Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Deutsche IWW

Deutsche Wobblies gegen den Anarchosyndikalismus ?

Eine Polemik aus besonderem AnlaßWobblies wollen den Kapitalismus irgendwie »wegbekommen«, nicht zerschlagen – in der Präambel heißt es im Original „to do capitalism away“ und „overthrow“, überwinden – Paul Matt ick sprach noch von der „Vernichtung“ – heute steht nur noch schwammig etwas von „die Erde und die Produktionsmitt el in Besitz nehmen, und das  Lohnsystem abschaff en“. [1]

Die Rückkehr der Wobblies

»Die IWW ist keine anarchosyndikalistische Gewerkschaft. Dreimal in der Geschichte der IWW stellten Mitglieder den Antrag, der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) beizutreten … Jedesmal wurde dieser Antrag durch ein internationales Mitgliederreferendum abgelehnt und zwar hauptsächlich deshalb, weil seine Annahme bedeutet hätte, das eigenständige Konzept des internationalen Industrie-Unionismus aufzugeben und darüber hinaus ihre nicht-anarchistischen Mitglieder, vor allem solche, die diversen marxistischen Parteien angehören, auszuschließen – ein Bruch mit ihrer Tradition des praktischen Pluralismus, den eine große Mehrheit der Wobblies nicht bereit war zu vollziehen.« – Lutz Grundmann (IWW) in der rätekommunistischen Zeitschrift Aufheben No. 2 / 2007 – email: aufheben@online.de

Es ist schon befremdlich, dass sich hierzulande ehemalige FAU-Mitglieder den amerikanischen Wobblies, den Industrial Workers of the World, anschließen. Mittlerweile wird der Eindruck überdeutlich, daß die IWW-Germany eine reine Kopfgeburt frustrierter ehemaliger Anarchosyndikalisten ist (»Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche!«).

Bis vor einigen Jahren wollten die IWW noch Mitglied in der revolutionär-syndikalistisch/anarcho-syndikalistischen Internationale, der IAA werden. Das scheiterte bereits mehrmals am internen Widerstand der nicht-libertären Mehrheit in der IWW – speziell in den USA und England. Nun betreiben die IWW einen neuerlichen Expansionskurs (der erste Versuch erfolgt bereits 1918, der zweiter Mitte der Zwanziger Jahre, Aktivitäten gab’s in Germany bis zur Zerschlagung durch den Nationalsozialismus) in viele nicht englisch-sprachigen Länder Europas und wollen hier erneut Fuß fassen. Bloß bei wem wollen sie Mitglieder abfischen? Sozialistische GewerkschaftsLinke organisieren sich immer und ewig im DGB und orthodoxe Kommunist/innen haben erst recht kein Interesse, ihre parteipolitischen Allmachtsphantasien über die Arbeiterklasse an eine amerikanische Gewerkschaft abzugeben. Wer bleibt, sind Telefonzellen-Trotzkist/innen, die hier in Deutschland als angeblich anti-stalinistische bolschewistische Fraktion noch übrig sind (also diejenigen, die nicht ihrer Lieblingsbeschäftigung des Entrismus in der Linken oder der SPD nachgehen). Aus Ermangelung eines fruchtbaren unbeackerten Betätigungsfeldes für unionistische Ideen, kann es sich deshalb nur um einen Abwerbeversuch gegenüber dem organisierten Anarchosyndikalismus handeln, denn auch die versprengten Reste der Wildkatzen hegen ja keinerlei Organisierungsgelüste und sind eher auf einem ideologischen Fusionstripp mit einigen  Rätekommunist/innen, die wollen sich vielleicht selbst in der Kosmoprolet-Zeitschrift Aufheben. Die »Strömungs«-Linken (wie z.B. die Interventionistische Linke um die Arranca) interessieren sich mehr für »action« als  für GewerkschaftsArbeit und Betriebskampf, ihr Lebensmittelpunkt ist ja auch nicht das Büro oder die Fabrik. Der Gegner ist demnach die anarchosyndikalistische FAU-IAA, das beweisen auch die ersten Diskussionen in deren Chatroom und Holger Stuhlfauths Ausfälle in der Oktober-Ausgabe der graswurzelrevolution (#133).
Dies nenne ich –schlicht dem amerikanischen militär-kapitalistischen Sprachgebrauch folgend– eine versuchte »feindliche Übernahme«. Mehr als ein gockelhaftes Aufmucken ehemaliger FAU-Mitglieder, die enttäuscht das nächste Faß aufmachen wollen, um sich selbst zu berauschen, wird das allerdings nicht werden. Bisher war es nämlich üblich, dass sich Wobblies den »nationalen« Gewerkschaften ihres Gastlandes anschlossen, in unserem Fall der FAU-IAA. Andere Länder, andere Sitten, so jedenfalls auf der UK-Insel (England, Schottland), in Italien und „wherelse“. Hier fällt übrigens auf, dass die IWW mal nationalistisch sind, wie z.B. im Vereinigten Königreich von Littlebritan, denn dort gibt es eine IWW-UK und eine IWW Scotland (deren Farbe ist übrigens blau und nicht Wobbly-Rot), und im deutschsprachigen Raum geben sie sich explizit antinational, hier wurde alles unter GLAMROC subsummiert, also Deutschland, Schweiz, Luxemburg und Österreich,   warum dann nicht gleich ein großdeutsches GMB?

Die IWW-Ideologie – Unionismus für Alle?

I  »With the IWW, you also belong to a union that has a long term vision and plan to eliminate the bosses, make our industries and economy democratic, and stop war and want and inequality. So join us.« http://www.iww.org/join/whyjoin.shtml

II  »Die Industrial Workers of the World sind eine internationale revolutionäre Gewerkschaft, die im Jahr 1905 in den USA gegründet wurde. Durch diese Group kommunizieren und diskutieren die deutschen Mitglieder und UnterstützerInnen der IWW miteinander.
 Ziel ist:
• der Aufbau der einen großen Gewerkschaft für alle ArbeiterInnen weltweit auch in Deutschland,
• die Überwindung des Kapitalismus und der Lohnsklaverei,
• die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel.«
http://de.groups.yahoo.com/group/IWW-Germany/

III  »Die IWW repräsentiert einen eigenständigen Strang in der Ideen- und Organisationsgeschichte der Arbeiterbewegung, der als Unionismus bezeichnet wird. Sie sieht sich als die ‚One Big Union‘, ein Zusammenschluss der gesamten arbeitenden Klasse auf betrieblich/ökonomischer Basis. Wenngleich der Unionismus Elemente so-wohl des Anarchismus als auch des revolutionären Syndikalismus in sich aufgenommen hat, zählten zu den Mitgliedern der IWW stets Arbeiterinnen und Arbeiter mit verschiedenen Weltanschauungen. Von anarcho-syndikalistischen Organisationen unterscheidet sich die IWW sowohl durch eine größere weltanschauliche Offenheit als auch im organisatorischen Aufbau durch eine weitaus weniger föderalistische, also zentralere Organisationsstruktur.«
http://de.wikipedia.org/wiki/IWW#Philosophie

Also – was denn nun? In Deutschland sind die Wobblies anscheinend etwas völlig anderes als in den USA. Die Amerikanischen Wobblies sind heutzutage nichts weiter als radikale, unpolitische Gewerkschafter, die eine friedliche Welt ohne Bosse fordern, sie wollen keinen Krieg und die Industrie und Wirtschaft demokratisieren. Selbstverständlich, Demokratie bedeutet Volksherrschaft – aber stehen diese langfristigen Forderungen der Original-IWW nicht in krassestem Widerspruch zu der deutschsprachigen Internet-Seite, die »die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel« als Ziel proklamiert?

Das ist doch eine anarchosyndikalistische resp. revolutionär-unionistische Forderung nach einer sozialistischen Räterepublik. Davon ist aber heutzutage bei den US-Wobblies nichts mehr zu lesen. Der amerikanische Unionsmus der Wobblies war nie etwas anderes als revolutionärer Syndikalismus – und das ist ein politisch völlig anderes Konzept als der Einheitsorganisations-Unionismus von Teile der AAU und der AAU-E in Deutschland. Die AAU-E wie auch der Anarchosyndikalismus kämpften entschieden gegen politische Parteien und deren schädlichen Einfluß auf die Arbeiterklasse; die Wobblies lehnen Parteien nicht grundsätzlich ab .

Der Unterschied zwischen Unionismus und anarchistischem Syndikalismus
Der Hamburger Anarchosyndikalist Karl Roche veröffentlichte bereits in der syndikalistische Zeitung Die Einigkeit  1910 seine Meinung zum Unterschied zwischen Sozialismus/reinem Syndikalismus und den Aufgaben des Anarchismus: »Wir wurden ‚sozialdemokratische Anarchisten‘, wir wurden etwas Unmögliches: ‚Anarcho-Sozialisten‘ . Ein Unding! (…) der Durchschnittsmensch (…) muß trachten, mit seiner Gemeinschaft die wirtschaftliche Macht zu erringen, muß – Sozialist sein. Wir wollen die Produktionsmittel zum Eigentum der arbeitenden Menschheit machen. Das wollen wir alle, ob wir uns nun Anarchisten oder Sozialisten nennen. Aber – ich meine – als Anarchist muß man noch mehr wollen: das gemeinsame Eigentum an den Produktionsmitteln darf dem Einzelnen nicht zur Fessel seiner persönlichen Freiheit werden. Ich kann mir vorstellen, daß in einer sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft mit staatlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Verpflichtungen der dann gewiß viel höher stehende arbeitende Mensch gerade darum, weil er ganz andere Begriffe von dem Menschenrecht hat, die Fessel dieser Gesetze und Verpflichtungen noch viel drückender empfinden wird als der heutige sozialistisch denkende Lohnarbeiter. Darum erachte ich es als eine Hauptaufgabe des Anarchismus, den sozialistischen Arbeitern zu sagen, daß der Sozialismus nicht das Ende der geschichtlichen Entwicklung sein kann, weil er dem Menschen nicht die volle persönliche Freiheit bringt.

„Das Täubchen liebt die sicheren Kreise,
Nicht fragend, ob’s gefangen sei;
Doch nur der Vogel auf der Reise,
Der heimatlose, der ist frei.“

(…) Nach meinem Dafürhalten haben die Anarchisten heute die eine Hauptaufgabe, den Arbeitern immer wieder vor Augen zu halten, daß auch der Sozialismus mit dem Verzicht auf persönliche Freiheit verbunden ist und daß die Kampfgemeinschaft mit den Sozialisten nur soweit reichen darf, als es gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung geht. Eine Verbindung aber von Anarchismus und Sozialismus den Arbeitern vorreden zu wollen, ist eine Täuschung, die sich einmal am Anarchismus selbst rächen muß. – Karl Roche.« [2]

Genau hier liegt der Hund begraben, hier liegt auch die Ursache für die Entstehung des Anarcho-Syndikalismus. Die I.W.W. kann diesen Wider-spruch nicht lösen. Man kann nicht einerseits gegen den Staatskommunismus leninistischer Couleur und dessen trotzkistische oder stalinistische Abarten wettern („konterrevolutionär“! Paul Mattick 1933) und andererseits »den Arbeitern« vorgaukeln, als wenn mit radikal-reformistischen Parolen nach einer »Demokratisierung der Industrie» und der »Abschaffung der Lohnsklaverei« – dem Sozialismus schlechterdings – alles erreicht wäre. Wenn schon kämpfen, dann lieber für ein wirkliches Ziel, als »freier Zugvogel« und nicht als »zahmes Täubchen im sicheren Käfig«, sonst könnten wir doch gleich im DGB die linksradikalen Militanten mimen. Hat nicht Joe Hill gegen das St.-Nimmerleins-Prinzip sein »You get pie in the sky when you die« gesungen?
Internationale Gewerkschaft – was ist das?
Wie will eine »internationale Gewerkschaft« mit weltweit kaum mehr als 2.500 Mitgliedern (2006/07) einheitliche Arbeitsbedingungen und Löhne durchsetzen, wenn das noch nicht einmal innerhalb der Europäischen Union oder auch nur in einer einzigen deutschen Industrie (mehr) funktioniert, weil die Kapitalisten die Flächentarifverträge zertrümmert und die gelben DGB-Gewerkschaften das ohne Gegenwehr hingenommen haben. Um überhaupt das Bewußtsein für Flächentarife wieder zu schärfen, müssen die Proleten ihren Standesdünkel ablegen und die sozialistische Forderung nach gleicher Entlohnung aller Arbeiter-kategorien wieder aufnehmen und durchsetzen wollen.

Natürlich sind weltweite Standards nicht erst wegen der kapitalistischen Globalisierung notwendig, sondern weil wir ‚von unten‘ über alle Bereiche unseres Lebens entscheiden wollen, egal in welchem Planquadrat des Planeten wir leben. Aber es ist Unsinn, solange es noch nationale arbeitsrechtliche und tarifpolitische Unterschiede gibt, solange sind keine globalen Tarifverträge oder andere Vereinbarungen durchsetzbar.

►  Weder die ITF konnte in neunzig Jahren ihrer Existenz einen weltweit gültigen Tarif für Seeleute durchsetzen, obwohl die Seeschiffahrt global vernetzt ist.
►   Trotz europäischer Konzerne mit EU-Betriebsräten gibt es bisher keinen einzigen europäischen Tarifvertrag oder eine europäische Tarifpolitik des EGB.

Natürlich müssen wir dafür kämpfen, aber doch nicht als Mitglied einer amerikanischen Gewerkschaft! Die Wobblies zäumen zentralistisch das Pferd von hinten auf, wäre spannend zu wissen, ob z.B. alle Starbucks-workers in den USA den gleichen Lohn bekommen und wie die IWW Starbucks-IU hier für einen einheiltichen Tarifvertrag kämpft.

»Der Betriebsrat ist der Hausknecht des Unternehmers« – Parole der AAU, 1920
Wie sollen in Europa ganze 400 IWW-Mitglieder bessere „working conditions“ erkämpfen, wenn z.B. eine Kölner Betriebsgruppe der IWW im Juni 2008 nicht einmal soviel Rückgrat hatte, einen Betriebsrat zu gründen? [3]: Bei Boesner machte die IWW Germany alles falsch, was nur falsch zu machen war: keinerlei Ahnung von arbeitsrechtlichen Vorschriften und dem Betriebsverfassungsgesetz prägten hier die Aktion. Das dokumentiert das Flugblatt der Wobblies Köln, das vor dem Betrieb verteilt wurde. Im Industrial Worker July-August 2008 schreiben sie dann von einer bösen Unternehmens-Kampagne gegen die gewerkschaftliche Organi-sierung, vom »union busting« [4] – obwohl die Wobblies gar nicht als Gewerkschaft angetreten waren, IWW-Kolleg/innen wollten nur die Wahl eines Betriebsrates durchzusetzen. Hier macht ihr mehr Wind als ihr laue Luft gesät habt. Das war nicht besonders »modern« und steht garantiert nicht in der Tradition eines revolutionären Unionismus, Syndikalismus oder auch nur klassenbewußten linken Gewerkschaftertums.
Das war lächer- und peinlich, weil ihr ja damit prahlt, daß ihr in jeder Auseinandersetzung »beinhart zu den Interessen der Lohnabhängigen«, steht, so steht‘s jedenfalls in Eurem Flyer. Überstunden verweigert ein revolutionärer Gewerkschafter/Unionist schlicht und einfach durch die direkte Aktion der Überstunden-Verweigerung und einem defekten Lastenfahrstuhl begegnet er mit einem Boykott dieses kaputten Arbeitsmittels – es hilft auch ein (anonymer) Anruf bei der Berufsgenossenschaft oder der Gewerbeaufsicht.

Starbucks – ein Flop
Und beim »Global Action Day« Eurer eigenen internationalen Starbucks Workers‘ Union wart ihr in ganz Deutschland nicht auffindbar – so mußte im Industrial Worker berichtet werden, daß die FAU-IAA den Aktionstag alleine bestritt … Auf Eurer deutschen Homepage war auch tagelang kein einziger Bericht zu finden. Sicherlich war der einzige verantwortliche Redakteurs-Kollege im Urlaub, aber bei der ersten gemeinsamen internationalen Aktion von IWW und IAA und anderen radikalen Gewerkschaften weltweit ist das mehr als ein Armutszeugnis.

Strategie und Taktik
Eure gewerkschaftliche Praxis und Stra-tegie ist es auch, die uns nicht gerade zueinander bringt: die Wobblies nutzen die amerikanische Arbeitsgesetzgebung zur Durchsetzung ihrer Gewerkschaftsrechte (NLRB); anarchosyndika-listische Gewerkschaften vermeiden dies nach Möglichkeit und nutzen die Schlupflöcher eines verrechtlichen Paragraphendschungels. Wir aner-kennen (mehrheitlich) das Tarifvertrags- und das Betriebsverfassungsgesetz nicht, weil es sich dabei um post-faschistisches Arbeitsrecht handelt, das den Klassenkampf verbietet. Auch die Bevormundung durch den Staat, was eine Gewerkschaft ist und zu sein hat entspricht nicht unserer Vorstellung vopn einer Arbeiterorganisation, die sich ihre eigenen Regeln geben muß und die nicht zur Kollaboration mit den Ausbeutern gezwungen werden darf.

Ebenso skeptisch beurteile ich die Kampagnen-Politik der IWW, die über externe Organizer betriebliche Aktivitäten schüren [gegen eine lokale Unterstützung von gewerkschaftlichen Betriebskämpfen durch union supporters spricht natürlich nichts!), allerdings »lohnt« sich das brandworking (5) (was ja nur ein neues, anderes Wort für einen Firmen-Boykott ist) überhaupt nur dort, wo regionaler oder nationaler Druck ausgeübt werden kann, so wie bei Starbucks eben. Ihr nehmt damit den Arbeiter/innen in ihrem Kampf einfach zu viele Arbeit in ihrer Selbstorganisation ab und damit auch – deren Entscheidungshoheit, ihre Autonomie über ihren Kampf. Naja, ihr seid ja auch zentralistisch organisiert – und rein gar nicht föderalistisch …

Daß ausgerechnet ein durchgeknallter Prediger und ein Pastor zu den Hauptagitatoren der »Brandworkers International« gehören, ist eine andere amüsante Angelegenheit, es sei denn, uns interessiert religiöses »What would Jesus buy? – Was würde Jesus kaufen?«-Parolen des Reverend Billy über verantwortlichen Konsum (und seiner Church of Stop Shopping und die Moralsprüche eines Pastors Jeff Mansfield von der Judson Memorial Church) – wenn das Joe Hill noch erleben müßte … aber vielleicht wird in den USA ja gerade eine neue Religion gestiftet – die Arbeiterklassenbefreiunstheologie.

Die Londoner General Assembly – August 2008
Bitter steht es um das Demokratieverständnis der Wobblies. In der graswurzelrevolution (GWR # 332, Oktober 2008) schreibt Heiner Stuhlfauth (Ex-FAU-Mitglied aus Köln), daß die »General Assembly der IWW« jährlich tagt, aber keinerlei Beschlußkraft besäße. Dennoch entscheidet sie – ergo die finanziell bessergestellten, da mit dem nötigem Reisekleingeld  ausgestatteten, anwesenden Mitglieder – es ist (noch) keine Delegierten-Versammlung! – darüber, welche schriftlichen Fragen allen IWW-Mitgliedern per Referendum vorgelegt werden. Wie es scheint, wurde die Frage nach einer Dezentralisierung bzw. Regionalisierung der IWW erst gar nicht ins Referendum geschickt, weil der »Assembly-‘Filter‘« dieses »föderale Modell nach dem Vorbild der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA)« wohl nicht schmeckte, denn Kollege Stuhlfauth weiß seine GWR-Leser/innen darüber zu unterrichten, daß aufgrund »der Grabenkämpfe, Animositäten, ja verrücktheiten der anarchosyndikalistischen IAA in den letzten Jahrzehnten (…) vor einem solchen Föderalismus nur warnen« kann. Seine abstruse Begründung für diese – seine Einschätzung – liegt darin, daß jede/r Arbeiter/in der welt »jederzeit und überall« der OBU beitreten kann und daß es »prinzipiell keine nationalen Grenzen gibt und kein Denken in staatlich begründeten Kästchen und Territorien«. So ist es – aber dennoch sträubt sich eine »starke –  auch minoritäre – Strömung« in den USA gegen Veränderungen in diese Richtung. verständlich, denn dann würde die amerikanische Überlegen verloren gehen.

Bleibt es nämlich so bzw. kommt es gar nicht erst zur Abstimmung über den bösartigen Pilz namens »Föderalismus«, dann können sich GLAMROC und BIROC (British Isles Regional Organizing Comitee) ihre Bemühungen um eine repräsentative Vertretung innerhalb der IWW abschmiken. Denn auch so: sie schweigende Mehrheit in den USA kann nach geltendem Statut jederzeit dieses Ansinnen ausbremsen – und futsch ist die weltweite Halluzination dieser englischsprachigen Industrie-Union. Damit verfliegt die angeblich »neue Blüte« der Perspektive, »erstmals »außerhalb des englischsprachigen Raumes, Fuß zu fassen« noch bevor sich die barrikade ihrer angenommen hatte.

Noch was – diese peinliche Attacke von Stuhlfauth gegen die IAA und damit das öffentliche Anbiedern an ehemalige und aktuelle Feinde oder ideologisch unsichere Kantonisten: die deutschen Wobblies schafften es nicht einmal, den eigenen Genoss/innen auch nur ansatzweise bei der Übersetzung auf der Londoner Versammlung zu helfen oder die Antragsdokumente in deutscher Zusammenfassung vorzulegen … Mag ja auch sein, daß einigen der Draht aus der Mütze fliegt, wenn sie erfahren, daß der bisherige General Secretary Treasurer (bezahlter Funktionär der IWW, Sekretär und Schatzmeister) kehlig-zornig vorgibt, ein »miner‘s son« zu sein, eigentlich von Beruf aber Prediger ist. Das fand Stuhlfauth so anhimmelnd, daß er gleich seine lutherischen Erbanlagen und Herkunft aus einem kleinen westfälischen Bergarbeiterstädtchen zum Besten brachte.

Linksradikaler Unionismus – oder nur Gewerkschaftertum?
I  »Wir haben Buddhisten, Anarchisten, Pazifisten, Sozialisten, Rätekommunisten, Christen und Kar-nevalisten (alle auch in weiblicher Ausführung) in unseren Reihen …«
iww_selbstdarstellung_folder_april2007

II  »Die IWW ist nicht politisch definiert
Die IWW ist als Organisation nicht politisch definiert und mischt sich nicht in die politischen Überzeugungen oder Aktivitäten ihrer Mitglieder ein. Sie verlangt nur, dass politische Ansichten zu keinen Spaltungen innerhalb der Gewerkschaft führen. Dies erlaubt ArbeiterInnen mit verschiedenen politischen Überzeugungen sich im Kampf zu vereinen, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen. Die IWW konzentriert sich auf direkte ökonomische Aktionen (Streiks, Arbeitsniederlegungen, Boykotte), da die Geschichte zeigt, dass die politische Macht in den Händen derjenigen liegt, die auch die ökonomische Macht innehaben. Die IWW glaubt, dass alles, was ArbeiterInnen von PolitikerInnen gegeben wird, genau so schnell wieder weggenommen werden kann – vielleicht sogar mit Zinsen.«

Die IWW bezeichnen sich als »Gewerkschaft für alle Arbeiter« – sie sind also eine Klassenkampforganisation, die alle Arbeiter umfassen will, egal welcher politischen Meinung sie sind oder welcher politischen Organisation sie ansonsten noch angehören. Es  sollen also auch deutsche Stalinisten neben anarchistischen und rätekommunistischen Genoss/innen in dieser englischsprachigen mini-globalen One Big Union miteinander kämpfen – wobei die einen ihren bolschewistischen Staatskommunismus propagieren, während ältere Genossen in DDR-Arbeitslagern durch Zwangsarbeit gesundheitlich ruiniert oder gar getötet wurden. Das ist dann wohl die Bandbreite einer »größere[n] weltanschauliche[n] Offenheit«. Das macht keinen Sinn, denn sie kämpfen gemeinsam nur für ökonomische Interessen – später stellen dann die einen die anderen wieder an die Wand?

Aus anarchosyndikalistischer Sicht widerspricht also nicht nur der Zentralismus der IWW unseren föderalistischen Strukturen, sondern auch ihre politische Toleranz, Hauptsache: Arbeiter! Nur ein deutsche Wobbly-Supporters-Club Zudem erlauben die gravierenden Unterschiede zwischen angelsächsischem und amerikanischem Arbeitsrecht und dem westeuropäischem, lateinamerikanischem, afrikanischem und asiatischem keine weltweite Einheitsgewerkschaft.

Deshalb ist die deutsche Wobbly-Filiale nichts weiter als ein Supporters-Club ihrer amerikanischen »fellow workers«, weil kein/e deutsche/r Arbeiter/in arbeits- oder verfassungsrechtliche Ansprüche als Mitglied einer US-Gewerkschaft in good old Germany geltend machen oder gar einklagen kann, denn als Gewerkschaft müßte die IWW Germany hier registriert sein, um »legal« aktiv werden zu können; in ihrer Satz ung steht nirgends der Hinweis, dass sie eine Gewerkschaft nach deutschem Gewerkschaftsrecht sind oder sein wollen.

Außerdem ist der Knochen der »Einheit der Arbeiterklasse« in einer einzigen Organisation ist für uns in Deutschland seit der vernichtenden Niederlage von 1919 abgenagt. Auch in Spanien, Frankreich und Italien wird es so etwas niemals geben, da müssen sich die Wobblies schon eine andere Arbeiterbewegung suchen.

Zur Aktivierung des globalen Klassenkampfes für eine freiheitliche Gesellschaft bedarf es einer funktionierende Internationalen Arbeiter-Assoziation in der die Wobblies ihre Arbeit im englischsprachigen Teil des amerikanischen Kontinents erledigen sollten.

Also, german comrades, schickt Eure delegateat-large [10] und andere little helpers wieder nach Hause in die Vereinigten Staaten von Amerika, dort sollten sie zuallererst mal organizen und ihren Klassenkampf führen, da gibt’s ja bei nicht mal 2.000 Mitgliedern noch genügend Arbeit. Erst wenn wir überall wirklich eine reale Basis haben, können wir gemeinsam den globalen Klassenwiderstand nach dem immerjungen IWW-Motto: »An Injury to One is an Injury to All!« führen. ♦

• Folkert Mohrhof – Archiv Karl Roche, Hamburg
Ex-IWW [x342180 / 1996] und Ex-FAU Hamburg

»Todeskrisen«-Pamphlet
aus dem Jahre 1933 von Paul Mattick [9]
»Da die I. W. W. weder eine Berufsorganisation istnoch eine politische Partei, noch eine syndikalistische Gewerkschaft, konnte sie sich weder der „Zweiten“, noch der „Dritt en Internationale“ anschliessen. Ja, sie befi ndet sich auch in direkter Opposition zu den zwei Internationalen. Die I.W.W. hat nur lose Verbindungen mit der Berliner Syndikalistischen (I.W.A.) Internationale.Da sie sich von ihr strukturell grundsätz lich unterscheidet, kann sie sich ihr nicht anschliessen.«

»Die I.W.W. hält es für ihre Pfl icht, mit den Klassenorganisationen in allen Ländern, die, wie sie, sich keiner der existierenden Internationalen anschliessen können, in engsten Kontakt zu kommen und zu bleiben. Organisationen wie die ‚Kommunistische Arbeiter-Union‘ in Deutschland, die ‚Gruppe der Internationalen Kommunisten‘ in Holland, Frankreich, Dänemark, der Tschechoslovakei und andere, stehen mit der I.W.W. in freundschaftlichen Beziehungen und diskutieren die programmatischen und taktischen Diff erenzen untereinander im Interesse einer eventuellen Verständigung. Es ist möglich, dass aus diesen Verbindungen in nächster Zukunft die INTERNATIONALE DER UNIONEN entstehen wird und damit das Ziel der I. W. W.: DIE EINE GROSSE WELTUNION ihr Fundament erhält.« ♦

Fußnoten:

1) Geschäftsordnung des ROK der IWW-Mitglieder im deutsch-sprachigen Raum, 16. Dezember 2006

2) Karl Roche, Bauhilfsarbeiter aus Königsberg, war seit 1910 FVdG-Mitglied in Hamburg, maßgeblich am Aufb au der syndikalistischen Bewegung in Nordwestdeutschland und im Reich beteiligt, ging aber aufgrund inhaltlicher Diff erenzen noch vor der offi ziellen Gründung der FAUD (Syndikalisten) Mitt e 1919 zur Allgemeinen Arbeiter-Union über, die damals von der I.W.W. als »deutsche Sektion« angepriesen wurde. Anfang 1923 verließ Roche die unionistisch-rätekommunistische Bewegung und wurde Mitglied der FKAD und kehrte auch zur FAUD (Anarcho-Syndikalisten) zurück. Er starb am 1.1.1931 in Hamburg.

3) Die Einigkeit Nr. 23/1910 – Eine Antwort auf den Artikel »Die Aufgaben des Anarchismus«

4) »Frustrated by the divisions succes fully made by these illegal employer ac tions, the IWWs withdrew their election announcement in order to regroup.« Industrial Worker # 1707 – July-August 2008

5) »union busting« – Unternehmerkampf gegen Gewerkschaften

6) »Dann sei eine Gruppe der Wobblies, die sogenannten »brandworkers«, aus Sozialaktivisten und
Unterstütz ern bestehend, zur Aktion geschritt en.« – »Konflikte zuspitzen« junge Welt, 9.9.2008

7) »brandworkers« – noch eine USInternationale … Brandworkers International ist die erste nonprofit Rechtsanwalts-Organisation für Großhandels- und Lebensmittelindustrie-
Arbeiter, um deren Rechte durchzusetzen. http://www.brandworkers.org/

8) »Die IWW – Das ABC des revolutionären Unionismus«, Morgan Miller, 1970

9) »I.W.W. Programm und Aufgaben. Die Todeskrise des kapitalistischen Systems und die Aufgaben des Proletariats «, IWW-Detroit 1932

10)  Superdelegierte der IWW, die in Berlin aktiv in Deutschland Mitglieder betreut und organisiert

11) »Die Perspektive einer neuen Blüte«, GWR – Oktober 2008

 

• barrikade # 1 – November 2008

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