Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Moskaus Söldner – der EVMB

Stefan Heinz: Der EVMBMoskaus Söldner?

Der ‘Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins‘:
Entwicklung und Scheitern einer kommunistischen Gewerkschaft

576 Seiten mit Fotos (2010) – EUR 34.80 – ISBN 978-3-89965-406-6

»In Deutschland ist nicht nur die Eroberung des zentralen Gewerkschaftsapparates unmöglich, sondern auch die Eroberung des unteren Gewerkschaftsapparates schon undenkbar.«
Ernst Thälmann, 1928

RGO und auch EVMB waren nicht tariffähig – im Gegensatz zur FAUD schloß also der EVMB keinen einzigen Tarifvertrag ab. Er kämpfte gegen Entlassungen, die immer dreister auftretenden Nazis der NSBO in den Betrieben und gegen Lohnkürzungen. Aus dieser Tatsache folgert der Autor, »daß sich jedes länger an den EVMB gebundene Mitglied darüber klar sein mußte, daß die Organisationen zentrale Aufgaben einer Gewerkschaft kaum wahrnehmen konnte und eine gewisse Repression von vornherein zu akzeptieren war.« (S. 458). Bereits Ende 1931 erklärte das Reichsinnenministerium RGO und EVMB ihre »Staatsfeindlichkeit«. Allerdings löste der SPD-Polizeipräsident von Berlin die Vereinigungen, die »zum gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie, zum konsequenten Klassenkampf« aufriefen nicht auf, vielmehr wurden verschärft EVMB-Betriebsräte entlassen, Flugblätter beschlagnahmt, Verbandszeitungen verboten; die Repression wurde durch Hausdurchsuchungen und Festnahmen weiter verstärkt.

Lästern konnte der EVMB aber gut gegen »Syndikalisten und sogenannte Industrieverbändler, von denen es in Deutschland ein Dutzend verschiedener Gruppen gibt« (Paul Pescke, Februar 1931, S. 514). Bis sie dann selbst zu »Staatsfeinden« und KPD-intern zu »Parteischädlingen« (1934) zusammenschrumpften.

Der erst am 4. November 1930 von knapp 1.500 Metaller~innen gegründete EVMB verzeichnete im Dezember bereits 11.524 Mitglieder (davon 43,1% Genossinnen) – bei einer DMV-Mitgliederzahl von 940.758 und in Berlin von 68.459 Gewerkschaftsmitgliedern als Vergleichsgrößen: »Bis in höchsten Ebenen waren nun Personen anzutreffen, die sich lange Zeit an syndikalistischen und rätekommunistischen Theorien orientiert hatten«, schreibt der Autor. Der einzige namentlich erwähnte »hochrangige Funktionär der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD)«, der zum EVMB übergetreten ist, war Paul Albrecht, der »erst 1929 den Entschluß gefaßt [hatte], der KPD beizutreten«. Ab Ende 1932 war er bereits Berliner RGO-Leiter, später sogar Reichstagsabgeordneter der KPD.

In vielen kleinen und mittleren Betrieben hatten sie teilweise bis zu 50% der Belegschaft und mehr organisiert. Damit war der EVMB allein in Berlin stärker gewesen als die gesamte FAUD/AS, die aber dennoch Tarifverträge u.a. in Düsseldorf bei den Fliesenlegern abschließen konnte.

Zur konkreten Betriebsarbeit finden sich viele kleine interessante Hinweise, aus denen wir auch lernen können: So gewann der EVMB zwar die Mehrheit der Betriebsräte bei der Betriebsratswahl in der Elektrofirma Conrad (bei nur 15% organisierten Belegschaftsmitgliedern) – beim Streik 1932 überließ der EVMB jedoch alle Entscheidungen den DMV-Betriebsräten, weil man sie für erfahrener hielt. »Insgesamt«, resümiert Heinz, »blieben Erfolge – gemessen am Wert, den die Betriebsrätearbeit formal für den Verband einnahm – bescheiden. Dennoch fand die radikale Politik im Metallbereich mehr Anklang als anderswo« (S. 273). Die RGO forderte eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den »roten Vertrauensleuten«, den EVMB-Betriebsräten und den einfachen kommunistischen Anhängern. Auf diese Kritik versuchte der EVMB mit »inneren Maßnahmen« gegenzusteuern. Der Kampf gegen die DMV-Tarifverträge sollte über eine Stärkung des betrieblichen Organisationsapparates erfolgen. In jeder betrieblichen Sektion gab es nur einen Sekretär und einen Kassierer. Diese beiden Genoss~innen sollten um sich herum ein viel festeres Netz an Funktionären schaffen: »Jede Sektionsleitung muß, will sie ihre Aufgabe im Betrieb erfüllen, sich zusammensetzen aus dem Sektionsleiter, dem Orgleiter, dem Agitpropleiter, Kassierer, Berichterstatter, Vertreter der roten Betriebsräte, Vertreter der arbeiterinnen-Kommission und der Jugend.« In vielen Kleinbetrieben hätte damit jedes EVMB-Mitglied eine Funktion erhalten … in Großbetrieben wie Orenstein & Koppel in Spandau mit 1.000 Arbeiter~innen und 115 EVMB-Genoss~innen ist das sicherlich anders einzuschätzen.

Interessant sind auch die vielen Statistiken des Buches. So finden wir z.B., daß es 1928 noch 26 unionistische/syndikalistische Arbeitervertreter in Berlin gab, von 83 im Deutschen Reich im Metallbereich. Und bei den BR-Wahlen 1931 gab es noch 80 Stimmen für unionistische/FAUD-Betriebsräte (reichsweit 2.034 oder 0,23% aller Stimmen)
Daß sich der rote Verband auch in der zweiten Hälfte 1934 auf Druck der KPD nicht auslösen wollte, zeigt sicherlich die eigenständige kommunistische Überzeugung dieser Berliner Metallarbeiter~innen, die sich weiterhin als selbständige linksradikale Gewerkschaft verstanden. Sie verweigerte auch die strategische Überlegung eines »illegalen Wiederaufbau« des DMV (Stratgie »Trojanisches Pferd«) innerhalb der faschistischen Deutschen Arbeitsfront. Aber auch das half wenig, denn im Dezember 1934 löste die KPD mit »organisatorischen Maßnahmen« den EVMB »von oben« auf. Die Stalinisten opferten ihre RGO-Gewerkschaft und führte die aufmüpfigen Metaller~innen als »Parteischädlinge« (Die Abrechnung erfolgte mit dem Papier »Für bolschewistische Klarheit in der Gewerkschaftsfrage«, Dezember 1934) … Ihre Widerstandstätigkeit haben viele Funktionäre auch nach dieser parteiinternen Niederlage nicht beendet

Diese gekürzte Dissertationsschrift von Stefan Heinz im Fach Politik- und Sozialwissenschaften über die Entwicklung und das Scheitern einer kommunistischen Gewerkschaft ist ein spannendes Lesebuch. Auch wenn viel zu wenig bzw. rein gar nichts über die Zusammenarbeit mit anderen linksradikalen Gewerkschaften (wie etwa den bösen Unionisten und Syndikalisten) zu lesen ist.. Möglich, daß es diese überhaupt nicht gab.

Das Buch ist mit 573 Seiten ein heftiger Schinken, er bringt uns als Anarchosyndikalisten einiges an Erfahrungen. Für Anhänger der kommunistischen Bewegung ist es sicherlich spannender, nachzulesen, wie eine kommunistische Gewerkschaft durch die Stalinisten „gleichgeschaltet“ bzw. „bolschewisiert“ wurde.

„Die Gewerkschaften sind unumgänglich für den täglichen Guerillakrieg zwischen Kapital und Arbeit; sie sind noch weit wichtiger als organisierte Förderungsmittel der Aufhebung des Systems der Lohnarbeit selbst.“
Karl Marx, 1866, „Genfer Resolution“

fm

barrikade # 4 – Dezember 2010

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