Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Rezension Helen Graham: »… ein zutiefst unzulängliches Buch«

Redaktionelle Vorbemerkung

Helen Grahams Rezension der Originalausgabe von Michael Seidmans Buch »Gegen die Arbeit« – die wir hier erstmals in deutscher Übersetzung vorlegen – erschien 1992 in der Zeitschrift des Amsterdamer Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG)[1]. Seidman erwähnt in dem Manuskript des Vortrags, den er zur Vorstellung der deutschen Übersetzung seines Buches im Oktober 2011 in verschiedenen deutschen Städten hielt, und der in der »graswurzelrevolution« und im Internet veröffentlicht wurde[2], diese Rezension in Anmerkung 8 seines Vortragsmanuskripts – eigentümlicherweise aber allein im Zusammenhang mit den »älteren Schwestern« einer »neue[n] Generation von Feministinnen«: diese »älteren Schwestern« hätten »dem Buch anfangs recht kritisch gegenüber gestanden«, während die »neue Generation (…) die Anerkennung zu schätzen« wußte, »die Gegen die Arbeit der besonderen Rolle der Frauen als Widerständlerinnen entgegenbrachte, insbesondere ihren hohen Fehlzeiten und ihrer relativ geringen Identifikation mit dem Arbeitsplatz«. Michael Seidman unterstellt damit offenbar, daß Helen Grahams Kritik sich auf seine Beschreibung der Rolle der Frauen im Kampf »gegen die Arbeit« konzentrieren würde – ein Aspekt, den sie, wie hier unschwer nachzulesen ist, lediglich in ein paar Sätzen abhandelt.
Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden ignorieren Helen Grahams Rezension in ihrem Vorwort zu der deutschen Ausgabe [3] von Seidmans Buch übrigens völlig, obwohl sie diverse Kritiken der ersten Ausgabe aus dem akademischen Spektrum anführen. Diese schätzen sie durchgängig ein als »eher ratlos« oder »Randprobleme« – wie »eine mögliche Überschätzung der Stärke der französischen Bourgeoisie oder die mangelnde Berücksichtigung komplementärer Studien über den Arbeiterwiderstand in der Sowjetunion« – diskutierend, oder daß sie »Anstoß an der explizit betonten Konfrontationsstellung, die Seidman gegenüber den dominierenden – modernisierungstheoretischen und marxistischen – Strömungen der Arbeitergeschichtsschreibung« nehmen wǘrden.
J.S.

Helen Graham

» …  ein interessantes, aber zutiefst unzulängliches Buch«

Rezension von
Seidman, Michael. Workers Against Work. Labor in Paris and Barcelona During the Popular Fronts. University of California Press, Berkeley [etc.] 1991. xiv, 399 pp. $39.95.

Dies ist ein interessantes, aber zutiefst unzulängliches Buch. Seine Unzulänglichkeit ergibt sich aus der tatsächlichen Unvergleichbarkeit des Projektes, das für ein sehr ungleiches Niveau der Analyse sorgt. Um fair zu sein – das hier erkannte Problem hängt eng mit dem komparativen ‚Genre‘ selbst zusammen. In dem Versuch eines Vergleiches von Paris und Barcelona illustriert Michael Seidman die extreme Schwierigkeit, durch Gebrauch des selben Begriffes – Volksfront – Situationen zu beschreiben, die, obwohl sie in der gleichen zeitlichen Periode existierten, sehr unterschiedliche politische Umstände und sozioökonomische Strukturen repräsentierten. Im Ergebnis erscheinen sowohl die Vergleiche wie Unterscheidungen, die der Autor macht, gezwungen und manchmal schlicht banal. Die Struktur, die Dr. Seidman wählt, weist direkt auf diese Schwierigkeit hin. Wir bekommen keinen wirklicher Vergleich, sondern zwei mehr oder weniger getrennte Studien in einem Band. Während der Autor vergleichende Elemente in seiner Analyse der spanischen und französischen Bourgeoisie liefert, erzählt er tatsächlich zwei Geschichten, die den Abgrund aufzeigen, der zwischen den beiden nationalen Erfahrungen hinsichtlich der ökonomischen Entwicklung wie der kulturellen Projekte klafft. Obwohl sie eine intelligente Synthese darstellen, illustrieren diese Abschnitte tatsächlich die offensichtliche Art und Weise, auf der die Ebenen der ökonomischen und industriellen Entwicklung eine entscheidende Determinante der kapitalistischen Praxis sind (wobei Forderungen des Staates hier eingeschlossen sind). Die unterschiedlichen Antworten der französischen und spanischen Arbeiterorganisationen wiederum demonstrieren, wie ein komplexerer Staat, der eine größere Bandbreite von verführerischen im Gegensatz zu repressiven Mitteln zur Verfügung hat, die Strategien, die bei der ökonomischen Selbstverteidigung der Arbeiter zur Anwendung kommen, bemerkenswert verändert. Die französische Strategie der Integration oder Kooptierung der Arbeit durch Konsum war aus grundlegenden ökonomischen Gründen in Spanien nicht möglich, ungeachtet reformistischer Gewerkschaftsführer. Obwohl auch im Falle Frankreichs, wie die Ereignisse um den gescheiterten Generalstreik vom 30. November 1938 demonstrieren, hinter Sozialprojekten und -gesetzgebungen die Gewalt als eine Option für Kapital und Staat bestehen blieb.
Der Schwerpunkt der Studie Michael Seidmans ist, wie der Titel anzeigt, die Frage des Arbeiterwiderstandes gegen die Arbeit. Er argumentiert, daß diese Reaktion im Kern dieselbe Bedeutung hat, ob sie nun im Kontext einer relativen Stabilität für das Kapital oder einem Übergangsregime des Klassengleichgewichts, wie sie die französische Volksfront war, oder ob sie sogar in einer Zeit einer potentiell radikaleren sozialen und ökonomischen Transformation, wie sie das Proletariat Barcelonas während des Krieges erlebte, stattfindet. Die ArbeiterInnen werden ohne Rücksicht auf die spezifischen historischen Bedingungen betrachtet, wie sie gegen produktivistische Versuche reagieren, eine größere Disziplin und ein schnelleres Arbeitstempo einzuführen – ob diese nun vom Kapital herrühren oder von ihren eigenen Gewerkschaftsorganisationen. Die Symptome dieses Widerstandes – Absentismus, Sabotage, Langsamarbeiten und andere Arten der Zeitverschwendung – sind das Produkt von Entfremdung, Monotonie, von der Tatsache, daß ihre Arbeit sinnentleert ist (besonders, sobald die tayloristische Dequalifizierung und Teilung komplexer Prozesse einsetzt). Ob dies eine adäquate Methode ist, Arbeiterwiderstand quer durch eine Vielzahl historischer Situationen zu interpretieren, ist ein Punkt, auf den später in dieser Besprechung eingegangen wird. Aber indem er so argumentiert, suggeriert Dr. Seidman, daß andere Ansätze der Analyse der Arbeit diese von ihm behandelten Strategien des Widerstandes ignoriert haben. Das ist eine etwas überzogene Argumentation. Überdies zu behaupten, daß die marxistische Analyse solch ein Phänomen ignoriert, weil sie auf den Arbeitsplatz als »einen potentiellen Bereich für die Emanzipation« fokussiert, wo die »Arbeiter sich mit ihrem Beruf identifizieren«, scheint irgendwie das Konzept der Entfremdung phänomenal aus dem Blick verloren zu haben.
Obwohl er keine politische Geschichte verfassen will, stellt Michael Seidmans Versuch, die französischen und spanischen Erfahrungen zu vergleichen, unausweichlich die Frage nach der unterschiedlichen Verfassung der beiden Volksfronten in der untersuchten Periode. Und dies war zudem eine Differenz, die sich aus entscheidenden sozialen und ökonomischen Unterschieden ergab. Der Staatsstreich des Militärs und die versuchte Revolution in Spanien sahen den Untergang des liberalen Republikanismus, der immer ein konstituierendes Element der französischen Erfahrung war. Als im Mai 1937 die spanische Volksfront komplett Wiedererstand, um einen rekonstruierten republikanischen Staat anzuführen, drehte sie sich um eine neue, sozialistisch-kommunistische Achse. Indem er Barcelona als Vergleich wählt, das einzige Gebiet in Spanien, in dem die Republikaner in der Gestalt der Esquerra es schafften, an der Macht zu bleiben, verschleiert der Autor diese Problematik. Aber dadurch riskiert er es, bei nichtspezialisierten LeserInnen den Eindruck zu hinterlassen, daß Barcelona ein Mikrokosmos der spanischen Volksfront sei, während Cataluña als Region eine sehr große Ausnahme darstellte.
Barcelona ist für Dr. Seidman der Sitz der »spanischen Revolution«. Obwohl der Autor niemals seine Begriffe angemessen definiert, wird dieser Ausdruck als Kürzel für den Prozeß der komplexen politischen und sozio-ökonomischen Reorganisation gebraucht, der in den ersten zehn Monaten des Krieges stattfand. Aber es gibt da ein fundamentales Problem. Diese Monate sahen eine dramatische Verschiebung des Ortes der Macht, als das Potential für eine Volksrevolution rapide erodiert wurde durch die Strategien des in Erscheinung tretenden Volksfront-Blocks der Politiker der Mitte und der linken Mitte und der reformistischen Gewerkschaftsführer. Die Tatsache, daß Dr. Seidman keine politische Geschichte schreibt, entbindet ihn nicht davon, für inadäquate Begriffsbestimmungen kritisiert zu werden, denn die politischen Entwicklungen, die am Rande seiner Studie verbleiben, hatten direkten Einfluß auf die Leben der spanischen ArbeiterInnen, von denen er behauptet, sie seien die ProtagonistInnen seiner Untersuchung. Die wichtigste dieser Entwicklungen war offensichtlich das Scheitern der Revolution. Deren Einflüsse auf das Proletariat von Barcelona werden in dieser Rezension später betrachtet, im Zusammenhang mit der Frage des Arbeiterwiderstandes gegen die Arbeit. Wie auch immer, man muß sich mit Dr. Seidmans Verständnis von dem auseinandersetzen, was die spanische Revolution konstituierte. Seine Studie unterstellt sechs Monate revolutionärer Veränderung, gegen die sich beachtliche Teile der arbeitenden Klasse dickköpfig unzugänglich zeigten. Aber die Revolution war im Herbst 1936 gescheitert, eben weil die Basis der Staatsmacht nicht von den Kräften zerstört worden war, von denen zu erwarten gewesen wäre, daß sie genau diese Avantgardefunktion erfüllen würden. (Die marxistisch-leninistische POUM war zu schwach, und die libertäre Bewegung war fatal behindert durch organisatorische Spaltungen und ideologische Unzulänglichkeiten (sie hatte keine angemessene Theorie vom Staat).) Die CNT mag die Straßen von Barcelona kontrolliert haben, aber das bedeutete kaum den Sieg der Revolution. Daß die Libertären beides 1936 verwechselten ist verständlich, nicht aber, daß Dr. Seidman dies stillschweigend 1990 macht. Und selbst wenn eine unproblematisch puristische CNT-Führung existiert hätte, so wäre sie isoliert worden durch den verbissenen Reformismus und die Staatsgläubigkeit von Largo Caballeros[4] sozialistischem Riesen, der UGT, die sich weigerte, jegliche Form von Gewerkschafts-Bündnis in Erwägung zu ziehen, bis es schließlich zu spät dafür war, um noch irgendeine autonome politische Funktion zu erfüllen. Und was die UGT betrifft, so muß man schlicht sagen, daß Dr. Seidman ihre Natur und Dynamik in den 1930ern mißversteht. Er nennt sie »revolutionär« und »radikal«, um sie von den reformistischen französischen Gewerkschaften abzusetzen. Tatsächlich war es nur der polarisierte Kontext, kombiniert mit einer revolutionären Rhetorik, der der UGT einen Anstrich von Radikalismus gaben. Die wesentliche Erfahrung mit der sozialistischen Bewegung in den 1930ern – Partei und Gewerkschaft, Sozialdemokraten und »Linkssozialisten« – ist, daß sie sich als ausgesprochen reformistische Macht offenbarte. Dr Seidman hätte besser daran getan, auf die signifikanten Ähnlichkeiten zwischen Marceau Pivert[5] und Francisco Largo Caballero zu achten – hinsichtlich der revolutionären Rhetorik und der reformistischen Praxis. Stattdessen vertraut der Autor auf eine Anzahl abgeschmackter Klischees über die Radikalisierung des Letzteren.
Der grundlegende Einwand der Rezensentin gegen diese Studie ist allerdings, daß Michael Seidman zur Stützung der Vergleiche, die er anzustellen versucht, weitgehend und durchgängig die große Belastung herunterspielt, die sich daraus ergab, daß sich die spanische Republik im Krieg befand. Sie kämpfte nicht nur gegen die heimischen Feinde und ihre faschistischen Unterstützer ums Überleben, sondern auch gegen das politische und ökonomische Establishment des demokratischen Europas und Nordamerikas (das von Anfang bis Ende die kapitalistische Kreditwürdigkeit der Republik als ernsthaft inadäquat einschätzte). Die Nicht-Intervention beinhaltete eine zermürbenden Wirtschaftskrieg. Die sich daraus ergebenden Bedingungen der Belagerung hatten eine verheerenden Effekt auf die Produktionskapazität der Republik und somit auf die Lebenserfahrung der arbeitenden Klasse, sowohl innerhalb wie außerhalb des Arbeitsplatzes. Die materiellen Bedingungen des täglichen Leben verfielen schnell, und dies beeinflußte auch das Verhalten vieler ArbeiterInnen. An verschiedenen Punkten der Fallstudie zu Barcelona springt der Autor zwischen Beispielen aus den Jahren 1936 und 1938. Wir erfahren, daß einige ArbeiterInnen 1936-1937 abkömmlich oder nicht gebunden waren, daß andere 1938 versuchten, sich der Einberufung zu entziehen, während diejenigen, die in den späteren Phasen des Krieges einberufen wurden, demoralisiert waren. Aber all dies ist dekontextualisiert[6], es gibt kaum einen Bezug auf den heftigen Verfall, der den materiellen und psychologischen Zustand des republikanischen Spanien zwischen diesen Daten betraf. Es reicht einfach nicht, die sich ähnelnden Symptome der Distanzierung der ArbeiterInnen (in Barcelona vor und nach dem Putsch und in Paris) zu katalogisieren. Denn ohne mehr Informationen über das größere soziale und politische Umfeld, das die Reaktionen der Arbeiterklasse geformt hat, können wir nicht von einer monolithischen Erscheinung von Arbeiterwiderstand sprechen, wie es der Autor so oft zu unterstellen scheint. Die Geschichte der Arbeit, und die des Widerstandes dagegen, muß mehr behandeln als nur die Arbeit.
Nach Ansicht dieser Rezensentin untertreibt Dr. Seidman außerdem gewaltig den Einfluß des Krieges auf das Eintreten der CNT für den Produktivismus. Tatsächlich übertreibt er bei seinem Versuch, dies als eine Konstante libertärer Ideologie zu behaupten, den produktivistischen Glauben der Bewegung in der Vorkriegsperiode und bauscht ihre unkritische Akzeptanz des Quasi-Taylorismus auf. Genau so schief ist die Analyse der Absicht der Libertären, die nationalen Produktivkräfte auf eine Art zu entwickeln, die sie von der Kontrolle durch fremde Investoren befreit. Dies wird als Konflikt zwischen theoretischem Internationalismus und nationalistischer Praxis beschrieben. Sicherlich gab es ernsthafte Inkonsistenzen und Mängel in der libertären Ideologie – dies war einer der Gründe für die Krise im Krieg, von der sich die Bewegung niemals wirklich erholt hat. Aber die libertäre Antwort so zu beschreiben bedeutet, den Punkt zu verfehlen. Produktivismus und Ermahnung zur nationalen Selbstversorgung waren die unausweichliche pragmatische Antwort auf das, was in einer kapitalistischen Belagerung gipfelte, die nicht dadurch weniger effektiv war, daß ihre Existenz übertüncht wurde. Indem er den libertären Produktivismus betont, scheint es Dr. Seidmans Hauptanliegen zu sein, zu zeigen, daß der katalanische Anarcho-Syndikalismus weder puristisch noch millenaristisch[7] war. Er schreibt so, als ob er hier eine heutige Orthodoxie herausfordere, während ein solcher Reduktionismus garnicht existiert.
Der Autor erklärt von Anfang an, daß seine Schrift keine politische Studie der Spanischen Revolution sei – und tatsächlich wiederholt er, wenn auch etwas vage, den ganzen Text hindurch, daß die politischen Kategorien der »meisten Historiker« unzulänglich sind, um uns zu erlauben, ihre wahre Natur als eine gelebte Erfahrung zu verstehen. Dr. Seidman weist auf einen berechtigten Punkt hin. Wir müssen sicherlich eine ganze Reihe öffentlicher Äußerungen (Reaktionen) untersuchen, um den Grad des Einflusses zu verstehen, den die radikalen sozialen und ökonomischen Veränderungen hatten, die für kurze Zeit im republikanischen Spanien versucht wurden. Und gegenwärtige Arbeiten, oftmals durch den Gebrauch unschätzbarer mündlicher Quellen, tragen viel zur Erstellung eines nuancierteren Bildes von Klassen- und Geschlechterverhalten in dem Spanien der 1930er Jahre bei, einer Periode der Mobilisierung und des Überganges. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß Michael Seidmans Studie nicht die Ziele erreicht, die er für sie angibt. Sie vermittelt ganz sicher keinen Einblick in die »gelebte Erfahrung der Arbeiter« (weder am Arbeitsplatz noch außerhalb davon). Dies liegt weitgehend an der reinen Unvergleichbarkeit der Untersuchung. Dr. Seidman zielt auf eine viel zu weite Abdeckung, und zumindest auf der spanischen Seite tappt er regelmäßig in die Falle der oberflächlichen und skizzenhaften Analyse. Die Untersuchung zu Barcelona ist außerordentlich undurchsichtig. Man gewinnt kaum Kenntnisse über die Determinanten der Reaktionen der ArbeiterInnen – ob diese Demoralisierung, Passivität oder politisches Engagement ausdrückten. Die plumpe Verneigung en passant vor dem ‚Apolitizismus‘ der Frauen wäre besser ausgelassen worden, ebenso der kurze Streifzug des Autors über die Darstellung von Frauen auf republikanischen Propaganda-Plakaten. Letzeres scheint ihn zu dem außergewöhnlichen Schluß zu führen, daß die Geschlechterrollen durch die Revolution durcheinander geworfen wurden. Dies ist nicht nur eine plumpe extreme Vereinfachung per se, doch daß das mit einer Würdigung der Frauen-Darstellung auf Volksfrontplakaten begründet werden könnte ist schlichtweg unerklärbar. Der rasante Aufstieg der Volksfront sorgte dafür, daß das Gesicht der Propaganda wieder deutlich von den konventionellen Geschlechterrollen geprägt war. Es war wesentlicher Bestandteil ihrer konterrevolutionären Logik, daß republikanische Frauen durch einen Appell an ihre traditionellen Rollen mobilisiert wurden. Wenn man sich allein die Bilder anschaut, so fällt es 1937 oftmals schwer zu unterscheiden zwischen den Aufrufen an die republikanischen Frauen und denen an ihre nationalistischen Schwestern[8].
Jede Begrifflichkeit, einschließlich die der Arbeit, wird grundlegend gesellschaftlich produziert. Sie ist bestimmt durch den spezifischen historischen Kontext, in dem sie existiert. Wenn dies auf die Arbeit zutrifft, so muß es auch auf den Widerstand gegen die Arbeit zutreffen. Der grundlegende Fehler in Dr. Seidmans Fall ist, daß er die Homogenität des Arbeiterwiderstandes mit ziemlich zweifelhaften Mitteln stützt – indem er seine Aufzählung der Symptome dekontextualisiert. Aufgrund der extremen Situation führt das besonders im spanischen Fall zu ernsten Verzerrungen in seiner Interpretation. Indem er der Diskussion der politischen Demontierung einer beschädigten und fragmentierten Revolution ausweicht, vermeidet er nicht, wie er behauptet, lediglich das besser erkundeten Territorium der politischen Geschichte. Tatsächlich versagt er es sich bewußt, dem Leser eine Erklärung des Prozesses zu bieten, der das Verhalten der ArbeiterInnen geprägt hat. Der Wiederaufbau des Staates begann, wie schon angedeutet, nicht 1937, er begann viel früher, mit der Ernennung der Regierung Largo Caballero im September 1936. Nur durch eine falsche Periodisierung kann Dr. Seidman behaupten, daß der primäre Anstoß zum Wiederaufbau des Staates die Widerspenstigkeit der Arbeiter in den Fabriken war – ein einzigartiger Fall, in dem der Schwanz mit dem Hund wedelt. Natürlich war nicht das gesamte Proletariat Barcelonas in der CNT. In Barcelona wie in Paris umfaßte die Arbeiterklasse sowohl die Engagierten wie die Gleichgültigen, in allen Abstufungen. Triumphalismus kann unser Verständnis des Verhaltens der Bevölkerung in den frühen Monaten des Krieges nur behindern. Aber es ist nicht klar, was Michael Seidmans körperlose und fragmentierte Ansammlung von Illustrationen der Apathie und Verärgerung der ArbeiterInnen zeigen soll. Das ändert kaum etwas an der Tatsache, daß der Wiederaufbau des Staates die ökonomische Macht und politische Autonomie der Gewerkschaften und der militanten Teile der Arbeiterklasse an die Kandare nahm. Man muß nicht notwendigerweise von einem anarchistischen oder linkskommunistischen Standpunkt argumentieren, um das zu erkennen.
In den Fabriken und Werkstätten im Paris der Volksfront und dem »revolutionären« Barcelona war die Arbeitserfahrung für viele eine grundlegend entfremdete. Die vorrangige Konsequenz der Prioritäten der Kriegszeit machte eine radikale Veränderung in diesem Bereich für die spanische Republik unmöglich. Es kann gesagt werden, daß, anstatt die bewußte »Negation der Ideale der spanischen Revolution« zu illustrieren, die Abwendung der Arbeiter die Tatsache reflektierte, daß nicht nur die materielle Realität der Arbeitserfahrung und des täglichen Lebens nicht qualitativ verändert wurde, sondern sie sich tatsächlich aktiv verschlechterte. Wenn die Revolution für viele eine politische Abstraktion war, dann kann da nichts gewesen sein, was sie »negieren« konnten. Das Hauptproblem war hier allerdings nicht das kreative Vakuum der Linken. Michael Seidmans Kritik an ihrem Scheitern, alternative Modelle für die Entwicklung der Produktivkräfte auszuarbeiten, offenbart eine erschreckende Mißachtung für die Zwänge und Notwendigkeiten, die durch den zermürbenden Wirtschaftskrieg von außen gegen sie der spanischen Demokratie auferlegt wurden. Die Ergebnisse der Blockade – akuter Mangel, Inflation, Hunger, Elend, ein härterer und längerer Arbeitstag – und, natürlich, grausame interne politische Spaltungen – endeten in der Destabilisierung der spanischen Republik im Inneren. Diese Strategie hat sich in der europäischen Arena der dreißiger Jahre als ebenso erfolgreich erwiesen wie anderswo in jüngerer Zeit.
Im Verlauf dieser verzweifelten Produktionsschlacht, die für das Überleben der Republik entscheidend war, wählten die Führungskader der Gewerkschaft und deren Aktivisten den kleinsten gemeinsamen Nenner – eine ökonomisch konservative Praxis. Nichtsdestoweniger waren die Gewerkschaften im republikanischen Spanien die entscheidende Kraft in einem Prozeß der industriellen Konzentration und Rationalisierung, die, worauf Dr. Seidman hinweist, seit langem auf der historischen Agenda stand. Indem er das Gewicht auf die technische Bedeutung dieses Prozesses legt, vergleicht der Autor diesen mit den Ergebnissen von Francos Entwicklungsprojekten drei Dekaden später. Allerdings gibt es hier eine große Gefahr, da dieser Vergleich die zentrale zugrundeliegenden Disparität ignoriert, der im Herzen des Bürgerkrieges selbst lag. Die gewerkschaftliche Vermittlung umhüllte den Rationalisierungsprozeß mit einer demokratischen Intentionalität, die, per Definition, bei späteren francistischen Projekt immer fehlte. Alles in allem war das, was bei den Nationalisten und Republikanern auf dem Spiel stand, nicht die Modernisierung per se, sondern das Modell, das adoptiert werden sollte. Die Nationalisten mögen zu einem Diskurs auf dem Niveau von Neanderthalern Zuflucht genommen haben, aber wogegen sie sich tatsächlich stellten, wegen der Kosten für Gruppen der Elite, das war das demokratische Modell der Modernisierung, das von der Republik angestrebt wurde. Anzunehmen, daß sich der Entwicklungsfrancismus einen neutralen technokratischen Mantel aus den 1930er Jahren umhängen konnte, bedeutet, eine entscheidende historische Phase verblüffenderweise zu ignorieren – den triumphierenden Francismus der 1940er und frühen 1950er Jahre. •

Helen Graham (Jahrgang 1959) ist heute Professorin für Spanische Geschichte an der Royal Holloway University of London und eine der führenden britischen HistorikerInnen für die Geschichte des spanischen Bürgerkrieges, des uncivil peace der 40er Jahre und der Sozial- und Kulturgeschichte Spaniens der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Beim Erscheinen ihrer Rezension 1992 hatte sie zwei Werke zu dem Thema, das auch Seidman behandelt, publiziert: zusammen mit Martin S. Alexander The French and Spanish Popular Fronts: Comparative Perspectives (Cambridge 1989 [Cambridge University Press]) und Socialism and War. The Spanish Socialist Party in Power and Crisis 1936-1939 (Cambridge 1991 [Cambridge University Press]).Weitere Informationen (auf Englisch) finden sich auf der Seite der Royal Holloway University of London (http://pure.rhul.ac.uk/portal/en/persons/helen-graham_8fc507aa-5638-40be-ada7-b3865d4689b5.html) und der englischsprachigen Wikipedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Helen_Graham_%28historian%29).
Wir verweisen außerdem auf ein Interview von Helen Graham, das in der von den Veteranen der Lincoln-Brigade begründeten Zeitschrift »The Volonteer« (März 2011) erschien (http://www.albavolunteer.org/2010/03/the-war-before-the-lights-went-out-an-interview-with-helen-graham/).

Anmerkungen
[1] International Review of Social History, Vol. XXXVII, 1992, S. 276 – 281
[2] Gegen die Arbeit. Michael Seidman über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38; in: graswurzelrevolution Nr. 363, November 2011 (http://www.graswurzel.net/363/seidman.shtml)
[3] http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/seidman.pdf
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Largo_Caballero
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Marceau_Pivert
[6] aus dem Zusammenhang gerissen
[7] dem Glauben an ein (paradiesisches) ‚tausendjähriges Reich auf Erden‘ anhängend
[8] vergl. die gegenwärtige (April 1991) Ausstellung republikanischer und nationalistischer Plakate, Biblioteca Nacional, Madrid [Anm. von Helen Graham]

Erklärungen:
dekonstruktieren = aus dem Zusammenhang reißen

barrikade # 7 – April 2012

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