 000 D.M. notwendig und wenn das Werk nicht einschlug, dann wären die beiden am Ende. Eine sehr großzügige Werbung hat aber über die ersten Schwierigkeiten geholfen, denn es sollen jetzt außer unseren 800 Expl. Bereits ca 1000 weitere verkauft sein. Die Besprechungen werden erst in einiger Zeit kommen, es sind an sehr viel „Persönlichkeiten“ Besprechungsexemplare geschickt. Dann setzt die Gilde wieder ein, wenn die Besprechungen drauf hinweisen. Die Verleger hoffen im nächsten Jahr eine zweite Auflage erscheinen zu lassen.«

»Vor der Währungsreform sollte das Werk 25-30 Rmk (Reichsmark) kosten. Ich bestellte derzeit 1000 Expl. Wenn das Werk vor der Währungsreform herauskam, wie vorgesehen, dann war es richtig das Honorar in Bücher anzulegen und so rechnete ich, 35% Rabatt, 10% Honorar auf 5 000 sind 500 Expl. oder 50%, verblieb uns noch in bar zu zahlen 15% und das waren auf einen Preis von 30 Mark 4 500 Mark, diese Summe bezahlte ich ein in Rmk, und lieber Rudolf, durch einen Vertrag erreichte ich auch, daß diese 4 500 Mark uns auch noch nach der Währungsreform voll angerechnet wurden, das mir dies gelungen ist und ich dieses Vermögen gerettet habe, macht mich sehr froh.

Nach der Währungsreform kam aber für mich eine neue große Schwierigkeit, als die Auflage vermindert wurde auf 3 000, dadurch hätte ich für 1000 Expl. über 3 200 D.M. nachzuzahlen gehabt, dieses wäre mir unmöglich gewesen und nach vielem Kopfzerbrechen fand ich die Lösung, indem ich die Bestellung reduzierte um die 200 Honorarverminderung, der Verlag war entgegenkommend und sah meine Gründe ein.

Nun ergab sich bei 800 Exemplaren folgende Rechnung:

Unsere Ausgabe kartoniert 22,– D.M.[26] sind bei 35% Rabatt 14,30 D.M., das sind für 800 St. 11 440 D.M. abzüglich 4 500 und 6 600 Honorar – 11 100 verblieb nur eine Nachzahlung von 340 D.M. Damit brauchen nur bei einem Preis von 18,– D.M. von den Ortsgilden 19-20 St. vertrieben werden und wir haben das Geld wieder.

Nun haben wir 800 Exemplare erhalten und haben geliefert unseren Gildenfreunden die in 20 RmK vorausgezahlt hatten 530 Expl. gegen eine Nachzahlung von 2,– D.M. für die jetzigen Unkosten. 145 Expl. hatten wir auf die Ortsgilden verteilt in Kommission mitgeschickt. Schweden erhielt 10 St., die Schweiz 16 Stück. Österreich bisher 2 (ein Versand ist dahin fast unmöglich).

Wir haben jetzt immer noch (…) einen Bestand von 54 Expl.«

Über die Honorarabrechnung schreibt Koch: » … und dann kann das Geld, das Du uns ja großzügigerweise zur Verfügung gestellt hast, für neue Aufgaben zur Verfügung gestellt werden. Nun muß ich noch einiges zur Honorarabrechnung sagen.

Es hatten vor der Währungsreform noch mehr eingezahlt als die Vorauszahlung war, ich habe derzeit dafür Bücher gekauft, so gut oder besser gesagt, so schlecht als es möglich war. Diese Bücher u.a. von Lehmann Russbueldt „Landesverteidigung“ [27] und mehrere andere mußten wir nach der Währungsreform als die Ortsgilden keinerlei Gelder mehr hatten den Ortsgilden unberechnet für ihre Ortsbüchereien überlassen, resp. den Preis gewaltig senken.

Die Ansprüche in der Aufmachung stiegen nach der Währungsreform ins Unermeßliche, dem Inhalt allerdings entsprechend auf tiefste. In Deutschland ist ein „politisches“ Buch heute nicht mehr abzusetzen. (Daher ist die Wahl des neuen Titels auch unbedingt notwendig gewesen, denn die Vertreter kamen bei der Vorfühlung ohne Resultat wieder, jetzt aber ist der Titel ein „philosophischer“ und der wird Erfolg haben.)

Nun lieber Rudolf, wir hatten durch die Vorauszahlung von 20,– Rmk auch die Verpflichtung übernommen zur Lieferung und es war natürlich auch unser Wille eine Nachzahlung von nur 2,- mußte ich erst durchsetzen, aber es ging nicht anders und es blieb uns nichts anderes übrig als ein Teil des Honorars mit einzusetzen. Wir mußten 50% als Währungsverlust buchen, wofür ich ja wie oben gesagt noch Bücher geliefert habe. Nun waren noch 3 300 D.M. einzusetzen, hiervon gehen dann für Reisen Hanke etc zum Verleger und sonstiges noch 146,– D.M. ab, so das uns jetzt noch in Buchwert 3 154,– D.M. stehen. Die Gilde als solche hat also wie du siehst nicht viel davon gehabt. Aber es ist meines Erachtens gut angelegt, vor allem weil jetzt über 500 Expl. ein(es) Geistesgut in Händen der Gesinnungsfreunde sind, die nun eine Möglichkeit haben, für unsere Ideen zu wirken, denn jetzt in D.M. könnten nur die Wenigsten noch das Werk kaufen. Jetzt haben dieselben es aber.

Ich glaube, wenn ich das Honorar anlegte in Deinem eigenen Werk und jetzt noch wieder Geld flüssig gemacht werden kann durch Aktivität, dann haben wir doppeltes erreicht und ich glaube richtig gehandelt zu haben.« [Brief Koch an Rocker, 31. August 1949]

Die vorgelegte Abrechung der GfB vom 6. August 1949 weist dann noch verbleibende 170, DM Schulden beim Oetinger-Verlag als »R.R.-Saldo« aus. Die »Rocker-Buch Bilanz« belegt dann das von Koch gezeichnete Bild: 139 Exemplare à 18, DM in Kommission bei den Ortsgilden (2.502,- DM) sowie der Restbestand von 54 Bänden à 15, DM (820, DM) bilden die Aktiva-Seite und die Finanzierung dokumentiert die Passiva-Seite mit der Honorarverbindlichkeit gegenüber Rudolf Rocker von 3.154, DM sowie die Gildenforderung von 168, DM, die in der GfB-Aktiva als Forderung eingebucht ist.

Der Absatz der zwei Bände streikt allerdings in Berlin, da der Oetinger Verlag seine Restexemplare an den ostdeutschen Buchhandel verkaufte. So mußte die Berliner Gilde alle Exemplare zurücksenden, da die westdeutschen 18, DM weitaus teurer waren als die 33, Ostmark (entsprach ca. 8,50 DM), für die das Werk in Ostberlin angeboten wurde, selbst »wenn wir auf unseren Ortsgildenrabatt verzichten. Da sind wir eben die Reingefallenen. Oettinger hat wahrscheinlich mit seinem bisherigen Absatz Druck- und Betriebsunkosten heraus und schafft sich nun in sofern seinen Gewinn, indem er die Restauflage an den Ostzonen-Buchhandel gibt. Das ist gewiß in Hinsicht auf den Absatz des Buches in der Zone der Gedrücktheit zu begrüßen, für uns aber ist das ein schwerer Schaden. Da hat sich der gute Bernhard Koch prompt über den Löffel balbieren lassen, denn das Autorenhonorar steckt praktisch nun Öttinger ein, weil er uns mit Druckwerken entschädigte, die bei uns für absehbare Zeit festliegen und dann wahrscheinlich nur mit einem Bruchteil dessen abzusetzen sind, für den sie uns in Anrechnung gebracht wurden. In Hinsicht auf organisatorischen Weitblick und geschäftliche Transaktionen, die Aussicht auf Erfolg und Gewinn versprechen, sind wir leider grüne Jungen, und ich fürchte, daß die Gleichgültigkeit und Bewegungslosigkeit uns grüne Jungen bleiben läßt, wenn wir sie nicht überwinden. Bis jetzt hat die Bewegung davon keinerlei Nutzen, sondern nur Schaden gehabt.« [Brief Linow an Hepp, Berlin 5. Oktober1949]

Diese Kritik erscheint ziemlich harsch und unsolidarisch, denn letztlich wurde Rockers Buch nur durch Kochs und Hankes Bemühungen veröffentlicht. Natürlich waren die damaligen Genossen nicht so flink, wie ihnen hier vorgeworfen wurde – und Koch hat sicherlich »in vielen Dingen über die Gebühr Bedacht walten lassen wollen, wo doch schnellstes und entschlossenes Handeln nötig wäre.« [Linow, 5. Oktober 1949]

Sozialistisches Wirtschaften deutet sich in der Kritik ebenfalls nicht an, beim Geld scheiden sich die Geister und die Ideale gehen über Bord, weil plötzlich kapitalistisch argumentiert wird. Auch konnte Koch den Wert der vor der Währungsreform vom 21. Juni 1948 eingekauften Bücher nicht berechnen, da ihm die Details der kommenden Geldentwertung nicht bekannt gewesen sein dürften; aufgrund der Währungsreform hatte er dann 50% der Rmk-Werte abschreiben müssen. Diese Auffassung stützt ja auch der Buchhändler Hanke, der sicherlich mehr vom Verlagsgeschäft verstanden haben dürfte als Linow [28] in Westberlin.

Auch erscheint der unsolidarische Umgang wie ein böses Nachtreten, den es gab bereits früher Kritik an der allzu »lässigen Buchführung« Kochs, der erkrankt zwei Jahre darauf warten mußte, bis Hepp und Hanke im August 1949 endlich die Geschäftsführung der Gilde nach Frankfurt/Main übernahmen.

Und nach dem Gilden-Treffen in Darmstadt schreibt Koch: »Leider kann ich Dir von mir nichts Gutes schreiben, was ich seit langem befürchtet habe, ist jetzt eingetreten, ich bin vollständig unter der Überarbeit zusammengebrochen …« [Koch an Rocker, 31.8.1949] Bernhard Koch [29] wurde 82 Jahre alt, aufgrund welcher Erkrankungen oder Kriegsfolgen er als 50jähriger in dieser Zeit litt, ist unklar. Karl Dingler, der in Göppingen »die rührigste aller Ortsgilden aufgebaut hatte, starb schon im Mai 1950«, gerade einmal Fünfzigjährig [30].

Rechenkünste – Verlust – »grüne Jungs« ?

Um aber einmal die etwas besondere Rechenkunst des Genossen Koch zu erhellen: Es war wirklich eine geniale Leistung, den Verlag Oetinger vertraglich zur Anerkennung der Rmk-Anzahlung zu bewegen; denn die 4.500 Rmk waren nach der Währungsreform nur noch 292,50 DM Wert [31]. Und das Honorar (10% der Bruttoverkaufssumme) von 6.600 DM wären nur ein Gegenwert von 300 Büchern gewesen. Die Gilde hatte aber 530 Vorbestellungen einzulösen, hätte also die fehlenden Exemplare zukaufen müssen (230 Bände à 14,30 DM wären 3.289 DM), das war ihr aber nicht möglich. – Hätte Koch das Honorar in DM mit Büchern nach der Währungsreform zum Rabattpreis von 14,30 DM umgerechnet, hätte es ebenfalls nur für 461 Rocker-Bücher gereicht. Damit hätten dann auch nicht so viele Freiexemplare an die alten Genossen ausgeliefert werden können.

Interessant ist auch die Abrechnung des Rocker-Honorars: Von ursprünglich 6.600 DM sind Nachzahlungshilfen und andere Ausgaben abgezogen worden, so daß letztlich nur 3 300 DM abzüglich 146 DM für Hankes Reisekosten verblieben. Dieser Betrag von 3.154 DM steht auch in der Bilanz vom 6.8.1949. Weitere Gilde-Abrechnungen der späteren Jahre liegen leider nicht vor, allerdings verfügte die Gilde Anfang 1952 noch über ein »Rockerkonto in Verwaltung« mit einem Bestand von »weit über DM 500,–« [32]

Die Gildenauflage von 800 Exemplaren war 1952 endlich verkauft und die GfB versuchte deshalb 1953 die Restauflage des Buches von 400 Exemplaren, die in ungeschnitten Druckbögen noch beim Verlag vorrätig waren, zu kaufen. [33]

Ob das Buch für den Verlag Oetinger ein Zuschußgeschäft gewesen ist oder nicht, dürfte nicht besonders ausschlaggebend gewesen sein, denn ‚politische Literatur’ verkaufte sich seinerzeit nicht – und deshalb verlagerte der Verlag seine … auf die erfolgversprechendere Publikation von Kinderbüchern (was ja ebenfalls eine ‚sozialpolitische’ Aufgabe ist; inwieweit dabei auch die bisher von Oetinger publizierten Vorstellungen der sozialistischen Autorin und SPD-Politikerin Anna Siemsen damit weiterhin übereinstimmten, mögen andere beurteilen).

Geht man von den Verkaufszahlen aus, reichten diese wohl nicht für eine spätere zweite Auflage. Auch wenn »einige10000ProspektemaßgebendenZeitschriftenbeigefügt« wurden (welchen ist unbekannt), ist der Absatz des Buches als schwach und enttäuschend anzusehen. [Hepp an Rocker, 11.7.1949; Degen]

Ob das Rocker-Werk für den Verlag Oetinger wirklich ein Minusgeschäft gewesen ist, läßt sich nur noch vermuten. Geht man von den erwähnten Kosten von 30.000 DM aus, so stehen dem 800 Gilden-Exemplare für schlicht 340 DM und rund tausend verkaufte Exemplare über den Buchhandel für 14.300 DM gegenüber. Angerechnet werden kann die Anzahlung der GfB von 4.500 Rmk bestenfalls mit 900 DM nach deren Umrechnung (mit diesem Kurs allerdings erst 1957!); da 400 Exemplare ungebunden als „Rohbögen“ liegen blieben, dürfte ein Verlust verbleiben, da die restlichen 800 verkauften Exemplare (ebenfalls mit Hammonia-Imprint?) kaum das bis hierher errechnete Minus von 14.460 DM erwirtschaftet haben dürften; es sei denn, Oetinger konnte den Umsatz in Ostmark 1:1 in DM tauschen. Andererseits mag es auch ein relativ gutes Geschäft gewesen sein, denn die Satzkosten sind ja sicherlich bereits durch die Anzahlung der GfB gedeckt gewesen, zumal der Verlag im Pressehaus saß und hier auch andere Bücher bei Auer-Druck setzen und drucken ließ.

Ungereimtheiten – ein Verdacht

So ergibt es sich, daß es merkwürdig erscheint, daß das Werk Rockers insgesamt eigentlich drei Verlage herausgegeben haben. Erstens nämlich die Union-Verlag GmbH Hamburg, die das Buch im Herbst 1948 im Börsenblatt ankündigt (S. 254) – der Verlag Friedrich Oetinger Hamburg bewirbt dieses Buch nicht (S. 246). Das gedruckte Buch erscheint dann endlich als Buch von Oetinger – und parallel in der Hammonia Norddeutsche Verlagsanstalt mbH. Nun, die Erklärung ist nicht einfach, sondern eher komplizierter: Oetinger hatte zwei Verlage nebeneinander gegründet – wie aus dem Briefpapier auch ersichtlich ist – , die er zusammen mit Dr. Thornieport als Verlag Friedrich Oetinger & Co. betrieb: den Verlag für Wirtschaft und Sozialpoltik und den Verlag Friedrich Oetinger. Wohl noch im Jahre 1946 wird aus dem wirtschafts- und sozialpoltischem Verlag die Union-Verlags GmbH Hamburg und ab 1949 dann die Hammonia-Verlag. Der Union-verlag gehörte nach Aussage von Frauheidi Oetinger »meinem Mann und seinem damaligen Teilhaber Dr. Tornieporth als Inhaber. Es gehörte auch noch eine Wohnungsbaugesellschaft dazu. Dieser Verlag ist Ende 1948/49 liquidiert worden[34]Das scheint jedoch anders gewesen zu sein, denn der erste Name »Union« stammt nach der Legende des Hammonia-Verlages aus der Gründungsphase des Verlages, der von den Freien Gewerkschaften (Ernst Rathlow, späterer DGB), dem Kulturbund (Senator a.D. August Kirch, spätere Volksbühne), sowie Erich Klabunde für den VerbandnorddeutscherWohnungsunternehmen und Dr. Adam Remmele für die GroßeinkaufgenossenschaftderDeutschenKonsumgenossenschaften 1946 ins Leben gerufen wurde. [35] 1949 änderte der Union-Verlag seinen Namen in Hammonia Verlags-GmbH. Beide Firmen sitzen im Pressehaus der SPD-eigenen Auer-Druck GmbH – und beide haben u.a. als Geschäftsführer Herrn Dr. Carl Torniport (oder auch Dr. Tornieporth). Interessant ist auch, daß beide Verlage bei vielen unterschiedlichen Druckereien haben »anschreiben« bzw. drucken lassen [36] und daß die Umschlaggestaltung immer von Scharnweber stammen.

Ab 1948 handelt es sich bei den zwei Verlagen um völlig voneinander unabhängige Firmen – das belegen jedenfalls die Handelsregisterauszüge: die Hammonia ist ein Fachverlag der Wohnungswirtschaft (Gesellschaftsvertrag vom 18. Dezember 1946; Tag der ersten Eintragung am 26. August 1948) mit einem Grundkapital von 120.000 DM und dem Wirtschaftsprüfer Dr. Joachim Teske als Geschäftsführer.

Es ist deshalb naheliegend, zu hinterfragen, ob es bei der Abrechnung gegenüber Rudolf Rocker und der GfB mit rechten Dingen zugegangen ist und ob nicht zwischen beiden Verlagen die Auflage verschoben und dadurch das Honorar manipuliert wurde. Dieser Verdacht drängt sich jedenfalls auf, da es mehrere Bücher gibt, die zwischen den beiden Verlagen ‚verschoben’ wurden und wohl auch in Zusammenarbeit mit dem Europa-Verlag, Zürich, publiziert wurden. [37]

Diese These stützt im Übrigen auch der vorliegende Bücherzettel aus dem Jahre 1949 (»Sozialistisches Schrifttum«) der die Bücher zusammen anbietet. In diesem Prospekt kostet Rockers zweibändiges Werk übrigens in Leinen 32, DM und in Halbleinen gebunden 28, DM. Sehr schön ist auch der einleitende Text: »Die gesamte Literatur der Arbeiterbewegung aber ist ein Opfer des hinter uns liegenden Systems geworden. Noch heute vermissen wir die Standardwerke der sozialistischen Literatur auf dem Büchermarkt. (…) Hier einen mutigen Vorstoß zu wagen und einen Beitrag zu leisten, hat sich der Verlag zur Aufgabe gestellt. (…) Auch in dieser Zeit hat das Wort Wilhelm Liebknechts seine große Bedeutung „Wissen ist Macht!“« [38]

Weil das anfängliche Ziel, sozialistische Literatur – hier war vor allem an Romane von Upton Sinclair gedacht – im Nachkriegs-Deutschland auf wenig Interesse stieß, änderte der Oetinger-Verlag1949 sein Programm und nutzte die einmalige Chance, die Kinderbücher von Astrid Lindgren exklusiv zu veröffentlichen. So ist es das Verdienst dieses kleinen, anfangs hauptsächlich auf freiheitlich-sozialistische Bücher ausgerichteten Verlages, Rudolf Rockers Hauptwerk undPippiLangstrumpf nach Deutschland gebracht zu haben – ein Buch für die kleinen und eines für die großen Menschen, beide geistiges Futter gegen scheinbare und scheinheilige Autoritäten … [39]

Weitere Versuche einer zweiten Auflage scheitern

Im August 1949 schreibt Hanke an Rocker, dass es dem Verlag, »wie so vielen, zurzeit finanziell sehr schlecht« gehe. Und er rät ihm deshalb, »Deine Beziehungen, die zu einer  Herausgabe des Buches auch in französischer Sprache führen, auszunutzen und das Angebot anzunehmen.« Der Verlag Oetinger hatte die geplanten Verhandlungen mit einem französischen Verlag nicht weiter verfolgt. [Hanke an Rocker, 6. August 1951]

Für das Jahr 1954 war sogar noch ein Rudolf Rocker-Kongress in Hamburg geplant, auf dem »dieErkenntnisseundSchlußfolgerungendesinternationalenKulturphilosophenRudolfRockerdiskutiertwerdenkönnten.AnKurtBommer,HeinBuck,OttoGerlach,KettyGuttmann,CarlLanger,AlfredRehtzundOttoReimersumnureinigegeistigtragendeReferentenundDiskussions-Redneralphabetischzunennenseibereitsheutegedacht« schreibt. [40]

Und 1967 trug sich die noch bis 1974 aktive Münchener FFS-Ortsföderation mit dem Gedanken, das Buch erneut herauszugeben. [41] Und außerdem stellte der Genosse Hans Weigl am 3. Juni 1967 die spannende Frage: »ErkundigeDichdochbittebeiReimers,obderHamburgerVerlag,derdamals(1948)dasWerkvonR.R.DieEntscheidungdesAbendlandesherausbrachte,dieVerlagsrechteabgegebenhatoderabgibt.« [42]

Die Auflage der Broschüren Rockers im FFS-eigenen DFG-Verlag lag da deutlich höher – von DerLeidenswegderZenslMühsam wurden 5 000 Exemplare (1949) und von den AbsolutistischenGedankengängeninderArbeiterbewegung (1950) immerhin noch 3 000 Stück gedruckt – Auflagen, von denen heutige anarchistische Publikationen nur träumen können …

EditionThélèmesitztaufdenRechtenvonRudolfundMillyWitkop-Rocker

Rudolf Rocker selbst kommentiert in seinem Vorwort von: »Das Buch sollte im Herbst 1936 in Berlin erscheinen …« [43] Nun, es erschien zuerst in spanischer Sprache 1936 in Barcelona als ‚Nacionalismo y cultura’, übersetzt von D.A. Santillan  – und 1937 in englischer Sprache als ‚Nationalism and Culture’ in New York [44].

Erst dreißig Jahre später, 1976, erfolgt durch den Vita Nova Verlag eine neue Ausgabe in der Schweiz [45], wahrscheinlich im Jahr darauf bringt der Bremer Impuls-Verlag einen Reprint der Ausgabe von 1949 (Band 1; Band 2 erschien wohl 1978 oder 1979). Eine genaue Urheberrechtsangabe fehlt hier ebenso wie das Erscheinungsjahr – die Oetinger-Ausgabe wird ohne deren Verlagsangabe im Offsetdruck nachgedruckt; die Angabe lautet schlicht »© Rudolf Rocker«. Beide Bände erscheinen unter dem ursprünglichen Titel ‚Nationalismus und Kultur’.

Der Verlag Edition Thélème des Historikers Heiner Becker und des Druckers Klaus Stowasser brachte das Buch schließlich in einem Band von 666 Seiten erneut gut zwanzig Jahre später, 1999 heraus, neu gesetzt und ergänzt durch ein Nachwort Beckers, sowie mit einer (unvollständigen) Bibliografie der Werke Rockers und einem Register. Die Finanzierung dieses umfangreichen Werkes verdankte Becker der damaligen FAU Hamburg und einem Mitglied, das 20.000 DM als Darlehen zur Verfügung stellte. [46]

Ausblick – Fazit

Im übrigen erfahren wir über die wiederholten Verhöre Rockers durch US-Untersuchungsbeamte und die Androhung der Ausweisung aus den USA nur zwischen den Zeilen der Briefe seiner Freunde etwas. [47]

Gegen Ende seines Lebens schreibt Rudolf Rocker im Schlußwort seiner Lebenserinnerungen: »Ich bin zufrieden, daß es mir vergönnt war, dieses Buch (…) zu Ende zu bringen. Das will jedoch nicht besagen, daß damit meine Tätigkeit ihr Ende erreicht hätte. Noch lebe ich, was für mich dasselbe bedeutet wie: Noch kämpfe ich. Wer das Leben anders auffaßt, hat es schlecht verstanden.«

Als 78-jährigem Mann (1951) stand ihm der Verlust seiner Lebensgefährtin Milly im Jahre 1955 erst noch bevor – und dennoch kämpfte er weiter, denn er hatte zwischenzeitlich bereits ein weiteres Buch geschrieben, ‚Max Nettlau, el Herodoto de la Anarquía’, das 1950 in Mexiko erschien – und erst 1978 in Deutschland als ‚Max Nettlau: Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegung’ im Westberliner Karin Kramer Verlag.

Für Rockers ‚Erinnerungen’ suchte Georg Hepp noch im September 1957 einen deutschen Verleger für den in England veröffentlichten, gekürzten mittleren Band (zuerst erschien dieser Teil als ‚In Sturm’ auf jiddisch 1952, englisch dann als ‚The London Years’ 1956). [48]

Ein weiteres Manuskript, das er kurz vor seinem Tode am 13. September 1958 als 85-Jähriger in Crompond, New York, noch fertigstellte, ist umstritten. Weder der Titel noch der Umfang dieses Werkes sind bekannt, allerdings schreibt D.A. Santillan im Nachwort zu dem bei Suhrkamp 1971 erschienen Auszug aus Rockers Memoiren: »Noch vor ihrem Abschluß gab er uns das Versprechen, eine Botschaft an die junge Generation zu hinterlassen, in der er ihr sagen wollte, daß die Epoche, in die wir eingetreten waren, nicht mehr die gleiche ist, die wir einst gekannt hatten, und daß daraus Konsequenzen zu ziehen seien; es müßten neue Taktiken und Formen des Kampfes studiert werden, um mit den veränderten geschichtlichen Bedingungen fertig zu werden Rocker teilte uns mit, daß er so weit war, diese Botschaft, auf die wir alle mit Spannung warteten, niederzuschreiben.« Santillan schreibt jedoch, daß Rocker aufgrund seiner mittlerweile eingetretenen vollständigen Blindheit und Taubheit diese Arbeit nicht mehr vollenden konnte, es sei ihm unmöglich gewesen, »sich auf diese Arbeit zu konzentrieren.« [49] Doch im April 1957 schrieb er: »Dein Buch (…) muß man in derselben Format wie Nacionalismo und die Memoiren rausbringen. (…) aber solches Buch von Dich, mit welcher ich in vornherein einverstanden bin, und einige Kapitel schon gelesen habe, werde ich gern übersetzen. Sobald Du fertiges Material hast und willst es schicken, werde ich in Ordnung bringen; so, wenn Du der Umarbeitung beendet hast, ist meine Aufgabe auch zu Ende und kann sofort an die Druckerei gehen.« [Santillan an Rocker, 23. April 1957]

Also – wurde sein letztes Werk wohl doch noch fertig.

Zwei Jahre nach Rockers Tod, im Jahre »1960 erhielt das IISG den ersten Teil des Rocker-Nachlasses von seinem Sohn Fermin Rocker. Dieser Teil umfasste viele Briefe von und an Rocker, unter anderem seine Korrespondenz mit Max Nettlau, Emma Goldman und Alexander Schapiro und die Manuskripte seiner Bücher. Mehrere Ergänzungen folgten ab 1961, die letzte 1993.« [Rocker Papers, IISG] Die Nazis hatten 1933 in Berlin bereits vieles verbrannt, bevor es als niederländisches Staatseigentum vor den Flammen gerettet werden konnte, da Rocker dem Vorläufer des Amsterdamer IISG, dem Ökonomisch-Historischem Archiv im Haag seine Bibliothek bereits vor seiner Flucht verkauft hatte [50].

Wir fragen uns nun, wann z.B. Rockers jiddischsprachige Beiträge für die New Yorker Freie Arbeiter-Stimme aus den Jahren nach dem II. Weltkrieg ins Deutsche übersetzt werden können. Leider scheint es gewiß, daß das Publikum bis ins Jahre 2029 warten muß, bis der Inhaber der Urheberrechte [die erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors erlöschen] an dem Werk von Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker, Herr Heiner Becker, die Neu- und Wiederveröffentlichung ihrer Werke nicht mehr verhindern kann. Es ist mehr als bedauerlich, daß unter dem Vorwand, das Werk Rockers »schützen zu wollen«, die Schriften dieses großen, nie »fertigen Menschen« [51] in der Hand eines Mannes verbleiben, der die Übertragung des Vermächtnisses nicht als Verpflichtung zur Veröffentlichung auffaßt, sondern als sein Privatvermögen.

Folkert Mohrhof

Dank an das Amsterdamer IISG, das den Briefwechsel Hankes mit Rocker zur Verfügung stellte, an Helge Döhring für weiteres Briefmaterial und Hans-Jürgen Degen für Dokumente aus seinem Privatarchiv.

Quellen:

Archive:

Bundesarchiv Berlin

• BA R 58 764

InstituutvoorSocialeGeschiedenis Amsterdam (IISG)

RudolfRockerPapers:

• Nr. 84: Briefwechsel Dingler
• Nr. 104: Briefwechsel August Gais

• Nr. 136: Briefwechsel Koch

• Nr. 188: Briefwechsel Rüdiger (Schreiben Verlag Oetinger 1947)

• Nr. 192: Briefwechsel D.A. Santillan

Privatarchiv Hans Jürgen Degen Berlin (PA Degen)

Zeitschriften:

Besinnung und Aufbruch. Monatsblätter freiheitlicher Bücherfreunde, Berlin 1929 – 1933

Die Freie Gesellschaft, Zeitschrift der Föderation freiheitlicher Sozialisten, Darmstadt 1949-1953

Die Internationale. Zeitschrift für revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau. Hrgg. von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (AS), Berlin 1927 – 1933

Die Gilde, Zeitschrift der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde, Darmstadt 1948 – ??

Die Internationale. Neue Folge. Herausgegeben vom Sekretariats der Internationalen Arbeiter-Assoziation. Ab Nr. 2: Organ der Deutschen Anarchosyndikalisten. Herausgegeben unter Mitwirkung des Sekretariats der Internationalen Arbeiter-Assoziation (unter dem Tarntitel Deutschtum im Ausland), Amsterdam – Stockholm – Paris – Barcelona 1934 – 1935

Literatur:

• Günther Bartsch, Anarchismus in Deutschland, Band 1 und 2/3, Hannover 1972 (Fackelträger)

• Heiner Becker, Nachwort [zu Rocker, Nationalismus und Kultur, Münster 1999]

• Hans Jürgen Degen, AnarchismusinDeutschland19451960.DieFöderationfreiheitlicherSozialisten. (Klemm & Oelschläger). Münster/Ulm 2002 (AiD)

• Mina Graur, An ‚anarchist rabbi‘: the life and teachings of Rudolf Rocker, Ann Arbor 1989 (UMI)

• Rudolf Rocker, Die Entscheidung des Abendlandes, 2 Bde., Hamburg 1949 (Oetinger) (EdA)

• Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur. Die Entscheidung des Abendlandes, 2 Bde., Zürich 1976 (Vita Nova)

• Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur, 2 Bde., Bremen o. J. [1977/9] (impuls) [fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1949]

• Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur. Münster 1999 (Edition Thélème)

• Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Herausgegeben von Magdalena Melnikow und Hans Peter Duerr. Einleitung von Augustin Souchy. Nachwort von Diego Abad Santillan, Frankfurt/M 1974 (edition suhrkamp 711)

• Diego Abad de Santillan, Nachwort [zu Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten

• Peter Wienand, Der geborene Rebell. Rudolf Rocker. Leben und Werk, Berlin 1981 (Karin Kramer)

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