Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Sowjetgranaten 1926

Montag, 5. Dezember 2011 – en memoriam 5.12.1926

Vor 85 Jahren:
Sowjetgranaten für die deutsche Reichswehr

Die hier veröffentlichten Dokumente sind ein Auszug aus einer umfangreichen Publikation, die voraussichtlich im Frühjahr 2012 vom Archiv Karl Roche herausgegeben wird.

I.
Der 5. Dezember 1926, ein Sonntag, war kein guter Tag für die deutsche und die russische Regierung, die deutsche Reichswehr und die Führung der KPD. Das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, der Berliner Vorwärts, brachte einen Artikel unter der Überschrift »Sowjetgranaten für Reichswehrgeschütze!«, der aus dem liberalen britischen Manchester Guardian übernommen wurde. Die Enthüllungen des Manchester Guardian lösten eine breite Debatte aus, führten zu merkwürdigen Schulterschlüssen und Allianzen und zum Sturz der Reichsregierung. Sie führten allerdings nicht, so viel sei schon verraten, zum Abbruch der militärischen Zusammenarbeit zwischen der deutschen Reichswehr und der sowjetischen Roten Armee. Die wurde erst Ende 1933 beendet, fast ein Jahr nach der Machtübergabe an die NSDAP.

II.
Die drei hier abgedruckte Dokumente können dem ersten Anschein nach widersprüchlicher nicht sein. Das erste stammt aus der Sozialdemokratischen Parteikorrespondenz, ein 1930 entstandener Rückblick, das zweite ist die erste Stellungnahme des Syndikalist vom 11. Dezember 1926, das dritte ein Artikel von Erich Mühsam. Der Punkt ist: die von der sozialdemokratischen Presse über die ‘Sowjetgranaten’ veröffentlichten Fakten stimmen. Das hat die nichtbolschewistische revolutionäre Linke anerkannt.

Es gehört zu den Zynismen der Geschichte, daß ausgerechnet aus der Sozialdemokratie diese Affäre aufgedeckt wurde. Denn es war die Sozialdemokratie, die nicht nur für das Scheitern der Novemberrevolution 1918 sorgte, sondern mit dem Abkommen Ebert-Groener den militärische Sumpf anlegte, in dem die konterrevolutionären und antirepublikanischen Gewächse legal und illegal gediehen. Und die die regulären wie irregulären Truppen der Konterrevolution auf die aufständischen ArbeiterInnen hetzte. Erich Mühsam brachte das auf den Punkt: »Wenn der Vorwärts also, der den Reichswehrkrieg gegen Sachsen organisieren half und stets gebilligt hat, jetzt darüber tobt, daß die sächsischen Arbeiter mit Sowjet-Granaten massakriert worden seien, so gehört es sich, ihn anzuspucken

Inwieweit der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert und andere führende Sozialdemokraten über die geheimen Geschäfte zwischen Reichswehr und Sowjetarmee seit 1920 Bescheid wußten, ließ sich bisher nicht zweifelsfrei klären. Es spricht jedoch einiges dafür.

III.
Die Zusammenarbeit zwischen Roter Armee und Reichswehr begann etwa 1920. Sie war selbstverständlich geheim, weil sie sowohl die deutschen Militärs wie die russischen Bolschewiki kompromittiert hätte – die einen wegen des Verstoßes gegen den Versailler Vertrag, die anderen wegen des Verrats an der Weltrevolution.

Einer der tragenden Pfeiler dieser Zusammenarbeit war die gemeinsame Feindschaft gegen Polen.  Die Niederlage der sowjetischen Truppen im so erfolgreich begonnenen Polenfeldzug des Jahres 1920, das ‘Wunder an der Weichsel’, und der daraus resultierende Verlust großer Teile Weißrußlands und der Ukraine war für die bolschewistische Staatsmacht eine traumatische Erfahrung. Hier traf man sich mit der deutschen Militärführung, die die Gründung eines unabhängigen Polen nie akzeptiert hatte und die im Versailler Vertrag verfügten Abtretungen von Westpreußen (dem Polnischen Korridor) und Teilen Schlesiens sowie die Abtrennung Danzigs unter Verwaltung des Völkerbundes rückgängig machen wollte (womit sie sich im Einklang mit der Mehrheit der deutschen Bevölkerung befanden). Für die deutschen wie russischen Militärs und Politiker war dieses Polen, als einer der engsten Verbündeten Frankreichs, eine permanente Bedrohung.

Für die Bolschewiki war die Ostorientierung der deutschen Militärs und Teilen der herrschenden Klassen – pikanterweise gerade der reaktionärste Teil, der sich um die DNVP gruppierte – eine Garantie dafür, außenpolitisch nicht vollständig isoliert zu sein, während das deutsche Militär in  Rußland einen potentiellen Verbündeten für einen Revanche-Krieg gegen Frankreich sah. Zudem hoffte man, Einfluß auf das russische Offizierskorps zu gewinnen (es wurde durchaus darüber spekuliert, daß das Militär die Macht übernehmen könnte); und schließlich war auch der ökonomische Aspekt im Blick, nämlich eine Monopolstellung beim Wiederaufbau der sowjetischen Rüstungsindustrie zu erlangen.

Ein weiterer Pfeiler war das Interesse beider Armeen, nicht den Anschluß an die Entwicklung der militärischen Technologie und der sich daraus ergebenden Kriegsstrategien und -taktiken zu verlieren. Dem deutschen Militär verbot der Versailler Vertrag die Nutzung verschiedener neuer Waffensysteme, die im 1. Weltkrieg entwickelt worden waren (Flugzeuge, Panzer, Giftgas), ihre Kriegstauglichkeit erwiesen hatten (z.B. U-Boote) oder für eine offensive Kriegsführung notwendig waren (wie mobile schwere Artillerie). Für die russische Rote Armee bestand dagegen die Notwendigkeit, erstmal überhaupt den Anschluß an das technologische ‘Weltniveau’ bekommen, was ihnen – dem scheinbaren Hort der Weltrevolution – von den Siegermächten des ‘Großen Krieges’ verwehrt wurde. Die beiden Verlierer des 1. Weltkrieges fanden nicht in einer Liebesheirat, sondern zu einem Zweckbündnis zusammen, wovon beide Seiten durchaus profitierten.

IV.
Für Deutschland (Regierung und Militär) waren die Enthüllungen des Manchester Guardian, und in derem Gefolge des Vorwärts, Anfang Dezember 1926 sehr unangenehm. Die Reichswehr stand schon seit dem August 1925 im nationalen wie internationalen öffentlichen Fokus, als die Existenz der illegalen ‘Schwarzen Reichswehr’ aufgedeckt wurde. Besonders brisant wurde die Geschichte, weil im Dezember 1926 die Verhandlungen in Genf um den Abzug der Interalliierten Kontrollkommission und die endgültige Regelung der deutschen Entwaffnung vor dem Abschluß standen. Innenpolitisch stand die Reichsregierung, die seit Jahresbeginn über keine parlamentarische Mehrheit mehr verfügte, ebenfalls unter Druck. Man verhandelte deshalb mit der SPD über die Bildung einer großen Koalition.

V.
Das Material, auf dem die Artikel des Berlin-Korrespondenten des Manchester Guardian, Frederick Augustus Voigt, basierten, stammte mit Sicherheit aus der SPD. Da war zum einen die Junkers-Denkschrift, die in Frühjahr 1926 unter verschiedenen Reichstagsabgeordneten verteilt worden war, dann die Informationen über die Giftgasproduktion der Firma Stoltzenberg, die von zwei sozialdemokratischen Arbeitern stammte, die in Rußland beschäftigt gewesen waren, und schließlich war der sozialdemokratische Polizeipräsident von Stettin, Paul Fenner, von Amts wegen über die Munitionstransporte informiert.

Die Lancierung dieses Materials an die Öffentlichkeit war allerdings ganz sicher nicht im Sinne der Parteiführung und des Vorstands der Reichstagsfraktion, da die SPD-Führung diese Informationen eigentlich dazu nutzen wollte, um wieder an den Regierungstisch zu kommen – und den äußerst umstrittenen Reichswehrminister Geßler loszuwerden, aber die Veröffentlichung der Sowjetgranaten-Affäre erschwerte diese Verhandlungen für die SPD, denn sie verlor ihr Material für einen Deal – eben die Geheimhaltung dieser Informationen.

Nach der Veröffentlichung hielten die Parteiführung und Fraktionsvorstand nur noch einen Trumpf, nämlich in der außenpolitischen Debatte, die am 16. Dezember im Reichstag stattfinden sollte, äußerst zurückhaltend aufzutreten. Dies wurde allerdings durch die sozialdemokratische Reichtagsfraktion umgestoßen, und Philipp Scheidemanns große Rede am 16. Dezember war eine Generalabrechnung mit der Reichswehr und ihren illegalen Aktivitäten. Die große Koalition hatte sich damit allerdings erledigt. Am folgenden Tag wurde die Regierung Marx gestürzt – um wieder aufzuerstehen mit Hilfe der DNVP. Die Sozialdemokratie kam erst im Jahre 1928 wieder in den Genuß, am Kabinettstisch sitzen zu dürfen.

VI.
Für die KPD war die Affäre eine überaus peinliche Angelegenheit. Sie saß in einer Zwickmühle, aus der sie nicht herauskam. Erich Mühsam schrieb im Fanal: »Da wurde denn heute bestätigt, was gestern abgeleugnet, heute bestritten, was gestern schon zugegeben war und damit aufs unzweideutigste bekundet, daß man das, was man verteidigte, keineswegs als harmlos, gleichgültig oder auch nur entschuldbar empfand

• Jonnie Schlichting

Editorische Notiz

Die Texte sind ein unveränderter Nachdruck der Vorlagen; offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, sonstige Eingriffe werden in den Anmerkungen nachgewiesen. Sämtliche [eckigen Klammern] im Text sowie alle Anmerkungen sind vom Bearbeiter. Zur besseren Zitierfähigkeit sind die Seitenzahlen der Vorlage [fett in eckigen Klammern] in den Text eingefügt.

 

 

Dokument 1

Die Sowjetgranaten.

Der »Manchester Guardian« berichtete Anfang Dezember 1926:

»Es ist eine Tatsache, daß von den Junkers-Werken in Rußland eine Flugzeugfabrik erbaut worden ist, um Militärflugzeuge sowohl für deutschen wie für russischen Gebrauch herzustellen. Maßnahmen wurden auch von deutschen und russischen Militärsachverständigen ergriffen, um chemische Fabriken in Rußland zur Herstellung von Giftgasen für beide Länder zu errichten. Diese Arbeiten begannen mindestens vor fünf Jahren, aber sie sind seitdem stets in Gang gewesen. Um die notwendigen Arbeiten durchzuführen, sind Reichswehroffiziere nach und aus Rußland mit falschen Pässen gereist, die von den russischen Behörden mit dem nötigen Visum versehen wurden. General v. Seeckt stand mit den Russen in den denkbar besten Beziehungen, besonders mit hervorragenden Offizieren der Sowjetarmee. Es ist anzunehmen, daß ihm die oben genannten Tatsachen nicht [315] unbekannt waren. Wie weit der Reichswehrminister Dr. Geßler von ihnen wußte, ist noch unbekannt. Die Haltung Rußlands gegenüber General v. Seeckt erfährt eine interessante Beleuchtung durch einen Bericht des russischen Botschafters in Berlin an seine Regierung, als eine deutsche Abordnung von Ostpreußen Moskau besuchte. Die Mitglieder dieser Abordnung wurden einzeln beschrieben. Diejenigen, die zu der Deutschnationalen Partei gehörten, wurden in freundlichster Weise empfohlen. Die Angehörigen der Deutschen VoIkspartei wurden weniger freundlich geschildert, da sie der Linken näher stünden. (!!) In diesem Bericht wurde auch angeregt, daß Moskau den ostpreußischen Besuchern mitteilen möge, daß der Rücktritt des Generals v. Seeckt sehr zu bedauern sei. Es wurde auch angeregt, daß durch diese Besucher von Ostpreußen aus die Opposition gegen den deutschen Außenminister in Gang gebracht werden könnte. Eine recht beunruhigende Tatsache ist es auch, daß im November dieses Jahres mehrere Schiffe aus Rußland in Stettin anlangten. Es waren, soviel ich weiß, im ganzen sechs, obschon einige kleinere Segelschiffe waren. Eins ging auf der Reise unter. Ihre Ladungen bestanden aus Waffen und Munition, offenbar für die Reichswehr bestimmt.

Die Frage ist: Bis zu welchem Grade kann die deutsche Regierung dafür verantwortlich gemacht werden? Diese Dinge waren im Gange mit dem Einverständnis von Reichswehroffizieren und zum mindesten einiger hoher Beamten des Reichswehrministeriums. Sie liegen in der Linie der von den Deutschen in Rapallo begonnenen Politik, vertragen sich aber nicht mit der Politik des gegenwärtigen Außenministers Dr. Stresemann, der alles andere als russophil ist. Er und die deutsche Regierung als Ganzes können daher nicht verantwortlich gemacht werden, für Dinge, die jetzt erst ans Tageslicht gekommen sind. Die deutsche Regierung ist durchaus ehrlich über sie betroffen und wird ihnen sofort ein Ende bereiten, so daß sie, so sensationell sie auch scheinen mögen, bald zu den vergangenen Dingen gehören werden.

Eine höchst merkwürdige Erscheinung in dem Feldzug gegen Geßler ist die verhältnismäßige Schweigsamkeit der deutschen Kommunisten, die die Reichswehr und die geheimen Militärverbände bisher immer als ihre schlimmsten Feinde betrachtet haben. Die Kommunisten haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, die Reichswehr anzugreifen und wirkliche oder vermeintliche Skandalaffären in der Armee, im Reichswehrministerium oder in den Geheimverbänden aufzudecken.

Dr. Geßler selbst ist ganz besonders der Gegenstand ihres Hasses und ihrer Satire gewesen. Aber jetzt handeln sie mit einer Mäßigung und Zurückhaltung, die man nicht genug loben könnte, wenn sie aus einer mäßigen Gesinnung entsprungen wären. Aber was ist nun die Erklärung dafür? Es gibt nur eine einzige: Rußland ist in die ungesetzliche Betätigung der deutschen Monarchisten und Gegenrevolutionäre verwickelt. In ihrer Knechtseligkeit gegenüber Moskau haben die Kommunisten Angst davor, daß diese Tatsache bekannt wird.«

Der Artikel 170 des Friedensvertrages [von Versailles] sagt klar und unzweideutig: »Die Einfuhr von Waffen, Munition und Kriegsgerät jeder Art nach Deutschland ist ausdrücklich verboten.« Danach kann kein Zweifel daran bestehen, daß eine solche Einfuhr eine Verletzung des Friedensvertrages darstellt, die die Regierung sofort zu unterbinden verpflichtet ist, wenn sie von ihr erfährt. Sie hatte es nicht erfahren, die Reichswehr hatte hier ihre eigene Politik betrieben, die, wenn sie früher ans Tageslicht gekommen wäre, ein Beweis für die Unehrlichkeit der deutschen Politik war. Glücklicherweise hatte inzwischen die deutsche Politik Vertrauen in der Welt erobert.

Die deutschen Kommunisten lieben es, alles, was in Deutschland Waffen trägt, als »die bewaffnete Gegenrevolution« zu bezeichnen. Auf die Reichswehr trifft diese Bezeichnung leider in gewissem Maße zu. Darum stehen wir vor einer Tatsache, die auf jeden kommunistischen Arbeiter wie ein Keulenschlag auf den Schädel wirken muß:

Rußland bewaffnete die deutsche Gegenrevolution!

Der »Manchester Guardian« setzte seine Enthüllungen fort. Er zeigte die Verträge auf, die von Reichswehrstellen mit den Junkerswerken zur Einrichtung von Flugzeugfabriken in Rußland abgeschlossen waren. Wie andere Kriegsindustrien und Giftgasfabriken in Rußland nach deutscher Anweisung errichtet worden sind. Schließlich mußte die Verbindung mit der Reichswehr liquidiert werden.

Der Bericht des »Manchester Guardian« ließ erkennen, daß die Redaktion des englischen Blattes in den Besitz einer vertraulichen Denkschrift gelangt ist, die die [316] Junkers-Werke im Frühjahr 1926 herausgegeben hatten, um ihre von der Regierung stark bestrittenen Ansprüche zu begründen.

Der Geheimvertrag zwischen Junkers und der Reichswehr wurde im Reichswehrministerium in der Bendlerstraße unterzeichnet, und zwar mit den falschen in Rußland geführten Namen. Aus den gleichen Geheimhaltungsgründen haben sich die Reichswehroffiziere auch nicht gescheut, mit falschen Pässen nach Rußland zu reisen.

Wie eng die Zusammenarbeit zwischen

Bolschewisten und Reichswehr
war, geht schlagend aus der Vorgeschichte des Geheimvertrages hervor. Im Schriftsatz des Geheimrat Schreiber heißt es darüber:

» … d) Im Dezember 1921 wurde eine Gemischte Kommission, bestehend aus den Herren Major a. D. Dr. v. Niedermayer und Oberstleutnant Schubert für das Reichswehrministerium, Spalock und Sachsenberg für Prof. Junkers nach Moskau entsandt, um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu untersuchen und gegebenenfalls ein vorläufiges Abkommen mit den Russen zu schließen.

Vor seiner Ausreise nach Moskau hatte der später vom Reichswehrministerium nachgesandte Direktor Pohl am 28. Januar 1922 mit Prof. Junkers in Berlin eine Unterredung, bei der er ausdrücklich nochmals versicherte, daß nach Angabe des Generals Hasse die finanzielle Frage vollkommen zur Zufriedenheit von Prof. Junkers geregelt werden würde.

In Moskau verlangten dann die Russen ein schriftliches deutsches Angebot unter Angabe der Höhe des reinen Betriebskapitals, welches außer den fabrikatorische Einrichtungen dort zur Verfügung stehen würde. Die Herren Dr. v. Niedermayer und Direktor Pohl erklärten darauf den Herren Spalock und Sachsenberg, daß sie Vollmacht hätten, als reines Betriebskapital 600 Millionen zuzusagen. Da Prof. Junkers die voraussichtlichen Kosten der Einrichtung im übrigen auf etwa 400 Millionen Mk. angegeben hatte, entsprach das einer Zusage, in Rußland eine Milliarde Papiermark, das waren damals 21 Millionen Goldmark zu investieren. Die entsprechende Offerte wurde darauf den Russen schriftlich mit den Unterschriften der Herren Dr. v. Niedermayer, Sachsenberg und Spalock gemacht. Sie hat im weiteren Verlauf der Dinge eine große Rolle gespielt, weil sie für die Russen die unverrückbare Grundlage bot, auf der sie allein weiter verhandelten.«

Schließlich ist es dann auch zu dem Abschluß eines Vertrages mit der russischen Regierung gekommen, so wie er von dem Reichswehrministerium im letzten Paragraphen des Vertrages im März 1922 gefordert worden war.

Die »Rote Fahne« leugnet.

Diese Verträge und die ihnen folgenden Tatsachen der Reichswehrpolitik zeigten aber auch einen Verrat der Komintern an der deutschen Arbeiterschaft, weshalb die Kommunisten alles abstritten. Die Montagsnummer 46 vom 6. Dezember 1926 der »Roten Fahne« schrieb:

»Wenn man das liest, so könnte man glauben, daß sich ein entsprungener Tollhäusler der »Vorwärts«-Redaktion bemächtigt habe …

Der »Vorwärts« glaubt wohl, daß die Arbeiter all die Erlebnisse der letzten Jahre vergessen hätten, daß er es wagt, ihnen jetzt einen derartigen unerhörten Artikel wie in der gestrigen Sonntagsnummer vorzusetzen.«

In einer anderen Nummer, und zwar vom Montag, den 13. Dezember 1926, schreibt sie wieder:

»Die »Bombenflugzeuge« aus Sowjetrußland, die ebensowenig wie die »Sowjetgranaten« existieren, sind nicht die Mittel, die der deutschen Reichswehr zur Niederschlagung der deutschen Arbeiter zur Verfügung stehen.«

Die Sowjetgranaten lagen den Kommunisten doch schwer auf dem Magen. Trotzdem gab der Kommunist Pieck am 15. Dezember 1926 folgende Erklärung im [Preußischen] Landtage ab:

»Der von dem Abgeordneten Kuttner verlesene Brief wurde von Geminski geliefert, um als »Beweisstück« für die angebliche Waffen- und Munitionslieferung der Sowjetunion an die Reichswehr zu dienen. Dabei hat sich der Dokumentenfälscher nicht einmal die Mühe gegeben, die Adresse der Commerz- und Industriebank der USSR. richtig wiederzugeben, denn einen Karmulin-Platz gibt es in Moskau nicht, wohl aber einen Karunin-Platz.

[317] Im übrigen enthält der Schwindel von der Waffen- und Munitionslieferung an die deutsche Reichswehr noch dadurch eine Illustration, daß gleich hinterher in derselben englischen Zeitung »Manchester Guardian’« neue »Enthüllungen« über Waffenlieferungen aus Deutschland nach England gemacht werden. Die mit diesem Schwindel verfolgten Absichten sind so offenkundig, daß es in Deutschland nur der sozialdemokratischen Presse vorbehalten blieb, sie zu einer Hetze gegen Sowjetrußland zu benutzen und damit den imperialistischen Kriegshetzern in die Hände arbeiten.«

Abg. Kuttner: Abg. Pieck hat meinen Brief als gefälscht bezeichnet. Als Beweis dafür führt er den »Vorwärts« an, der in einem Druckfehler die Adresse der Sowjet-Commerz- und Industriebank mit »Karmulin-Platz« statt, wie von mir richtig verlesen, »Karunin-Platz« angegeben hat. Der von Pieck genannte angebliche Fälscher des Briefes ist mir völlig unbekannt. Für die Echtheit spricht die Tatsache, daß tatsächlich von dem von mir genannten Zeitpunkt an die eingezahlten Gelder nicht direkt nach Moskau, sondern über New York gingen. So am 4. Dezember 1926 etwa 1,7 Millionen Reichsmark. Kurz nach meiner Rede am 10. Dezember haben die beiden von mir genannten Berliner Banken nachforschen lassen, ob der von mir verlesene Brief noch bei ihren Akten ist. Die Dresdner Bank hat ihr Exemplar gefunden; das der Danat-Bank ist verschwunden. Die Direktion hat danach eine Untersuchung eingeleitet. Nach erregten Aussprachen in der Direktion sind die Konten der »Gefu«[1] aufgelöst und auffälligerweise von der Seehandlung übernommen worden. Darüber hinaus hat auch der Reichswehrminister bisher nichts dementiert.

Abg. Pieck: Die Angaben Kuttners bleiben unwahr. Die »Gefu« hat im September 1926 überhaupt nicht mehr bestanden …

Abg. Kuttner: Die »Gefu« hatte sich damals allerdings in »Wiko« (Wirtschaftskontor) umgetauft. (Pieck ruft: Jetzt kommen Sie der Sache näher! – Schallende Heiterkeit.) In Rußland hieß sie weiter »Gefu«, und ihr Leiter van der Lieth hatte nach wie vor einen Sonderpaß der Sowjetre­gierung. Daß auf Grund eines gefälschten Briefes zwei D-Banken[2] monatelang über 2 bis 3 Millionen Mark disponiert hätten, glaubt Herrn Pieck nicht einmal ein Verrückter.

Abg. Pieck: Gewiß ist etwas faul bei Herrn Geßler. Aber was beweist das gegen Sowjetrußland?«

Inzwischen wurden vom »Vorwärts« die bezahlten Quittungen veröffentlicht, die die Waffenlieferung bewiesen. Der Abgeordnete Kuttner verlas im Preußischen Landtage Schriftstücke, die die Waffenlieferung zur Evidenz bewiesen.

Briefe aus Rußland.

Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Organisation von Groß-Berlin, Reichstagsabgeordneter Genosse Künstler, bekam Protokolle deutscher Arbeiter aus der Giftgasfabrik in Trozk, ebenso Passierscheine für das Betreten der Fabriken. Die Arbeiter schrieben:

»Ja, man drohte uns wiederholt mit der Tscheka, die uns nicht wieder lebend aus Rußland herauslassen würde, wenn wir etwas nach Hause schrieben. Dann drohte man uns auch mit Landesverratsprozessen in Deutschland. Wir mußten einen Kontrakt unterzeichnen, der folgenden Wortlaut hat:

‘Es wird Ihnen ausdrücklich zur Pflicht gemacht, über sämtliche Ihnen in Rußland direkt oder indirekt bekannt werdende Vorgänge sowie über Ihre Tätigkeit und über alle Ihnen bekannt werdenden Geschäftsvorkommnisse nach außen hin sowie auch im Betriebe selbst das strengste Stillschweigen zu bewahren, wie Ihnen auch strengstens Veröffentlichungen und Vorträge irgendwelcher Art ohne Ausnahme untersagt sind. Verstöße hiergegen ziehen sofortige Entlassung und evtl. Schadenersatzanspruch und rücksichtslose Ahndung durch die in Frage kommenden Gerichte nach sich.’«

Auch die Arbeiter, welche in Stettin Ende September und Anfang Oktober 1926 die Schiffe entladen hatten, machten ihre Aussagen. Die Arbeiter erhielten 40 Mk. Tagelohn[3]. Ein Schiff brachte 350.000 Granaten und kam direkt von Leningrad.

Die Kommunisten glaubten noch an die Möglichkeit einer Verschleierung. Ihr Hallisches Blatt »Der Klassenkampf« nannte den Genossen Künstler einen Lügen-Künstler. Damit war Gelegenheit gegeben, die Sache am Gericht aufzurollen. Aus den

Verhandlungen des Auswärtigen Ausschusses

vom 23. Februar 1927 wußte das »Berliner Tageblatt« zu berichten:

[318] »Die gestrigen Verhandlungen im Auswärtigen Ausschuß haben neues Material, abgesehen von der gestrigen Veröffentlichung des »Vorwärts« über Ueberweisung von 50.000 Dollars des sogenannten Wirtschaftskontors, nicht mehr gebracht. Wohl aber konnte man aus den Erklärungen der Vertreter der Reichsregierung entnehmen, daß offenbar im großen und ganzen das veröffentlichte Material über die Beziehungen von gewissen Stellen des Reichswehrministeriums zu mehr oder weniger amtlichen Organen der Sowjetrepublik den Tatsachen entspricht. Die Veröffentlichungen des »Manchester Guardian” über diese Beziehung und die späteren Veröffentlichungen in einem Teil der deutschen Presse entsprechen, wie sich zeigte, abgesehen von Einzelheiten der Sachlage.«

Daß die Sowjet-Waffenproduktion auch anderweitig reaktionären Bestrebungen dienstbar gemacht war, zeigt folgende Meldung:

»Am 8. Mai 1925 äußerte sich die »Krasnaja Swesda«, ein den militärischen Kreisen Sowjetrußlands nahestehendes Blatt über die Verwendung von Sowjetflugzeugen. Sie erzählte, wie man von Sowjetflugzeugen, die von Sowjetfliegern gelenkt werden, Sowjetbomben auf die aufständischen Untertanen des persischen Schah herabgeworfen habe! Zur Beruhigung seines kommunistischen Gewissens wies das offiziöse Blatt darauf hin, daß die Bomben allerdings nicht von Russen, sondern von persischen Offizieren geschleudert wurden!«

Aber die Russen hatten Flugzeuge, Bomben und Flieger geliefert.

Der offizielle Redner der Scholem-Fraktion[4] erklärte im Reichstag:

»Ich sage nicht, daß die Bewaffnung der Reichswehr durch Rußland nicht wahr ist. – Aber wir sind keine Philosophen, die die »absolute Wahrheit« suchen, sondern wir stellen die Frage politisch, das heißt, die Frage steht für uns so: Ist es für das Proletariat nützlich oder schädlich, die Frage überhaupt zu stellen? Diese Frage beantwortet die Fraktion mit Nein!«

Ein offener Brief.

Der geschäftsführende Ausschuß der Kommunistischen Arbeiterpartei richtete in der »Kommunistischen Arbeiterzeitung«, Nr. 2 1927, einen Offenen Brief an die Zentrale der KPD. über die Sowjetgranaten. Es heißt darin:

»Die wichtigste Frage für das revolutionäre Proletariat jedoch ist: ist es wahr, daß die Bourgeoisie im Einverständnis mit der russischen Regierung sich von privatkapitalistischen Firmen eine Kriegsindustrie auf russischem Boden zum Zweck ihrer Bewaffnung bauen ließ?

Wir behaupten auf Grund von Dokumenten, die eure Presse totschweigt, sowie auf Grund ihrer eigenen Zugeständnisse, daß die Bewaffnung der deutschen Konterrevolution durch Rußland, wo ihre Kriegsindustrie ist, eine Tatsache ist.«

Es folgt eine Reihe von Beweisen, die unter folgenden Gesichtspunkten gruppiert sind: l. Geständnisse der deutschen Bourgeoisie, 2. Geständnisse der KPD. und bolschewistischen Presse, 3. die Ausrüstung Deutschlands durch Rußland ist eine Selbstverständlichkeit nach dem Programm der Komintern und KPD. Zum Schluß heißt es:

»Trotz der Unbestreitbarkeit dieser Tatsachen leugnet eure Presse, an der Spitze die »Rote Fahne«, sie. Sie leugnet sie, weil eingestehen bedeutet, den konterrevolutionären Charakter der russischen Außenpolitik zu enthüllen; sie leugnet sie, weil eingestehen bedeutet, den revolutionären Arbeitern zu sagen, daß das heutige Rußland nicht das Rußland von 1917 ist«

Ende Februar 1927 schrieb die KAPD. der KPD. folgendes ins Stammbuch:

»Rußland ist bedroht? Der »Arbeiterstaat« soll verteidigt werden? Ist denn diese Schurkerei der fortlaufenden Bewaffnung der Konterrevolution gegen das Proletariat noch nicht Beweis genug, daß diese Phrase vom »Arbeiterstaat« eine elende, dumme, freche Verhöhnung des Proletariats ist? Diesen »Arbeiterstaat« verteidigen heißt die Konterrevolution verteidigen! Diesen »Arbeiterstaat« verteidigen heißt die Bewaffnung der Konterrevolution, die massenweise Hinmordung des deutschen revolutionären Proletariats gutheißen. Diesen »Arbeiterstaat« verteidigen heißt eine Politik verteidigen, die auf der einen Seite das Proletariat zum bewaffneten Aufstand auffordert und auf der anderen die Munitionszufuhr für die [319] weiße Armee organisiert, und dann die zusammengeschossenen und in die Zuchthäuser geworfenen Proleten noch als Beweise für die Richtigkeit dieser Politik ins Feld zu führen sucht. Die erst zum Aufstand auffordert, sich zu gleicher Zeit mit der Konterrevolution verbündet und dieser zum Sieg verhilft, und zuletzt als Hyäne des Schlachtfeldes »Rote Hilfe« organisiert, die die verratenen Proleten noch zu bezahlen haben, damit Geld in die Kasse kommt für den immer mehr anschwellenden Beamtenklüngel. Einen solchen »Arbeiterstaat« zu verteidigen, das heißt Selbstmord begehen, das heißt die Opfer der Revolution schänden, das heißt die kommunistische, die revolutionäre Bewegung zu einer Idiotie herabzuwürdigen, das heißt den Henkern der Revolution die blutbefleckten Hände zu küssen!«

Einerseits leugnet die »Rote Fahne« bis zum heutigen Tage die Existenz der Sowjetgranaten, andererseits soll bewiesen werden, daß die Ausrüstung der »weißen«, der »konterrevolutionären« Reichswehr mit sowjetrussischer Munition haargenau den Prinzipien des Leninismus entspricht. Wie macht man das?

Bucharin setzte auseinander, daß sich die Rolle Deutschlands im Laufe der Jahre verändert habe. Im Kriege sei es imperialistisch gewesen. Jetzt sei es wieder imperialistisch. Aber im Jahre 1923 sei es ganz anders gewesen:

»Das »Vaterland« hatte, obgleich es nicht aufgehört hatte, ein bürgerliches zu sein, wohl aufgehört, ein bürgerlich-imperialistisches zu sein; der Krieg hat sich für Deutschland aus einem imperialistischen in einen nationalen Befreiungskampf verwandelt; diesem Kriege gegenüber könnten sich die Kommunisten nicht mehr ganz so verhalten wie dem imperialistischen Krieg gegenüber, um so mehr, als die internationale Situation Deutschland zu einem Bündnis mit dem Lande der proletarischen Diktatur, mit der Sowjetunion, drängte. Daher – die sogenannten »nationalen Töne« in der Tätigkeit der KPD., um so mehr, da in Deutschland selbst im Jahre 1923 die Frage der Machtergreifung durch das Proletariat unmittelbar auf die Tagesordnung gestellt wurde. Daher jene Sympathie für »Deutschland«, die mit besonderer Deutlichkeit während der Ruhrbesetzung auch auf seiten der Komintern und ihrer Sektionen wie selbst auf seiten der offiziellen Organe der proletarischen Diktatur der USSR. zum Ausdruck kam.«

Nun stammen die Munitionsverträge nicht aus dem Jahre 1923, sondern von 1921/22. Die Munitionslieferungen dauerten bis Oktober 1926.

Die Sowjetgranaten vor Gericht.

»Wer hat die größte Angst vor dem Prozeß? Die Reichswehr oder der tapfere Künstler?«
(»Rote Fahne« vom Montag, dem 20. Juni 1927.)

Ja, wer hatte Angst? Am 14. Juni, sechs Tage vor dem Prozeß, wandte sich Rechtsanwalt Samter, der Vertreter des »Klassenkampf«, an den Rechtsanwalt Genossen Kurt Rosenfeld, den Vertreter des Genossen Künstler, mit der Bitte um einen Vergleich. In seinem Schreiben hieß es:

»Ich weiß nun nicht, ob Sie auf restlose Austragung dieser, fast ein halbes Jahr zurückliegenden und wohl längst vergessenen Pressepolemik Wert legen, woran voraussichtlich nur solche Kreise ein Ergötzen haben werden, die weder Sie noch ich vertreten.

Es scheint mir, als ob der Wortlaut der Privatklageschrift den Weg zu einer einer außergerichtlichen Erledigung der Angelegenheit offen läßt. Ich bitte daher ergebenst um gefl. Mitteilung, ob Ihr Mandant mit einer außergerichtlichen Erledigung der Angelegenheit einverstanden wäre und wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir gegebenenfalls einen Vorschlag hierfür zugehen lassen würden.«

Das waren die Kräfte, die den Prozeß noch in letzter Sekunde hintertreiben wollten. Wer hatte also Angst?

Im Prozeß selbst bezweifelte der Vertreter der Beklagten die Fristeinhaltung. »Der Artikel ist im Januar erschienen. Erst im März ist die Anklageschrift eingereicht worden.« Im stürmischen Gelächter ging auch dieser Rettungsversuch unter. Der Prozeß fand gegen alle Versuche ihn zu verhindern statt.

Nun sollte bewiesen werden, daß Künstler über die Sowjetgranatenverladung in Stettin gelogen hat. Also forderte der kommunistische Anwalt, Künstler selbst solle [320] beweisen, daß er nicht gelogen habe. Auch diese Dreistigkeit verfing nicht. Dafür verlangte der kommunistische Rechtsanwalt Dr. Samter, Künstler solle die Namen seiner Stettiner Gewährsmänner, zweier Arbeiter, vor Gericht angeben! Die Kommunisten wollten also die Namen zweier Arbeiter dem Staatsanwalt bekanntgeben, damit ihnen ein Landesverratsverfahren angehängt werden könnte.

Nun sollte also wirklich bewiesen werden. Da gestand die Redakteurin, daß sie keine Beweise dafür habe, daß die Angaben Künstlers erlogen seien, sie habe es »nur vermutet«. Genosse Künstler aber stellte ausdrücklich fest, daß seine Angaben über die Lieferung von Sowjetgranaten an die Reichswehr im Reichshaushaltsausschuß durch Reichswehrminister Geßler bestätigt worden sind.

Er teilte mit, daß er in einer vertraulichen Sitzung des Sparausschusses des Reichstags in Gegenwart der kommunistischen Abgeordneten Torgler und Creutzburg den Reichswehrminister gefragt habe, ob die Mitteilungen über die Beziehungen zwischen Sowjetrußland und der Reichswehr auf Wahrheit beruhen. Daraufhin habe Geßler erklärt, daß die Sowjetregierung nach Beendigung des polnischen Krieges an die Reichsregierung herangetreten sei und Munitionslieferungen angeboten habe. Mit der Durchführung der Verhandlungen wurde der damalige Chef der Heeresleitung, Generaloberst v. Seeckt, betraut. Im Jahre 1921 sei die Munition bestellt und in den Jahren 1925 und 1926 geliefert worden. Die kommunistische Reichstagsfraktion sei über den ganzen Sachverhalt vollkommen unterrichtet und leugne die Verbindungen nur noch, weil sie sich vor ihren eigenen Angehörigen schäme.

Wir stellen noch einmal fest, daß die deutsche Regierung die Lieferung von Sowjetgranaten an die Reichswehr in den Jahren 1925 und 1926 amtlich zugegeben hat.

Der Sachverhalt ist also so, daß die im russisch-polnischen Krieg unterlegene Sowjetregierung deutsche Hilfe zur Rüstung nachsuchte, und daß die deutsche Reichswehr als Gegenleistung Munitionslieferungen forderte und erhielt.

Es ist richtig, daß die Sowjetregierung der Reichswehr Granaten geliefert hat.

Es ist richtig, daß die kommunistische Reichstagsfraktion davon unterrichtet war.

Es ist richtig, daß die »Rote Fahne« davon unterrichtet war und trotzdem bewußt ihre Leser angelogen hat.

Die Urteilsbegründung sagt zum Schluß:

»Der Wahrheitsbeweis muß von der Angeklagten angetreten werden. Wer jemand in den Staub zieht, muß auch Beweise angeben. Die Angeklagte sagt selbst: »Ich habe keine Beweise, lediglich auf Grund von Vermutungen habe ich die Ausdrücke gebraucht.« Sie hat die Beleidigungen lediglich auf Vermutungen hin in die Welt posaunt. Ob der Kläger den Wahrheitsbeweis antreten will, ist ihm überlassen. In diesem Falle hat der Nebenkläger ausreichende Gründe angegeben, die veranlassen, seine Gewährsmänner nicht zu nennen, da er sie sonst der Gefahr aussetzte, [sich] wegen Landesverrat angeklagt zu sehen. Lediglich auf Grund des angegebenen Gehalts der Angeklagten ist trotz der schweren Beleidigung die Strafe auf 150 Mk. festgesetzt.«

Anmerkungen:
[1] Gesellschaft zur Förderung gewerblicher Unternehmungen m.b.H. (Gefu), vom Reichswehrministerium 1923 gegründete Tarnfirma, über die die Finanzierung der deutschen Rüstungsprojekte in Rußland abgewickelt wurde; seit dem 1. Mai 1926 in Deutschland umbenannt in Wirtschaftskontor G.m.b.H. (Wiko).
[2] Mit D-Banken sind die führenden deutschen Bankhäuser gemeint: Deutsche Bank, Dresdner Bank und Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank).
[3] Der tarifliche Tageslohn betrug 7,50 und 7,95 Mark und konnte durch Überstunden auf maximal 15 Mark gesteigert werden.
[4] gemeint ist die Gruppe der Linken Kommunisten, die aus ausgeschlossenen Abgeordneten der sog. ‘Linken’ und ‘Ultralinken’ der KPD bestand.

• aus: Sozialdemokratische Parteikorrespondenz für die Jahre 1923 bis 1928 (Ergänzungsband). Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin 1930 (Vorwärts), S. 314 – 320.

 

Dokument 2

Der Syndikalist - 11.12.1926

Weißer und roter Militarismus im Bunde gegen das Proletariat.
Rote Armee und Reichswehr.

Der »Manchester Guardian«, ein liberales englisches Blatt veröffentlicht »Enthüllungen« über einen Geheimvertrag zwischen der deutschen Reichswehr und der russischen Sowjetregierung. Danach wurden in Sowjetrußland Waffen, Munition und anderes Kriegsmaterial, insbesondere auch Kriegsflugzeuge für deutsche Rechnung und durch deutsche Firmen hergestellt, die dann nach Deutschland befördert und von der Reichswehr verwendet wurden. In Deutschland wurden diese Enthüllungen des englischen Blattes vom »Vorwärts« und der sozialdemokratischen Presse zuerst veröffentlicht. Jetzt beschäftigt sich die gesamte Presse mit dieser Affäre. Es handelt sich hier zweifellos um Dinge, die, wenn sie auf Wahrheit beruhen sollten, nicht nur von größtem staatspolitischen und außenpolitischen Interesse sind, sondern vor allem auch für die Arbeiterschaft Deutschlands allergrößte Bedeutung haben. Wenn es nämlich richtig ist, daß Sowjetrußland Waffen und Munition für die deutsche Reichswehr herstellt oder hergestellt hat, dann hat die Sowjetregierung – mit oder ohne Wissen der KPD. – ein frevelhaftes Verbrechen und gemeine Verräterreien begangen, die an Charakterlosigkeit und Schuftigkeit überhaupt nicht übertroffen werden können. Dann hat die Reichswehr die von der kommunistischen Partei geführten aufständischen Arbeiter mit Waffen niedergeschlagen, die von der Sowjetregierung selbst geliefert wurden! Im Verhältnis zu einem solchen Verhalten würden die Handlungen eines Noske sympathischer erscheinen, denn Noske bekannte sich offen als Bluthund.

Es ist daher verständlich, wenn die »Rote Fahne« die ganze Sache als groß angelegten Schwindel hinstellt, der vom »Vorwärts« ausgeheckt wurde, um die deutsche Außenpolitik immer mehr an die westliche Orientierung zu ketten und das Werk von Locarno, Genf und Toiry sicherzustellen. Und um außerdem noch gegen die KPD. Trümpfe ausspielen zu können. Die »Rote Fahne« sucht auch nach Beweisen für ihre Ansicht und findet diese hauptsächlich darin, daß diese »Enthüllungen« des »Manchester Guardian« aus den Kreisen der deutschen Sozialdemokratie stammen. Wir halten das für sehr wahrscheinlich, doch selbst angenommen, es verhält sich so, dann würde die Nachricht an sich noch nicht entkräftet sein. Auch die Meinungsäußerung des russischen Außenministers Tschitscherin, der bei seinem Berliner Aufenthalte den Vertretern der deutschen Presse erklärte, daß es sich »um Sowjetgranaten made in England oder vielleicht in der englischen Botschaft Berlins« handele, würde noch nichts beweisen. Diese Meinung würde sogar im Widerspruch stehen zur Ansicht der »Roten Fahne«, wonach es sich um eine sozialdemokratische Lügenmär handelt.

[2] Wir wollen uns keineswegs verhehlen, daß der »Vorwärts« und die SPD nicht weniger skrupellos in der Verfolgung ihrer staatspolitischen Ziele sind. Ein Noske oder ein Breitscheid würden sicher nicht zögern, deutsche Munition nach Syrien oder China zu senden, wenn die deutsch-französischen oder deutsch-englischen Verständigungsinteressen dies »erforderlich« machen sollten. Dann würde man mit deutschen Waffen, die von deutschen Proletariern hergestellt sind, ohne viel Umstände das syrische oder chinesische Proletariat niederkartätschen. Die vorgetäuschte Entrüstung des »Vorwärts« darüber, daß Moskau deutsche Arbeiter vor Maschinengewehre hetze, die mit russischer Munition geladen sind, ist nur eine gut gespielte Heuchelei, die selbst eines nationalistischen Einschlages nicht entbehrt. Zwischen den Zeilen ist nämlich zu lesen: Wird die Munition in Deutschland selbst erzeugt, dann ist es schließlich nicht ganz so schlimm, wenn deutsche Arbeiter nach dem System Noske hingemordet werden! Wie kann man aber die Tölpelhaftigkeit haben, die Munition im Auslande herstellen zu lassen! Da wird ja den deutschen Arbeitern noch die Arbeitsmöglichkeit entzogen, mit andern Worten, sie haben nicht einmal das beruhigende Gefühl, von selbst hergestellten Granaten ins Jenseits befördert zu werden!

Das sind, wenn auch etwas kraß dargestellt, die Beweggründe, die den »Vorwärts« dazu bewogen haben mögen, diese Affäre an die große Glocke zu hängen. Nimmt man dazu noch die bereits erwähnten außenpolitischen Gründe, ferner die Opposition gegen den demokratischen Reichswehrminister und den Wunsch, die große Koalition zu verwirklichen, d.h., wieder zu einigen Ministerposten zu gelangen, dann ist uns der Ursachenkomplex, der die Sozialdemokratie zur Veröffentlichung dieser Dinge veranlasste, klar.

Daraus soll aber Moskau oder die KPD keineswegs ein Entschuldigungsgrund erwachsen. Wir wiederholen: Ist von dem, was in den letzten Tagen über diese Angelegenheit in der Tagespresse veröffentlicht wurde, nur die Hälfte wahr, dann gehört Moskau in die Einheitsfront mit den kapitalistischen und reaktionären Regierungen, gegen die das internationale Proletariat sich zur Wehr setzen muss. Dann hat sich der Staatskommunismus als ebenso gefährlicher Feind für das klassenbewußte Proletariat erwiesen wie die Sozialdemokratie. Dann ist Moskau in demselben Maße der Sitz der internationalen Reaktion wie Berlin, Paris, London oder Washington.

Unter diesen Umständen bleibt der Arbeiterschaft nichts anderes übrig als sich von allen politischen Parteien endgültig und radikal loszusagen. Die politischen Parteien sind gezwungen, Staatspolitik zu treiben. Der Staat aber ist und bleibt ein Unterdrückungsorgan. Daran läßt sich nicht rütteln. Staatspolitik bedeutet also Unterdrückungspolitik, und diese wird in Russland ebenso geführt wie in allen anderen Staaten. Die russische Regierung ist nicht besser als jede andere Regierung, höchstens heuchlerischer. Das sagen wir Syndikalisten nicht erst heute, wir haben es schon oft gesagt, und wir wiederholen es bei jeder Gelegenheit. Wir sind deshalb nicht sonderlich verwundert über die jetzigen Enthüllungen. Die russische Sowjetregierung hat die Aufstandsbewegung in der Ukraine  unterdrückt, sie hat den Aufstand in Kronstadt blutig niedergeschlagen, warum soll sie nicht auch dazu beitragen, die Erhebungen der deutschen Arbeiterschaft zu ersticken. Das wäre nur ein Glied mehr in der Kette reaktionärer Handlungen, die wir von dieser Seite wie von allen Staaten gewöhnt sind. Die russische Regierung beschützt das kapitalistische Privateigentum im eigenen Lande, warum soll sie nicht auch mit einem andern kapitalistischen Staate ein militärisches Bündnis schließen? Wir finden daran nichts Merkwürdiges. Daß dabei die Arbeiterschaft die Leidtragende ist, das ist doch selbstverständlich, und das wird immer so sein, solange es Regierungen und Staaten gibt.

Gerade deshalb wenden wir uns gegen jede Regierung, bekämpfen wir jeden Staat, verurteilen wir alle politischen Parteien. Die Arbeiterbewegung wird früher oder später einsehen lernen, daß sie durch die politischen Parteien immer tiefer in den Sumpf der Unterdrückung und Ausbeutung hineingerät. Der einzige Ausweg ist der Syndikalismus, die Abkehr von jeder Staatspolitik und die Sammlung der klassenbewußten Schichten des werktätigen Volkes in revolutionären Wirtschaftsorganisationen. Diese erstreben nicht die Eroberung des Staates, sondern seine Zerstörung. Sie kommen deshalb nie in die Verlegenheit, aus Gründen der politischen Staatsräson die Interessen des Proletariats zu verraten. Sie erstreben die Beseitigung des Lohnsystems und werden damit die Abschaffung der Klassen erreichen.

Die deutschen Arbeiter haben jetzt Gelegenheit, das wahre Antlitz des Staates zu schauen. Wenn sie jetzt die Augen öffnen und den Irrweg verlassen, dann kann die Arbeiterbewegung zu neuem Leben, zu neuen Kämpfen und Siegen kommen. Die revolutionäre Wirtschaftsorganisation des Syndikalismus ist die Grundlage für den konsequenten Klassenkampf.

• Der Syndikalist, Organ der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten). Angeschlossen der Internationale Arbeiter-Assoziation, Jg. VIII, Nr. 50, 11. Dezember 1926, S. 1-2

Dokument 3

Erich Mühsam

Sowjet-Granaten?

Es gibt Dinge, die den Revolutionär, der die proletarischen Revolutionäre aller Anschauungen zu kameradschaftlicher Duldung überreden möchte, zur Parteinahme auch auf die Gefahr hin zwingen, Risse zu vergrößern. In der Angelegenheit der Enthüllungen des Manchester Guardian zu schweigen, hieße nicht ausgleichend und versöhnend wirken, sondern auf Kosten der Reinlichkeit und Wahrhaftigkeit Diplomatie treiben. Zur Zeit, da diese Zeilen geschrieben werden – ich muß der Feiertage und einer Reise wegen die Redaktion des Heftes schon in der Monatsmitte abschließen, – läßt sich mit annähernder Sicherheit dieser Situationsbericht geben: Im Jahre 1922 errichteten die Junkers-Werke auf Veranlassung des Reichswehr-Ministeriums und gestützt auf dessen finanzielle Zusicherungen auf russischem Boden eine Fabrik, in der unter deutscher Direktion Kampfflugzeuge hergestellt wurden, die der Versorgung der deutschen Heeresmacht auf illegalem Wege dienen sollten. Zugleich wurden andre Unternehmungen ähnlichen Charakters in Rußland eingerichtet – der Vorwärts behauptet, ohne bis jetzt dokumentarische Belege dafür beizubringen, es handle sich um die Fabrikation von Artilleriemunition und Giftgasen. Die Verträge zwischen den deutschen Industriellen und der russischen Regierung wurden [60] von deutschen Reichswehr-Offizieren vemittelt und von Geßlers Ministeriums mit unterzeichnet. Da dieses Ministerium seine den Junkers-Werken gegebenen Garantien nicht erfüllte, ging die Firma pleite, und die übrigen nach Rußland geschobenen Munitionsschieber-Institute sollen sich jetzt in »einem ähnlich liquiden Zustand« befinden. Eine Denkschrift der enttäuschten Kapitalistenklüngels, die unter Zurückstellung »vaterländischer« Bedenklichkeiten das Wehrministerium der Bemogelung der Versailler Vertragskontrahenten und die Russen der Sektiererei zeiht, gelangte auf sozialdemokratischen oder andern Völkerbunds-Wege nach Manchester und von da zum Stampfer zurück, und nun ist ausgerechnet der Vorwärts sittlich entrüstet und klagt die Russen an, sie lieferten  der deutschen Soldateska Waffen zur Niederknüttelung des deutschen Proletariats.

Was den Vorwärts anlangt, so lotet kein Wort des Ekels den Abgrund der Heuchelei aus, aus dem diese Kanaille sich den Mut holt, die schützende Gluckhenne des deutschen Revolutionären Proletariats zu markieren. Die Partei dieser Zeitung hat die Reichswehr geschaffen aus den weißgardistischen Freikorps und Landsknechtsformationen, die sie ebenfalls geschaffen hatte. Herr Wels, heute noch Vorsitzender der Partei, war der Berliner Stadtkommandant, der schon im Dezember 1918 als erster Büttel der Konterrevolution in revolutionäre Arbeitermassen hineinschießen ließ. Herr Ebert und seine Noskes derselben Partei haben in den Jahren 1919 und 20 den »Feindbund« ein übers andre Mal angewinselt, man möge doch eine Bewaffnung Deutschlands mit schweren Geschützen, Giftgasen und Großkampfflugzeugen zugeben, die ja beileibe nicht zur Vorbereitung von Kriegen, sondern durchaus nur gegen den inneren Feind, das Proletariat, verwendet werden sollten. Maximilian Harden hat grade diese Lumperei in seiner »Zukunft« oft ausgezeichnet charakterisiert. Wenn der Vorwärts heute Rußland denunziert, daß es die deutsche Konterrevolution gegen das deutsche Proletariat bewaffnet, so quält ihn dabei nicht die Tatsache,  daß damit neue Blutbäder unter den Arbeitern vorbereitet werden, sondern ihn ärgert, daß statt des westlichen Privatkapitalismus der russische Staatskapitalismus aus solchen Geschäften Profit zieht.  Stresemann soll von England aus scharf gemacht werden, »diese geheime unverantwortliche  Tätigkeit ihres (der Reichsregierung) eigenen Reichswehrministeriums ein für allemal zu unterdrücken«, – so schließt der Bericht des Manchester Guardian, und das heißt, Stresemann soll den Deutschnationalen die Patronen aus dem Lauf ziehen, mit denen sie im Bunde mit Rußland gegen Westen Krieg führen möchten und dem britischen Kapital die Politik fördern, die Deutschland als Bundesgenossen zum Kriege gegen den Osten braucht.

Wenn der Vorwärts also, der den Reichswehrkrieg gegen Sachsen organisieren half und stets gebilligt hat, jetzt darüber tobt, daß die sächsischen Arbeiter mit Sowjet-Granaten massakriert worden seien, so gehört es sich, ihn anzuspucken. Das enthebt aber nicht der Pflicht, mit aller Deutlichkeit auszusprechen, was vom Standpunkt des proletarischen Klassenkampfes zu den im  Manchester Guardian veröffentlichten und nicht mehr bestrittenen Tatsachen grundsätzlich zu sagen  ist. Dabei ist es gleichgültig, ob die weitergehenden Behauptungen des Vorwärts über die erst in  den letzten Monaten in Stettin gelöschten Schiffe stimmen; diese Behauptungen lasse ich so lange nicht gelten, wie sie nicht dokumentarisch bestätigt sind: das zynische Feixen des Vorwärts ist allein nicht beweiskräftig. Die Denunziationen der Junkers-Werke genügen vollauf, um ein Urteil fällen zu können. Es kann kein andres Urteil sein als ein sehr hartes und bitteres, das die russischen [61] Staatslenker schuldig spricht, die Interessen des internationalen Proletariats in unerhört frivoler Weise denen des russischen Neukapitalismus untergeordnet zu haben. In diesem Zusammenhang  soll garnicht gegen die Nep-Politik allgemein polemisiert werden. Mag es wahr sein, daß alle die Konzessionen an die Privatwirtschaft gemacht werden mußten, um die Existenz der Bevölkerung zu sichern, um den Aufbau der zerfallenen Wirtschaft, meinetwegen sogar in der Richtung auf den Sozialismus, möglich zu machen, – so bIeibt die Frage: Dient die Herstellung von Kampflugzeugen, die die deutsche Reichswehr zur Bekämpfung des eigenen oder ausländischer Proletariate nötig zu haben glaubt, der Hebung einer Produktion, mit der der Hunger der in Rußland arbeitenden Menschen gestillt werden kann? Ferner: Waren die verkrachten Junkers-Werke auf russischem Boden ein Betrieb »von konsequent sozialistischem Typ«? Offen heraus gesagt, die Konzessionierung derartiger Fabriken, verbunden mit Frühstücksunterhaltungen zwischen Tschitscherin und Seekt, Bevorzugung rechtsnationalistischer deutscher Politiker zu diplomatischen »Pourparlers« – alle diese Dinge und noch viele mehr passen verteufelt schlecht zu den ständigen Versicherungen aus Moskau, daß dort alles nur unter dem Gesichtspunkt geschehe, die Weltrevolution zu beschleunigen und ihr die sicherste Fahrt zum Kommunismus zu bahnen. Uebrigens werden ja auch diese revolutionären Versicherungen seit langem nicht mehr von Regierungsstellen abgegeben, das überläßt man den Parteiinstanzen. Ist der Außenkommissar des proletarischen Staates in Berlin, so spricht er zum Proletariat so wenig, wie er vom Proletariat spricht. Er redet von Deutschland und meint damit das stresemännisch gefirniste Bendlerstraßen-Deutschland. Er spricht von freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland und meint gute Geschäfte der deutschen Kapitalisten im Verkehr mit russischen Behörden. Die Dementis der Russen gegen die peinlichen Publikationen über die Sowjet-Granaten waren in keiner  Weise beflissen, etwa die erregten Gemüter der Arbeiter zu beruhigen, es waren diplomatische Dementis an die Adresse der Reichsstellen zur gefälligen Benutzung in Genf, falls Chamberlain  Aufklärungen verlangte. Das Aufklärungsbedürfnis der deutschen Arbeiterschaft zu befriedigen, überließ man der Redaktion der Roten Fahne. Da wurde denn heute bestätigt, was gestern abgeleugnet, heute bestritten, was gestern schon zugegeben war und damit aufs unzweideutigste bekundet, daß man das, was man verteidigte, keineswegs als harmlos, gleichgültig oder auch nur entschuldbar empfand. Es ist leichter, in der Bekämpfung revolutionär gebliebener Genossen das  rote gelb und das gelbe rot zu nennen, als die Belieferung der Weißgardisten mit Bürgerkriegswaffen als revolutionäre Tat begreiflich zu machen. Es wird nötig sein, die russische Staatsraison aus den Köpfen der Proletarier herauszubringen, die in ihren Ländern die Revolution anstreben. Die beiden Dinge sind nicht mehr dasselbe und passen nicht mehr zusammen. Es könnte sonst geschehen, daß die Sowjetmunition, auch ohne von Claß und Sodenstern zum Krepieren gebracht zu sein, das deutsche revolutionäre Proletariat so weit auseinander sprengt, daß es sich in der Stunde der Entscheidung nicht mehr zusammenfinden kann.

• Fanal. Herausgeber: Erich Mühsam, Jg. 1, Nr. 4, Januar 1927, S. 59 – 61

Literatur

Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik – Die Kabinette Marx III und IV (1926 – 1928), Band 1, Boppard am Rhein, 1988

Helmut Heiber, Die Republik von Weimar (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts Band 3), München 1966 (dtv)

Sergej A. Gorlow, Geheimsache Moskau – Berlin. Die militärpolitische Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich 1920-1933; in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 44/1996, Heft 1

Olaf Groehler, Selbstmörderische Allianz. Deutsch-russische Militärbeziehungen 1920-1941, Berlin 1992 (Vision)

Helm Speidel, Reichswehr und Rote Armee. Mit einer Vorbemerkung des Herausgebers Hans Rothfels; in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 1/1953, Heft 1

Jürgen Zaruski, Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzungen und außenpolitische Konzeptionen 1917-1933 (Studien zur Zeitgeschichte Bd. 39), München 1992 (Oldenbourg)

IN DER WURFSCHLINGE

Von der Ruth Fischer-„OPPOSITION“

„Die Parteigenossen Scheidemanns und Noskes haben, als ihre gesamte Innenpolitik einen vollsündigen Bankrott erlitten hatte, die freche Idee die Sowjetunion in denunzieren als Granatenlieferant ihrer, der Noske-Geßlerschen-Reichswehr.

Bald darauf fabrizierten sie eine Zusatzwalze. Sie, die „Pazifisten“ des imperialistischen Krieges, die sämtliche Kriegskredite bewilligt haben, und zwar dem Kaiser Wilhelm, machen der Sowjetunion „Vorwürfe“, weil diese ihre selbstverständliche Pflicht erfüllt und die Sowjetrepublik mit allen modernen technischen Kriegsmitteln und unter Ausnutzung bürgerlicher Spezialisten gegen imperialistische Angriffe und die Rote Armee ausbaut.

Rechte wie „linke“ Organe der SPD sind sich einig in der alberner und verlogenen Hetze gegen Rußland, von dem sie „Pazifismus“ zu fordern scheinen, was gleichbedeutend ist mit dem Vorschlag, sich bewaffneten und angriffsbereiten Räubern gegenüber wehrlos auszuliefern.

Der politische Sinn dieses sozialdemokratischen Angriffs ist zu klar. Kein Kommunist und kein ehrlicher Arbeiter kann etwas anderes als Ekel empfinden, wenn er die Parteifreunde Noskes, Davids, Scheidemanns Pazifismus predigen hört.

Diesem politischen Manöver der Schöpfer der deutschen monarchistischen Reichswehr haben sich die KAPisten
angeschlossen. Wenn die KAPisten glauben, unter Benutzung des sozialdemokratischen Manövers im Trüben lachen zu können, indem sie plötzlich als „Wahrheitssucher“ auftreten, um ausgerechnet die Erzählungen über „Sowietgranaten“ zu einer Attacke gegen die Grundsätze der Komintern auszunutzen, so muß man ihnen in aller Ruhe entgegnen, dass auf so plumpe Provokationen kein kommunistischer Arbeiter hereinzufallen Veranlassung hat.

Mit gewissen sozialdemokratischen Führern über diesen Gegenstand zu diskutieren, hat nicht den geringsten Wert.

Auch mit den KAPisten lohnt keine Diskussion über das von den Reformisten künstlich und geschraubt
gestellte Thema. Jawohl, wir sind dafür, daß sich die Sowjetunion bis an die Zähne bewaffnet. Wir sind
dafür, daß sie alle Möglichkeiten ausnutzt, die geeignet sind, die Rote Armee zu starken . . .“

Ein Zitat aus der „Roten Fahne“? Ach nein, so die Tatsachen auf den Kopf zu stellen, durfte die „Rote Fahne“ nicht wagen, da sie )a der Kontrolle der Oeffentlichkeit unterliegt. Sic konnte frech abzuleugnen versuchen, aber es so darzustellen, als handle es sich darum, ob oder wie Sowjetrussland sich bewaffnet, und nicht darum, daß Sowjetrussland die deutsche Bourgeoisie mit  M u n i t i o n  v e r s o r g t e, so unverschämt zu lügen vermochte nur eine Stelle: die Ruth Fischer-Scholem-„Opposition“, die damit sich bei der KPD wieder schönes Wetter und Zugang zu der Parteifutterkrippe verschaffen will! Was ich oben zitierte, ist der Nr. 3 des Mitteilungsblattes der Gruppe Scholem-Maslow-Ruth Fischer entnommen worden. Wir sind wahrlich weit entfernt von dem Verdacht, mit der heutigen KAPD-Führerschaft oder mit Herrn Parlamentarier Schwarz, der jetzt mit ihr verlobt ist (mit der antiparlamentarischen KAPD, die sich über das Mandat des Genossen Katz weidlich aufzuregen beliebt), wir haben mit der heutigen KAPD nichts gemein, aber was sich da die Ruthenen leisten (vielleicht, um eine „Vorbedingung“ für die Wiederaufnahme zu erfüllen!), es ist so raffiniert ausgeklügelt, daß es schon fischerdumm wirkt.

Wo hat sich in der Sowjetgranatenaffäre ein Mensch darüber mokiert, daß die Regierer Rußlands Russland „in Wehr und Waffen“ halten, wie der Schlageterjargon der Ruth Fischer es formulieren würde? Nirgendwo ein Mensch! Ge l o g e n   ist, daß der „Vorwärts“ der Enthüller war! Das Blatt, das durch seinen Korrespondenten M. Philips Price  p r o bolschewistisch zu wirken bestrebt war, der „Manchester Guardian“, hat Dokumente veröffentlicht, deren Echtheit niemals bestritten worden ist!   Diese Dokumente aber beschäftigen sich nicht mit
R u ß l a  n d s, sondern mit   D e u t s c h l a n d s  Bewaffnung! Und es ist nach der Veröffentlichung der Junkerverträge usw., nach den Erklärungen der zuständigen Stellen (und auch nach derem Schweigen) und nach der Erklärung, die der Knecht des jeweiligen Exelutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale, der Abg. Pieck, im Landtage abgegeben hat, für jeden kommunistischen Arbeiter erschreckend klar, d a ß  Sowjetrußland die deutsche Bourgeosie gegen das deutsche Proletariat bewaffnen half, mit Munition versorgt hat. „.Nur bis 1923“, beschwichtigt die Bourgeoisie Deutschlands die Entente-Bourgeoisie, und „nur“, um im eigenen Lande „Ruhe und Ordning“ aufrecht erhalten zu können.
Ruth Fischer wie Scholem  k e n n e n  die Tatsachen! Ruth Fischer wie Scholem haben die Erklärung Piecks (Landtag, 19 Januar 1927) gelesen, in der schon der eine Satz genügt, um alle Ableugnungsversuche unmöglich zu machen. Pieck erklärte nämlich:

„Die Tatsache, dass das deutsche Reichswehrministerium die in Moskau errichtete Elugzeugfabrik der Junkers-Werke finanziell unterstützte, und daß zur Uebermittlung dieser Gelder in Deutschland die bestehenden Privatbanken und in Russland die bestehenden Staatsbanken benutzt wurden, ist allgemein bekannt.“

Madame Ruth Fischer! Wie meinst du: wollte das Reichswehrministerium die Wehrhaftmachung Sowjetrußlands finanziell unterstützen? Und mit der übrigen deutschen Kriegsindustrie wars ebenso. Und die nach Deutschland gekommenen Schifflein? Haben sie nur Munitionsproben gebracht, um der deutschen Bourgeoisie zu beweisen, wie gut Sowjetrußland sich mit finanzieller Hilfe der deutschen Bourgeoisie gegen die Gesamtbourgeoisie bewaffnet hat? Man muß doch schon wähnen, Kretins, aber keine Arbeiter vor sich zu haben, wenn man, wie die Ruthenen-„Opposition“, mit so blöden Schiebungen aufwartet! Uebrigens ist es Lüge, wenn das zitierte Mitteilungsblatt es so darstellt, als sei nur die KAPD auf den „Hetzschwindel“ der Noskiden eingegangen! Erstens ist es nicht der „Vorwärts“, nicht die SPD, die hier Zeugen sind. Der Blut-„Vorwärts“ hat nur weitergegeben, was wir, wenn wir ein täglich erscheinendes Organ gehabt hätten, vielleicht schon vor ihm aus der Auslandspresse übersetzt haben würden!

Nicht der Blut-,,Vorwärts“, sondern die bolschewistische Regierung und die deutsche Bourgeoisie haben die Tatsache geschaffen: Sowjetrußland bewaffnete die Konterrevolution. Zweitens: nicht nur die KAPD, sondern auch der Spartakasbund und die Arbeiter, die zur Korschgruppe stehen, haben die Ungeheuerlichkeit angeprangert. Ebenso Erich Mühsam in seiner Zeitschrift und alle revolutionären Organe des Auslandes, und werden es weiter anprangern als ein Verbrechen, gleichwertig, ebenbürtig den Untaten der Noske-SPD! Ruth Fischer möchte die Schande dadurch aus der Diskussion schleppen, daß sie es nun so darstellt, als handle es sich um eine „Wehrlosmachung“ Sowjetrußlands. Nun, daß deutsche Spezialisten für Kriegsindustrie in Sowjetrußland tätig waren, als dort noch nicht die Personendiktatur bestand, wußte jeder Spartakist 1919 und freute sich darüber. Aber jene „Spezialisten“ wären niemals durch das Reichswehrministerium finanziell unterstützt, sondern ins Zuchthaus gesperrt worden, hätte man sie hier gehabt.

Sollte die Ruth Fischer-Klique nicht einfach eine bolschewistische Zelle innerhalb der Opposition sein, um diese Opposition zu zersplittern, zu demoralisieren? Das ist keine Scherzfrage, Genossen, die ihr noch heute auf Ruth und Maslow hört! . . . .

Die Aktion – XVII. Jahrgang – Heft 1-2 – Ende  Februar 1927

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