Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Wenn Hamburg brennt

Joachim Paschen

»Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«

Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923

Frankfurt/M 2010, 266 S., mit Fotos und Karten, Pb. – Internationaler Verlag der Wissenschaften – Peter Lang * ISBN 978-3-631-60919-4

Paschens neues Buch knüpft chronologisch in etwa an sein Buch über die Revolutionszeit 1918/19 in Hamburg (1) an, allerdings als Geschichte der KPD, mit einem Schwerpunkt auf die Hamburger Partei und ihre beiden Führungsfiguren, den Leiter des Bezirks Wasserkante, Hugo Urbahns, und den Vorsitzenden der Hamburger Ortsgruppe, Ernst Thälmann. Paschen stellt die Ereignisse historisch korrekt dar. Im Gegensatz zu »Frieden, Freiheit, Brot« hat sich Paschen nicht nur auf zeitgenössische Quellen und Akten gestützt, sondern hat die einschlägige, auch neuere, Literatur genutzt. Seine Literaturliste ist recht imposant. Auch in diesem Buch finden wieder viele zeitgenössische Fotos und Faksimiles.

Er beginnt mit dem Vereinigungsparteitag von USPD (Linke) und KPD (Spartakusbund) zur VKPD (4. – 7. Dezember 1920 in Berlin) und endet im wesentlichen im Jahre 1925. Es ist in vier Abschnitte gegliedert (1. Die Vorbereitung; 2. Die Entscheidung; 3. Der Aufstand; 4. Schuld und Sühne), in denen er den Weg der KPD von der März-Aktion 1921 bis zum Hamburger Aufstand verfolgt.

Paschen sieht den Hamburger Aufstand der KPD von 1923 als den »sichtbar gewordenen Teil einer im Verborgenen vorbereiteten Strategie der Kommunisten zur Eroberung der Macht in Deutschland« darstellt (S. 11). Beweisen kann er das nicht, darum setzt er hinter diesen Satz ein Fragezeichen. Nun ist es natürlich völlig unbestritten, daß die KPD sich als revolutionäre Partei verstand und natürlich auch die Macht wollte, daß die Kommunistische Internationale (KI) bis 1923, bis zum Tode Lenins, durchaus sich als ‚Generalstab der Weltrevolution‘ verstand (das änderte sich bekanntlich mit der Machtübernahme Stalins). Aber eine Analyse der Politik der KPD seit 1921 hätte Paschen zumindest erkennen lassen können, daß »der kommunistische Griff nach der Macht« ein Wunschdenken der Kommunisten war, den sie – so er je irgendeine Aussicht auf Erfolg gehabt hätte – durch eigene Inkompetenz vermurkst hatten, in der Regel unter tätiger Mithilfe der KI. In diesem Sinne ist der Hamburger KPD-Putsch von 1923 nur der Abschluß einer insgesamt inkonsequenten, wirren und reaktiven Politik gewesen, nicht jedoch die gerade eben noch mal abgebogene Errichtung des bolschewistischen Sowjet-Deutschlands. Auf die tiefgreifende Krise des Jahres 1923 (Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen, die von der Reichsregierung mit der Notenpresse ausgelöste Hyperinflation und die daraus resultierende Verelendung weiter Bevölkerungskreise) hatte die KPD monatelang keine Antwort, und als in Rußland der Machtkampf um die Nachfolge Lenins entbrannte, geriet die KPD über die russisch dominierte KI in die Mühle der Diadochenkämpfe. Das alles kann man letztlich auch bei Paschen nachlesen, aber seine fixe Idee eines brillianten Plans der Kommunisten versperrt ihm die Sicht auf die Möglichkeiten, die die Kommunisten in Deutschland 1923 (und vorher) tatsächlich hatten.

»Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt« – dieser Satz durchzieht wie ein Mantra Paschens Buch. Durch die ständige Wiederholung wird er allerdings nicht wahrer. Er stammt übrigens von Ketty Guttmann, seinerzeit Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft für die VKPD, die ihn auf einer Kundgebung während der ‚März-Aktion‘ 1921 im Hamburger Hafen gesagt hatte (S. 28). Paschen kann nicht nachweisen, daß diese (damals über zwei Jahre alte) Parole irgendeine Rolle bei der Auslösung des Hamburger Aufstandes der KPD gespielt hat (2). Aber es lenkt doch den Blick auf Paschens Arbeitsweise.

Seine Benutzung der Quellen ist grundsätzlich unkritisch, er spart sich schlicht eine Hinterfragung. Ein Beispiel: Wenn er etwa in seiner Einleitung (S. 9) die Berliner Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) vom 30.1.1925 als Beleg zitiert, der Hamburger KPD-Putsch sei der »gefährlichste von allen [Putschen], die in der deutschen Republik je unternommen worden sind«, so verschweigt er in aller Gemütsruhe, daß diese Tageszeitung seit 1920 zum Stinnes-Konzern gehörte, wegen Unterstützung des Kapp-Putsches zeitweilig verboten wurde, und deren Chefredakteur von 1922 bis November 1925 Paul Lensch war, ein ehemaliger SPD-Linker, der sich während des 1. Weltkrieges zu einem nationalen ‚Sozialisten‘ wandelte und seit 1915 protofaschistische Ideen vertrat (3). Die DAZ war das Organ des Stinnes-Konzerns und seiner Nachfolger, auch in besten Zeiten recht weit rechts von der Mitte (und spätestens seit 1922 einen gewaltigen Schritt weiter), aber keinesfalls eine Speerspitze der Republik.

Auch dieses Buch ist wieder durchgängig im Präsens geschrieben und vereinigt in sich »Stilelemente des Romans, der Reportage und der wissenschaftlichen Arbeit«, wie Ursula Büttner in ihrer Rezension von »Frieden, Freiheit, Brot« kritisierte (4). Und auch hier durchzieht derselbe süffisant-hämische Unterton sein Buch, wenn er von den kommunistischen Akteuren (oder auch nur von rebellischen Proletariern) spricht. Ihnen werden grundsätzlich unlautere, niedrige und/oder eigennützige Motive unterstellt. Nur ein – moderates – Beispiel: Die oben schon erwähnte kommunistischen Bürgerschaftsabgeordnete Ketty Guttmann (5) hat eine »schlagkräftige wie geltungssüchtige Stimme«, sie ist »die 36-jährige Witwe mit dem feschen Kostüm«, sie zieht in »ihrer Zeitschrift ‚Der Pranger‘ … mit schlüpfrigen Geschichten über die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft her« und setzt sich für die Rechte der Prostituierten ein, sie »genießt die Macht über die vielen Männer zu ihren Füßen« etc. pp. (S. 27, 28). Diese Blütenlese ließe sich endlos fortführen.

Noch eine letzte Bemerkung. Paschen wirft den republikanischen Parteien, speziell der SPD, vor, daß sie die nationalistische Gefahr (»Der Feind steht rechts!«) so bodenlos überschätzt hätten, daß sie letztlich den Kommunisten in ihrem Plan zur Übernahme der Macht permanent Vorschub geleistet hätten (S. 64f.; 72;), und andererseits durch ihren Kampf gegen die nationalistische Rechte diese groß gemacht hätte: »Wer den Teufel ständig beschwört, darf sich nicht wundern, wenn er plötzlich ans Tor pocht.« (S. 183) Paschens Beschreibung des Hitler-Putsches vom 8. und 9. November 1923 in München und die Reaktionen auf dessen Niederschlagung (S. 184 – 188) läßt da nicht viele Fragen offen.

Was bleibt also? Für historisch gebildete Menschen ein Buch, daß man mit ein wenig Gewinn und viel Bauchgrimmen gegen den Strich lesen kann. Minderjährigen und historisch nicht so Versierten sollte man es allerdings nicht in die Hand drücken. Und nötig ist es etwa wie ein Kropf. Es gibt bessere.

Persönlich nehme ich es Herrn Paschen übrigens übel, daß er mich in die Versuchung geführt hat, ausgerechnet die katastrophale Politik der KPD zu verteidigen.

 • Jonnie Schlichting

Anmerkungen

(1) »Frieden, Freiheit, Brot!« – s. die Besprechungen in der »Barrikade« Nr. 2 und 3

(2) Etwas peinlich ist, nebenbei bemerkt, daß das Zitat, in dem dieser Satz vorkommt, ohne Quellenangabe daher kommt. Nun ja, es ist letztlich eine Marginalie, das Zitat wird schon so stimmen, die Quellenangabe ist wohl einfach versehentlich unter den Tisch gefallen. Trotzdem wäre es für die Quellenkritik natürlich interessant, woher es stammt.

(3) Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, München 1970, S. 141f.

(4) s. Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd. 95/2009, S. 176

(5) Nach dem Hamburger Aufstand hat Ketty Guttmann allerdings mit der KPD gebrochen und ging zur antibolschewistischen AAUE; s. ihre Schrift Los von Moskau!, Hamburg [1924], Verlag der AAUE

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