Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Feindliche Brüder (II)

978-3-89771-524-0Philippe Kellermann (Hrg.) Begegungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung, Band 2. UNRAST-Verlag Münster, 2012; Pb, 208 Seiten, 14,- EUR

I.

Um es gleich vorweg zu sagen: die in diesem Buch versammelten Aufsätze haben bei mir überaus gemischte Eindrücke hinterlassen. Einige sind für mich, das gebe ich ganz ehrlich und ohne Scham zu, unverständlich, zuvorderst Jan Rollotscheks »Nicht Althusser, nicht Mao und auch nicht Jacotot. Gleichheit und Alterität im Anarchismus Jacques Rancières«. Mich hat der Strukturalismus und die Althusser-Schule nie interessiert, und die paar Anläufe, mich damit zu beschäftigen (zuletzt eben der oben genannte Aufsatz), sind mit Pauken und Trompeten gescheitert. Für mich klingt das ganze nach esoterischer Wortklauberei. Dann lieber ein paar Kapitel aus Hegels »Phänomenologie des Geistes«, da weiß ich, der hat sie unter Einfluß von THC geschrieben.

Ähnliches gilt für Hendrik Waller, »Adornos Anarchismus«, denn auch Adorno gehört nicht zu den Autoren aus dem linken Bildungskanon, die ich mir unbedingt antun mußte und muß – nicht ganz so esoterisch wie Althusser & Co., aber unverständlich genug, um mir das zu ersparen. Immerhin finden sich in den Fußnoten von Wallers Beitrag interessante Hinweise und Überlegungen, etwa Malatestas Bemerkung, daß Bakunin »zu marxistisch« in seiner Philosophie sei. Und sein Schlußwort ist mir sympathisch: »Anders, als es die Generationengeschichte der kritischen Theorie erscheinen lassen mag, ist mit Adorno keine Herrschaft zu machen: ein (anarchistisches) Erbe, an das es wider den Zeitgeist anzuschließen gilt.« Das kann man Adorno-versessenen ‚Anti-Deutschen‘ ja mal gelegentlich unter die Nase reiben.

Jens Kastners Betrag »„Zur Hölle mit der Kultur!” Anarchismus, Neomarxismus und die Kunst« liegt mir inhaltlich und thematisch so fern, daß ich mich dazu nicht äußere. Er ist Soziologe und Kunsthistoriker und Dozent in Wien. Sicher können seine Studenten damit was anfangen, sowie all die anderen, die sich für das Thema interessieren. Mich interessiert es nicht.

Und schließlich ist da noch Philippe Kellermanns Beitrag zu John Holloway (»Die Wiederkehr des Anarchismus im Gewand eines „neuen Marxismus”. Über die eleganten Verpackungskünste John Holloways«), zu dem ich schweige, denn das Werk Holloways ist mir nicht bekannt, und so halte ich es mit Wittgenstein.

II.

An Gabriel Kuhns »Gilles Deleuze im Spannungsfeld von Postanarchismus und Postmarxismus«. ist der Titel schon abschreckend, und auch der Begriff »Poststrukturalismus« reizt mich nicht zur Lektüre. Allerdings Kuhns Aussage, er habe »den Marxismus als Feindbild verloren. Das hat mehrere Gründe: die Unerlässlichkeit marxistischer Kapitalismusanalyse; die Transformation der marxistischen Bewegung; die Verlagerung der Kräfteverhältnisse innerhalb der Linken; die Notwendigkeit eines vereinten Kampfes gegen den Neoliberalismus.« Und seine Perspektive am Ende seines Aufsatzes:

  • »anarchistische Organisationsformen sind offener, experimentierfreudiger und weniger formal;
  • der Anarchismus bietet einer breiteren Vielfalt an Kämpfen Platz und zeigt sich flexibler, was die Integration neuer sozialer Bewegungen, etwa der Klima- und Tierrechtsbewegung, betrifft;
  • anarchistische Politik hat einen stärkeren Praxisbezug , und die Entwicklung anarchistischer Theorie stützt sich dementsprechend in höherem Grade auf praktische Erfahrung; damit einhergehend gibt es eine stärkere Verbindung des Anarchismus zu sozialen Bewegungen;
  • anarchistische Politik drückt sich stärker in der alltäglichen Lebensgestaltung bzw. im „Hier und Jetzt” aus; damit zusammenhängend schaffen AnarchistInnen mehr alternative Räume und Kollektivformen (besetzte Häuser, Kommunen, Kooperativen usw.);
  • der Anarchismus ist immer stärker an kulturelle und künstlerische Bewegungen gekoppelt.

Zu verherrlichen gibt es dabei freilich nichts. Der Anarchismus braucht mehr theoretische Auseinandersetzung, bessere Organisationsstrukturen, eine klarere Identität und die Entwicklung revolutionärer Strategien.« Nun, damit kann (hoffentlich nicht nur) ich etwas anfangen. Es ist ein Ausgangspunkt. Ob ich deshalb Gilles Deleuze lesen werde? Eher nicht. Aber Gabriel Kuhn publiziert ja auch über andere Sachen, mit und ohne »Faust in der Tasche«.

III.

Michael Seidman ist zur Zeit in gewissen Kreisen en vogue, also mußte wohl auch in diesem Buch ein Beitrag von ihm erscheinen, der laut Aussage des Herausgebers extra dafür geschrieben wurde: »Produktivistische Brüder. Anarchisten und Marxisten stellen sich in der Russischen und in der Spanischen Revolution gegen die Arbeiter« – man könnte annehmen, der Titel ist Programm. Richtig, Seidman betreibt die Ausweitung der Kampfzone. Seine grundlegende Methode behält er bei, die Helen Graham schon an seinem heutzutage so gehypten Buch »Gegen die Arbeit« kritisiert hat: er springt auf der Zeitlinie hin und her, hier mal ein Streik, dort mal eine Expropriation, an anderer Stelle Unterschlagungen etc. pp. – alles ohne den jeweiligen konkreten Kontext aneinandergereiht wie Perlen auf der Schnur – Hauptsache, irgendwie ‚gegen die Arbeit‘. Zu Spanien erzählt er nichts neues. Und zur Russischen Revolution? Genau: Hauptsache, ‚gegen die Arbeit‘. Wobei merkwürdig ist, wenn er unter diesem Begriff auch Hungerrevolten faßt (da geht es wohl eher um die Sicherstellung der Ernährung) oder gar die Anstrengungen der russischen Fabrikarbeiter, sich Lebensmittel zu verschaffen, indem sie in ihren Fabriken Produkte herstellten, die sie bei den Bauern eintauschen konnten. Das war keine »Arbeit«?

Immerhin erwähnt Seidman, daß es sich in beiden Revolutionen auch um veritable Bürgerkriege handelte (in der Russischen Revolution sogar noch um die letzten und schlimmsten zwei Jahre des ‚Großen Krieges‘ 1914 – 1918), mit ausländischen Interventionstruppen im Land, um »Zermürbungskriege« (Seidman). Nicht, daß dies in seine Betrachtungen wirklich einfließt, aber es ist immerhin eine gewisse Verbesserung.

Bemerkenswert ist, daß Seidman sich die Auseinandersetzung mit einigen grundlegenden Fragen der Russischen Revolution komplett schenkt. Etwa mit Lenins vor dem I. Weltkrieg entwickelten Parteikonzept, das die Blaupause für den Staat abgab, den die Bolschewiki nach der Machtübernahme im November 1917 schufen; oder, was für Seidmans Thema eigentlich naheliegen würde, Lenins Lob des Taylorismus, der Ein-Mann-Leitung in den Betrieben, des Staatskapitalismus und des kaiserlich-deutschen Waffen- und Munitionsbeschaffungs-Amtes (WuMBA) als leuchtende Vorbilder für den zu errichtenden Sozialismus bolschewistischer Prägung. Da hat man das zugrundeliegende Konzept des ‚real existierenden Sozialismus‘. Warum ignoriert er das?

Bemerkenswert ist auch, wie Seidman um den Begriff der „Arbeit” herumeiert, der in seinen Schriften doch eine so zentrale Rolle spielt. Eine Begriffserklärung spart er sich auch diesmal, aber es scheint, daß er „Arbeit” mit „Lohnarbeit” identifiziert. In seiner »Schlußbetrachtung« schreibt er: »Widerstand gegen die Arbeit ist ein Hinweis auf das, was viele „entfremdete Arbeit” genannt haben. Aber man muß fragen, in welchem Maße Lohnarbeit jemals „nicht entfremdet” sein kann.« Muß man nicht. Lohnarbeit ist entfremdete Arbeit. Das ist Gemeingut aller revolutionären Sozialisten, seien sie nun marxistisch oder anarchistisch geprägt. Das weiß auch Seidman, aber er scheint die Abschaffung der Lohnarbeit für eine veraltete Idee des 19. Jahrhunderts zu halten.

Offenbar kann sich Seidman nicht vorstellen, daß es nichtentfremdete Arbeit überhaupt geben könnte. Lohnarbeit, entfremdete Arbeit scheint für ihn ein ‚ewiges Verhängnis‘ zu sein, gegen das man sich zwar »erfinderisch und unbotmäßig« (Seidman) wehren kann und darf, das aber nicht abgeschafft werden kann. Damit hat sich dann aber auch die Hoffnung erledigt, daß es eine Gesellschaft geben könnte, die frei von Ausbeutung und Unterdrückung ist, denn alles landet beim WuMBA-Sozialismus.

Und so empfiehlt Seidman den geneigten anarchistischen LeserInnen seines Textes, sich an – Max Stirner zu halten (der ist ja irgendwie im Kanon der ‚anarchistischen Klassiker‘, irgendwie). Aber eigentlich geht es ihm um etwas anderes, nämlich darum, »daß Gesellschaften nicht nur aus Gruppen bestehen, sondern auch aus einzigartigen menschlichen Wesen, die nur eine begrenzte (und manchmal eine sehr kleine) Schnittmenge mit den Gruppen haben, denen sie sich zugerechnet sehen«. Kollektive Interessen und Aktionen der Ausgebeuteten und Unterdrückten dürfte es also eigentlich garnicht geben, denn wir sind doch alle Individuen bei der Verfolgung unseres individuellen Glücks – und damit fröhlich in der neoliberalen »Republic of Egos« gelandet.

IV.

Mit wirklichem Gewinn habe ich die Aufsätze von Torsten Bewernitz (»Ist der Anarchosyndikalismus ein Marxismus? Anmerkungen zum syndikalistischen Klassenbegriff«), Lou Marin (»Camus gegen Sartre. Gewaltkritischer Anarchismus gegen marxistischen Linksradikalismus als prägende Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts«) und Hans Jürgen Degen (»Rudi Dutschke: Undogmatischer Marxist. Antiautoritärer Sozialist«) gelesen.

Degens Aufsatz bringt für mich nicht unbedingt etwas neues, es ist eher eine Erinnerung an meine eigene politische Sozialisation und intellektuelle Biographie: Als eine Art Mythos (ich benutze das Wort sehr ungern) war Rudi Dutschke für junge undogmatische Linke wie mich in der ersten Hälfte der 1970er Jahre eine wichtige Orientierung, und sein »Versuch, Lenin auf die Füße zustellen« (Berlin/W 1974), zusammen mit der gleichzeitigen Lektüre von Rudolf Rockers »Bankerott des russischen Staatskommunismus« (1921) und Emma Goldmans »Die Ursachen des Niederganges der russischen Revolution« (1922) (aus den beiden letztgenannten Schriften erfuhr ich erstmals, daß es einen Verlag »Der Syndikalist« im Berlin der 1920er Jahre gegeben hatte), zeigte mir, daß es etwas anderes als die sozialdemokratische Kritik am Leninismus gab (die bürgerliche war natürlich indiskutabel). Dutschkes Lenin-Kritik führte übrigens zu einer wüsten Dreckschleuderei durch die DKP, was sich bei Degen mit viel Amüsement nachlesen läßt.

Und – ich bekenne es – Dutschke ist auch schuld daran, daß mir der Anti-Marxismus vieler Anarchisten auf den Senkel geht. Dutschke war, wie Degen deutlich macht, kein Anarchist. Aber er war, wie Karl Korsch, ein ‚marxistischer Freund des Anarchismus‘.

Degens Skizze kann gerade jüngeren Genossinnen und Genossen einen Einblick in die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition, der APO, der 68er-Bewegung vermitteln, die – auch mit ihren Irrungen und Wirrungen – dafür gesorgt hat, daß viele zivile Freiheiten und Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen (und die jetzt vom neokonservativen Rollback bedroht sind), überhaupt existieren.

Um Lou Marins Darstellung der Polemiken zwischen Albert Camus und Jean Paul Sartre in den 1950er Jahren zu verstehen, muß man glücklicherweise nicht erst das Werk der beiden Kontrahenten (und ehemaligen Freunde) studiert haben. Ich finde den Beitrag sehr erhellend, denn Eine erste Runde fand in der von Sartre herausgegebenen Zeitschrift Temps Modernes statt, eröffnet mit einer Rezension von Camus »Der Mensch in der Revolte«, die Francis Jeanson im Mai 1952 veröffentlichte, und in der Camus wegen seines Pazifismus und seiner bekannten Sympathien für den revolutionären und Anarchosyndikalismus verspottet wurde. Sartre, Simone de Beauvoire und Les Temps Modernes waren zu dieser Zeit ‚fellow travellers‚ des Stalinismus, und es galt das Dogma, daß es zwischen Kapitalismus und dem russischen System (dem angeblichen ‚Kommunismus‘) kein drittes geben könne (will sagen: dürfe). Camus antwortete, direkt an Sartre gerichtet, daß es Jeanson (und auch Sartre) genau darum gehe, »einem … weiszumachen, daß es keine dritte Lösung gibt und daß wir keinen anderen Ausweg als den status quo oder den cäsaristischen Sozialismus haben«. Und wirft ihnen das Schweigen zum System der russischen Arbeitslager vor, das in Frankreich zumindest im Umriß seit 1949 bekannt war.

Marin weist darauf hin, daß die Position Sartres und anderer durchaus der linke Mainstream war, umsomehr ist Camus Respekt zu zollen für seine Standfestigkeit. Und Marin zitiert wirklich ‚hübsche‘ argumentative Verrenkungen, etwa diese aus Jeansons Erwiderung auf Camus:

»Wir sind gleichzeitig für und gegen Stalin. Wir sind gegen ihn, indem wir seine Methoden kritisieren. Wir sind für ihn, weil wir nicht wissen, ob die sogenannte authentische Revolution nicht eine bloße Phantasie ist, und ob es nicht notwendig ist, daß das revolutionäre Unternehmen zunächst diesen Weg beschreite, bevor es in der Lage ist, eine menschliche Ordnung zu verwirklichen.«

Die Polemik ging mit dem Beginn des algerischen Unabhängigkeitskrieges (1954 – 1962) in die zweite Runde. Ich werde darauf nicht weiter eingehen, denn dieser Abschnitt (»Camus gegen Sartre/Jeanson im Algerienkrieg«) ist in der direkten aktion Nr. 209/2012 (unter dem Titel »Fallstricke nationaler Befreiung«) erschienen. Nur kurz dies: wichtig ist dieser Abschnitt auch, weil hier ausführlich auf die »messalistische« Bewegung (das »Mouvement National Alǵerien«, später »Mouvement Nord-Africain« – MNA) eingegangen wird, benannt nach dem algerischen Unabhängigkeitskämpfer und revolutionären Syndikalisten Messali Hadj , einem persönlichen Freund Camus und, wie er, Autor der Révolution prolétariénne. Diese zu unrecht heute weitgehend vergessene Bewegung wurde vom konkurrierenden FLN, der nachmaligen algerischen Staatspartei, in einem blutigen, von Massakern begleiteten Bürgerkrieg, der parallel zum Krieg gegen die französische Kolonialmacht stattfand, bis 1957 ausgeschaltet. Das MNA war vom revolutionären Syndikalismus beeinflußt, föderalistisch, religionsneutral und ging gegen den Antisemitismus vor – ein Gegenstück so ziemlich zu allem, wofür der FLN stand, und zu dessen bedingungslosen Unterstützern Sartre und Co. zählten.

Interessant finde ich auch Bewernitz Aufsatz. Seine Fragestellung – »Ist der Anarchosyndikalismus ein Marxismus?« – trifft sich mit meiner Einschätzung und vor allem mit meinem persönlichen Weg: die Konsequenz meiner Marx-Lektüre war der Syndikalismus. Aber das ist natürlich nur meine Sicht der Dinge. Immerhin: der Kern der »Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften« (FVdG), aus der nach dem I. Weltkrieg die FAUD hervorging, waren mehrheitlich revolutionäre Sozialdemokraten und gestandene Marxisten – wie eben Marxismus in der Regel damals verstanden wurde.

Bewernitz weist zurecht darauf hin, daß der offizielle Marxismus der Sozialdemokratie unter seinem Exegeten Karl Kautsky mehr mit einer Entwicklungstheorie im Sinne Darwins als mit einer Revolutionstheorie im Sinne von Marx zu tun hatte. Da der Gang der Geschichte sowieso zum Sozialismus drängt, sei die Sozialdemokratie eine revolutionäre, aber keine Revolution machende Partei, wie es Kautsky in den 1890er Jahren formulierte. Die revolutionäre (und) anarchistische Kritik am Marxismus richtete sich also tatsächlich gegen den Kautskyanismus.

Nachweisen kann Bewernitz, daß auch in der Weimarer Republik, in der FAUD, durchaus positiv mit Marxschen und marxistischen Begriffen umgegangen wurde – auch, um den ‚offiziellen‘ Sachwaltern des Marxismus, der SPD und der KPD, eins auszuwischen.

Der zweite Teil seiner Überschrift – »Anmerkungen zum syndikalistischen Klassenbegriff« – geht dann schon ans Eingemachte. Bewernitz geht von der von Marcel van der Linden und Wayne Thorpe gemachten Beobachtung aus, daß der Anarchosyndikalismus Masseneinfluß nur bei intensiven Klassenkämpfen erreicht und nach deren Abflauen vor drei Möglichkeiten steht, die alle nicht besonders berückend sind: 1) prinzipientreu marginalisiert zu werden, 2) sich in Richtung Reformismus zu entwickeln, oder 3) sich aufzulösen in andere (reformistische) Gewerkschaften.

Die FAUD ging den ersten Weg, nachdem die revolutionäre Wellen in Deutschland verebbt waren. Das ist bekannt. Bei der Machtübergabe an die Nazis hatte die FAUD weniger Mitglieder als die FVdG zu Beginn des I. Weltkrieges (1914: ca. 6.000 – 7.000; Anfang 1933: ca. 4.300). Die Genossinnen und Genossen, die die braune Diktatur und den II. Weltkrieg überlebt hatten und sich in den drei Westzonen einigermaßen frei betätigen konnten (in der sowjetischen Zone ging nach einer kurzen Pause die Repression weiter), gründeten als Nachfolgeorganisation der FAUD mit der »Föderation Freiheitlicher Sozialisten« (FFS) keine Gewerkschaft. Unterstützt bei diesem Schritt wurden sie dabei theoretisch und moralisch von Rudolf Rocker. Die FFS wandte sich ausdrücklich vom Klassenkampf ab. Dieser ‚Abschied vom Proletariat‘ ist verständlich, aber er bedeutete den Übergang zu einem föderalistischen, linken Liberalismus. Und er war der Abschluß einer Entwicklung, die schon bald nach dem Ende der revolutionären Wellen einsetzte. Die FAUD (wie die linkskommunistischen Organisationen: KAPD, AAU, AAUE) hatten keine »Konzepte für einen alltäglichen Widerstand unter den Vorzeichen einer kommenden Wirtschaftskrise« (Bewernitz). Es geht nicht um ‚Verrat‚, sondern um Analyse. Und, so denke ich, einen Weg zu finden, das Dilemma zu lösen, das Marcel van der Linden und Wayne Thorpe formuliert haben. Die erste Voraussetzung dafür ist, nicht zu leugnen, daß der Klassenkampf stattfindet, oder, wie Bewernitz es negativ als »springenden Punkt« formuliert: »Ein Anarchismus ohne diese „Anleihe vom Marxismus” [den Klassenkampf] ist kein Syndikalismus mehr.«

Perspektiven und Ideen? Bewernitz führt undogmatische Marxisten wie Karl Korsch und Paul Mattick an, und das Erbe der Bewegungen seit der 1968, weltweit, theoretisch und praktisch. Für mich kein Problem, das ist meine Tradition. Die Welt ist heute nicht die der 1920er Jahre, aber gewisse Prinzipien habe sich doch bewährt: vielleicht muß man gelegentlich das Rad neu erfinden, aber man sollte nicht vergessen, daß es am besten funktioniert, wenn es rund ist. Aber auch das ist nur meine persönliche Sicht der Dinge.

V.

Ach ja, die Empfehlung – nein, keine Empfehlung. Entscheidet selbst.

Jonnie Schlichting

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