Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Kein Befehlen – kein Gehorchen!

Der Sozialismus ist nicht nur eine Messer- und Gabelfrage, er ist das Problem einer neuen gesellschaftlichen Kultur, die auf ganz neuen Grundlage  zu errichten ist, und die vor allem in den Geistern und Herzen Wurzeln schlagen muss. – Rudolf Rocker, 1931

Rezensions – Essay

KEIN BEFEHLEN – KEIN GEHORCHEN

Helge Döhring
Apropos-Verlag, Bern
426 Seiten – 14,- €uro – Vertrieb nur über Syndikat-A, Moers

Es geht um eine „marginale“ Bewegung? Aber die Geschichte der anarchosyndikalistischen Jugendbewegung ist m.E. ebenso „marginal“ wie die der DKP-Jugend oder die der Jungliberalen der FDP. Im Gegensatz zu den beiden Partei-Jugendorganisationen waren die syndikalistisch-anarchistischen Jugendlichen der SAJD (ab 1922 reichsweit zusammengeschlossen) der Weimarer Zeit jedoch viel autonomer von der FAUD/AS als es den erwachsenen Gewerkschaftsgenoss[inn]en gefallen hat. Sie wollten eine Gewerkschafts-FAUD-Jugend. Dazu gaben sich die deutschen Jugendlichen ebensowenig her, wie zeitlich etwas später die jungen Erwachsenen, die auf der iberischen Halbinsel die FIJL – die Iberische Föderation der Libertäre Jugend – 10 Jahre später gründeten. Und zwar als eigenständige libertäre Organisation mit eigenen Vorstellungen.
Übrigens machten beide Organisationen – die FIJL wie auch die SAJD – die gleichen Geburtswehen der ideologischen Klärung – libertär oder klassenkämpferisch – durch. Die FIJL entstand erst 1932 nach der Primo de Rivera-Dikatur; die deutsche Bewegung hatte bereits früher Jugendgruppen und in der Zeit des I. WK entstanden neue, große Jugendorganisationen, die sich klar und unmißverständlich antimilitaristisch positionierten (wie z.B. die Hamburg-Altonaer Freie Jugend), die vom Kaiserreich bespitzelt und zerschlagen wurden. Sie waren übrigens die Keimzelle der späteren linksradikalen Organisationen.
Auf der iberischen Halbinsel „ist unbestritten, daß es bereits zuvor Jugendgruppen im Umkreis von CNT-FAI gegeben hatte. Der Gründungskongreß der FIJL fand vom 18. bis zum 22. August 1932 in Madrid statt, wobei vor allem Delegationen aus Granada, Valencia, Madrid und Barcelona teilnahmen. Mit dieser Versammlung beginnt die Geschichte der FIJL, da dort die Prinzipienerklärung verabschiedet wurde, die in den Mitgliedsausweisen stand und die das Verhalten der Organisation während des Bürgerkriegs und des Exils leiten sollte.
Jedoch entwickelte sich nicht alles harmonisch und ohne Probleme. Von Anfang an gab es zwei Strömungen, oder Einschätzungen, die die Organisationsform betrafen: Diejenigen, die der Meinung waren, daß die Libertäre Jugend, genauso wie die Ateneos [Anm. des Rezensenten: Libertäre Kultur- und Stadtteilzentren], Abteilungen für Bildung und Propaganda innerhalb der Federación Anarquista Ibérica (FAI) sein sollten und diejenigen, die für die neue Jugendbewegung eine komplette Autonomie in Anspruch nahmen, um die Probleme unabhängig von den anderen Organisationen bewerten zu können und unter Jugendlichen und Studenten eigenständig tätig werden zu können.“ [1]

Untergang der Bewegung – der Rest rudert in Rettungsbooten bis 1933 weiter
Das – von lokalen Sondersituationen einmal abgesehen – einsetzende Abwandern der Massen zu konkurrierenden sozialrevolutionären Organisationen ab 1920/21 wird von Döhring ebensowenig ausreichend erklärt, wie er seine Vermutungen über den Mitgliederschwund (S. 234 ff) der AS-Bewegung ab 1923 bei jung wie alt untermauern kann. Ursache dafür ist die Tatsache, daß hierzu keine wirklich fundierten Untersuchungen oder Statistiken vorliegen.
Meine Auffassung ist, daß es nicht allein organisatorische Mängel gewesen sind, ich vermute eher massen- und sozialpsychologische Gründe für das massenhafte Ausscheiden. Passiver Austritt aufgrund fehlender Beitragszahlungen in der aufkommenden Wirtschaftskrise (u.a. verursacht durch die Rheinlandbesetzung seitens französischer Truppen zur Erzwingen der Reparationszahlungen aufgrund des verlorenen I. Weltkrieges; die Weltwirtschaftskrise von 1929 deutete sich ebenfalls bereits an) kann nicht der einzige oder wesentliche Grund gewesen sein. Denn bei den anderen Bewegungen und Parteien (kommunistisch oder unionistischen Organisationen) mußten ja auch Beiträge gezahlt werden. Und mit der Einstellung der Hauskassierung brach sicherlich der Kontakt zu den einfachen Mitgliedern ab, aber wurde nicht weiterhin in den Gewerkschaftslokalen, in den Betrieben, in den Erwerbslosen-Versammlungen kassiert?
Die Passivität muß ihre Ursachen haben. Warum aber waren die »Massen« nach dem Kapp-Putsch so desinteressiert und nicht aktionsbereit? Hierzu liefert Döhring keine ausreichende Erklärung; sie wäre aber für das Gesamtverständnis des Scheitern der deutschen Revolution so dringend erforderlich. – Vielleicht lag es ‚einfach’ daran, daß nach der gescheiterten Novemberrevolution 1918/19 nur für wenige Jahre noch genügend revolutionärer Elan in größeren Teilen der Arbeiterbewegung steckte, der aber dann verebbte, als sich das kapitalistisch-bürgerliche System wieder gefestigt hatte; die Zeiten für Umstürze und Putschversuche – ob kommunistisch oder rechtsradikal (Kapp-Putsch 1920, Mitteldeutscher Aufstand 1921 und Hamburger Aufstand 1923) – endgültig endete und das Blut der Proleten nicht mehr so „hochkochte“.
Daß die FAUD aus einer syndikalistischen Bewegung inhaltliche durch ihre Hinwendung bzw. ideologische Entwicklung zum Anarchosyndikalismus durch den Zusatz „AS“ im Jahre 1922 eine Fehlentwicklung durchlief – wie Döhring anmerkt (S. 238), vermag ich nicht nachzuvollziehen. Generell entwickelte sich aus der rein syndikalistischen Bewegung in allen Ländern, in denen Gewerkschaftsorganisationen der IAA angehörten, eine ‚politisch‘ viel klarer definierter Anarchosyndikalismus mit dem Ziel eines libertären Kommunismus. Die Ursache dafür ist sicherlich der Zusammenbruch der französischen CGT bzw. ihrer Übernahme und Unterordnung unter die KP Frankreichs (allein die italienische USI versteht sich bis heute als revolutionär-syndikalistisch); auch die Gründungen der Kommunistischen Parteien trugen mit zu dieser ideologischen Klärung bei.
Diese These, die den rein syndikalistischen Standpunkt Döhrings zu verteidigen scheint, vertritt u.a. der Politikwissenschaftler Schöttler, der den rapiden Mitgliederschwund der FAUD/S auf „die auch in der Namensgebung vollzogene Verschmelzung des Syndikalismus mit dem Anarchismus („Anarchosyndikalismus“)“ verantwortlich macht. Wie Döhring halte ich diese Position für falsch was die FAUD/AS angeht. Der Syndikalismus wurde seitens der SPD bereits seit Jahrzehnten als „Anarcho-Sozialismus“ abwertend und verächtlich tituliert. Für die SAJD gilt dies umsoweniger, als sie „eine größere Toleranz in der Zusammenarbeit … besonders mit der Jugend der unionistischen Vereinigungen“ der AAU und AAUE vertrat (S. 248). Diese weniger ‚sektiererische‘ Haltung übernahm später auch die FAUD/AS bei den entsprechenden regionalen und lokalen Kartellbildungen der antiautoritären Revolutionäre.
Natürlich hatte die idelogisch klarere Ausrichtung Konsequenzen: Aufgabe der Betriebsrätsmandate, Rausschmiß von Partei- und Kirchenmitgliedern. Und so kam es, daß „die in Massen der Organisation beitretenden Neumitglieder zu 90 Prozent nicht integriert werden konnten“. (S. 238). Die FAUD/AS sank auf knapp 30.000 Mitglieder im Jahre 1923 – die SAJD von 4.000 (1925) auf 3-500 Mitglieder Anfang der Dreißiger Jahre, „wofür sehr unterschiedliche Faktoren auf ökonomischer, politischer, kultureller und juristischer Ebene maßgebend und begünstigend waren.“ (S. 241)
Eine andere These – die Max Nettlau in Band VI seiner Geschichte der Anarchie vertritt – besagt, daß es allein nur deshalb zur Gründung der FAUD/S 1919 im Ruhrgebiet kam, weil die sich vereinigende syndikalistische FVdG und verschiedene kommunistische Arbeiter-Unionen auf die Position der „Diktatur des Proletarias“ verständigen konnten. Diese Position wurde maßgeblich von Karl Roche aus Hamburg vertreten – und u.a. von Rudolf Rocker bekämpft. Vielleicht lag es auch an dieser Auseinandersetzung, die die Bewegung schwächte und zur Abwanderung der »Massen« zu linkskommunistischen Gruppen oder eben direkt zur KPD führten. Nachdenklich sollte Döhring auch stimmen – was er ja selbst erforscht hat (siehe u.a.: Döhring: Damit in Bayern Frühling werde! 2007), daß nach dem II. Weltkrieg auch weiterhin führende FAUD-Genossen in die KPD eintraten …
Da die Arbeitermassen 1919 bis 1923 ja nun nicht der bürgerlichen Schicht angehörten, ist es zwar unverständlich, aber das Bedürfnis vieler Arbeiter~innen, endlich in „der Gesellschaft“ des bürgerlichen Systems der Weimarer Republik (immerhin war ein Kaiser verjagt worden und es herrschte/regierte eine SPD-Regierung) anzukommen und als „Bürgerprolet“ ernst genommen und juristisch anerkannt zu werden (die Gewerkschaften wurden als Organisationen erst durch das Hilfsdienstgesetz von 1916 notgedrungen seitens des kaiserlich-bürgerlichen Staats anerkannt und mit Vorläufern der Betriebsräte für die Verwaltung der Arbeitskräfte und der Lebensmittelversorgung offiziell zu Verhandlungspartnern der Kapitalisten und des Staates) – dürfte ein weiterer wichtiger Grund gewesen sein. Denn das war mehr als sich manch’ sozialdemokratischer Arbeiter vorstellen konnte. Und die meisten „Revolutionäre“ kamen eben aus der reaktionären SPD und viele kehrten zu ihr zurück.
Wer sich von dieser Betrachtungsweise der historischen Entwicklung zum Sozialismus à la rechte MSPD lossagte, war längst Sozialrevolutionär, syndikalistisch oder anarchistisch (ich erinnere nur an Johann Most) überzeugt – die meisten anderen wurden erst nach dem Stahlgewitter des I. Weltkrieges „Kommunist“. [2]
Wichtig ist bestimmt auch, daß der ‚Verrat‘ bei den älteren Genossen weniger schwer wirkte als bei den aus dem Massenmorden des Weltkrieges heimgekehrten oder zur Rüstungsindustrie abkommandierten und zwangsverpflichteten jungen Arbeitern.
Es ist ein Unterschied, ob mensch [hier meist immer noch eigentlich ‚Mann‘] sich in einer revolutionären, gärendenden, aus dem Kriegschaos entstandenen gesellschaftlichen Situation, die eine wirkliche revolutionäre Veränderung möglich erscheinen läßt – sich engagiert oder eben in konsolidierten gesellschaftlichen Verhältnissen weiterhin „gegen den Ozean anpfeifen“ (Tucholsky) will. Rudolf Rocker sagte bereits um 1920, daß die Zeit der Aufstände und Putsche und der Revolution beendet sei, weil es aussichtslos wäre, gegen einen neuerstarkten Militarismus preußischer Prägung anzurennen – das wäre Selbstmord und würde nur in einem Schlachthaus enden. Die Konsequenz daraus dürfte für viele gewesen sein, na, dann kann ich ja gleich zu den Reformisten der KP oder Sozialdemokraten gehen, die einen krakelen noch lauthals revolutionär herum, während sich die anderen um ihre Genoss~innen „sorgen“ – mit Konsum- und Wohnungsbau-Genossenschaften, Partei, Gewerkschaft, Arbeitersport; ein auskömmliches Leben war‘s vielleicht nicht – aber man setzte nicht jeden Tag sein Lebens und damit das der eigenen Frau und Kinder aufs Spiel.

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Wie perfide das sozialdemokratische Spielchen mit den restlichen, nicht liquidierten Revolutionären in den Betrieben und der Erwerbslosigkeit funktionierte, beschreibt Döhring ausgezeichnet an knappen Beispielen. Dieser Bruch der Klassensolidarität seitens der SPD brachte nur der KPD  und den Nazis regen Zulauf. Hier wird der Bogen deutlich, wie aus enttäuschter Hingabe zur Revolution auch schnell Konterrevolution werden kann. Denn es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß Nazis und Kozis (so wurden die KP-Mitglieder auch genannt) allein den Sozis den Rang abliefen, weil sie neue Futtertröge und Pöstchen anzubieten hatten, die bei den anderen »Arbeiter-Parteien« längst besetzt waren. Und das die »Massenpsychologie des Faschismus« auch für die Kozis gilt, wissen wir längst: Kadavergehorsam war dort ebenso oberste Pflicht wie bei den Nazis. Erstere wurden zusätzlich durch Kaderschulungen gequält und politisch ‚neutralsiert’, sie machten jede politische (Kehrt-)Wendung ihrer Partei mit, elender konnte man als Prolet seine Gesinnung eigentlich nicht verraten.
Wo sich die Masse der 150.000 ehemaligen Mitglieder der FAUD/S später organisiert haben, ist nicht nachweisbar … dazu fehlt einfach statistisches Material (wer hätte das auch erstellen sollen – die „freien“ Gewerkschaften haben sicherlich  ‚Buch‘ über die erzwungenen oder freiwilligen Übertritte ehemals ‚feindlicher Brüder‘ penibel aufgezeichnet, aber ich kenne keine Arbeit darüber – ebenso wie es kein echtes Material von Überläufen von Kozis zu Nazis oder von der FAUD zu AAUD/E regional oder reichsweit gibt).
Ganz wichtig ist mir, herauszuarbeiten, daß die sozialdemokratische Führung und ihre Funktionäre durch ihren neuerlichen Verrat an andersdenkenden Arbeiter~innen eine verflucht dicke Schuld auf ihre Schultern geladen hat. Diese verbrecherische Haltung gegenüber den verbliebenen revolutionären Klassengenossen ist noch immer ungesühnt.

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Am Rande sei hier noch erwähnt, daß der Historiker und selbsternannte Pabst der AS-Forschung Hartmut Rübner (Freiheit und Brot, 1994) der Auffassung ist, daß der „Syndikalismus nur eine Untergliederung des Unionismus“ [3] sei. Daß es kaum dümmer und einfältiger geht, beweist die Tatsache, daß die linkskommunistischen Strömungen innerhalb der SPD bis 1917 (Lichtstrahlen, Berlin und Arbeiterpolitik, Bremen) keinerlei syndikalistische Tendenzen hatten, beide lehnten die Freie Vereinigung der deutschen Gewerkschaften/FVdG – sozialistisch-lokalistische Gewerkschaften seit 1897 ab, deren Bruch mit der SPD politisch wie organisatorisch bereits endgültig 1906 (Massenstreikdebatte) erfolgte. Diese Linken brachen erst mit „ihrer“ Partei nach der Kriegs- und ‚Burgfrieden’-Politik der SPD oder gar erst nach der Novemberrevolution 1918/19 und sprangen erst jetzt auf den unionistischen Zug auf (siehe dazu Pannekoek und seine ablehnende Haltung gegenüber dem „deutschen Syndikalismus“ von 1913) und entwickelten aus der spontanen Rätebewegung ihre Ideologie des Rätekommunismus, in den dann auch syndikalistische Ideen und Konzepte eingeflossen.
Der 19. und damit letzte Kongreß der FAUD im Jahre 1932 erklärte: „die FAUD steht nach wie vor auf der Grundlage ihrer Prinzipienerklärung des Jahres 1919; sie sieht in revolutionärer Gewerkschaftsarbeit und fortschreitender Erweiterung der ökonomischen Einflußsphäre der Arbeiterschaft durch direkte Aktion den Weg zum Kampfe gegen die faschistische Gefahr, politische Unterdrückung überhaupt und jede Form der wirtschaftlichen Ausbeutung (…) Sie bekämpft das System der Klassengesellschaft in allen Formen.“ [4]

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Einige etwas andere Erklärungsmuster

Denn die zu schnellen Bewunderer und die plötzlich Überzeugten sind selten das Salz der Erde. – B.Traven, 1919

Natürlich ist es richtig, wenn Döhring als Erklärung für die Defizite der Anarchosyndikalisten wie der syndikalistisch-anarchistischen Jugend Rudolf Rocker zitiert, ‚die Zeit habe nicht ausgereicht, um genügend Genossinnen und Genossen in kürzester Zeit zu geschulten und ausgebildeten Kadern zu haben‘ (S. 238), der es bedarf, um eine Massenbewegung von 150.000 Mitgliedern politisch-ideologisch „auf Kurs“ zu bringen und so die sozialrevolutionären Inhalte des Anarchosyndikalismus zu verankern und fest zu vertäuen. Oder wie Karl Roche sagte: Es den Genossen „in die Hirne zu hämmern!“ oder auch resigniert festzustellen: „uns fehlen die Menschen, weil die Menschen fehlen“ [5] – ‚fehlen‘ kann hier sicherlich auch im doppelten Sinne von verfehlen, scheitern, interpretiert werden.
Deshalb sei an den Satz Rudolf Rockers erinnert, der seine eigenen Überlegungen zum Niedergang der FAUD/SAJD kurz und präzise zusammenfaßt:
»Organisation ist eine notwendige Sache, aber wenn darüber der Geist und der Impuls des Handelns erstickt wird, so ist sie schädlich. Das hat Deutschland erfahren müssen in dieser schweren Zeit. Man hat dort lediglich organisiert, um alles auf eine bestimmte Norm zu bringen und verlor dabei die Beweglichkeit und die Initiative des Handels.« [6]
Wer die eigenen Genossinnen und Genossen nicht schult, der verliert. Es sollen keine stromlinienförmigen, JA-sagenden Kader gezüchtet werden. Es soll vielmehr der „neue Mensch“ (Roche sprach vom ganzheitlichen „Kulturmenschen“) gefördert und befähigt werden, lebenslang einen selbständigen, eigenen Weg als Klassenkämpfer zu gehen. Durch Bildungsmaßnahmen und Selbstschulung sollten wir uns in die Lage versetzen, allein und in unseren Gruppen (Gewerkschaften und Kollektiven), unserem Umfeld, eigene Positionen zu entwickeln und Meinungen zu vertreten, die mit unseren Ideen bzw. den Überzeugungen des libertären Kommunismus im Einklang stehen. Nur mündige Genoss~innen sind kein Stimmvieh.
Aber Organisation ist eben auch nicht alles – vor allem ist es auch sehr deutsch. Wer eine Gesellschaft nach dem Vorbild des preußisch-militaristischem ‚Kriegssozialismus’ organisieren will (wie die SPD unter Ebert & Noske) – oder nach dem Vorbild der Reichsbahn (wie Lenin), der endet möglicherweise mit seiner Politik in Auschwitz oder an der Rampe eines stalinistischen GuLag.
Die von Döhring angesprochenen Überläufer der SAJD/FAUD zu den Stalinisten machen sehr deutlich, daß Schulungen (also Bildung und Qualifizierung auf Kosten der Organisation) für einige schlagfertige und begabte Genoss~innen allein nicht ausreichend ist. Sie wollen entlohnt werden für ihre Entbehrungen als Agitator, Schriftsteller oder Redakteur einer Zeitung, sie wollen belohnt werden; letztlich wünschen sie sich Privilegien, die sie über die einfachen Mitglieder der Bewegung in den Betrieben als Funktionäre erheben. Wie „wir“ diese persönlichen Eitelkeiten und Machtgelüste in den Griff bekommen – das ist mir leider auch nach über 35 Jahren in unserer kleinen Bewegung ein Rätsel …

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Ein hervorragendes Lesebuch, aber ebenso auch ein klassisches Lehrbuch für junge Genossinnen und Genossen, die sich in die Geschichte der klassenkämpferischen libertären Jugend Deutschlands einarbeiten wollen.
Geradezu bewunderswert ist „die distanzlose Affinität“ gegenüber dem Gegenstand seiner Untersuchung, die Döhring an den Tag legt. „Sein wissenschaftlicher Anspruch“ (beides ‚Kritikpunkte’ von Rübner) soll eben nicht ein intellektuell-wissenschaftliches Publikum zufriedenstellen, sondern junge Linksradikale und Anarchistinnen erreichen und vom klassenkämpferischen Anarchosyndikalismus überzeugen.
Mit diesem Buch kann man neue Genossinnen und Genossen gewinnen, vom anarchistischen Klassenkampf auf kollektiver Grundlage überzeugen. Und nochmals, Döhring beweist, daß „im Gegensatz zu den linkskommunistischen Bewegungen [ist] die Geschichte der anarchosyndikalistischen ‚Freien Arbeiter-Union Deutschlands’ inzwischen längst kein Geheimnis mehr“ ist (ein weiterer Vorwurf Rübners [7], hält dieser anmaßenden Kritik, die ihm anhand seiner bisherigen Bücher über unsere Bewegung „profunde Ahnungslosigkeit“ bescheint, den Spiegel vor:
• Band 1 beschreibt die Entwicklung der SAJD von 1918 bis 1933 und ergänzt diese Geschichtsschreibung durch sechs ausführliche Porträts fünf führender SAJD-Genossen und der Genossin Anni Zerr. Im Abschnitt Treffen der Generationen finden sich  Nachrufe und Erzählungen über Begegnungen mit acht Altgenossen, die den Faschismus überlebten.
• Band 2 widmet sich dann dem Kapitel Jugend nach 1945 und Ausblick vor allem der Gründung und den Zielen der Anarchosyndikalistischen Jugend seit 2009.
• Allein auf einhundert Seiten werden im Band 3 historische Satzungen, Grundsatzerklärungen und Zeitungsartikel ebenso dokumentiert wie aktuelle Texte der seit einiger Zeit aktiven ASJ-Gruppen – Anarchosyndikalistische Jugend, die sich als eigenständige Organisation nahe zur FAU verstehen.
Die von Döhring aufgezählten 13 Eckpunkte der Erneuerung einer syndikalistisch-anarchistischen Jugendbewegung (S. 273 f) kann ich aus eigener Erfahrung vollständig unterschreiben, denn diese gelten für jede sozialrevolutionäre Bewegung oder Organisation, die ernst genommen werden will, egal ob jung oder alt.
Organisiert Lesekreise und öffentliche Lesungen mit dem Genossen Döhring, das meiner Meinung nach für jeden Jugendlichen erschwinglich sein sollte, denn das über 400 Seiten vollfette Buch kostet nur schlappe 14 Euro, das ist sicherlich der uneigennützigen Unterstützung des Berner Apropos-Verlages (fast die komplette ging an der AS-Medienvertrieb Syndikat-A in Moers) und der unentgeltlichen Arbeit des Autors und der Gestalter geschuldet, denen ich hiermit ‚unseren Dank’ dafür aussprechen möchte. •                                                                    fm

Nachbemerkung:
Der Rudolf Rocker-Rechteherr Heiner Becker hat Helge Döhring „strafbewehrt“ per Unterlassungserklärung verboten, eigenständige Texte Rockers zur Jugend abzudrucken (S. 22).
Auch das sollten wir uns merken.

Anmerkungen│Quellen:

[1] Salvador Gurucharri y Tomás Ibáñez – Insurgencia Libertaria. Las Juventudes Libertarias contra la dictadura franquista, Barcelona 2010

[2] siehe z.B. Anton Pannekoek – trat 1921 der CPN-Linksabspaltung, der Kommunistische Arbeiterpartei der Niederlande (KAPN) bei; In seinem Artikel Der deutsche Syndikalismus schreibt er:  „Nur wer wie der Syndikalismus das Symptom für die Ursache hält, kann glauben, dass durch einfache Beseitigung der Zentralisation und der Führermacht die alte Angriffskraft wieder hergestellt wird. Schlimmer noch; damit würde gerade das Gegenteil erreicht werden.Presse Korrespondenz der Bremer Bürgerzeitung vom 29.11.1913

[3] Hartmut Rübner – Rezension in: IWK 4/06 (Seite 539)

[4] Der Syndikalist, 14. Jg. (1932), Nr. 15

[5] Karl Roche – Die Menschen fehlen! in: Die Internationale, Jahrgang 2, Heft 1, November 1928

[6] Brief Rocker an Helmut Rüdiger – 22.7.1933 (IISG)

[7] Hartmut Rübner – Linksradikalismus in der aktuellen Geschichtsschreibung. Teil 1: Der heimatkundige Anarchosyndikalismus in: Gegner Zeitschrift gegen Politik (Nr. 22/ April 2008, Seite 33)

barrikade # 7  April 2012

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