Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Geschichte der Novemberrevolution

Richard Müller, Eine Geschichte der Novemberrevolution.
Von Kaiserreich zur Republik – Die Novemberrevolution
– Der Bürgerkrieg in Deutschland.

Mit einer Einleitung zur Neuausgabe von Ralf Hoffrogge, Berlin 2011, 755 Seiten Broschur, mit zahlreichen Fotos und Faksimiles. Verlag Die Buchmacherei. (€ 19,95)

I.

Richard Müller, der Mann mit dem Allerweltsnamen, war Metallarbeiter (Dreher) und eine der wichtigen Personen der Revolution von 1918. Als Vorsitzender der Revolutionären Obleute der Berliner Metallbetriebe – einer bemerkenswerten Organisation der Metallarbeiterschaft der Berliner Großbetriebe, die die Notwendigkeiten der illegalen Arbeit unter dem Ausnahmezustand des 1. Weltkrieges mit einer strikten basisdemokratischen Entscheidungsstruktur erfolgreich kombinierte – saß er an der zentralen Schaltstelle der großen Streiks während des 1. Weltkrieges (1916, 1917, 1918). Die Revolutionären Obleute, und mit ihnen ihr Sprecher Richard Müller, spielten in der Vorbereitung und Durchführung der Revolution von 1918 ein weitaus wichtigere Rolle als etwa der (sowohl von parteikommunistischer wie konterrevolutionärer Seite) ziemlich überbewertete Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wobei sich beide Gruppierungen politisch durchaus nahe standen und der Spartakusbund inhaltlich einiges zur Radikalisierung der Obleute beitrug. Trotzdem lehnten die Obleute den Beitritt zur Silvester 1918 gegründeten KPD wegen der mangelnden Verankerung der neuen Partei in den Betrieben ab und verblieben in der USPD.

Daß die Revolutionäre in Berlin im November 1918 von der Matrosenrevolte in Kiel bei ihrer Planung des bewaffneten Aufstandes überrascht und überrollt wurden, zeigt allerdings, daß Revolutionen doch eher spontan ausbrechen. Trotzdem hatte die Planung etwas für sich, denn sie verlieh der Revolte zumindest in Berlin zeitweise eine Richtung.

Als Vorsitzender des Vollzugsrates der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte in den ersten Wochen der Revolution war Richard Müller sogar Oberhaupt des Deutschen Reiches, das sich für kurze Zeit eine »Sozialistische Republik« nannte (womit er der Nachfolger von Kaiser Wilhelm II. und Vorgänger des Reichspräsidenten Friedrich Ebert war) – der einzige revolutionäre Sozialist, der jemals in Deutschland solch eine Position innehatte.

Als wichtiger Rätetheoretiker ist Müller in der zweiten Phase der Revolution in Erscheinung getreten, mit der von ihm und Ernst Däumig herausgegebenen Zeitschrift »Der Arbeiterrat«. Kurzfristig gehörte er der Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) an, zu der er Ende 1920 mit der USPD-Linken kam. 1921 war Richard Müller Delegierter auf dem III. Kongreß der Kommunistischen Internationale (KI) und der parallel dazu stattfindenden Gründung der Roten Gewerkschafts-Internationale (RGI). Er wurde aber schon Anfang 1922 aus der Partei ausgeschlossen, da er sich mit Paul Levi und dessen Kritik am Mitteldeutschen Aufstand (der sogenannten Märzaktion 1921) solidarisiert hatte. Allerdings schloß er sich nicht Levis Kommunistischer Arbeitsgemeinschaft (KAG) an.

Müller zog sich einige Jahre aus der aktiven Politik zurück. Ende der 20er Jahre war er dann noch einmal kürzere Zeit im Deutschen Industrie-Verband (DIV) aktiv (zusammen mit Karl Korsch), bis er 1929 offenbar endgültig ins Privatleben entschwand. Er hatte als Bauunternehmer einigen Erfolg und war schon 1930 Millionär geworden. »Seine politischen Ideen blieben dabei irgendwann auf der Strecke. Auch ein Richard Müller war nicht gefeit gegen die korrumpierende Wirkung guter Geschäfte.« schreibt sein Biograph Hofrogge. Während der Nazi-Zeit lebte Müller mit seiner Familie anscheinend unbehelligt in Berlin, aktiven Widerstand hat er offenbar nicht geleistet. Richard Müller starb 1943 in Berlin.

II.

»Er inspirierte viele Fußnoten, jedoch kaum Debatten«, schrieb Richard Müllers Biograph Ralf Hoffrogge über dessen dreibändige Geschichte der deutschen Novemberrevolution, die in den Jahren 1924 und 1925 herauskam und jetzt in einem Band neu erschienen ist. Müller hatte die Zeit nach dem Rauswurf aus der KPD genutzt, um die erste umfassende Geschichte der Novemberrevolution vom revolutionären Standpunkt zu schreiben. Er konnte sich dabei auf ein umfangreiches Dokumenten-Archiv stützen, das er seit dem ‚Großen Krieg‘ und während der Revolutionszeit angelegt hatte (darunter das einzige noch existierende Exemplar der Protokolle des Vollzugsrates, dessen Akten auf Befehl Gustav Noskes bei der gewaltsamen Auflösung des Vollzugsrates vernichtet worden waren).

Viele dieser Dokumente sind in Richard Müllers Geschichte der Novemberrevolution abgedruckt, z.T. als Faksimile. Allein das macht die Arbeit zu einer unverzichtbaren Quelle für alle, die sich mit der Geschichte der Novemberrevolution befassen. Allerdings sind seine politischen Schlußfolgerungen den bürgerlichen und sozialdemokratischen Republikanern in der Weimarer Republik zu revolutionär und auf jeden Fall zu unangenehm gewesen, zeigten sie doch schäbige Rolle, die die sozialdemokratische Führung mehrheitlich in Kriegs- und Revolutionszeit gespielt hatte. Die stalinistische KPD strickte hingegen an ihrer eigenen Legende und negierte die hervorragende Rolle der Revolutionären Obleute in der Revolution; außerdem hatte man mittlerweile beim Genossen Stalin gelernt, daß ein geschaßter ‚Abweichler‘ eine Unperson ist. Dies setzte sich nach dem 2. Weltkrieg in dem verdoppelten deutschen Staat fort. Ralf Hofrogge bringt das auf den Punkt: »In der Regel wurde Müller für seine Faktendarstellung in beiden deutschen Staaten gerne zitiert, seine Interpretationen jedoch ignoriert.« Für die ‚herrschende Meinung‘ in der BRD (selbstverständlich auch in der Geschichtswissenschaft) stand Deutschland 1918/19 »zwischen Rätediktatur und sozialer Demokratie« (Walter Tormin), während in der DDR die Novemberrevolution sowieso nur eine bürgerlichen Revolution war (wie Walter Ulbricht höchstselbst im Juni 1958 dekretierte und damit eine Historikerdebatte um den Charakter und die Akteure der Revolution ‚abschloß‘). Dabei blieb es im wesentlichen bis zum Ende des SED-Staates in der 2. Novemberrevolution – 1989. In der BRD gab es indes abweichende Interpretationen von der ‚herrschenden Meinung‘, die dort nicht mit Knast bestraft wurden – ich nenne nur Fritz Opel und Peter v. Oertzen, die schon in den 1950er und frühen 1960er Jahren die Rolle der Revolutionären Obleute würdigten – aber es waren Einzelkämpfer.

III.

Erst mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) der 1960er Jahre wurde der herrschende Konsens der BRD erschüttert und vermehrt auch eine andere Betrachtung der Novemberrevolution 1918 und der Weimarer Republik ’salonfähig‘. Das führte zur Wiederentdeckung des Rätetheoretikers und des Historikers Richard Müller. Seine Geschichte der Novemberrevolution wurde 1974 vom Westberliner Verlag Olle & Wolter nachgedruckt, eine 2. Auflage erschien 1979 – beide Ausgaben mittlerweile durchaus gesuchte antiquarische Raritäten.

Müllers Geschichte gehört zu den grundlegenden historischen Schriften über die Novemberrevolution 1918 und ihr Scheitern. Sie steht in einer Reihe mit dem Werk von Erhard Lucas zur »Märzrevolution 1920« im Ruhrgebiet. Man kann also dem Verlag garnicht hoch genug anrechnen, dieses wichtige Werk beinahe 90 Jahre nach seinem ersten Erscheinen (und über 30 Jahre nach dem letzten Erscheinen des Reprints) wieder zugänglich gemacht zu haben, noch dazu in einer recht wohlfeilen Ausgabe. Ralf Hofrogges Einleitung zu Neuausgabe, eine gelungene kurze Einführung in Leben und Werk Richard Müllers und die Rezeption seiner Revolutionsgeschichte, rundet die Edition ab.

IV.

Abschließend sei auch noch auf

Ralf Hoffrogge, Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008, 233 Seiten mit Abb. (Hardcover), Karl Dietz Verlag (€ 19,90)

hingewiesen. Auf dieser Pionierarbeit basiert sein Vorwort, und das Buch, eine politische Biographie Müllers, ist (nicht nur) eine lohnende ergänzende Lektüre zur Revolutionsgeschichte.

V.

Es ist Jahresendkonsumrauschfest …

• Jonnie Schlichting

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