Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Anarchismus und Fußball

Fußball, Community und Politik

Vorbemerkung des Übersetzers
Ich habe den Begriff ‘community’ in der Regel übernommen, da mir keine wirklich eindeutigen deutschen Begriffe eingefallen sind, die die Unterscheidung des Autors (Community und community) angemessen wiedergeben, wie er sie weiter unten entwickelt.; die in dem Aufsatz ebenfalls zentralen Begriffe ‘inclusive’ und ‘inclusivity’ (für nicht ausgrenzendes Verhalten) resp. ‘exclusive’ und ‘exclusionary’ (für ausgrenzendes Verhalten) wurden eingedeutscht als ‘inklusiv’ bzw. ‘exklusiv’.

In diesem Aufsatz werde ich analysieren, wie radikale Ideen wie Autonomie, Demokratie, freie soziale Räume und Internationalismus praktisch entwickelt werden können außerhalb der Beschränkungen von formaler und ausdrücklich politischer Aktivität. Das Mittel, diese Ideen zu testen und zu verbreiten, war in diesem Fall der Fußball, und die organisatorische Form dafür war der Sportclub.
Meine Fallstudie bezieht sich auf die soziale und Sportgemeinschaft, die als Easton Cowboys und Cowgirls (1) bekannt ist, in Bristol, England, sitzt, und ‘offiziell’ 1992 gegründet wurde. Dieser Sportverein hat gegenwärtig zwölf Ligamannschaften, die Fußball, Cricket, Netball und Basketball spielen, mit mehreren hundert Spielern, Unterstützern und Freunden. Der Club ist eng verbunden mit vielen örtlichen Organisationen in Bristol, darunter der Kampagne zum Schutz von Spielfeldern und offenen Räumen, selbstorganisierten Sportligen und internationalen Solidaritätsgruppen. Er hat auch Verbindungen zu anderen Netzwerken von Fußballmannschaften und Organisationen auf vier Kontinenten der Welt.

Einige Begriffe und Erklärungen
Zu Beginn wird es sinnvoll sein, einige Begriffe zu erklären, die in diesem Aufsatz benutzt werden und sich auf die ‘Community’ und das ‘Politische’ beziehen.
Community (mit einem großen ‘C’) wird hier definiert in einem objektiven Sinne als fest umrissener geographischer Raum, in dem Menschen leben, arbeiten und soziale Beziehungen haben (Nachbarschaften, Barrios, Projekte, Wohnhäuser, Straßen, etc.). In einem eher subjektiven Sinne bezieht sich community (mit einem kleinen ‘c’) auf aktuelle Verhältnisse zwischen Menschen. Zum Beispiel beeinhalten diese Subkulturen (Punks, Skateboarder, Fußball-Hooligans, Raver, etc.), informelle Netzwerke, die auf der Gemeinsamkeit von sozialen Bedürfnisse basieren (Eltern kleiner Kinder, Bildungs- und Sprachgemeinschaften, etc.) oder Kollektive, die gemeinsame Hobbys oder Interessen pflegen (die Sportvereine, lokale Historikergruppen, Lesezirkel etc.). Es ist wichtig zu verstehen, wo diese beiden Vorstellungen community übereinstimmen, wo sie sich unterscheiden und wann sie in der Praxis zusammengehen.
Diese Definitionen von Community sollen nur bei der Analyse helfen, nicht so sehr als feste Bezugspunkte dienen. Die Idee der ‘Community’ ist insofern problematisch, als sich aus ihr nicht notwendigerweise Beständigkeit, übereinstimmende Identität, gemeinsame Aktionen oder sogar Einheit ableiten läßt. Auch bestreitet sie nicht die Möglichkeit, daß diese Zustände oder Formen von Aktivität für Momente oder eine längere Zeitperiode bestehen. Der wirkliche Unterschied ist, daß die Community die Menschen räumlich verwurzelt (wobei akzeptiert wird, das die physischen Grenzen oft schwer zu lokalisieren sind), während community eine nicht-räumliche Beziehung zwischen Menschen repräsentiert.
Weiterhin werden zwei Definitionen für das Wort ‘politisch’ angeboten.
Wenn wir über Politik (mit einem großen ‘P’) sprechen, wird dies ebenfalls in einem objektiven Sinne verstanden, als eine Ansammlung verdinglichter Ideen, eine Ideologie oder Theorie verstanden, die eine Weltsicht, Wege zur Veränderung von Dingen oder Lebensstile (z.B. Anarchismus, Umweltschutz, Sozialismus, religiöser Fundamentalismus, Neoliberalismus, etc.) beschreibt. Der Begriff ‘politik’ (mit einem kleinen ‘p’) hat im Gegensatz dazu eine subjektivere Bedeutung, wo die reale Natur unseres Lebens mit unseren individuellen oder kollektiven Bedürfnissen und Wünschen als menschliche Wesen in Konflikt geraten oder befriedigt werden; beispielsweise unser Verhältnis zur Arbeit, zum Staat, zur Community (oder community) und unseren Familien, Liebsten und Freunden. Um den Unterschied zwischen diesen beiden zu zeigen, nehmen wir das Beispiel Arbeitsverweigerung (Absentismus). Diese mag auf einer alltäglichen politischen Ebene in unserer Gesellschaft existieren als individueller oder kollektiver Widerstand gegen Ausbeutung und Entfremdung, aber sie wird erst Politisch, wenn sie in eine Ideologie (oder Theorie) eingebunden ist, die wiederum den Menschen den Zusammenhang deutlich macht (d.h. etwa als Teil des Konzeptes des ‘Klassenkampfes’ gegen den Kapitalismus). Diese Definitionen sind wichtig, denn sie sind ein grober Versuch, den Unterschied zu bestimmen zwischen verdinglichten Ideen, die von ‘außen’ (ein großes ‘P’) herangetragen werden und jenen, die im allgemeinen aus unseren eigenen Erfahrungen und von ‘innen’ entstehen (ein kleines ‘p’). Diese beiden Vorstellungen des ‘Politischen’ können sich bei wichtigen Momenten unseres Lebens treffen und haben sich viele Male in besonderen historischen Momenten getroffen.
Tabelle 1 (unten) ist ein Versuch, diese vier Definitionen von Community und Politik in ein Muster zusammenzuführen, um weitere Beispiele ihrer Schnittstellen sowohl praktisch als auch historisch darzustellen. Die Pfeile illustrieren die Beziehungen, die ich diskutiert habe. Der angenommene Weg einiger Politischer communities der Linken werden durch rote Pfeile angezeigt. Besonders das Einwirken auf die politische Community mit einer Ideologie wird voraussichtlich diese Körperschaften in Politische Communities umwandeln, die in einem Szenario der Doppelmacht mit dem Staat operieren. Der Sportverein bietet jedoch einen potentiellen sozialen Raum, in dem ein Feedback-Verhältnis sowohl mit der politischen Community als auch mit der Politischen community in der Praxis funktionieren kann (angezeigt durch die schwarzen Pfeile).

                                                                                                 Tabelle 1: Beispiele für die Schnittpunkte zwischen den Definitionen von Community und Politik

Etwas Geschichte
Einige von uns, die unseren Sport- und Sozialverein [sports and social club] ursprünglich gegründet haben, kamen aus einer anarchistischen Politischen Szene (einer  community). Wir waren über unterschiedliche Wege in den 1980er politisiert worden, anfänglich durch die Mitgliedschaft in der Punk-Community und ihren Verbindungen zur Friedensbewegung, zu Tierrechten, zum Feminismus und anderen ‘Ein-Punkt-Bewegungen’. Durch dieses Engagement und die wichtigen politischen Ereignissen in der 1980er Jahren (der Bergarbeiter- und Druckerstreik, die innerstädtischen Riots, ziviler Ungehorsam gegen Atomwaffen, die Unterdrückung von kulturellen Aktivitäten wie ‘Sozialzentren’, ‘Raves’, oder ‘Festivals’ etc.) entwickelten wir eine zusammenhängendere allgemeine Kritik an der existierenden Ordnung, besonders am Kapitalismus, der Klassenteilung und dem Staat.
Während dieses gesamten Zeitraums existierten wir als eine Politische community, die sich über solche ideologischen Begriffe wie Anarchismus, Anarchosyndikalimus oder Linkskommunismus definierte. Interessanterweise verbrachte diese besondere Politische community viel Zeit damit, Verbindungen zu ihrem Gegenüber aufzunehmen. Wir wollten tatsächlich Teil einer authentischen politischen Community sein, die in lokale autonome Nachbarschaften involviert ist, die sich gegen den Staat und den Kapitalismus organisiert, ohne Vermittlung von Politischen Organisationen, und die sich auch nicht in subkulturellen communities (wie Punkrocker oder Hausbesetzer) selbst ghettoisiert. Das Bewußtsein dieses Widerspruches führte uns dazu, rivalisierende Organisationen zu kritisieren, die für uns weit davon entfernt waren, ‘revolutionär’ zu sein.
Sogenannte ‘revolutionäre’ Organisationen, typischerweise Politische Parteien auf der Linken, schienen nur Mitglieder rekrutieren und ihnen ihre festgelegte Ideologie als Parteilinie eintrichtern zu wollen. Wir hielten sie für unflexibel, manipulativ und unkritisch. Die Führerschaft dieser un-demokratischen Organisationen behandelte die Basis oft nur als Fußsoldaten und Stoßtrupps, die zu Demonstrationen oder zum Zeitungsverkauf kommandiert werden konnten. Im Kontrast dazu schienen die subkulturellen communities, aus denen viele von uns kamen, den größten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, sich von der Bevölkerung zu unterscheiden, üblicherweise durch Mode, Musik und Verhalten (2). Sie ermutigten Abgrenzung, wollten nicht mit den Communities kommunizieren, in denen sie lebten, und selbst wenn sie sich dazu bekannten, Politisch zu sein war es schwierig mitzumachen, denn es beinhaltete, sich einem sehr rigiden Muster von ungeschriebenen kulturellen Regeln zu unterwerfen. Trotzdem wir versucht haben, diesen beiden unbefriedigenden Polen in der Mitte der 80er Jahre zu entkommen, existierten wir unzufrieden zwischen ihnen, da wir erkannten, daß beide Kritiken immer noch auf unsere eigenen politischen Gruppierungen zutrafen.

»Burn-out« – Ausgebrannt
In den frühen 90ern geschah ein historisches Ereignis, als Politische communities (wie die Classwar Federation* und andere klassen-kampforientierte anarchistische und ultralinke Gruppen etc.) tatsächlich konfrontiert wurden mit der politischen Community. Dies geschah während der Poll-Tax-Revolte mit ihrer populären halb-spontanen Kampagne zu zivilem Ungehorsam; die Verweigerung, die Steuer** zu zahlen, massenhafter Widerstand gegen Gerichtsvollzieher und deren Pfändungen bis hin zu Angriffen auf Gemeindevertretersitzungen in den Provinzen und ein riesiger ‘Riot’ in Zentral-London. Nach dem ‘Sieg’ dieses Kampfes, einer teilweisen Reform und, was weit wichtiger ist, der Entfernung von Margaret Thatcher und dem rechten Flügel der regierenden Tory-Partei, begann die Selbstorganisation der lokalen Poll-Tax-Gruppen zusammenzufallen. Unsere Aktivisten-Generation war für rund zehn Jahre aktiv in verschiedene politische Kämpfe verwickelt gewesen, und viele von uns waren reichlich ‘ausgebrannt’. Einige waren ‘müde’, einige im Gefängnis, andere kämpften in langwierigen Gerichtsprozessen und viele von uns hatten das ultimative Verbrechen am Aktivismus begangen, langfristige Beziehungen zu haben und sogar (keuch!) Kinder. Wir hatten während der 80er Jahre versucht, keine ‘24-Stunden-Aktivisten’ zu werden, meistens ohne Erfolg, und jetzt wollten wir ein bißchen ‘Leben’ haben. Eine der wenigen nicht-Politischen Aktivitäten, an denen einige von uns teilnahmen, war Kick about Soccer*** in Easton zu spielen, der örtlichen Community, in der einige von uns lebten. Dies dauerte einige Jahre und hatte einige Punks, Hausbesetzer, Hippies, örtliche Jugendliche und Asylbewerber vereinigt. 1992 halfen wir dabei, eine Fußballmannschaft zu gründen und traten einer lokalen Liga bei. Ohne es zu bemerken, hatten wir einen Zug von Ereignissen in Bewegung gesetzt, der in den merkwürdigsten Gegenden enden sollte.

Die Anatomie der Easton Cowboys
Ich möchte vier Ideen herausstellen, die eine direkte Verbindung zu den Political communities der 1980er Jahre hatten und die Entwicklung charakterisierten aus denen die Easton Cowboys Sportorganisation entstand. Diese Ideen zeigten sich nie ausdrücklich bei den Easton Cowboys in der Weise, wie sie sich in einer Politischen Organisation zeigen würden, aber nichts destotrotz spielten sie eine wichtige Rolle in unserer neuen politischen community.

1. Autonomie
Die Idee der unabhängigen autonomen Organisation, ohne Vermittlung durch äußere Körperschaften (weder finanziell noch politisch), kommt direkt aus der Punkrock-Kultur. Das einfache ‘Krieg Deinen Arsch hoch, lern’ drei Akkorde und gründe ‘ne Band’ der 70er Jahre explodierte in ein weites Feld kultureller und politischer Organisationen in der 80ern (besetzte Gebäude, soziale Zentren, Konzerthallen, freie Festivals, Reisende [travellers] etc.). Durch Post-Punkbands wie Crass und die Inspiration durch die europäischen Hausbesetzerbewegungen (Berlin, Amsterdam, Zürich) wurde eine ganze Generation von Aktivisten infiziert mit einer ‘Zieh’s selbst durch’-Haltung, was bedeutete, daß man nicht auf Erlaubnis oder Geld wartet, bevor man handelt, um soziale Freiräume zu finden. Obwohl sie in den 80er Jahren durch Polizeirepression und Probleme mit harten Drogen ziemlich übel gebeutelt wurde, hielt sich diese Kultur mit den Aktivisten bis in die 90er Jahre und wurde zuerst mit den Acidhouse- und den ‘free party’-Szenen und schließlich mit ‘Reclaim the streets’ und die heraufziehende Antiglobalisierungs-Bewegung vermischt.
Für uns nahm es eine andere Wendung, indem wir Teil der Kultur unserer kleinen, aber wachsenden sozialen und Sportorganisation wurden. Wir waren rabiat unabhängig und besorgten uns unser eigenes Geld wo immer wir konnten, mit allen möglichen Schwindeleien, Konzerten oder Feiern,. wiesen Geschenke oder Sponsoring von Geschäftsleuten oder städtischen Verwaltungen zurück und vermieden jede Art von Wohltätigkeit oder ‘freundlichen Spendern’. Auf einer politischen Ebene bedeutete unsere ‘Mach es selbst’-Haltung, daß wir an keine Politische Gruppe gebunden waren (wie einige andere linke Mannschaften), darauf achteten, nicht von der örtlichen Verwaltung oder sogenannten Gemeinde-Organisationen übernommen zu werden und versuchten, unser Verhältnis mit den Mainstream-Medien zu kontrollieren, nachdem wir eine ‘interessante’ Geschichte für die lokalen und nationalen Medien wurden, für TV, Radio und die Presse.

2. Demokratie und Organisation
Unsere Erfahrung mit den hierarchischen Cliquen und mafiaähnlichen Strukturen anderer Fußballvereine, in denen wir oder gegen die wir gespielt hatten, zementierten gewisse Vorstellungen, die wir aus unserer Politischen Erfahrung über Demokratie hatten. Seit wir als Mannschaft begonnen hatten, haben wir die Spielermacht durchgeführt, wo in offenen Treffen der Trainer und andere Vertrauenspositionen innerhalb des Clubs gewählt wurden. Diese Entwicklung zu Massenversammlungen des gesamten Clubs, die Erkenntnis, daß wir eine soziale und Sport-organisation waren, weshalb alle wählen und an diesem Treffen teilnehmen konnten, selbst wenn sie keine Spieler waren, und es existiert bis heute keine formale Mitgliedschaft. Dabei haben wir als Gruppe verschiedene Fähigkeiten entwickelt, darunter die Fähigkeit, Versammlungen zu leiten, eine Struktur, die es allen erlaubt, zu sprechen wenn sie wollen und die Ideen von Delegation, Rotation und Verantwortung. Zusätzlich schufen wir eine flexible Organisation, die in der Lage war, kleinere Gruppen hervorzubringen, die spezielle Aufgaben übernehmen oder Veranstaltungen organisieren, und die sich danach auflösen, um so die Kristallisation von Führerschaft oder zuviel Bürokratie zu verhindern. Unsere Mottos waren: ‘Wenn wir sagen, wir machen es, machen wir es’ und ‘Soviel Organisation wie wir brauchen und nicht mehr’.
Unser Erfolg mit diesem demokratischen Modell (trotz der Hegemonie der neoliberalen Ideen (3)) und die Ausdehnung des Vereins führte zu einer großen Organisation, die wiederum verschiedene unterstützende Gruppen mit speziellen Interessen hervorbrachte. Dies schloß Cowboys ein, die in lokalen Kampagnen aktiv waren ein (wie etwa Kämpfe um die Entwicklung von Spielfeldern, Schutz von Asylbewerbern, antifaschistische Aktivitäten), soziale Aktivitäten (Can-Can-Tänzer, Kunstprojekte, Geschichtsgruppen) und internationale Solidaritätsgruppen (Chiapas, Palästina, Brasilien, etc.). Im Gegensatz zu vielen formellen Politischen Organisationen versuchten die Easton Cowboys nicht, diese Gruppen in ihre Struktur aufzusaugen oder sie zu kontrollieren, sondern vielmehr eine Umgebung zu schaffen, in der diese Aktivitäten sowohl bekannt gemacht als auch offen für die Mitarbeit der Spieler und Unterstützer sind. Diese selbstorganisierten Untergruppen waren autonom, aber eng verbunden mit dem Sportclub und hatten auch weiterführende Kontakte nach außen. Dies schuf ein Netzwerk nichtsportlicher Aktivitäten, die den Club umgeben, brachte neue Spieler aus unterschiedlichen sozialen Richtungen herein und bot viele Möglichkeiten, an verbindlicheren politischen Aktivitäten teilzu-nehmen, anstatt lediglich Sport zu betreiben. Diese organisatorischen Verbindungen sind in Figur 1 abgebildet.

                                                       Figur 1: Schematisches Modell der Beziehungen zwischen dem Easton Cowboys Sports Club und assoziierten Gruppen

Es ist wichtig festzuhalten, daß ein Sportverein einen Raum bietet, wo Leute aus sich kaum berührenden Hintergründen treffen, weil die Aktivität eines Sportvereins nicht von sich aus verbunden ist mit irgendeiner besonderen Subkultur oder politischen Ideologie. Dieser soziale Raum und die zwanglosen Verbindungen zu den umgebenden politischen Untergruppen boten den Spielern und Unterstützern eine Brücke, um in politische Aktivitäten einzusteigen, wenn sie es wollten, und üblicherweise als Ergebnis von Diskussionen mit anderen Cowboys in der weniger einschüchternden Atmosphäre des Clubs (anders als auf einem politischen Treffen oder einer öffentlichen Veranstaltung). Diese Verbindung überwand viele Probleme, auf die die Politischen Communities trafen, die bemerkten, daß allein ihr Auftreten viele Leute abschreckte oder entfremdete.

3. Inklusivität
In den ‘radikalen’ Bewegungen der 1980er Jahre wimmelte es vor Klassen-, Rassen-, Geschlechter- und Sexualitäts-Fragen. Die Zeit war angefüllt von ‘Anti’-Positionen (Antirassismus, Antisexismus etc.), die von der Idee bestimmt waren, daß das »Private politisch« ist, ursprünglich in den feministischen Bewegungen der 1970er entwickelt. Die Kultur der Easton Cowboys unterschied sich davon in einer subtilen, aber wichtigen Art. Wir zielten darauf ab, im Club eine Klima zu entwickeln, das niemanden ausschloß. Dies unterschied sich ziemlich von den anklagenden Haltungen der ‘politischen Korrektheit’, mit denen einige von uns in unserem vorherigen Politischen Leben konfrontiert waren. Wir klammerten uns nicht an Worte (4), sondern wir behandelten Probleme von Sexismus und Rassismus im Club auf einer persönlichen Basis, und nur als allerletzte Zuflucht auf einem formalen Treffen. Das zentrale Ding dabei war, Witze und Späße nicht zu unterdrücken, sondern eine einfühlsamere Atmosphäre zu schaffen. Wenn beispielsweise ein Witz über eine ‘Prostituierte’ gerissen wurde, bedeutete das zuzugeben, daß die Person, die neben dir sitzt, sich mit einer Prostituierten verabredet. Etwas Abfälliges über Lesben zu sagen bedeutet einen Angriff auf unsere eigenen Fans oder einige aus der Frauenmannschaft.
Das ist nicht immer ein einfacher Prozeß. Der Schlüssel für dieses Herangehen war das Verständnis, daß Verhalten und Sprache nicht immer eine Überzeugung definieren, und daß persönliche Veränderung aus Erfahrung und der Erkenntnis von Beziehungen entsteht, nicht so sehr aus moralischer Zurückweisung und formaler Bestrafung. Als ein Resultat haben wir uns alle entwickelt und verändert.
Die Frage der ‘Inklusivität’ ist von direkter Bedeutung für die informellen und formellen exklusiven [ausschließenden] Praktiken von Subkulturen und Politischen communities. Die Cowboys wurden nicht als eine ‘anarchistische’ Fußballmannschaft gegründet, vielmehr suchten wir, sowohl auf die Community, in der wir lebten, wie auch auf die subkulturellen Gruppen und die lokalen Politischen communities einzuwirken. Auf unseren Reisen haben wir verschieden ‘anarchistische’ Fußballmannschaften getroffen und bemerkt, wie ihre Suche nach Autonomie tatsächlich – ob nun bewußt oder unbewußt – exklusiv (5) war, indem sie ihre sportlichen Aktivitäten in einen subkulturellen oder Politischen Milieu stellten. Eine damit verwandte Frage betrifft den Raum, in dem eine Sportverein sich trifft und feiert; die offensichtliche Antwort für ‘Anarchisten’ ist, diese Aktivitäten in der subkulturellen Umgebung eines ‘Social Centre’ anzusiedeln. Im Kontrast dazu operieren die Cowboys aus einer ethnisch gemischten, von Jamaikanern betriebenen Kneipe (6), deren Einbindung in die Community von Easton eine lange Geschichte hat. Dieser soziale Raum bot einen neutralen Treffpunkt für Liebhaber von Fußball, politische Aktivisten und die weitere Community.
Der Easton Cowboys Sportverein hat immer eine relativ gesunde ethnische Mischung gehabt, was das Ergebnis unseres Standortes in einer gemischten Community, der Offenheit der Organisation und der Natur des ‘wunderschönen Spiels’ war. Fußball hat eine bemerkenswerte Fähigkeit, kulturelle und ethnische Barrieren zu überwinden, weil es einfach ist, wenig Ausrüstung braucht und letztlich eine ‘dramatische’ kollektive Erfahrung ist. Alle können es spielen, überall auf der Welt. Es bietet keine Lösung für das Problem der Diskriminierung, aber es bietet ‘Räume’, in denen Vorurteile verstanden und neue Beziehungen geknüpft werden können, manchmal schlicht dadurch, daß wir ‘zusammen’ spielen und feiern.
Bevor wir der lokalen Fußball-Liga beitraten, waren wir uns sehr wohl der möglichen Probleme bewußt, denen wir, als ein Haufen Punks und ‘Langhaariger’ in einer Mannschaft mit lokalen Afro-Karibiern, Sikh-Jugendlichen und irakischen Flüchtlingen, gegenüber stehen könnten. Zum einen waren wir im ‘Fall-out’ des ersten Golfkrieges, und wir erwarteten auch, mit rassistischen Elementen in einigen gegnerischen Mannschaften fertig werden zu müssen. Wir wurden allerdings freundlich überrascht, die meisten Mannschaften, gegen die wir spielten, waren in Ordnung, und die Vorfälle, die wir befürchtet hatten, waren verschwindend gering. Wenn wir mit Rassismus oder Schwulenfeindlichkeit konfrontiert wurden, waren wir auf dem Spielfeld bis zu einem bestimmten Grad gewalttätig oder spaßig. Gegnerische Vollpfosten wußten nie, ob sie einen Schlag an den Kopf oder einen Griff an die Eier abkriegten, wenn sie gegen die Cowboys spielten! Wir verweigerten die Rolle des Moralpredigers; stattdessen redeten wir mit den anderen Mannschaften durch unsere Späße und Stiefel.
Aus unserer Inklusivität erwuchs unausweichlich ein Widerspruch. Als immer mehr Spieler zu uns stießen, die am Spaß und dem Drama des sonntäglichen Fußballs teilhaben wollten, sahen wir uns mit der Aufgabe konfrontiert, diejenigen auszuschließen, die nicht ‘gut genug’ waren, um in unserer einzigen Ligamannschaft mitzumachen. Das war ein kritischer Moment, und das Dilemma war simpel: sollen wir an unseren ‘anarchistischen’ Prinzipien festhalten und jeden spielen lassen, unabhängig vom Können, oder schließen wir einige aus und vertreiben sie letztlich aus dem Verein? Die Lösung dieses Problems, die Balance zu finden zwischen der Notwendigkeit, Spiele zu gewinnen und in der Liga voranzukommen und der Notwendigkeit, niemanden auszuschließen, ergab sich organisch. Als die Anzahl der Spieler, die bei keinem regulären Spiel aufgestellt wurden (und die sich darüber laut und öffentlich beschwerten), eine kritische Masse erreicht hatte, machten wir eine zweite Mannschaft auf. Die Lösung war großartig, da sie mehr ‘Räume’ zum Spielen schuf, den Verein stärkte und, das war der springende Punkt, einen Platz schuf, wo neue und junge Spieler üben konnten. Dieser Prozeß hat sich über die Jahre zusehends fortgesetzt, und der Verein hat jetzt zwölf männliche und weibliche Mannschaften, die in vier verschiedenen Sportarten spielen – Fußball, Cricket, Netball und Basketball – die ihn zu einer der größten Amateursport-Organisationen in der Stadt machen.

4. Internationalismus
Zum Schluß möchte ich über internationalismus reden. Ich schreibe es absichtlich mit einem kleinen ‘i’, denn dieser Aspekt der Cowboys war wiederum nie erfunden, erzwungen oder Politisch. [ich habe mir erlaubt, dies zu im weiteren ignorieren, da es im Text keine Rolle spielt und die Intention des Verfassers klar ist; A.d.Ü.]
Die traditionellen Kontakte zwischen Gemeinden, oftmals gepaart mit Städtepartnerschaften, beinhalten selten direkte Kontakte zwischen den Bewohnern. Genau wie bei internationalen Verbindungen durch Gewerkschaften, Politische Parteien oder Organisationen sind sie üblicherweise auf die eine oder andere Weise vermittelt, entweder durch formale Körperschaften oder durch die darin verwickelte Politik. Im Gegensatz dazu waren unsere Reisen direkte Interventionen sowohl in die Gemeinschaften wie die Gemeinden. Ich meine das in dem Sinne, daß wir Mannschaften, die wie wir sind (Hausbesetzer, Punks, Antifaschisten), ebenso besuchten und kennenlernten wie solche, die Städte repräsentierten (Bad Muskau in Ostdeutschland, Lecknica in Polen etc.). Es gab nie eine vermittelnde Gruppe oder Organisation, die zwischen uns und denen, mit denen wir feierten, lag. Was uns antrieb war die Neugier, fremde Gegenden zu besuchen um Fußball zu spielen, ein Traum, der – so glauben wir – im Hirn eines jeden steckt, der einen Ball herumkickt. Diese ‘Neugier’ führte uns von Chiapas nach Palästina und zur Ausrichtung internationaler Turniere (abgeleitet vom deutschen Modell), die Jugendliche aus SOWETO auf den selben Platz brachten wie Raver aus Leeds, Hausbesetzer aus Deutschland und alte Herren aus Polen.
Der Hauptansporn für all das war der Sport. In Europa war es der Grund, neue (und mittlerweile alte) Freunde aus vielen Ländern jedes Jahr zu treffen und mit ihnen zu feiern. Bei den indigenen Zapatistas in Mexiko erwies sich Fußball als Weg, das ‘Eis zu brechen’, was vielen anderen sonnenbebrillten internationalen Delegationen  nicht gelungen war. In Compton, L.A., bildete Cricket das Band zwischen uns und einer Gemeinde, die vom weißen Amerika so sehr abgeschottet ist, daß niemand glaubte, das wir dorthin gehen würden. Ironischerweise war der einzige Grund, warum wir Compton vor unserer Reise kannten, daß vom Kapital die Gewalt – mit dem ‘Gangsta Rap’ – so kommerzialisiert wurde, daß du das verpackte Produkt überall auf der Welt kaufen kannst. Dies war besonders den Cowboys und -girls im Teenager-Alter klar, die mit uns in dieses mythologische Anti-Disneyland kamen und angenehm überrascht wurden von der Wärme und Freundschaft, die uns erwarteten. Neugier, verbunden mit Fußball, Cricket und Basketball, führte schließlich dazu, daß wir Kontakt mit Gemeinschaften auf vier Kontinenten hatten.
Die Lehre aus all diesem ist sicherlich, daß die Herstellung internationaler Verbindungen nicht schwierig ist (7), besonders, wenn Fußball, Cricket, Tanzen und Feiern damit verbunden sind. Von höchstem Interesse ist, ob es möglich war, die nächsten Stufe zu erreichen, auf der eine gewisse Dauerhaftigkeit durch konkrete Verbindungen, Freundschaften und Beziehungen erreicht wird. Daraus entsteht der Anfang globaler Netzwerke, die in der Lage sein könnten, den Nationalstaat wie auch rassische und kulturelle Trennungen zu überwinden. Wir als Verein denken, daß wir einige kleine Schritte zurückgelegt haben auf dem langen Weg zum Traum von einer menschlichen Gemeinschaft der Welt.

Was bedeutet das alles?
Mein zentraler Punkt ist, daß einige grundlegende Ideen, die die Basis der anarchistischen Theorie ausmachen (Autonomie, Demokratie, Inklusivität und Internationalismus), in einer neuen Arena getestet wurden, dem Sportverein, der ziemlich stark von der ‘revolutionären’ Bewegung ignoriert worden ist. Während also Politische Gemeinschaften mit dem Versuch kämpften, die Leute dazu zu bringen, diese Ideen in ihrem Gegenüber, der politischen Gemeinde, inkraft zu setzen (meist ohne viel Erfolg), waren informelle Projekt wie der Easton Cowboys Sports and Social Club in der Lage, diese Dinge tatsächlich in der Praxis auf eine sehr viel pragmatischere Art und Weise zu testen. Alles in allem ist es immer sinnvoll, eine Gemeinschaft mit der tatsächlichen Erfahrung dieser vier Ideen auszustatten, selbst wenn sie nicht offensichtlich Politisch ist. Tatsächlich meine ich, daß diese Ideen präzise aus dem Grund, daß sie nicht als Politisch angesehen wurden, gedeihen und in der ‘wirklichen Welt’ getestet werden konnten.
Der Fußball erlaubte, wegen seiner scheinbaren Neutralität und Popularität, bestimmte Barrieren (Klasse, Rasse und Nation) zu überqueren. Die oppositionellen politischen und kulturellen Ideen der 1980er Jahre wurden in den 1990ern in eine neue soziale Form übersetzt, die es ihnen erlaubte, über die Grenzen des ‘anarchistischen Ghettos’ der formalen Politischen Organisationen oder der exklusiven Subkultur zu expandieren. Dieses symbiotische Verhältnis ist der Schlüssel, um den Erfolg des ‘erweiterten Sportvereins’ zu verstehen: Fußball ist das Schmiermittel, fortschrittliche Ideen sind der Motor.

‘Sie haben ernsthafte Politik aufgegeben’
Verschiedene Kritiken am Easton Cowboys and Cowgirls Sports Club wurden von der Politischen Gemeinschaft, aus der wir hervorgegangen sind, geäußert, auf die ich jetzt eingehen möchte.
Anfänglich war die allgemeine Reaktion der Anarchisten auf unsere Aktivitäten in der lokalen Gemeinde, ‘sie haben die ernsthafte Politik aufgegeben, um Fußball zu spielen’. Zu einem gewissen Maß war das richtig. Auf eine Art hatten wir die Politische community, aus der wir kamen, aufgegeben, aber stattdessen – vielleicht ohne es Anfangs zu bemerken – ein aufregendes und interessantes Projekt gefunden, das sie ersetzte. Anstelle des Gefühls, daß wir Außenseiter in unserer lokalen Community waren, begannen wir, uns viel mehr dazugehörig zu fühlen. Unsere Kontakte mit den Leuten, die vor Ort lebten, waren viel entspannter, und wir erschienen ihnen weitaus weniger bedrohlich. Es stimmt, wir trugen unsere Ideen nicht auf die normale Politische Art und Weise vor uns her, aber wie versteckten sie auch nicht wie die trotzkistische Linke. Stattdessen setzten wir sie in die Praxis um mit einer Gruppe von Leuten, die nicht notwendig eine einheitliche Politische Idee teilten, aber die positiven und aufregenden Aspekte dieser Ideen selbst verstanden. Es ist sicherlich wahr, daß das Image und ‘Anderssein’ von Politischen Subkulturen ein Haupthindernis bei der Verbreitung von Ideen ist – als Sport- und Sozialverein brauchen wir uns darum keine Sorgen zu machen.
Ironischerweise mußten wir einige Jahre, nachdem wir die Politische community verlassen hatten, wieder Kontakte mit dieser Szene aufbauen, um uns zu ermöglichen, nach Mexiko zu reisen und die zapatistischen Gemeinschaften zu besuchen. Im Prozeß der Treffen mit Aktivisten aus diesem Milieu bemerkten wir, daß wir als Gruppe sie eindeutig beunruhigten. Sie hatten stereotype Vorstellungen von dem, was ein Sportverein sei, und stellten sich schwer saufende, sexistische und rassistische Männer vor, die ‘kulturell unbewußt’ wären. Uns wurde sogar gönnerhaft mitgeteilt, daß wir uns einem Affinity-Group-Training zu unterziehen hätten, da wir eindeutig unfähig wären, uns so zu organisieren, daß wir ‘unsere eigenen Schuhe zubinden’ könnten, ganz zu schweigen von den Härten einer Reise durch Chiapas. Es war eine sehr befremdliche Erfahrung. Indem wir die Politische community von der anderen Seite her trafen, konnten wir deutlich die Wahrnehmung vieler ‘normaler’ Leute erkennen, die sich bevormundet fühlen und gleichzeitig die Ängste in der Politischen community wahrnehmen, mit denen sie konfrontiert werden. Was für eine merkwürdige Situation – eine Gruppe Aktivisten, die die Welt durch eine Volksrevolution verändern wollen, aber genau vor diesem Volk Angst haben, das (der Theorie zufolge) dies ‘mit allen notwendigen Mitteln’ tun soll. Das war für uns sehr erhellend.

Bleibt vor Ort!
Eine zweite Kritik, die von klassenbewußteren Anarchisten und Aktivisten kam, bezog sich auf unseren Internationalismus, besonders auf unsere Besuch in Chiapas und die nachfolgende Solidaritätsarbeit mit den zapatistischen Ge-meinden. In den 80ern war eine politische Sichtweise aufgekommen, daß der Mittelstand nicht nur die Politik im allgemeinen dominierte, sondern insbesondere auch die ‘revolutionäre’ Politik, und ein Teil dieser Dominierung war dessen Besessenheit vom ‘glamourösen’ bewaffneten Kampf ganz weit weg. Besonders wurden in den 1980er Jahren die Solidaritätsgruppen kritisiert, die die Sandinistas wie auch die salvadorianischen und guatemaltekischen Guerillaaufstände unterstützten. Das allgemeine Argument war, je weiter entfernt und je weniger verbunden mit der eigenen Heimatnation ein nationaler Befreiungskampf war, desto einfacher konnte man sich politisch einmischen. Die am wenigsten modischen nationalen Befreiungskämpfe waren vor der eigenen Haustür und/oder verwickelten die eigene Nation direkt darin, wie etwa der republikanische Kampf in Nordirland. Zusätzlich wurde wahrgenommen, daß Mittelschicht-Leute sich sehr schnell auf diese ‘ernsthafte’ Politik einließen, weil sie zu viel Angst hatten, sich mit den Leuten aus der Arbeiterklasse abzugeben, die am anderen Ende der Straße lebten. Konsequenterweise wandten sich die hartgesotteneren klassenbewußten Anarchisten Aktivitäten in ihren örtlichen Arbeiterklassen-Gemeinschaften zu und hielten sich von sämtlichen ‘Internationale-Solidaritäts’-Organisationen fern. Internationale Aktivitäten dieser Art wurden der ‘Mittelstands’-Linken und der schlapperen ‘ghettoisierten’ anarchistischen Szene überlassen.
Als die Easton Cowboys mit anderen Vereinen in England, Deutschland und Belgien Mitte der 90er Jahre ein Netzwerk gleichgesinnter (antirassistischer/antifaschistische Fußballmannschaften aufgebaut hatten, war dies dem Radar der Politischen Szene entgangen. Es war die Intervention des Vereins in den politischen Kampf der Zapatistas, der die Funken fliegen ließ. Wir wurden angeklagt, lokale Politische Aktivitäten aufzugeben zugunsten ‘weit entfernter’ glamouröser Kämpfe, die keine Verbindung zu unserer Nachbarschaft haben. Die Ironie der ganzen Situation war natürlich, daß wir zuerst beschuldigt worden waren, ‘die Politik aufzugeben, um Fußball zu spielen’, und nun wurde der Verein wie eine reguläre Politische Organisation kritisiert!
Die klarste und konstruktivste Kritik kam von einigen älteren Aktivisten, die darauf hinwiesen, daß, wenn wir uns mit den Zapatistas einlassen wollen, wir zumindest versuchen sollten, ‘vernünftige’ Leute nach Chiapas zu schicken. Was sie damit meinten war, wenn die Mittelschicht die internationalen Solidaritätsbewegungen dominiert, dann sollten wir Leute ermutigen, nach Chiapas zu gehen und teilzunehmen, die normalerweise nicht in solche ‘glamourösen Kämpfe’ wie die der Zapatisten verwickelt sind. Das haben wir versucht zu tun. Schließlich haben wir uns gedacht, warum sollten wir nicht bei internationaler Solidarität mitmachen? Warum soll das der Mittelschicht überlassen bleiben? Es gibt eine lange Geschichte der Internationalen Solidarität der Arbeiterklasse welt-weit, und wir verstanden nicht, warum wir als Sportverein nicht Teil dieser Geschichte sein sollten. Der Verein handelte als Kanal für die Teilnahme an internationaler Solidarität, unbehindert von rigiden ideologischen Korsetten oder exklusiven Praktiken Politischer communities. Die Cowboys, die ins Ausland reisten, wurden sowohl bereichert wie bewegt durch unsere Kontakte mit den aufständischen Campesinos von Chiapas, den ehemaligen Gang-Mitgliedern von Compton und den Fußballvereinen in Palästina. Dieser Kontakt und die Solidaritätsarbeit besteht bis heute fort (8) und wird auch in der Zukunft fortgesetzt werden.

Klassenzusammensetzung
Ich habe dieses Thema schon früher angesprochen, möchte es aber jetzt unter dem Blickwinkel einiger Kritiken, die gegen uns sowohl intern wie extern vorgebracht wurden, erörtern. Oft ist es so, je inklusiver eine Organisation ist, umso mehr treten die oben genannten Fragen in den Vordergrund. Wir sind zu unterschiedlichen Zeiten angeklagt worden, daß wir ‘alle Mittelschichtler’ seien, ‘geführt von einer 11er-Bande’ und eine ‘liberale Clique’. Die meisten Anklagen sind wieder ironisch, denn der Verein wurde nie als eine exklusive Politische Organisation der ‘Arbeiterklasse’ gegründet. Als der Verein gestartet wurde, war unser einziges exklusives Motto, das wir hatten – und das tatsächlich eher als Scherz gemeint war –, ‘NO COPPERS, NO CHRISTIANS’ [Keine Polypen, keine Christen] (9). Abgesehen davon nehmen wir alle! So ist der Verein ziemlich klassenübergreifend. Er hat nie vorgegeben, etwas anderes zu sein. Konsequenterweise mußten wir uns manchmal mit dem Problem herumschlagen, daß redegewandte, selbstbewußte Mittelschicht-Leute dazu tendieren, Positionen zu besetzen, die mit der Leitung des Vereins zu tun haben. Der Hauptunterschied zwischen einer formalen Politischen Organisation und uns liegt in der Natur des Amateur-Sports. An einem eiskalten Februar-Morgen mit einem Kater zu versuchen ein Fußballspiel zu gewinnen hat noch nie politische Karrieristen wirklich angezogen! Dieser Mangel an täglichem Politischen Ruhm plus eine Struktur, in die Demokratie mit Rotationsprinzip eingebettet ist, hat stattdessen für Leute Möglichkeiten eröffnet, sich zu entwickeln und etwas über Organisation und Selbstverwaltung zu lernen und dadurch persönliches Selbstvertrauen zu gewinnen, was weit über die meisten Politischen communities hinaus geht. Sport kann ein großer Gleichmacher sein. Du brauchst keinen Universitätsabschluß, um eine Fußballmannschaft zu trainieren oder zu führen. Du gewinnst den Respekt der Spieler und Unterstützer um dich herum durch viele positive Dinge: Verständnis für Menschen; die Fähigkeit, Veranstaltungen zu organisieren; daß du uns alle aufmöbelst, wenn die Zeiten hart sind; und Spiele gewinnst. Tatsächlich alle die Dinge, die eine community ausmachen.

Grenzen und Probleme
Während ich in diesem Aufsatz bisher ein bewußter Cheerleader für die Organisation der Easton Cowboys war, ist es an der Zeit, einen kritischen Blick auf den Verein und seine Aktivitäten zu werfen. Als der Verein wuchs, äußerten einige der Gründer Befürchtungen dahingehend, daß wir unsere Kultur, Politik und Identität verlieren könnten. Einige argumentierten, daß wir nicht expandieren sollten, oder zumindest nicht zu schnell, da das Ergebnis sonst ein Verein voller Leute wäre, die keine Vorstellung von seinen Ursprüngen und Ideen hätten. Mit diesem Problem verwandt war auch mit der Frage, ob ‘gute’ Spieler angeworben werden (sollen), die unsere ‘Prinzipien’ nicht teilen. Das Gegenargument wies darauf hin, daß die Dynamik der Veränderung an sich gut ist, und wenn unsere Kultur und unsere Ideen stark genug sind, sie nicht verwässert werden können, wenn mehr Leute mitmachen, vielmehr gehofft wurde, daß sie weiterentwickelt werden. Schließlich, so wurde argumentiert, treten die Leute bei, weil es ein aufregender Verein sei, bei dem man mitmachen kann, und wegen seiner Werte wie Inklusivität. Es ist schwer, darüber eine Bewertung abzugeben, selbst im Nachhinein, außer, daß die meisten politischen Aktivitäten in den Untergruppen bis heute fortgeführt werden und es keinen größeren Widerspruch aus der ‘erweiterten’ Mitgliedschaft der Cowboys gegeben hat. Die Mehrzahl der Kritiker, die vom Mangel an offener Politischer Aktivität überrascht waren, kamen aus der Politischen community und hatten einen Fußballverein voller Anarchisten erwartet anstatt einen, in dem einige dieser Ideen in die Praxis umgesetzt wurden.
Ein bedeutenderes Problem trat auf, als der Verein sich mit antisozialem Verhalten auseinandersetzen mußte, insbesondere schwulenfeindlicher oder sexistischer Sprache. Vor kurzem wurde eine Preisverleihungsfeier zum Saisonende getrübt durch (alkoholisierte) Rangeleien, nachdem einige jüngere männliche Vereinsmitglieder beleidigende Bemerkungen gegenüber einigen Fußballerinnen gemacht hatten. Die unmittelbare Reaktion war eine große Debatte im Chatroom unserer Internet-Seite, die teilweise zu verbalen Pöbeleien degenerierte. Dem folgten persönliche Kontakte zwischen den betroffenen Parteien und eine Krisen-Vollversammlung, um die Probleme zu besprechen. Einige der mehr Politischen Elemente betrachteten den Vorfall als eine Rechtfertigung ihrer Kritik, daß der Verein zu inklusiv ist und konsequenterweise neue Mitglieder ‘auf Herz und Nieren prüfen’ muß sowie einen rigideren Satzungsrahmen braucht. Andere folgerten, daß wir von Zeit zu Zeit Konflikte erwarten müßten, denn wenn es keine gäbe, wäre es ein Zeichen dafür, daß wir nicht inklusiv sind. Sie argumentierten auch, daß eine Formalisierung des Prozesses zur Lösung von Konflikten – wie diesem – informelle Lösungen behindern und einige neue Cowboys abschrecken würde, bevor sie Möglichkeit hätten, ihr Verhalten zu ändern. Die Spannung zwischen formellen und informellen Interventionen bei solchen Ereignissen ist ein ständiger und ungemütlicher Bestandteil unserer Geschichte gewesen und interessanterweise eine direkte Widerspiegelung der Diskussionen, die in der übrigen Gesellschaft stattfinden (10).
Es ist wichtig festzuhalten, daß die Cowboys nie als eine Politische Organisation gedacht waren, obwohl sie als Kanal zu und von solchen Organisationen dienen können. Es ist schwierig, sie auf der Basis zu kritisieren, daß ihre Politik verwässert worden sei, oder daß sie mit ihren Politischen Zielen gescheitert wären. Die wirkliche Frage ist, wenn der Verein nicht Politisch ist, was ist er dann? Und die Antwort kann nicht einfach ‘ein Sportverein’ sein. Die Frage kann vielleicht am besten dadurch geklärt werden, wenn man sich anschaut, was er an Politisch wichtigem getan hat und beurteilt, ob das bleibt oder verschwindet. Für seinen Erfolg wird die Langlebigkeit der Grundwerte des Vereins – Autonomie, Demokratie, Inklusivität und Internationalismus – ein Zeichen seines Erfolgs sein anstatt ein Zeichen des Scheiterns, etwas Politischeres zu erreichen.

Vorwärts zum Sieg …
Zusammenfassend möchte ich folgende Punkte herausstellen:
Fußball (und andere Sportarten) können in gewisser Weise die Spaltung in Nation, Rasse und Kultur aufbrechen, während rein Politische Interventionen oft scheitern. Ideen wie Autonomie, allgemeine Demokratie, Inklusivität und Internationalismus können außerhalb der Grenzen von Politischen Organisationen praktisch erprobt werden. Es kann einfacher sein, solche Ideen auszuprobieren ohne eine offene Politische Herangehensweise. Die Ideen sind wichtiger als politische Haltungen oder Etiketten. Es ist sinnvoll, aus der Politischen community auszubrechen und in die politische Community einzutreten, und ‘erweiterte’ Sportvereine können dafür eine Abkürzung sein.
Organisationen wie Sportvereine können soziale Räume bieten, in denen sich Menschen treffen, und so einige Facetten der Spaltung nach Subkultur, Rasse, Klasse und Geschlecht überwinden. Vereine wie die Cowboys sollten nicht nach ihrer Fähigkeit beurteilt werden, ob sie Politische Ziele erreichen, sondern in ihrer Möglichkeit, radikale Ideen praktisch werden zu lassen und als Kanal zu funktionieren, um diese sowohl lokal wie international zu verbreiten.

Abschließend – es gab keinen großen Meisterplan bei den Cowboys. Unsere Abenteuer und politischen Aktivitäten ergaben und entwickelten sich unbewußt mit der Zeit. Es gibt eine Wahrnehmung, daß der Verein ein sich immer weiter entfaltendes soziales Experiment ist. Die meisten Sportvereine oder gesellschaftlichen Organisationen haben eine beschränkte Lebensspanne und steigen und fallen oft ziemlich schnell, aber nach fast zwanzig Jahren bei den Cowboys habe ich keine Vorstellung, wozu oder wohin das demnächst führen könnte, oder wie der Verein vielleicht in fünf Jahren aussieht. Was letztlich die Aufregung widerspiegelt, das ‘wunderschöne Spiel’ zu spielen. Du weißt nie genau, was als nächstes passiert … •

• Übersetzung J.S. – besten Dank!

Anmerkungen
(1) Der Einfachheit halber, und um Platz zu sparen, wird künftig nur noch von den Easton Cowboys oder Cowboys gesprochen, womit sowohl die männlichen wie weiblichen Mitglieder dieser Organisation gemeint sind. Die Ansichten, die in diesem Aufsatz zum Ausdruck kommt, ist allein die des Autors und repräsentiert nicht die Ansichten des Easton Cowboys Sportvereins.
(2) Viele Aktivisten lehnten diese exklusiven und ‘ghettoisierten’ Kulturen ab, denen sie sich als Teenager angeschlossen hatten. Die Frage kam auf, wenn wir an ‘wirklichen Kämpfen’ teilnehmen wollten, warum sollten wir uns dann von denen abgrenzen, mit denen wir zusammengehen wollten? Als ein Ergebnis schnitten viele Punks ihren Iro oder die Dreadlocks ab, akzeptierten etwas angepaßtere, allgemeinere Kulturen und begannen, sich wie die Freunde ihrer Communities zu kleiden. Politik zu betreiben, so wurde argumentiert, war keine Frage der Klamotten.
(3) Eine der verstörendsten Aspekte der 1990er war, wie erfolgreich die herrschenden Ideologie dieser Periode darin war, die Ideen von Basisdemokratie zu verschrotten und zu unterdrücken. Vielen neuen Cowboys waren nicht nur die Konzepte direkter Demokratie unbekannt – trotz der langen Tradition solcher organisatorischer Formen in den Politischen und sozialen Bewegungen der Arbeiterklasse in Großbritannien – sondern sie trugen oft eine allgemeine Verachtung dafür in sich.(4) ‘Cunt’ (Fotze, Möse) z.B. wurde so eher zu einem Ausdruck der Zuneigung anstatt zu einem Ausschlußgrund.
(5) Beispielsweise habe ich in Oakland, Kalifornien, mit der örtlichen ‘anarchistischen’ Mannschaft Fußball gesp ielt, die nicht einer örtlichen Liga beitreten wollte, da das ‘zu wettbewerbsorientiert’ sei, und die kein Interesse hatte, gegen die Afro- und Latino-Fußballmannschaften auf den benachbarten Feldern zu spielen, ja, nicht einmal mit ihnen zu kommunizieren. Für meinen ‘Cowboy’-Fußball-Sinn war das eine Blasphemie.
(6) Die Kneipe ‘The Plough’ [Der Pflug] in Easton ist sowohl für inter-ethnische wie internationale Verbindungen ein Symbol geworden, und diese Kultur besteht seit mehr als 20 Jahren ungebrochen.
(7) Es sollte festgehalten werden, daß der meteorgleiche Aufstieg des Internets und die Verfügbarkeit von Email während der Gründungsjahre der Cowboys einem großen Einfluß auf unsere Fähigkeit hatte, Verbindungen zu anderen Sportvereinen und Gemeinschaften auf der Welt zu knüpfen.
(8) 2010 markiert den 10. Jahrestag von KIPTIK, einer Solidaritätsgruppe, die von Spielern und Unterstützern des Easton Cowboys and Cowgirls Sports Club gegründet wurde, um Material und technische Unterstützung für Wasser- und Gesundheitsprojekte in zapatistischen Gemeinden in Südost-Mexiko zu beschaffen. Jüngste Kontakte mit Gemeinden in Palästina, Litauen und Brasilien haben ebenfalls sowohl politische als auch soziale Aktivitäten hervorgebracht.
(9) Wir mußten einen zukünftigen Polizisten ablehnen, auf der Grundlage, es sei ‘besser für ihn und für uns’. Soweit ich es mitbekommen habe, hatten wir keine Probleme mit Christen (bisher)! Das Motto wurde dann von einigen Punk-Elementen erweitert um ‘NO JUGGLERS; NO DRUMMERS’*), als Antwort auf einige als ‘hippieartig’ wahrgenommenen Aktivitäten, die mit der Rave-Szene assoziiert wurden. Diese Regel ist (unglücklicherweise, nach Meinung des Autors) nicht durchgesetzt worden.
*) der Witz erschließt sich dem Übersetzer leider nicht … »Juggler« bedeutet eigentlich Jongleur, aber auch Betrüger, und ist ein US-Slang-Ausdruck für einen Dealer harter Drogen. Ein »Drummer« ist bekanntlich ein Trommler oder Schlagzeuger, im US-Slang auch ein Handelsvertreter.
(10) Beispielsweise argumentieren viele, daß die Probleme des Rassismus und von rassischen Vorurteilen nicht durch Gerichtsprozesse und die Politik der Gemeindeverwaltungen angegangen werden können; sie sind Probleme innerhalb der Gemeinschaften, zwischen den Leuten.

Erläuterungen
* Classwar-Federation:http://en.wikipedia.org/wiki/Class_War
** Poll Tax: unter den Namen »Community Charge« (Gemeindeabgabe) von der konservativen Thatcher-Regierung 1989 in Schottland und 1990 in England und Wales eingeführte Steuer, die anstelle der bisher gültigen »Rates« (einer Haus- und Grundsteuer, die nach dem Wert des Besitzes bemessen wurde) ersetzte, und aus denen sich die Kommunen zu einem Drittel finanzierten. Die »Poll Tax« (Kopfsteuer), wie sie im allgemeinen Sprachgebrauch hieß, sollte von jeder erwachsenen Person bezahlt werden und entlastete das obere Drittel der britischen Bevölkerung zuungunsten des Restes, der zwischen 50 und 100% mehr zu bezahlen gehabt hätte. Die daraus entstehende Protest- und Boykottbewegung führte zum Sturz der Thatcher-Regierung und zur Abschaffung der »Poll Tax«.
• Jonnie Schlichting, Poll-Tax (direkte aktion Nr. 81/Mai-Juni 1990, S. 12) – http://en.wikipedia.org/wiki/Community_Charge
*** Kick about Soccer: Fußball spielen ohne Ziel und Ehrgeiz, ‘rumbolzen’.

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