Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Hass.Jetzt

Eine schwedische Klassenreise. Hass.jetzt!  [En knuten näve i fickan]

Mit geballter Faust in der Tasche

Diese viel zu knapp geratene Broschüre ist ein Genuß. Leider ist es nicht mehr als ein kurzes Lesevergnügen, bei schlappen 40 Seiten mit nur vier authentische Texten der Klassenlinken (von 18 im Original). Das ist ärgerlich, denn die dokumentierte »Diskussion« der Wohlstandslinken interessierte mich herzlich wenig.

Das Schweigen wird lauter
»Die Verachtung der Mittelklasse hat mich zu dem gemacht, was ich bin …« schreibt Kakan Hermannsson in ihrem Essays oder besser kurzem Portrait ihrer politischen Sozialisation. Leider ist ihr Beitrag der einzige einer Anarchistin (»Als dicke, laute und aggressive Frau habe ich niemals in die Gesellschaft gepaßt.«) in dieser Broschüre. Niemand nahm – warum sollte es in Schweden, diesem Musterländle an sozialer Kontrolle, anders sein? –, Notiz von Mitstreiter/innen aus der Arbeiterklasse, um deren Befreiung es ja eigentlich und propagandistisch immer und überall beteuert ging. Ging – ich schreibe das explizit kursiv und in der Vergangenheitsform. Die heutige so genannte Linke interessiert sich nur für die eigene Befreiung, alles dreht sich um das eigene profitable Auftreten, dazu gehört auch das gockelhafte Straßenkampfgehabe. Linksradikale Arbeiter/innen, die sich hervorgetan haben, bekommen keine Arbeit mehr, jungdynamische Mittelstandskids mit linker Vergangenheit bekommen gutbezahlte Arbeitsplätze (Motto: »Wer mit Zwanzig kein Linker war …«). Hier zahlt sich die »Sturm- und Drangzeit« als nützliche Erfahrung für das kapitalistische Haifischbecken dann plötzlich aus.

Der Rezensent Bergmark bezeichnet die Yuppie-Linke als einen »Lebensstil, schlicht als eine Modephase, eine kulturelle oder ästhetische Haltung«, die später austauschbar sei – eben »Pali-Tuch gegen Schlips«. Doch dieser aus seiner Mumin-Papa-Tasse (1) fairtradekaffeetrinkende linke Journalist mit »offensichtlicher Mittelstands-Identität« habe den »Klassenkampf nie als eine Frage der Ästhetik oder des Lebensstils betrachtet«. Das ist auch eine Kritik an dem Buch, denn es unterstellt, daß die den Klassenkonflikt in der schwedischen Linken ansprechenden Autoren falsch liegen. Aber »falsche Ansichten und Kultur« sind es ja gerade, was die Arbeiter/innen der Mainstream Linken/radikalen Linken vorwerfen, daß sie ihre kulturelle Haltung nicht dulden und unterdrücken (sie ‚sozialistisch’ umerziehen wollen).

Wieso sind die meisten Proletarier nicht links organisiert? Weil ihr Lebensstil und ihre Ästhetik nicht wahr- und ernstgenommen wird von ihren politischen Anleitern, den Politmackern der upper class. Genau dies kommt in den Beiträgen zu kurz: was sind die politisch-unkorrekten Verhaltensmuster, die die Mittelstandslinke den proletarischen Arbeiterklasse-Genoss/innen vor-    wirft? Ist es »nur« der nicht kritisch genug hinter-fragte Musikgeschmack, die Klamottenfrage (»wenn ich tagsüber schon im Blaumann rumwühlen muß, dann ziehe ich abends aber schicke Klamotten an, damit mich niemand sofort als Looser erkennt«), das Ansehen falscher Filme, die Begeisterung für Sport – die eigene Leistungsbereitschaft, Spaß am Fußball –, weil das kapitalistische Freizeitindustrie ist? Oder ist es die Fremdenfeindlichkeit, die auch in schwedischen Arbeiterklassekreisen verwurzelt ist (dennoch gibt’s dort oben keine AntiSchweden!), und die auch von den vier Autor/innen nicht angesprochen wird. Inwieweit eine nicht genehme, andere Haltung und Umgangsform in Sachen Sexualität eine Rolle spielt, weiß ich nicht; daß der Sexismus in der Arbeiterklasse keine Bedeutung haben soll, halte ich für ausgeschlossen.

Proletarisierte Wikinger?
Welche Angst die Mittelschicht wirklich treibt, weiß eigentlich jede/r, der politisch denken kann. Leider fehlt eine plausible Erklärung des Umstandes, warum die Wikinger-Proleten noch immer – und zwar trotz ihres Wohlfahrtsstaates, dem sozialdemokratischem Volksheim, »ihrer hoffnungslosen Situation verhaftet« bleiben? Der Haß entsteht aufgrund der Miß- und Verachtung der Gesellschaft der Arbeiterklasse gegenüber. Aus »Hägar dem Schrecklichen«, dem plündernden  Barbar, wurde ein einfacher blonder Schwede, aus Arbeiter/innen werden schlichte Bürger/innen, was bleibt da noch?

Klassenanalye – Fehlanzeige
Es fehlt vollständig die Klassenanalyse – über die Mittelschicht. Woher kommt sie, was will sie, wenn sie was will? Solange die Mittelschicht ideologisch und praktisch nur das »Radfahren« praktiziert (nach oben buckeln und nach unten treten) – sind sie genauso Teil des Herrschaftsapparates und das will natürlich keiner dieser linken Gutmenschenhören.

Wie platt die gesamte Analyse gerade der betroffenen und unterdrückten Arbeiter/innen-Militanten in dem links-radikal-alternativen Milieu in Schweden  ist, zeigt ihre Sprach- und Geschichtslosigkeit – und das in einem Land, in dem es immerhin seit 1910 eine noch immer mehrtausendköpfige syndikalistische Arbeiterbewegung (SAC) samt aktiver Jugendorganisation (SUF) gibt …

Die Dominanz der Bürgersöhnchen und liberalen Mittelstandskids in der angeblich radikalen Linken ist evident, sie spielen solange militante Hardliner bis sie die Aktien ihrer Eltern erben und diese dann gegen den Pöbel verteidigen müssen, der unver-schämte Lohnforderungen stellt. Plötzlich ist die faschistoide Polizei dann Helfer in der Not und schießt auch schon mal ein paar Malocher tot (ich hab’ wohl zuviel Sjöwall & Wahlöö in meiner Jugend gelesen (2)).

fm – barri # 3

(1) Die Mumins sind von der finnisch/schwedischen Schriftstellerin Tove Janson erfundene »Trollwesen«“. Sie leben im idyllischen Mumintal irgendwo in Finnland. In Gesellschaft der Mumins macht Kindern das Essen Spaß!
(2) Die beiden bekennenden Marxisten Sjöwall und Wahlöö schrieben einen Zyklus von zehn Kriminalromanen, die den Kommissar Martin Beck weltbekannt machten.

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