Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Wenn man genauer hinsieht, ist es ganz anders.

Zum Buch »Gegen die Arbeit« von Michael Seidman

Wenn man genauer hinsieht, ist es ganz anders.

„Die Öffentlichkeit ist heutzutage, insbesondere der Teil, der keine manuelle Tätigkeit ausübt, weitgehend unwissend über Berufe und Arbeitsprozesse, selbst wenn sie vor ihrer Tür stattfinden. So ist die Mehrheit der Mittelklasse nicht nur wehrlos gegenüber groben Verfälschungen, sondern auch, was noch ernster ist, ganze Welten entfernt von jeder Sympathie mit dem Leben eines Betriebs.“  • William Morris

“Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert.
In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjeni„Die Öffentlichkeit ist heutzutage, insbesondere der Teil, der keine manuelle Tätigkeit ausübt, weitgehend unwissend über Berufe und Arbeitsprozesse, selbst wenn sie vor ihrer Tür stattfinden. So ist die Mehrheit der Mittelklasse nicht nur wehrlos gegenüber groben Verfälschungen, sondern auch, was noch ernster ist, ganze Welten entfernt von jeder Sympathie mit dem Leben eines Betriebs.“   • Albert Einstein

„Wenn der Mensch nicht andere ausbeutet, muss er selbst arbeiten, um zu leben. Wie primitiv und einfach seine Arbeitsmethode auch immer sein mag, allein durch die Tatsache, dass er etwas produziert, hat er sich über das Tier erhoben und man hat ihn mit Recht als das „Tier, das produziert“ definiert. Aber die Arbeit ist für den Menschen nicht nur eine unentrinnbare Notwendigkeit. Sie befreit ihn auch von der Natur und macht ihn zu einem sozialen und unabhängigen Wesen. Im Arbeitsprozess, das heißt, durch das Gestalten und Verändern der Natur außerhalb seiner selbst formt und verändert er auch sich selbst.“     • Erich Fromm

Die kleine Vorgeschichte.
Die kleine Vorgeschichte: Während des Verfassens dieses Artikels unterrichtete ich einen der Übersetzer, dass es mit den Zitaten, betreffend Santillán, ein Problem gäbe. Er erklärte sich als nicht zuständig und gab mit meinem Einverständnis die Mails an den Verlag weiter. Mir wurde dann eine Stellungnahme von  Hr. Seidman zugeleitet. In dieser stellte Hr. Seidman die meisten seiner Zitate mit den Quellen bei Santillán zusammen, stellte fest, dass er alle Zitate geprüft habe, alle Zitate korrekt und die angedeuteten Einwände falsch seien. Der Verlag war zufriedengestellt. Durch diese Hinweise waren damit immerhin alle Zitatfundstellen komplett und es kann jetzt auf alles eingegangen werden.
Viele Aussagen in dem Buch von Seidman kamen mir unplausibel, unbelastbar und an den Haaren herbeigezogen vor. Daraufhin bin ich einigen Quellenangaben, die leicht erreichbar waren, nachgegangen und beziehe mich hier auf die zwei Bücher von Diego Abad de Santillán: El anarquismo y la revolución en Espana, Escritos 1930/38 (A) und El organismo económico de la revolución (B). Beide sind im spanischen Original abgelegt unter http://www.scribd.com, so dass diese Kurzdarstellung nachgeprüft werden kann. (Ich hoffe damit keine schützenswerten Rechte zu verletzen.) Seidmans Buch erschien in englischer Sprache, zuletzt in deutscher Übersetzung (die meist genauestens, aber ohne Quellenabgleich der englischen Ausgabe folgt). Eine spanische Ausgabe, in der die Differenzen sicher aufgefallen wären, gibt es nicht. Die betreffende Passage ab S. 81 ist ein wesentlicher Teil des Buches; Teile davon sind in das Redemanuskript für die Buchvorstellungsrundreise übernommen und womöglich vorgelesen worden (abgedruckt in Graswurzelrevolution Nov. 2011).
Es ist der Vorwurf zu machen, dass Hr. Seidman praktisch durchgehend diese beiden Quellen auf durchschaubare Weise benützt, um Santillán und die spanischen Syndikalisten zu diskreditieren und ihnen „das Wort im Mund umzudrehen“. Es wird ungenau oder falsch übersetzt, aus dem Zusammenhang gerissen, durch Beiwörter verfälscht und Unzusammenpassendes montiert, bis nichts mehr stimmt und unvoreingenommene LeserInnen sich fragen, was da mit den spanischen Anarchisten passiert sein muss. Hr. Seidman legt Wert darauf, dass alles seine Quelle hat. Nicht ganz richtig, aber damit auch nicht besser, denn das Schnipselwerk zeigt die Bemühung, Quellenfragmente zu verwenden, um daraus Interpretationen und Suggestionen zu kreieren, die an Santilláns Position völlig vorbeigehen. (Wenn jemand fragen würde, warum einer sich die Mühe macht, das aufzudröseln: Sowas darf nicht durchgehen; mal damit angefangen, muß man es zu Ende bringen – und aus zunehmender Sympathie mit Diego Abad de Santillán.) Es ist schon ein gelungenes Stück, diese Schmähung des Syndikalismus in einem libertären Verlag unterzubringen. Emanzipation und Arbeit in Gegensatz zu bringen (unter Vorschiebung eines einseitig dargestellten „Arbeiterwiderstandes“) ist die andere Seite davon. Diese Haltung anzunehmen wäre eine Selbst-verabschiedung von jeder Relevanz im realen gesellschaftlichen Leben, in dem sich (fast) alles um die Arbeit dreht. Darauf kann hier aber leider aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Die Zitate kommen dann nacheinander, aber zuerst zu der Story des Buches.
Seidman nimmt die Schriften Santilláns als Beweismittel dafür, dass die spanischen Syndikalisten in den dreißiger Jahren bei ihrer verstärkten Orientierung auf Gewerkschaften und Industrie mit der Befürwortung der Anwendung der modernen Industrie auch Taylorismus, Fordismus, die Arbeitskraft auspressende Rationalisierung, Akkordarbeit, Arbeitszwang, Arbeitsverherrlichung im Pack mitübernommen hätten. Mit dem kapitalismus-gleichen Ziel, möglichst viel Leistung aus den ArbeiterInnen herauszuholen und sie letztlich als Werkzeuge ihres „Produktivismus“ zu benützen.
„Santillán wandelte sich vom eifrigen Kritiker kapitalistischer Technologie und Arbeitsorganisation zum enthusiastischen Befürworter derselben.“ (S. 81)
Diese Behauptung ist meiner Meinung nach erstmal deshalb falsch, weil sie, richtiges Zitieren vorausgesetzt, durch die Quellen nicht gestützt, sondern entkräftet wird. Sie ist es auch wegen Mißachtung der Regeln einfacher Logik. Die Industrie ist ebenso wie Handwerk, Landwirtschaft oder Wissenschaft nicht per se kapitalistisch. Die Übergänge sind fließend, sie ist eine komplexe Form und ein Produkt menschlicher Arbeit. Sie der Herrschaft der Besitzenden zu entziehen ist möglich, weil diese in ihr keine notwendige Funktion ausüben. Die kapitalistische Beherrschung der Industrie ist keine Wesenseigenheit, sondern eine Okkupation oder Enteignung derer, die die Arbeit machen. Die Zuversicht Santilláns, dass die Industrie zum Nutzen aller Menschen eingesetzt werden kann in Zustimmung zu kapitalistischen Ausbeutungsformen umzumünzen – das ist gemacht im wesentlichen mit Wortspielereien und gespeist aus Denkblockaden: Arbeit: ungewollt, Industrie: unverstanden, ArbeiterInnen-selbstverwaltung: unmöglich.
Im Grunde ist es so: Santillán hatte wie viele andere Libertäre das Ziel: Wohlstand für alle! Er nennt auch Großzügigkeit und einen gewissen Überfluß als Bedingung für eine freie Gesellschaft. Allein um das Lebensnotwenige für alle zur Verfügung stellen zu können, sieht er die Notwendigkeit, über das in Spanien vorherrschende Handwerk und die Kleinproduktion hinauszugehen und das industrielle Potential zu entwickeln. Die Industrie war die Verheißung einer Zukunft, in der das Elend besiegt und, auch nach Santillán, mit verringerter (!) Arbeitsanstrengung die Bedürfnisse aller befriedigt werden könnten. Er versucht, auf ökonomische Fragen ökonomische Antworten zu geben und die schwierige Verbindung mit dem Ziel einer libertären Gesellschaft zu finden. Die positiven wie die zerstörerischen Auswirkungen der Industrialisierung sind jetzt deutlicher zu sehen als vor 75 Jahren und die zu beantwortenden Probleme sind dramatisch angewachsen. (Meine eigene Hoffnung wäre, dass sich das Industriezeitalter als Durchgangsphase erweist hin zu einer bescheideneren und klügeren Daseinsweise der Menschen in Einklang mit der Erde.) Da die Ökonomie die „Politik“ beherrscht, sind machbare ökonomische Alternativen umso mehr ausschlaggebend. Natürlich ist es in gewissem Sinne eine undankbare Aufgabe der sich Santillán stellte. Ihr wird oft ausgewichen oder davon geträumt, dass übermorgen alle Arbeit von Maschinen verrichtet wird (und damit das Problem anstrengungslos gelöst wäre).
Das erste Zitat ist überhaupt nicht zu beanstanden: „Der moderne Industrialismus nach dem Muster von Ford ist reiner Faschismus, rechtmäßiger Despotismus. In den großen, rationalisierten Betrieben ist das Individuum nichts, die Maschine alles. Diejenigen unter uns, die die Freiheit lieben, sind nicht nur Feinde des staatlichen Faschismus, sondern auch des wirtschaftlichen Faschismus.“ (S. 81)
Dann habe es bei Santillán einen „plötzlichen Sinneswandel“ gegeben:
–   „Er bemerkte anerkennend, dass die Taylorisierung die ‚unproduktiven Bewegungen des Einzelnen’ beseitigt und seine ‚Produktivität’ gesteigert habe:
‚Es ist nicht nötig, die derzeitige technische Organisation der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören, sondern wir müssen sie nutzen.
Die Revolution wird der Fabrik als Privateigentum ein Ende bereiten. Aber wenn die Fabrik bestehen und, unserer Meinung nach verbessert werden muss, dann muss man wissen, wie sie funktioniert. Die Tatsache, dass sie gesellschaftliches Eigentum wird, ändert das Wesen der Produktion oder die Produktionsmethoden nicht. Die Verteilung der Produktion wird sich ändern und gerechter werden.’” (S. 82)
Das Vorangestellte enthält Bruchstücke eines zehn Zeilen langen Satzes, in dem Santillán den Taylorismus beschreibt und nicht befürwortet:
„Neben diesem nicht bezifferbaren Zuwachs an verfügbarer und nutzbarer Energie wurden weitere Perfektionierungsmaßnahmen durchgeführt; zum Beispiel die Taylorisierung, die unproduktive Bewegungen des Einzelnen beseitigt und seine Produktivität erhöht, wobei die menschliche Arbeitskraft in der Fabrik bis zur Erschöpfung in Anspruch genommen wird; andere Prozesse, die dem gleichen Zweck dienen, bei denen aber nicht der Mensch, sondern die Maschinen, die automatischen Anlagen, die Organisation der Produktion im Mittelpunkt stehen, sind verschiedene Perfektionierungs-maßnahmen, die als industrielle Rationalisierung bezeichnet werden. Alte Maschinen werden ausgesondert und durch neuartige Apparate ersetzt, deren Betreiben nur ein unbedeutendes Eingreifen des Arbeiters erfordert; die Produktion wird so organisiert, dass diese Fabrik sich nur auf ein bestimmtes Teil, etc. spezialisiert. Dank dieser Taylorisierung bei den Menschen und dieser Rationalisierung bei den Werkzeugen lässt sich die Produktionskapazität unter Verringerung der Zahl der beteiligten Hände in unvorstellbarem Umfang erhöhen.“ (A, S. 124, diese und nachfolgende Übersetzungen durch eine staatlich geprüfte Dolmetscherin)
Der Doppelpunkt soll eine Bestätigung durch das anschließend Zitierte vortäuschen, das aus zwei anderen Artikeln genommen ist (von A, S. 156 und 203). Warum montiert Seidman hier drei Stellen? Denkbar wäre, um dem Taylorismus-Vorwurf mehr „Fleisch“ zu spendieren, denn dieses Highlight der Santillán-“Kritik“ bestünde sonst nur aus einem falsch bewerteten Satzbruchteil; der ganze Satz wird stattdessen ja den LeserInnen vorenthalten. Und es soll wohl suggeriert werden, dass nach der Revolution der vorgefundene Taylorismus als Bestandteil der technischen Organisation (?) konsequent weiterbetrieben werden würde. Das ist aber genau nicht die Absicht Santilláns, denn wenn nicht wieder ein kleiner Teil sorgsam herausgeschnitten wäre, wäre zu lesen:
„[Der II. anarchistische Kongress vertritt die Auffassung] dass es nicht notwendig ist, die in der kapitalistischen Gesellschaft erreichte technische Organisation zu zerstören, sondern dass der Mensch sich ihrer bedienen soll, wenn er sich Schritt für Schritt aus der Sklaverei befreien möchte, ihm auferlegt durch die dringendsten Bedürfnisse. Nur, sie muss beherrscht werden. Wir empfehlen nicht die Anpassung des Menschen an die Maschine, sondern alle menschlichen Anstrengungen darauf zu richten, die Maschine an den Menschen anzupassen und dabei das Konzept der Freiheit und menschlichen Würde lebendig zu erhalten.
In der postkapitalistischen Wirtschaft stehen die Maschinen im Dienste der ganzen Gesellschaft, die die modernsten wissenschaftlichen Arbeitsmethoden zum Wohle aller anwendet.“ (A, S. 156. Diese Stelle ist von Santillán zitiert aus einer Resolution des anarchistischen Kongresses von 1932 in Rosario, Argentinien)
Später im Buch schaukelt sich das ohne jeden Beleg hoch zur Behauptung, die Gewerkschaften hätten Taylorismus oft eingesetzt: Gegen die Arbeit, S. 156 und 202. Leider wurde der Taylorismus-Vorwurf schon mehrfach abgeschrieben. Erstaunlich, wie leicht so eine schwere Anklage aufgrund einer winzigen (Fehl-)Indizie von manchen gern geglaubt wird.
–   „Wie viele andere libertäre Aktivisten betonte der CNT-Führer die Notwendigkeit, das ‚Parasitentum’ zu beseitigen und für Arbeit für alle zu sorgen. Arbeit sei in einer revolutionären Gesellschaft sowohl Recht als Pflicht, und er pflichtete dem alten Sprichwort bei ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen’:
‘Wir suchen keine Freundschaften in der Fabrik. (…) Was uns vor allem in der Fabrik interessiert, ist, dass unser Arbeitskollege seinen Job versteht und ihn ausführt, ohne dass es Schwierigkeiten gibt, etwa weil er unerfahren ist oder die Funktionsweise des Ganzen nicht kennt.
Das Heil liegt in der Arbeit und der Tag wird kommen, da die Arbeiter es wollen. Die Anarchisten, die einzige Strömung, die nicht versucht, auf Kosten anderer zu leben, kämpft für diesen Tag.’” (S. 82)
Ein Bild von freudlosen, klösterlichen Arbeitshäusern drängt sich auf … denn hier wird subtil der Bogen gespannt von Parasitentum zu Pflicht, zu keine Freundschaften und dem Heil in der Arbeit. Die zwei dem Zitat vorangestellten Sätze bringen Gedanken, die nicht nur Aktivisten eigen sind, sondern Ausgebeuteten zu allen Zeiten aus tiefstem Herzen kommen (die auch Professoren geläufig sind; Tip: im Internet nach „Jason Read“ und „parasites“ suchen).
Der mittlere Teil hat eine ganz andere, nachvollziehbare Aussage in seinem wirklichen Zusammenhang: Bei Santillán lautet diese Stelle: (A, S. 204):
“In unseren anarchistischen Kreisen herrscht anscheinend ein wenig Verwirrung über das Wesen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, des Zusammenschlusses aus Affinität und der Funktion der Wirtschaft. Die Vorstellungen einiger Kameraden sind von den Bildern glücklicher Arkadien, freier Kommunen, beeinflußt. Aber Arkadien ist Vergangenheit; in der Zukunft wird es ganz andere Bedingungen geben. In der Fabrik geht es uns nicht um die Affinität wie bei einer Ehe, einer Freundschaft oder im gesellschaftlichen Bereich. In der Fabrik sind wir vor allem daran interessiert, einen Arbeitskollegen zu haben, der sich mit seiner Arbeit auskennt und sie ausführt, ohne durch seine Unerfahrenheit oder Unfähigkeit Probleme im Gesamtablauf zu verursachen. Das Zusammenleben in der Fabrik beruht nicht auf der Affinität der Charaktere, sondern auf Arbeitsfähigkeiten, auf Berufserfahrung. Kurz gesagt hat die Affinitätsgruppe, die sich im gesellschaftlichen Leben bildet, keine spezifische Funktion im Wirtschaftsleben.
Seidman hat es hier nicht genaugenommen mit afinidad (Verwandtschaft, Anziehung …) und amistad  (Freundschaft). Was Santillán sagen will ist aber aus dem Arbeitsleben heraus gut verständlich: Er vergleicht eine freie Kommune (eher die Ausnahme) mit einem Betrieb, in dem man sich die KollegInnen nicht aussuchen kann. Es ist kein frei gewähltes Miteinander, sondern ein Zusammentreffen verschiedener Altersgruppen, Mentalitäten, Geschlechter, Lebenseinstellungen. Freundschaft ist nicht Zutrittsvoraussetzung; sie entsteht bei der gemeinsamen Arbeit und darüberhinaus oder sie entsteht manchmal auch nicht. Kennen wir doch?
Das Mißverständliche, was Seidman hier zudem reinträgt, ist, dass er Angelegenheiten innerhalb des Betriebs und der Belegschaft vermischt mit einer Gruppe, die außerhalb der Arbeitswelt steht, eben den „Parasiten“ (Blutsaugern). Denen, die nicht daran denken zu arbeiten, weil sie von Profit leben oder dem Klerus, Adel, Militär oder Herrschaftsapparat angehören. Diese Schichten waren in Spanien besonders aufgebläht, sie lasteten schwer auf denen, die gearbeitet haben und konsumierten mehr als die Produzenten. Nach Santillán übte damals nur eine Minderheit der Bevölkerung eine Tätigkeit aus, die nützliche Gebrauchswerte herstellte. (Heute nicht viel anders, aber vielleicht nicht so offensichtlich.) Dann liegt es doch nahe zu überlegen: Wenn alle Arbeitsfähigen was tun, wenn wir dazu Technik und Wissenschaft anwenden, wenn kein sinnloser Luxus mehr hergestellt wird, dann …. hätten alle reichlich und müßten nur den halben Tag arbeiten!
Mit einem Sprung sind wir durch den dritten Bestandteil in einem Artikel über die Situation unmittelbar nach dem Wahlsieg der Frente Popular im Februar 1936 gelandet:
„Für dieses Ergebnis wollte man unsere Unterstützung? Schon bald werdet ihr, Industrie- und Landarbeiter, arbeitslose Techniker, Selbstständige, Frauen und Männer, es sehen; schon bald werdet ihr sehen, dass wir euch nur die Wahrheit gesagt haben. Eure Lage wird heute die gleiche sein wie gestern und wenn sich daran etwas ändert, dann zum Schlechteren.
Das kann nicht anders sein. Die Probleme in Spanien sind Probleme, die mit Arbeit, Schweiß, fruchttragenden Anstrengungen, aber auch mit Freiheit und Gerechtigkeit gelöst werden können. Und weder Linke noch Rechte noch das Zentrum können sie lösen, da sie pflichtgemäß das Parasitentum, die Arbeitslosigkeit, die Ungerechtigkeit und die Sklaverei aufrechterhalten müssen.
Den Weg haben wir bereits aufgezeigt: er besteht im Übereinkommen der Produzenten, ein monströses System zu beseitigen, das den freien Zugang zur Arbeit nicht erlaubt und eine beispiellose Beschäftigungslosigkeit von Arbeitern, Bauern und Technikern ermöglicht, während es Boden und nutzbare Ressourcen in Fülle gibt und halb Spanien langsam an Hunger und Entbehrungen zu Grunde geht.
Die Rettung liegt in der Arbeit. Und der Tag wird kommen, an dem die Arbeiter sich nach ihr [dieser Rettung] sehnen. Für diesen Tag kämpfen wir Anarchisten als einzige gesellschaftliche Geistesströmung, die nicht versucht, auf Kosten der Anstrengungen anderer zu leben; aber das geht nicht über das Parlament, da will ich niemandem etwas vormachen.“ (A, S. 313)
Da hat die deutsche Übersetzung noch eins draufgelegt (salvatión –> salvation –> Heil). Santillán vergleicht hier die Möglichkeiten der „Rettung“ aus der zerrütteten Situation Spaniens durch politische oder ökonomische Aktion. Syndikalisten setzen nun mal keine Hoffnungen auf die Wahlurne. Und in der Ökonomie ist in ihrem Verständnis die lebendige Arbeit im Fokus, nicht die tote Arbeit in Gestalt von Produktionsmitteln oder Investitionen.
–   „Außerdem brauche Spanien eine leistungsfähige Automobilindustrie (etwa nach amerikanischen Vorbild): ‚Vor noch nicht allzu vielen Jahren war das Automobil eine Seltenheit. (…) Heutzutage ist es fast ein proletarisches Fahrzeug, das in unserer Kultur heimisch ist, und es muss für alle, absolut alle Einwohner des Landes erwerbbar werden. (…) Wir bevorzugen die Ford-Fabrik, in der es keine Spekulation mehr gibt, in der die Gesundheit der Belegschaft gewahrt ist und die Löhne steigen. Das Ergebnis ist besser als ein winziger Betrieb in Barcelona.’” (S. 89)
Dieses Zitat ist ein Mix von zwei weit auseinander liegenden Stellen in Santilláns anderer Schrift (B, S. 58 und 156). Santillán war für die Errichtung von Autofabriken. Vielleicht verständlich, wenn man daran denkt, dass ein großer Teil der Bevölkerung damals zu Fuß auf der Landstrasse von Stadt zu Stadt marschierte, mangels Geld und Beförderungsmitteln. Aber ein Anarchist, der will, dass sich möglichst alle ein Auto kaufen können, ein Beförderer des Autowahns?  Nein, denn bei Santillán steht: “Ein Automobil … muss für alle, absolut alle Einwohner des Landes, die es brauchen, in Reichweite sein.” (B, Seite 58. In der englischen Ausgabe war das noch korrekt, der Fehler entstand bei der Übersetzung ins Deutsche.)
Die beiden letzten Sätze in ihrem Zusammenhang:
“Vor allem hier wird die Notwendigkeit einer engen Beziehung zwischen allen verbundenen Kräften deutlich. Auf den ersten Blick erzeugt dieser ganze Mechanismus ein Gefühl des Misstrauens, weil man sofort das leitende Zentrum entdeckt, die Diktatur der Bürokratie. Wir leugnen nicht die Gefahr von Abweichungen in diesem Sinne, Abweichungen, wie sie in einem unzusammenhängenden, zerteilten, dem Zufall überlassenen Transportsystem ebenfalls vorkommen könnten; bei dieser Form hätte man jedoch den Vorteil der Produktivität und Effizienz. Die gleichen Nachteile des Bürokratismus, des Autoritarismus, können sowohl in einer kleinen Autofabrik in Barcelona als auch in einer Fabrik wie der von Ford in Detroit vorkommen; das praktische Ergebnis der Anstrengung ist jedoch unterschiedlich und wir bevorzugen die Ford-Fabrik, in der nach der Abschaffung der Spekulation mit einer besseren Gesundheitsversorgung des Personals und höheren Löhnen ein besseres Ergebnis erzielt wird als in dem sehr kleinen Betrieb in Barcelona.” (B, S. 156)
Im Text von Santillán dient die Ford-Fabrik als Beispiel für die effizientere Herstellung von Gütern in einem Großbetrieb im Vergleich zu verstreuten Kleinbetrieben, und er nennt mit kapitalistischen Großbetrieben verbundene Gefahren. Nicht zuletzt steht dieser Abschnitt im Kapitel über das Transportwesen; Intention ist die Vermeidung hohen Transportaufwands zwischen den Produktionsstätten und der Vorteil durch Serienproduktion.  Nachdem hier das Wort „Ford“ gefallen ist, wird es weiter hinten auf S. 201 wieder aufgegriffen: „Santillán hatte den Fordismus befürwortet …“ Ach ja, da war doch was … wird schon was dran sein …
Das waren alle drei im Text herausgehobenen längeren Zitate. Noch zu einigen indirekten Zitaten:
–   “Zudem sei der Kapitalismus unfähig, den höchsten Arbeitsertrag aus seinen Arbeitern herauszuziehen.” (S. 88) Bei Santillán steht: “In Bezug auf die menschliche Arbeit, sowohl Kopf- wie Handarbeit, nützt das jetzige ökonomische System nur 50 Prozent der Leistungskapazität.” (B, S. 52) Dann zählt Santillán Arbeitslose in verschiedenen Bereichen auf, denn es geht an dieser Stelle um Nichtbeschäftigung oder Arbeitslosigkeit!
–   „Freizeit, Faulheit und Parasitentum seien entwürdigend und müßten beseitigt werden.“ (S. 89)
Quelle, wenn es sie gibt, nicht gefunden.
–   „Der CNT-Führer beklagte, dass sich die Veranlagung, ohne Arbeit zu leben durch die gesamte spanische Geschichte gezogen habe…“ (S. 89)
Bei Santillán steht das Gegenteil: „Eine Tendenz zu leben ohne zu arbeiten – im übrigen sehr menschlich – wurde zu allen Zeiten gegen Spanien vorgebracht. Diese von oberflächlichen Beobachtern viel zu sehr betonte Tendenz hat Spanien einen besonderen Ruf verschafft. Aber diese Tendenz ist das Merkmal der privilegierten Klassen; Spaniens Arbeiter und Bauern sind äußerst arbeitssam und wir, die wir viele Länder kennen, können die These irgendeiner Unterlegenheit nicht bestätigen, etwa hinsichtlich der Fähigkeiten oder der Ausdauer in der Arbeit. Es gibt Spanier in den modernsten Fabriken der Vereinigten Staaten, in der argentinischen Pampa, in allen Klimazonen, an allen Arbeitsorten der Welt, gleich mit allen anderen. Wenn sie etwas unterscheidet, dann vielleicht ihr stärkerer Geist der Unabhängigkeit, ihre größere Neigung zu Rebellion. Deshalb wurde ihnen an verschiedenen Stellen der Zugang verwehrt, nicht wegen schlechterer Arbeit.“ (B, S. 69/70)
–   “Santillán hielt fest, dass es ‚in einem Regime organisierter Arbeit sehr schwer ist, außerhalb der  Produktion zu leben.’” (S. 96) Auch hier ein nicht unwesentlicher Satz sehr verkürzt:
„Arbeit wird ein Recht und auch eine Pflicht sein. Einige intelligente Minderheiten werden keinerlei Zwang irgendeiner Art benötigen, um das Notwendige und darüber hinaus zu arbeiten. Aber wird das bei allen so sein?
Das Wirtschaftsleben darf nicht unterbrochen werden; im Gegenteil, die Revolution soll kräftig zur Belebung desselben beitragen und es ist notwendig zu wissen, auf welchen Grundlagen wir schon jetzt aufbauen müssen, um während und nach der Revolution ohne die Genehmigung des Kapitalisten und ohne die Erlaubnis des Staates weiter zu produzieren, zu verteilen und zu konsumieren, nicht nur die Anhänger der Revolution, sondern auch die Gegner, die Nichtgewinnbaren, die Unzufriedenen.
Man befürchtet, dass in einer freien Gesellschaft die Faulenzer, diejenigen, die nicht bereit sind, produktiv zu arbeiten, leicht jeder Verpflichtung ausweichen könnten; es ist jedoch in einem System der organisierten Arbeit sehr schwierig, abseits der Produktion zu leben; ein Übermaß an Zwang und Strenge wäre mehr zu fürchten als ein Lockern der Bindungen des produktiven Zusammenhalts.
Deshalb haben wir immer gesagt, dass die kommende Revolution, der die Anarchisten ihre Begeisterung, ihren Kampfgeist, ihre Selbstlosigkeit widmen, keine Revolution sein wird, nach der Widerstand gegen den Autoritätsgeist keine Daseinsberechtigung mehr hätte; nach der Zerschlagung des Kapitalismus wartet eine lange und reiche libertäre Arbeit auf uns, da sich die jahrhundertelange Erziehung durch und für die Obrigkeit nicht mit einem einzigen wuchtigen Schlag auslöschen läßt.“ (B, S. 93/94)
Eine grobe Fälschung der Meinung anderer Syndikalisten und Anarchisten findet sich ebenfalls auf Seite 96. Seidman: „Vor die Wahl gestellt zwischen Arbeiterbeteiligung an der Produktion und Leistungsfähigkeit der Produktion deuteten einige Libertäre ihre Antwort an: ‚Der libertäre Sozialismus hat nie das Recht bestritten, sich denen zu widersetzen, die das kollektive Leben beeinträchtigen können.’ Anarchosyndikalisten wären berechtigt, ein Individuum zu bestrafen, ‚das sich aus Böswilligkeit oder einem anderen Grund der zuvor vereinbarten Disziplin nicht beugen will.’”
Die Quelle: Gaston Leval, Conceptos económicos en el socialismo libertario (Buenos Aires, 1935). Internetquelle für die Recherche: https://we.riseup.net/jessecohn/experimental-translation-wiki. Dort steht es so:
„Der libertäre Sozialismus hat nie das Recht bestritten, sich denen zu widersetzen, die das kollektive Leben beeinträchtigen können. Einfach gesagt lehnt er es ab, den Normen zu folgen, die von allen strafenden Schulen der Autoritären und des Kapitalismus vorgegeben werden.
Zum Umgang mit den Faulpelzen meint Kropotkin, indem er die Frage auf das Wesentliche reduziert: wenn sie der Gesellschaft nicht wirklich Schaden zufügen, muss man sie aushalten und durch moralischen Druck versuchen, sie dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Aber im gebotenen Fall gibt es auch radikalere Mittel: ‚Nehmen wir eine Gruppe Freiwilliger an, die sich zu einer Unternehmung vereinigt haben und für ihr Gelingen zusammen arbeiten. Ein Genosse bildet eine Ausnahme und fehlt häufig auf seinem Posten. Sollte man nun seinetwegen die freie Gruppierung aufgeben, einen Präsidenten wählen, welchem das Recht zustände, Strafen zu verhängen, oder, wie es in der Akademie der Brauch ist, Besuchsmarken zu verteilen? Es ist augenscheinlich, dass man weder das eine noch das andere tun wird, sondern dass man eines Tages zu dem Kameraden, der die Unternehmung zu gefährden droht, sagen wird: Mein Freund, wir würden gerne mit dir zusammenarbeiten; aber wenn du so häufig an deinem Posten fehlst, oder deine Arbeit nachlässig verrichtest, so müssen wir uns trennen. Geh du und suche dir andere Kameraden, die sich deine Lässigkeit gefallen lassen.’*
Diese Auffassung steht nicht allein. Jean Grave erklärte kategorisch: ‚So wie sich jedes Individuum den Willkürakten einer Gruppe entziehen kann, kann die Gruppe ihre Zusammenarbeit mit einem Individuum aufkündigen, das aus Böswilligkeit oder einem anderen Motiv sich in dem Zusammenspiel der aufgeteilten Arbeit nicht der vorher vereinbarten Disziplin beugen will.’”
[* aus Kropotkin, Die Eroberung des Brotes]

Kann man sich so vertun, dass der Kern der Aussage ins Gegenteil verkehrt wird?
Mehr habe ich nicht nachgeforscht, möchte aber vermuten: es zieht sich durch. Die Quellenmanipulationen und die Thesen Seidmans stehen für mich in einem engen Wechselverhältnis: das eine bedingt das andere. Hier wird gutgläubigen LeserInnen schon mit dem Ausgangsmaterial die verdrehte Auslegung in den Mund gelöffelt! Offen bleibt, wie Seidman mit anderen, insbesondere den weniger leicht zugänglichen Quellen umgesprungen ist.
Wenn diese Recherche überprüft ist, liegt es noch am Verlag. Dieses Buch sollte in Zukunft ehrlicherweise nur noch mit einem Aufkleber ausgeliefert werden: “Vorsicht! Für richtige Quellenwiedergabe stehen wir nicht gerade. Kann nicht als Sekundärquelle verwendet werden!”

HH
März 2012 (Sämtliche Auslassungen durch Seidman; Unterstreichungen dienen nur der Hervorhebung)
zur Veröffentlichung in der barrikade # 7 – April/Mai 2012

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