Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

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Zur Erinnerung | Osterunruhen in Hamburg 1919 – 1921

Osterunruhen in Hamburg 1919 – 1921

Während in München die Räterepublik durch Militär im April 1919 niedergeschlagen wurde … passierte wie überall in der neuen Weimarer Republik auch in Hamburg – Altona, Groß-Hamburg, ein mehrjähriges Nachspiel zur unvollendeten und verratenen November-Revolution 1918/19.

Wir haben es nicht nötig, auf linksradikale oder anarchistische Berichterstattungen zurückzugreifen, wir lassen einfach die (angeblich) liberale Presse sprechen. All diese Berichte widerlegen unserer Ansicht nach die bürgerlich-sozialdemokratischen Behauptungen, dass es sich hierbei nur um lokale Angelegenheiten und vor allem unorganisierte Unruhen gehandelt habe. Mag sein, dass es sich 1919 um keinen geplanten Putsch gehandelt hat, zu Ostern 1921 und im Oktober 1923 waren es eindeutig kommunistisch organisierte Umsturzversuche der KPD. Auch 1919 handelten organisierte Gruppen – wie sonst kommen Tausende zusammen, um gegen Hunger und Elend zu protestieren und bewaffnet zu kämpfen?

Titelseite der ersten Ausgabe des Alarm, März 1919

Wir verweisen hierbei nur auf die Tageszeitung der (Mehrheits-)  Sozialdemokratischen Partei, dem Hamburger Echo, das von der „Wühlarbeit der Freien Sozialisten“ sprach. Die Freien Sozialisten und Anarchisten waren eine gegenüber traditionellen Organisationsmodellen feindlich eingestellte Gruppierung in Hamburg, die sich um den anarchistischen Tischlergesellen Carl Langer formiert hatte – und die seit Anfang März 1919 als wöchentliches Kampfblatt den Alarm herausgab. Die Gruppierung hatte in der Marienstraße in der Neustadt in direkter Nähe zum Heiligengeistfeld und St. Pauli ihren Versammlungskeller und hier erschien auch die Zeitung.

Nach oder bei der Lektüre der damaligen hetzerischen Presseberichte kann sich jede/r selbst ein Bild von den damaligen Unruhen in der Großstadt Hamburg machen. Wie immer – die Herrschenden liessen auch hier mit Maschinengewehren auf aufbegehrende Arbeiter und Erwerbslose schießen. Zu den damaligen Lohn- und Arbeitsbedingungen finden sich im Anhang einige Beispiele.                                                                                                                        Isegrim

Die Davidswache an der Reeperbahn nach dem Sturmversuch zu Ostern 1919       (Foto: 25.4.1919)

Teil I

Die Osterunruhen im April 1919

*

Zu den gestrigen Plünderungen
erfahren wir noch folgendes: Nachdem die Bande auf der Esplanade geplündert hatte, zog sie nach der Schönen Aussicht, Klopstockstraße und Alsterufer. Hier drang der Mob in verschiedene Villen ein und erpreßte Schmucksachen und Eßwaren oder plünderte. Inzwischen waren Sicherheitswachleute herbeigekommen, deren Aufforderung, auseinander zu gehen, nicht befolgt wurde. Die Sicherheitsleute machten von ihren Waffen Gebrauch. Dabei wurde ein 19 Jahre alter Plünderer von einer Kugel niedergestreckt. Er wurde schwer verletzt dem Krankenhaus übergeben. Sein Zustand ist so bedenklich, daß er noch nicht vernommen werden konnte. Als die Menge sah, daß Ernst gemacht wurde, entfloh sie. Inzwischen war der Hauptbahnhof für den Durchgangsverkehr gesperrt worden, doch ließen die Plünderer das Bahnhofsgebäude unbesucht. Die Polizei verhaftete 6 Personen,
die beim Plündern betroffen wurden; es handelt sich nur um Burschen im Alter von 17—19 Jahren.

Da für heute nachmittag 3 ½  Uhr wieder eine Zusammenkunft der Arbeitslosen angesagt ist, hat die Sicherheitsmannschaft umfangreiche Maßregeln getroffen, um Vorkommnisse wie die gestrigen im Keime zu ersticken. Die gesamte Sicherheitsmannschaft befindet sich im Alarm, starke Patrouillen durchziehen die Straßen und die Zugänge des Rathausmarktes werden in der Weise abgesperrt,
daß die an der Demonstralion teilnehmenden Personen beim Verlassen des Rathausmarktes sich nur in der Richtung fortbegeben können, in der sich ihre
Wohnung befindet. Außerdem ist die Sicherheitsmannschaft durch die Bahrenfelder Volkswehr verstärkt worden.

• Hamburger Anzeiger, 16. April 1919

*

Altona

Zu wüsten Ausschreitungen ist es hier vergangene Nacht gekommen. Ein Trupp Arbeitslose, dem sich Plünderungslustige beiderlei Geschlechts angeschlossen hatten, kam gegen elf Uhr nachts von St. Pauli und nahm seinen Weg über die Königstraße nach der Flottbeker Chaussee, wo die Villen Str. 54 und 56 als Opfer ausersehen waren. Der Pöbel zerschlug die Fenster und hauste dann in bekannter Manier. Es wurden nicht nur Lebensmittel, sondern auch Wertgegenstände geraubt. Den Sicherheitsmannschaften, die sehr schnell zur Stelle waren, gelang es, die Menge durch einige Schreckschüsse zu zerstreuen und drei Personen, zwei Frauen und einen Mann, zu verhaften. Vor diesem Streifzug hatte der Pöbel in St. Pauli die Autos angehalten und vergeblich nach Lebensmitteln durchsucht. Ferner wurde in der Adolfstraße das Schaufenster eines Juwelengeschäfts geplündert. Hier kommen als Täter Feldgraue und Angehörige der Marine in Frage.

• Hamburger Anzeiger, 17. April 1919

*

Kampf mit Plünderern.

Ein ernster Zusammenstoß mit Plünderern entstand heute nacht in der Gegend des Nobistors. Um 11 ½ Uhr wurde die Sicherheitsmannschaft alarmiert, da gemeldet worden war, daß in St. Pauli Zusammenrottungen von größeren Menschenmengen erfolgten. Bald darauf wurde mitgeteilt, daß eine größere Bande von Plünderern planmäßig vorgehe und sich gegen die Altonaer Grenze hin in Bewegung setze. Sofort rückten die Sicherheitsmannschaften aus. Im Eilschritt gingen sie bis zum Nobistor vor. In der Höhe der Talstraße und der Silbersackstraße erhielten sie vom Nobistor aus Feuer. Die Plünderer hatten sich in den Häusern verschanzt und aus Hauseingängen und den Fenstern das Feuer auf die anrückende Sicherheitsmannschaft eröffnet. Dabei erlitt einer der Sicherheitswachleute schwere, mehrere andere leichte Verletzungen. Inzwischen waren die zu Festungen umgewandelten Häuser erreicht worden. Mit dem Kolben wurde gegen die Verteidiger vorgegangen, wobei verschiedene der Plünderer verletzt wurden. Diese schossen aber aus anderen Häusern weiter auf die Sicherheitsleute, so daß auch diese wieder von ihren Gewehren Gebrauch machten. Es entspann sich nun ein lebhaftes Feuergefecht. Namentlich aus der Concordia, die von den Plünderern stark besetzt war, wurde heftig geschossen. Es wurde zum Sturm auf das Gebäude angesetzt. Nach kurzer Zeit drangen die Sicherheitstruppen ein. Die Plünderer setzten sich verzweifelt zut Wehr und versuchten, die Eindringenden aus dem Hause zu werfen, was ihnen aber nicht gelang. Die Sicherheitsleute drangen mit den Kolben auf die Banditen ein, dadurch entstand ein schwerer Kampf innerhalb des Hauses und seiner nächsten Umgebung. Hierbei wurden zwei der Plünderer getötet und sechs schwer verwundet. Von den Verwundeten ist einer nachträglich im Krankenhaus gestorben, außerdem wurden bei dem Kampf vorher noch sieben Personen verletzt. Während des Kampfes wurde eine große Zahl Verhaftungen vorgenommen.

Daß man es nur mit Plünderern zu tun hat, geht daraus hervor, daß sowohl alle Verhafteten, wie die Verwundeten, außer Waffen auch im Besitz von zahlreichem Einbruchsmaterial befunden wurden. Ein politischer Charakter kann den Ereignissen  demnach nicht beigemessen werden. Erst gegen 2 Uhr nachts war der Kampf beendet und die Ruhe wiederhergestellt.

Da man für heute nacht eine abermalige Wiederholung der Vorgänge befürchtet, so werden die Wachen verstärkt und die Sicherheitsmannschaften auch mit Handgranaten ausgerüstet werden. Die Leiter der Sicherheitsmannschaften sind fest entschlossen, mit den Plünderern tabula rasa zu machen, ein Entschluß, der im Interesse der Allgemeinheit nur auf das wärmste zu begrüßen ist.

Aus Altona meldet dazu noch unser p-Mitarbeiter, daß die dortige verstärkte Wache 2 den Uebertritt von Plünderern auf Altonaer Gebiet verhindert habe. Drei verletzte Radaubrüder wurden dort verbunden.

Der Hauptbahnhof, auf dem ein Ueberfall befürchtet wurde, war gestern abend stark besetzt worden, doch blieb dort alles ruhig.

• Neue Hamburger Zeitung, 19. April 1919

Altona.

p. Blutige Zusammenstöße am Nobistor. In der Nacht zum Sonnabend bildete sich am Nobistor eine große Menschenansammlung, die den Versuch machte, nach Altona hinein zu gelangen. Die Polizei hatte aber rechtzeitig die Wache 2 soweit verstärkt, daß die Zugangsstraßen in der Nähe des Nobistors wirksam abgesperrt werden konnten. Der Hamburger Sicherheitswehr gelang es, den Haufen zu Dabei gab es auf seiten der Radaulustigen mehrere Opfer; allein auf Wache 2 erhielten drei Verletzte einen Notverband.

• Hamburger Anzeiger, 19. April 1919

*

Gegen die Räuber-Rotten.

Es ist tief bedauerlich, daß gerade in der Stillen Woche, am Karfreitag, unsaubere Elemente der Grobstadt sich wieder zusammengerottet haben, um systematisch, mit Waffen wohlausgerüstet, auf Plünderungen und Raub auszugehen. Nach den blutigen Zusammenstößen zwischen dem Mob und den Sicherheitsmannschaften in der Nacht von Freitag auf Sonnabend war von vornherein damit zu rechnen, daß die Tumulte und Räubereiversuche gestern eine Fortsetzung finden würden. Und die Sicherheitsmannschaften hatten denn auch ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Leider noch immer nicht in ausreichendem Maße, wie die unten geschilderten Tatsachen deutlich beweisen. Immerhin hat sich in der Leitung unseres Sicherheitsdienstes und  auch unter den Sicherheitsmannschaften selbst die Ueberzeugung befestigt, die von allen Freunden der Ordnung in allen Schichten unserer Bevölkerung geteilt wird, daß nur mit ganz festem Zupacken und Durchgreifen jene Elemente im Zaum gehalten werden können, die jetzt wieder von ihren dunkelsten Instinkten fortgerissen sind.

* * *

Die Unsicherheit in Hamburg hat die Kommandantur Groß-Hamburg zu folgender Anordnung veranlaßt:

„Volkswehrtruppen, Sicherheits- und Polizeimannschaften haben ausdrücklichen Befehl erhalten, gegen Einbrecher- und Plünderer-Banden in und außerhalb GroßHamburgs rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen. Es wird daher dringend davor gewarnt, sich bei Aufläufen als Zuschauer zu beteiligen, da es unvermeidlich ist, daß auch Unbeteiligte beim Einschreiten des Militärs in Mitleidenschaft gezogen werden. Gegenüber jeder Widersetzlichkeit wird ohne jede Schonung vorgegangen und die Waffe angewendet werden. Die Folgen hat sich jeder selbst zuzuschreiben.“

Am Sonnabend nachmittag wurden die Räubereien der vorhergehenden Nacht fortgesetzt. Wie bereits im größten Teil unserer gestrigen Abendausgabe berichtet, wurden am hellen Tage auf offener Straße die Wachführer der Sicherheitstruppen, die von der Kasse der Sicherheitsmannschaften in Altona, Palmaille, Geld geholt hatten, um die Löhnungen auszuzahlen, überfallen und ihrer Barschaft, sowie der Waffen beraubt. In jedem Falle erbeuteten die Täter mehrere tausend Mark. Als die ersten vier Ueberfälle, die sich kurz hintereinander ereigneten, im Stadthaus bekannt wurden, rückten sofort Sicherheitsleute aus, um weitere Räubereien zu verhindern. Später wurden die abzusendenden Löhnungen mit starker Bedeckung an die einzelnen Empfangsorte gesandt. Die Auszahlungen der Löhnungen erfolgten wegen des Osterfestes nur dieses eine Mal in Altona, Palmaille. In Zukunft wird das Geld nach wie vor bei der Hauptkasse in Hamburg ausgezahlt werden.

In St. Pauli
nahmen die Ruhestörungen ihren Fortgang. In der Nähe der Altonaer Grenze am Nobistor wurde eine Ladenscheibe zertrümmert und das Schaufenster, in dem Bijouterie- und Galanteriewaren lagen, ausgeraubt. Der Mob terrorisierte die Straße. Alle Passanten, Männer und Frauen, Alt und Jung, wurden angehalten, ins Gesicht geschlagen und auf Waffen durchsucht. Dabei nahm der Pöbel den Leuten die Uhren, das Geld und sämtliche Wertsachen weg. Es hatten sich verschiedene Banden gebildet, die in dieser Weise vorgingen. Alle Automobile, die des Weges kamen, wurden angehalten und auf Waffen durchsucht. Als die Autos der Sicherheitsmannschaften ankamen, wurden auch diese umringt, die Mannschaften heruntergeholt und ihnen die Waffen abgenommen. Ebenso erging es den Patrouillen der Sicherheitswachen. Vom Sicherheitsdienst des Stadthauses aus wurden sofort alle in der Umgegend liegenden Wachen verstärkt und
Großalarm gegeben.

Dann rückten mit Maschinengewehren besetzte Automobile nach der Reeperbahn ab. Hier zählte die Menge bereits nach Tausenden. Die Reeperbahn und alle Nebenstraßen, die in diese führen, wurden abgesperrt, so daß der St. Pauli-Hauptstraßenzug nicht mehr betreten werden konnte. Der gesamte Verkehr mußte sich durch die Hinterstraßen bewegen. Bei Ankunft der Sicherheitsmannschaften sollten die Straßen gesäubert werden. Dabei zog einer aus der Menge einen Revolver und legte auf einen Sicherheitsmann an. Dieser kam ihm aber zuvor und schoß ihn ins Bein. Der Mann würde ins israelitische Krankenhaus  geschafft. An der Ecke der Talstraße staute sich die Menge. Als ein Sicherheitsauto erschien, drang der Mob auf dieses ein und wollte die Besatzung herunterreißen. Dabei wurden aus der Menge heraus Schüsse abgegeben. Nun feuerten die Sicherheitssleute ihrerseits Schreckschüsse ab. Das war das Zeichen zu einem lebhaften Feuergefecht, wobei die Sicherheitsleute verständigerweise meistens in die Luft schossen, denn sie wußten, daß unter den Andrängenden sich zahlreiche Neugierige befanden. Trotzdem wurden noch zwei weitere Personen verletzt, ein Mann aus Winterhude, der als Zuschauer an einer Ecke stand und der einen Streifschuß am Arm erlitt, sowie ein anderer Mann, der durch einen Bauchschuß schwer verwundet wurde. Er wurde ins Hafenkrankenhaus gebracht. Bei dem Tumult wurden verschiedene Rädelsführer ergriffen und verhaftet. Einer von ihnen hatte eine  Anzahl Uhren bei sich, die aus einem in Altona geplünderten Uhrenladen stammen.

Im Laufe des Abends verbreitete sich das Gerücht, die Bahrenfelder Kaserne sei gestürmt worden. Auf Anfrage bei der Kommandantur Groß-Hamburg wurde von dort geantwortet, daß es sich nur um ein Gerücht handle. Später rotteten sich auf dem Heiligengeistfelde wieder etwa 1000 Personen, zusammen, die anfänglich beschlossen, die Lebensmittelläger im Freihafen zu stürmen. Die Menge, die sich auf dem Marsche verdreifachte, zog nach der Markusstraße und versuchte hier die Schule, in der sich ein Lebensmittellager befindet, zu stürmen. Hier kam es kurz nach 10 Uhr zu einem Feuergefecht, die andrängenden Massen wurden aber durch Maschinengewehrfeuer und Handgranaten zurückgetrieben. Vorher wurde die

Wache 14 in der Eimsbüttelerstraße gestürmt.

Die dort befindlichen Gewehre wurden geraubt. Dann zog die Menge wieder nach St. Pauli und versuchte die Wache 13 in der Davidstraße zu stürmen, wurde hier aber ebenso wie an der Wache 10 in der Peterstraße abgewiesen. Da inzwischen alle verfügbaren Sicherheitsmannschaften nach dem Freihafen dirigiert worden waren, so gelang es den Plünderern nicht, dorthin zu gelangen. Als ihre Vorposten und Kundschafter die starke Besetzung sahen, machte die Menge kehrt und ergoß sich wieder in das Innere der Stadt. Hier währten, namentlich in der Neustadt, die Schießereien bis in die späte Nacht hinein. Sämtliche Bewohner der Markusstraße hatten die Weisung erhalten, wegen des Maschinengewehrfeuers sich in die hinteren Räume zurückzuziehen und auch während der Nacht nicht in den Vorderzimmern zu schlafen.

* * *

Kommunistische Flugblätter,

in denen die Arbeiterschaft zum Streik aufgefordert wird, wurden gestern abend in Hamburg verteilt. Nach Aufzählung der bekannten Forderungen (deutsche Räterepublik usw.) wird die Arbeiderschaft zu einem „einheitlichen, gewaltigen Willensentschluß, zu einer letzten großen mächtigen Tat“ aufgerufen. Die Organisation von Bezirksstreiks soll die neue Umwälzung vorbereiten. Bei dem gesunden Sinn der Hamburger Arbeiter werden die Hetzereien der Gewaltapostel weiter vergeblich bleiben.

• Neue Hamburger Zeitung, 20. April 1919

*

Ostermontag, den 21. April 1919, erschienen keine Tageszeitungen in Hamburg.

 *

 Viel Unsicherheit in Hamburg.

So kann es nicht weiter gehen!

Auch während der Ostertage hat der Mob in Groß-Hamburg weiter gewütet. Wenn jetzt nicht sofort scharf durchgreifende Maßnahmen getroffen werden, so besteht die Gefahr, daß wir es mit einem Schrecken ohne Ende, mit einer völligen Unterwühlung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in Groß-Hamburg zu tun haben werden. Wiederum hat es während der Ostertage Tote und Verwundete gegeben, am hellen Tage sind Passanten auf St. Pauli ausgeplündert worden, Läden sind zerstört und ausgeraubt, Gefangene sind befreit, Polizeiwachen sind gestürmt, und regelrechte  Feuergefechte haben sich entsponnen. Diese Zustände sind ein schreiender Hohn auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung.

Wir wissen sehr wohl zu würdigen, daß sich die Polizei und die Sicherheitsmannschaften m einer schwierigen Lage befinden: Sie stehen vielfach Menschenmassen gegenüber, in denen die räuberischen Elemente eng vermengt sind mit Neugierigen, Frauen und Kindern. Eine geradezu krankhafte Neugier und Sensationslust veranlaßt ungezählte Scharen, die von Haus aus gar nicht von verbrecherischen Instinkten beseelt sind, sich nach den Gegenden zu begeben, wo all die wilden Szenen sich abspielen. Alle Warnungen, die bereits veröffentlicht worden sind, fruchten nicht gegenüber dieser krankhaften Sensationslust, dieser kindischen und unreifen Neugier. Dadurch wird das Vorgehen der Polizei und Sicherheitsmannschaften ungemein erschwert. Man kann es verstehen, daß diese Bedenken tragen, von der Waffe den Gebrauch zu machen, der gegenüber dem Verbrechergesindel durchaus am Platze ist. Aber es hilft nicht: Jedes Zaudern gegenüber den verbrecherischen Elementen vormehrt nur die Gefahr und lockert noch weiter die Bande der Ordnung. Hier muß fest durchgegriffen werden.

Es dürfen nicht Hunderttausende ehrbare Mitbürger und Mitbürgerinnen in Angst und Sorge um die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigentums leben, nur weil es ein paar Hunderten Rohlingen gefällt, ihre dunklen Instinkte auszuleben. Wir fordern  deshalb, daß mit rücksichtsloser Energie hier Ordnung geschafft wird!           H.

* * *

Nachklänge der Unruhen.
Das Ziel einer großen Schar Neugieriger bildet die Markusstraße, da dort nächst St. Pauli der Hauptkampf tobte. Namentlich die Häuser Nr. 23, 25 und 27 haben schwer gelitten. Als die Menge gegen die Schule anrückte, warfen die Sicherheitsmannschaften zur Verteidigung und zur Abwehr zwei Handgranaten, die sofort explodierten und eine gewaltige Wirkung hatten, vom Keller bis zum Dachgeschoß blieb in den drei Häusern keine Fensterscheibe heil. Nach Angabe des  Sicherheitsdienstes ist aber — fast wie durch ein Wunder — kein Hausbewohner verletzt worden. Auch das Maschinengewehrfeuer hat zahlreiche Spuren hinterlassen. Ladenfenster, Wohnungsfenster, Firmenschilder und andere Aushänge sind zertrümmert worden, das Mauerwerk weist zahlreiche Kugelspuren auf,
desgleichen die Fenster- und die Türrahmen. In einen Milchladen hinein wurden allein 16 Schuß abgegeben, da man der Meinung war, daß sich dort Spartakisten verschanzt hätten.

Ein Artist Paul Krug aus Berlin nahm in der Nacht zum Ostermontag von Barmbeck ein Auto, um nach Altona zu fahren. Am Millerntordamm wurde das Auto von etwa 200 bewaffneten Leuten angehalten und Krug, der sich in Begleitung seiner Braut befand, durch Vorhalten eines Revolvers gezwungen, seine Brieftasche mit 1600 Mk. und seine Granatnadel herzugeben.

Am Holstenplatz wurde gestern nachmittag ein Wachtmeister von fünf uniformierten Leuten, von denen einer das Eiserne Kreuz l. Klasse trug, umringt und seiner Waffen beraubt. In der letzten Nacht wurde in der Talstraße eine aus 30 Mann bestehende Patrouille von einer großen bewaffneten Bande umzingelt und entwaffnet. Später traf große Verstärkung ein, und es begann ein regelrechtes Kesseltreiben gegen die Plünderer, 31 Personen wurden aus den verschiedensten Schlupfwinkeln herausgezogen und verhaftet. Sie alle hatten außer Waffen auch Einbruchswerkzeuge im Besitz.

Da immer noch mit einem Sturm auf das Stadthaus gerechnet werden muß, so ist dieses noch weiter verstärkt worden. Eine starke Sicherheitsmannschaft ist im Stadthaus zusammengezogen, überall sind Maschinengewehre aufgestellt, so daß ein Besuch dieses Staatsgebäudes den Stürmenden recht übel bekommen würde.

Am St. Pauli Fischmarkt unter Brücke 6 wurde am ersten Feiertag von spielenden Kindern ein Waffenlager mit 40 Gewehren, zirka 2000 Patronen und einer Anzahl
Handgranaten entdeckt. Die Kinder benachrichtigten die Sicherheitsmannschaften, die in aller Stille das Lager ausräumten und sich dann mit Eintritt der Dunkelheit an Ort und Stelle wieder einfanden, um die verbrecherischen Elemente festzunehmen. Es gelang ihnen, 7 Halbstarke zu verhaften.

• Neue Hamburger Zeitung, 22. April 1919

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Ein häßliches Osterfest.

Wunderliche Ostern liegen hinter uns. Eine Art mittelalterlicher Ostern, als man noch keine Straßenbahn kannte und das Raubrittertum in hoher Blüte stand. Nur daß man früher Gefahr lief, wenn man sich zu weit von den Stadttoren entfernte; heute dagegen mitten in den Stadtstraßen selber am gefährdetsten war. Unser ehemals so wohlgeordnetes Gemeinwesen, das jedem Einwohner Schutz und Sicherheit verbürgte, hat alle Ursache, den Kopf zu senken: das Straßenräuber – Unwesen triumphiert, der harmlose Spaziergänger wird seiner Barschaft und Uhr am hellichten Tage beraubt, der Giftmischer und Raubmörder darf sich der tatkräftigen Hilfe guter Freunde erfreuen und den letzten Respekt vor Gefängnisgitter und „Grünem August“ fahren lassen, in den lichtlosen Nächten toben die Straßenschlachten um Polizeiwachen und Lebensmittellager. Es ist eine Lust, in Groß-Hamburg zu leben!

Die Empörung über diese Zustände ist naturgemäß allgemein, und wo man hinhört, begegnet man derben Ausdrücken des Unwillens über die glimpfliche Behandlung des Raubgesindels, das mit irgendwelchen politischen Anschauungen und Absichten nicht das mindeste zu tun hat. In der Tat muß man sich wundern, daß die Sicherheitswehr in Hamburg, die doch immerhin über 8000 Mann verfügt, der Unruhestifter nicht gründlicher Herr wird, als aus den hier vorliegenden Berichten hervorgeht. Wenn bei den Schießereien kaum mehr Banditen als Sicherheitsmannschaften verwundet, ja getötet werden; wenn es schon als mannhafter Erfolg gilt, daß vielfache Anstürme des Pöbelhaufens auf diese oder jene Wache abgeschlagen wurden; wenn das Gesindel in großen Haufen vor immer neuen Wachen die Versuche der Ueberrumpelung wiederholen und dort überraschend erscheinen kann — so muß hier ein Mangel an festem Entschluß oder ein Organisationsmangel vorliegen, der zweifellos der Besserung bedarf.

Da die Sicherheitswehr erst ganz neuerdings eine Umwandlung erfahren hat, so mag die neue Organisation noch nicht genügend haben wirken können; denn
an dem energischen Willen, gegen Straßenräuber mit gehöriger Rücksichtslosigkeit vorzugehen — in einem Aufruf der Kommandantur ist diese Rücksichtslosigkeit gegen Einbrecher- und Plünderer-Banden noch unmittelbar vor Ostern versprochen worden — möchten wir doch nicht zweifeln. Nachdem sich die Unruhen mehrere Tage und Nächte wiederholt hatten, hat sich ja denn auch eine bessere Borsorge in der Unterdrückung neuentstehender Zusammenrottungen gezeigt. Es wäre wünschenswert und im Sinne aller Mitbürger, wenn der Kampf gegen das gar nicht mehr lichtscheue Gesindel bald stärkere Erfolge zeitigte als bisher.          H.

* * *

Die Nacht zum ersten Osterfeiertag verlief namentlich für St. Pauli recht unruhig. Der Mob hatte es, wie so oft bei Aufruhrgelegenheiten, hauptsächlich auf die Wache 13 an der Davidstraße abgesehen. Viele Male stürmten Banden gegen das Gebäude an, immer wurden sie aber wieder zurückgeworfen. Als man in der Nacht gegen die Wache vorging, verlangte man sofortige Herausgabe aller Waffen. Dies wurde natürlich ablehnt. Das war das Zeichen, zum allgemeinen Angriff. Der Sturm begann mit dem Werfen einer Handgranate, die sich im Zimmer des Oberwachtmeisters entlud, ohne aber glücklicherweise irgend jemand zu verletzen; vier Schutzleute, die durch den Luftdruck zu Boden geschleudert wurden, erhoben sich sehr bald wieder. In kurzer Aufeinanderfolge wurde nun aus den gegenüberliegenden Häusern, die die Spartakisten besetzt hatten mit Gewehren geschossen und mit Handgranaten geworden. Das Feuer wurde von der Wache heraus kräftig erwidert, dadurch wurden in den Häusern, namentlich im Hotel Stein zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert und auch sonstiger Schaden an den Gebäuden angerichtet. Eine Kugel, die aus der Richtung Friedrichstraße kam, tötete den Oberwachtmeister Möhring, einen ledigen, 35 Jahre alten Beamten, der sich schon über zehn Jahre im Polizeidienst befindet. Die Kugel drang ihm in den Leib und trat zum Rücken wieder heraus. Möhring brach zusammen und war auf der Stelle tot. Dreimal wiederholte sich der Sturm auf die Wache, stets mit demselben negativen Erfolg. Erst am Sonntagmorgen um 5 Uhr konnten die Verstärkungen zurückgezogen werden. Auf seiten der Polizei und Sicherheitsmannschaften sind außer Möhring keine Todesfälle vorgekommen, auch wurde niemand schwer verletzt, nur eine Anzahl Leichtverletzter konnte an Ort und Stelle verbunden und dann nach Haus entblassen werden. Auch von dem stürmenden Mob ist eine Person, die noch nicht anerkannt ist, getötet worden, außerdem wurde eine Anzahl schwer vorletzter Personen in die Krankenhäuser gebracht. Zahlreiche Leichtverletzte wurden von den Spießgesellen fortgeschafft, ihre Zahl war nicht festzustellen. In der Polizeiwache 10 erschienen
50 bewaffnete Spartakisten und velangten sämtliche Waffen und Uebergabe der Wache. Als dies Ansinnen abgelehnt wurde, hielt man den Polizisten und Sicherheitsmannschaften die Gewehre auf die Brust, andere Plünderer erbrachen alle Behälter, die sie durchsuchten und ausplünderten. Dann zog die Bande zum Hüttengefängnis, um hier in derselben Weise zu verfahren. Zuerst setzte man alle Verbrecher, etwa 30 Männer und Frauen, in Freiheit, darunter mehrere Schwerverbrecher unter denen sich auch die Frau befand, die im Dezember in Breslau die Witwe Püschel durch Gift getötet hat. Als Verstärkung nahte, zog sich der Mob zurück. Auch bei dem Sturm auf das Hüttengefängnis wurden viele Kugeln gewechselt, von denen zahlreiche in den Wänden und den Möbeln stecken geblieben sind. Dann wiederholte sich der Sturm auf die Schule in der Marcusstraße, in dem sich das Lebensmittellager der Sicherheitstruppen befindet. Wieder entwickelte sich ein heftiges Feuergefecht mit Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten. Mehrfache Stürme wurden stets erfolgreich abgewiesen, sodaß die Spartstisten schließlich abziehen mußten. Auch hier haben sie ihre Verwundeten mitgeschleppt, sodaß ihre Zahl nicht festzustellen ist. Daß von den Bewohnern der Marcusstraße niemand verletzt ist, muß den getroffenen Sicherheitsmaßregeln zugeschrieben werden, nach denen sich kein Bewohner in den Vorderzimmern aufhalten durfte. Die Gebäude der Marcusstraße sind von zahlreichen Kugeln getroffen worden.

Am ersten Feiertag erfolgten schon in den Mittagsstunden in St. Pauli größere Zusammenrottungen, die aber erst beim Einbruch der Dunkelheit einen ernsteren Charakter annahmen. Wieder ging der Mob zum Sturm auf die Wache 13 vor, sodaß sich abermals ein lebhaftes Feuergefecht entwickelte. Der Sturm wurde noch mehrere Male resultatlos wiederholt.

Es war bekannt geworden, daß ein großer Teil der Sicherheitsmannschaften in die Wachen 36 und 39 gesandt worden war. Die Menge zog dahin und trug dadurch die Unruhen nach dem Hammerbrook. Zuerst erschien eine große Horde vor der Wache 39. Hier wurden keine Sicherheitsmannschaften angetroffen, die Woche war nur durch Polizisten besetzt. Diese wurden in Schach gehalten, bis das Gebäude durchsucht war. Dann zog die Menge vor die am andern Ende der Hammerbrookstraße belegene Wache 36. Hier  fand der Mob heftigen Widerstand, sodaß er das Feld räumen mußte.

Zwei Sicherheitsleute und vier Schutzleute wurden bei den Stürmen auf diese Wache schwer verletzt, sodaß sie ins Krankenhaus geschafft werden mußten. Auch hier nahmen die Aufrührer ihre Leichtverletzten mit.

Inzwischen spielte sich in St. Pauli eine widerliche Szene ab. Eine Rotte des Mobs  erkannte einen Sicherheitsmann wieder, der am Abend vorher in der Marcusstraße das Maschinengewehr bedient hatte. Die Menge umringte den Mann, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen. Aus der Menge wurden Rufe laut: „Tretet ihn tot.“ Nur dadurch kann der Mann mit dem Leben davon, daß rechtzeitig Hilfe kam und die Menge zerstreute.

Am Grünendeich 50 befindet sich die Spirituosenfabrik von J. J. W. Peters. Hier wurde an der Tür geklingelt. Herr Robert Peters öffnete und fand sich einer Horde von Menschen in Marine-Uniform gegenüber, die ihn fragte, ob Sicherheitsleute im Hause wären. Herr Peters verneinte und schloß die Tür. Nun wurde von draußen ein Schuß abgegeben, die Kugel durchschlug die Tür, drang Herrn Peters in die Brust und tötete ihn auf der Stelle. Der Täter ist nicht ermittelt worden.

Ein Waffenlager wurde auf St. Pauli-Fischmarkt unter Brücke 6 am ersten Feiertag von spielenden Kindern mit 40 Gewehren und ca. 2000 Patronen und einer Anzahl Handgranaten entdeckt. Die Kinder benachrichtigten die Sicherheitsmannschaften, die in aller Stille das Lager räumten und sich dann mit Eintritt der Dunkelheit an Ort und Stelle wieder einfanden, um die verbrecherischen Elemente festzunehmen. Es gelang ihnen, 7 Halbstarke zu verhaften.

Der zweite Feiertag verlief im ganzen ruhiger als der Sonntag. In den Vormittags- und frühen Nachmittagsstunden waren in St. Pauli Spartakisten am Werk, die die Passanten anhielten und ausplünderten. Geld, Uhren und Schmucksachen wurden ihnen auf offener Straße abgenommen. Den Damen zog man die Ringe ab und nahm ihnen die Ohrringe aus den Ohren. Diese Taten verübte eine kleinere Rotte von Menschen in Marine-Uniform. Als das Alarm-Bataillon und Verstärkungen aus der Kaserne erschienen, verschwanden die Plünderer schnell. Am Abend wurden verschiedene kleinere Wachen, in denen sich nur Schutzleute, aber keine Sicherheitswachleute befanden, gestürmt. Den Schutzleuten wurden die Revolver abgenommen und die Wachen auf weitere Waffen durchsucht. Ein stärkeres Aufgebot von Sicherheitsmannschaften sperrte dann abends in breiter Front die Straßen ab, sodaß größere Ansammlungen verhindert wurden. Außer einzelnen Einbrüchen in der Gegend der Reeperbahn, Ausplünderungen einiger Personen, vornehmlich Frauen, und Verhaftungen, die vom Mob verhindert werden sollten, blieb es bis gegen Morgen auf St. Pauli ruhig. Unter den Verhafteten befindet sich auch ein Mann, von dem festgestellt werden konnte, daß er auf Wachtmannschaften geschossen hat.

* * *

Vom Logishause Concordia in St. Pauli, das uns am Sonnabend als Mittelpunkt eines Feuergefechts geschildert wurde, erfahren wir, daß die Straßenkämpfe wohl in der Nähe stattgefunden, nicht aber das Logishaus selber irgendwie in Mitleidenschaft gezogen haben. Das Logishaus liegt etwa 50 Meter von der Straße ab. Offenbar ist unserem Gewährsmann also eine Verwechslung unterlaufen, die wir hiermit richtig stellen.

• Hamburger Anzeiger, 22. April 1919

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Belagerungszustand in Groß-Hamburg.

Im Einvernehmen mit dem dem Senat der Freien und Hansestadt Hamburg sowie den Magistraten der Städte Altona und Wandsbek wird hiermit der Belagerungszustand über Hamburg-Altona und Wandsbek verhängt.

Die Hoffnung der Kommandantur Groß-Hamburg, ohne Verhängung des Belagerungszustandes auskommen zu können, ist durch die schamlose Unverfrorenheit organisierter Verbrecherhorden zuschanden gemacht worden. Die vollziehende Gewalt geht hiermit auf den Kommandanten von Groß-Hamburg über.

Demonstrationen und Versammlungen unter freiem Himmel sind verboten. — Versammlungen in gedeckten Räumen sind 48 Stunden vorher anzumelden und bedürfen der Genehmigung des Kommamdanten. Für Versammlungen am 23. und 24. April ist die Genehmigung telephonisch zu beantragen.
Ansammlungen auf Straßen und Plätzen sind verboten.
Polizeistunde: 8 Uhr.
Rennen, Ringkämpfe und ähnliche Schauspiele sind verboten.
In der Zeit von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens darf sich niemand außerhalb der Wohnung aufhalten, ausgenommen die Personen des öffentlichen Sicherheitsdienstes und diejenigen, die einen Ausweis der Polizeibehörde oder der Kommandantur Groß-Hamburg bei sich führen.
Den Anordnungen der Volkswehr- und Polizeimannschaften ist umbringt Folge zu  leisten. Zuwiderhandelnde werden sofort festgenommen.
Volkswehr- und Polizeimannschaften erhalten hiermit strengsten Befehl, Personen, die mit den Waffen in der Hand beim Plündern oder im Kampfe mit Volkswehr, oder Polizeimannschaften angetroffen werden, auf der Stelle zu erschießen.
Wrede, Kommandantur-Soldatenrat.
Lamp’l, Kommamdant von Groß-Hamburg.

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Die Unruhen in Hamburg

Auf der Reeperbahn sammelte sich gestern abend um 11 Uhr eine größere Menschenmenge an, aus der heraus eine Ladenscheibe zertrümmert wurde. Eine  starke Sicherheitspatrouille forderte die Leute auf, auseinanderzugehen. In diesem Augenblick wurde aus den umliegenden Häusern auf die Sicherheitsmannschaften geschossen. Diese erwiderten das Feuer sofort. Dabei wurde ein unter Sittenkontrolle stehendes Mädchen durch einen Rückenschuß getötet. Außerdem wurden zwei Leute schwer verletzt, viele Neugierige erlitten leichte Verletzungen.

Auf die Lebensmittelkartenausgabestellen in den Volksschulen hatten es die Plünderer am Dienstag abgesehen. Sie drangen in die Volksschule Eduardstraße ein und forderten von dem Ausgabepersonal die Herausgabe sämtlicher Lebensmittelkarten. Der Schuldiener telephonierte an die Polizei, und sein Sohn schloß hinter den Räubern die Tür, so daß diese gefangen saßen. Die sprangen aus dem Fenster und entliefen in der Richtung Altona. Leider sind die Burschen entkommen.

Sonst blieb es in der Stadt gestern wähnend des Abends und im Laufe der Nacht ruhig. Die starken Patrouillen, die überall auftauchten, brauchten nirgendwo in Tätigkeit zu treten.

Heute um die Mittagsstunde rührten sich die Plünderer wieder. Um 12 Uhr wurde von der Hoheluft-Wache gemeldet, daß ein starker Menschenstrom im Anmarsch sei. Vom Stadthaus aus fuhr das mit Maschinengewehren besetzte Feuerwehrauto mit großer Verstärkung nach der Hoheluft. Die Plünderer wurden in die Flucht geschlagen.

Bis jetzt 9 Tote.

Die Unruhen haben bis jetzt 9 Tote gefordert. Es sind dies der Wachtmeister Möhring, der in der Wache 13 (Davidstraße) erschossen wurde; der Inhaber der Spirituosenfabrik Peters, der am Grünendeich am Ostersonntag durch Aufrührer den Tod fand; ferner der Knabe, der am Dienstag beim Sturm auf die Margaretenstraßen-Wache getroffen wurde; dann der Sicherheitswachmann, der am gleichen Tage am Sandweg aus einem Hause heraus einer mörderischen Kugel zum Opfer fiel, und 3 weitere Tote, über deren Tod erst jetzt Näheres bekannt wird: Kaufmann Bierwirth, Markusstraße 77, stand im Laden seines Vaters, eines Brothändlers, als am Sonnabendabend der Sturm auf die Schule in der Markusstraße erfolgte. Eine Kugel streifte die Nase des alten Bierwirth und traf dann den Sohn an der linken Schläfenseite, um rechts aus  dem Kopfe wieder herauszutreten und dann die Holzausläufer im Laden zu durchschlagen. Bierwirth sank tot zu Boden. Als sechstes Opfer fiel in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag der in der Erichstr. 38 wohnende, 35 Jahre alte Arbeiter Gustav Harms, der beim Kampf um die Davidstraßen-Wache in der Nähe stand. Der 53 Jahre alte Arbeiter Hackbarth, Jackobstraße 32 wohnend, fiel an der Ecke des Nobistores, als die Aufrührer dort zurückgeschlagen wurden. Dort mußte auch der 37 Jahre alte Arbeiter Ulbricht, Große Frecheit 33, Altona, bei der gleichen Gelegenheit sein Leben lassen. Als neuntes Opfer lief heute nacht das unter Sittenkontrolle stehende Mädchen auf der Reeperbahn.

Im Krankenhaus befindet sich auch der schwer verletzte Portier Timm, der am Sonntag abend auf der Reeperbahn einen Schuß durch den Unterschenkel erhielt, desgleichen der Maschinenbauer Zander und der Musketier Bedarf, der durch einen Gesäßschuß schwere Verletzungen erlitten hat.

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In Altona ist die Nacht verhältnismäßig ruhig verlaufen. Einzelne Versuche der Straßenräuber, über die Stadtgrenze zu dringen, mißlangen dank der Wachsamkeit der Polizei; nur in einem Falle konnten die Spitzbuben bis zum Grund vordringen, wurden jedoch schnell wieder zerstreut.

Das Gerede, wonach der Altonaer Hauptbahnhof Angriffspunkt des Pöbels gewesen sein sollte, ist müßig. Es ist aber Vorsorge getroffen, daß ein etwaiger Angriff im Keime erstickt werden kann: Das Bahnhofsgebäude ist sehr strenge bewacht, und die aufgestellten Maschinengewehre müssen es den Banden ratsam erscheinen lassen, die Hände davon zu lassen.

• Neue Hamburger Zeitung, 23. April 1919

Der Hamburger Anzeiger berichtete wie folgt:

Am Nobistor fuhr gestern nachmittag gegen 2 Uhr ein Automobil mit einer weißen Flagge, dessen Insassen Gewehre an Zivilisten verteilten. St. Pauli und Nebenstraßen durchziehen Trupps von 200—500 bewaffneten Spartakisten, die die Passanten anhalten und ausplündern. Etwa 50 bewaffnete haben sich des Kleiderdepots am Paulinenplatz bemächtigt. 30 Bewaffnete drangen in das Pferdelazarett am Neuen Pferdemarkt ein, das sie besetzten. Bewaffnete Spartakisten durchziehen auf vier großen Lastautos St. Pauli und Eimsbüttel und versuchen, sich in den Besitz der Polizeiwachen zu setzen. Wache 15 in der Margarethenstraße ist von ihnen besetzt worden. Bei dem Kampf um die Margarethenstraßen-Wache drang eine Kugel einem Jungen in den Kopf. Das schwer verletzte Kind wurde ins Hafenkrankenhaus geschafft, starb aber bald nach seiner Einlieferung. Nachdem die Wache in der Margarethenstraße genommen worden war, zog die Bande zur Fruchtalle-Wache. Als die Aufrührer hier eindrangen, kamen die Sicherheitswachleute heran und es entstand ein schweres Feuergefecht, bei dem auch Handgranaten geworfen wurden. Auf beiden Seiten gab es Leichtverletzte, die der Spartakisten wurden von diesen wie stets mitgenommen. Zu einem weiteren schweren Gefecht kam es am Sandweg. Auf dem Wege zu einer anderen Wache blieb ein Anto der Spartakisten auf der Straße stecken. Sicherheitswachmannschaften rückten an und es kam zu einem schweren Feuerkampf. Dabei wurde ein Sicherheitswachmann erschossen. Aus einem Hause heraus ist die Kugel abgefeuert worden; eine Durchsuchung des Hauses nach dem Täter blieb erfolglos. Es wurden aber zwei der Aufrührer verhaftet und ins Stadthaus geschafft.

Gegen Abend erschienen vor den Kasernen in der Bundesstraße mehrere Banden, die die Kasernen zu stürmen versuchten.

Sie wurden aber zurückgewiesen und stellten ihr Beginnen ein, als sie sahen, daß Maschinengewehre in Stellung gebracht wurden. Die Straßenzugänge zu den Kasernen wurden für den Abend und die Nacht gesperrt, an allen Straßenecken zogen starke Posten mit Maschinengewehren auf.

In St. Pauli kam es im Laufe des Nachmittags wieder zu verschiedenen Zusammenstößen. In einem Falle wurde ein Sicherheitswachmann von einer Kugel getroffen. Ein Sanitäter, der ihm Hilfe leisten wollte, wurde mit vorgehaltenem Revolver von der Menge daran gehindert. Dann gossen die entmenschten Leute dem verwundeten Säure ins Gesicht. Glücklicherweise nahte eine große Patrouille von Sicherheitswachleuten, die den bedrängten Kameraden aus den Händen des Mobs befreite und für seinen Transport ins Hafenkrankenhaus sorgte. Auf seiten der Angreifer gab es auch in St. Pauli wieder zahlreiche Verletzte, die aber mitgeschleppt wurden und dadurch der Festnahme entgingen. Dagegen gelang es, fünf Personen zu verhaften, die ebenfalls in St. Pauli aufrührerische Reden hielten, die sich gegen die Sicherheitswachmannschaften richteten. In die Wohnung des am ersten Osterfeiertage erschossenen Wachtmeisters Möhring drangen zwei Leute, einer in Marineuniform, der andere in feldgrau, und plünderten die Wohnung aus.

In der gestrigen Versammlung des Grundeigentümer-Vereins stellten die Grundeigentümer der Marcusstraße den Antrag, der Vorstand möge vorstellig werden, daß die Sicherheitswache aus der Marcusstraße zurückgezogen werde, weil ihr Vorhandensein durch die ständigen Kämpfe das Grundeigentum ganz bedenklich schädige.

*

Nach einem WTB.-Bericht tragen wir noch nach, daß die Spartakisten bei der Schießerei am Sandweg 6 Tote und 3 Schwerverletzte, die Sicherheitsmannschaften 1 Toten und wenige Verwundete hatten.

Ferner legt die Feuerwehr Wert darauf, bekannt zu geben, daß sie bei Plündereien und Schießereien keinen Schutz gewährt. Ihre Ausgabe ist es, Feuer zu löschen und bei Unglücksfällen (Hauseinsturz, Explosionen, Verschüttungen, Verkehrshindernissen usw.) Hilfe zu leisten. Bei Diebstählen und ähnlichen- Vorkommnissen einzugreifen, ist Polizeisache.

• Hamburger Anzeiger, 23. April 1919

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Hamburg im Belagerungszustand.

In St. Pauli sind 1500 Sicherheitsmannschaften und Soldaten des 76., 31. sowie der Bahrenfelder und Wandsbeker Regimenter zusammengezogen worden, um den Schutz des Eigentums zu gewährleisten. Geschütze, Maschinengewehre und Minenwerfer sind vor dem Hauptangriffszentrum, der Wache an der Davidstraße, in Stellung gebracht. Die Reeperbahn ist in der Richtung nach Altona abgesperrt worden, der Verkehr darf sich nur vom Nobistor nach Hamburg bewegen. Alle Zugänge zur Reeperbahn durch die Seitenstraßen sind durch Drahtverhaue abgesperrt. Im Laufe des Vormittags waren starke Polizeiaufgebote in St. Pauli tätig, in den verschiedensten Straßen verdächtige Häuser nach Waffen zu durchsuchen. Viele Waffen wurden gefunden, beschlagnahmt und auf Lastwagen ins Stadthaus geschafft. Die Herberge in der Talstraße ist geschlossen worden, dort wurde eine starke Militärwache eingerichtet. Außerdem wurden verschiedene Restaurationen für militärische Zwecke in Anspruch genommen und dort Wachen eingerichtet, um die starken Verstärkungen unterzubringen. Das Hauptquartier für die Kommandantur Groß-Hamburg und die andern Stäbe befindet sich der Davidstraßenwache gegenüber, im Hotel Stein. Zahreiche Verhaftungen von Personen, die sich verdächtig machten, erfolgten gestern abend, im Laufe der heutigen Nacht und heute vormittag; bei vielen von ihnen wurden auch Waffen gefunden. Wenn auf Aufforderung die Wohnungen nicht geöffnet werden, machen die Patrouillen von ihrer Schußwaffe Gebrauch. Eine große Anzahl Mädchen, die St. Pauli zu einem Bummel ausersehen hatte, wurde festgenommen und der Davidstraßenwache übergeben. Heute morgen wurden sie mit einem großen Lastauto zum Stadthaus gebracht. Dabei ereignete sich, damit auch der Humor zu seinem Rechte kommt, eine hübsche Szene. Eine junge Dame, die Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, sah das Auto, glaubte, es sei ein zur Personenbeförderung bestimmter Wagen und kletterte seelenvergnügt hinauf. Auf der Fahrt zum Stadthaus fielen dem Fräulein bereits die schlüpfrigen Gespräche der Geschlechtsgenossinnen auf und als sie sich ängstlich an einen der Transporteure wandte, stellte sich bald das Mißverständnis heraus. Die junge Dame wird an diese Freifahrt durch die Stadt noch lange denken. Unter den Verhafteten befindet sich auch eine ältere Frau, die gegen die Sicherheitsmannschaften aufrührerische Reden an Publikum hielt.

Im Laufe der Nacht versuchten mehrere Banden von Aufrührern die Polizeiwache 23 Am Markt in Barmbeck und die Hafenwache 9 zu stürmen. Die heranziehenden Massen waren rechtzeitig gemeldet worden, so daß sie beim Eintreffen vor den Wachen durch herangezogene Verstärkungen abgewehrt werden konnten. In mehreren Fällen wurden gestern abend Personen, die nach 9 Uhr auf der Straße waren, von Plünderern angehalten und gefragt, ob sie sich im Besitz von Ausweisen befänden, die das Betreten der Straßen gestatten. Bejahten die Angeklagten diese Frage, dann wurden ihnen die Ausweise abgenommen und sofort zerrissen. Fünf Leute, von denen drei Zivilisten, einer in Marineuniform und der letzte feldgrau gekleidet waren, überfielen am Schlump einen Sicherheitswachmann, hielten ihm Gewehr und Revolver vor und durchsuchten ihm dann seine Taschen. Seine Brieftasche mit sämtlichen Ausweispapieren wurde ihm abgenommen. In verschiedenen Stadtgegenden wurde im Laufe der Nacht Schüsse gehört. Diese hatten nur den Zweck, Ansammlungen und Einbrecher zu verscheuchen.

Lokales. Hamburg, 24. April.

Einwohnerwehr!

Alle Einwohner, die bereit sind, auf Grund des Aufrufs in die Einwohnerwehr einzutreten, werden gebeten, sich baldigst an nachstehenden Stellen in die Wehrlisten einzuschreiben:

  • Für Horn, Hamm, Hammerbrook und Borgfelde, Hammerdeich 57.
  • Für Eilbeck und Barmbeck-Süd: von Essenstraße 32.
  • Für Uhlenhorst: Schillerstraße, Turnhalle.
  • Für Barmbeck-Nord: Steilshoperstraße 2.
  • Für Winterhude: Ulmenstraße VI.
  • Für St. Georg, Hohenfelde: Große Allee, Hotel Schadendorf.
  • Für Altstadt und Neustadt, St. Pauli-Süd: Stadthaus.
  • Für St. Pauli-Nord, Nothorvaum: Kaserne 76.
  • Für Eimsbüttel: Eidelstedterweg. Park-Hotel.
  • Für Harvestehude und Eppendorf: Rothenbaum-Chaussee 7.
  • Für Altona-Nord: Kaserne 31.
  • Für Altona-Süd, Ottensen: Palinaille 63-65.
  • Für Bahrenfeld: Kaserne Fuß-Art. 20.
  • Für Wandsbek: Geschäftszimmer der Frewaba, Husarenkaserne.

Sobald eine Uebersicht über die Zahl der Meldungen vorliegt, wird jedem, der sich gemeldet hat, mitgeteilt werden, welcher Alarmabteilung er angehört. Hierbei wird jeder möglichst in der Umgebung seiner Behausung tätig sein.

Alsdann werden die Mitglieder der Einwohnerwehr zu einer kurzen Versammlung eingeladen werden, bei der die Führerwahl, Ausgabe der Waffenscheine und Vorbesprechungen stattfinden.

Als Unterstützung der Volkswehr-Abteilungsführer treten Vertrauensleute aller Berufskreise zu ihnen. Sie versehen diesen Dienst ehrenamtlich.

Meldungen von Personen, die bereit sind, in Betrieben und Vereinen oder von Haus zu Haus zu werben, sind willkommen und können bei den oben genannten Stellen erfolgen.

Lamp’l. Kommandant von Groß-Hamburg.

* * *

Endlich sind wir so weit! Der hamburgische Senat, die Magistrate von Altona und Wandsbek, der Kommandant von Groß-Hamburg und der Kommandantur-Soldatenrat haben einen Aufruf an die Einwohnerschaft Groß-Hamburgs zur Bildung einer Einwohnerwehr erlassen. Die unerhörten Vorgänge der Ostertage haben den Entschluß zuwege gebracht; es gilt, den selbstverständlichen Weg zu beschreiben, sich einmütig gegen Verbrecherbanden zu bewaffnen und zur Wehr zu setzen. Noch schöner wäre es, wenn sich ein kleiner Haufen arbeitsscheuen Lumpengesindels herausnehmen dürfte, ein großes Gemeinwesen dauernd zu beunruhigen, in seinen Arbeiten zu stören, in seinem Eigentum und Leben zu schädigen! Ein Gemeinwesen, das sich das gefallen ließe, müßte völlig desorganisiert und heruntergekommen sein. (…)    H.

Die Wirkung des Belagerungszustandes.

Die Verhängung des Belagerungszustandes über Hamburg hat wenigstens gestern zunächst Ruhe geschafft. Abgesehen von kleineren Zusammenstößen in St. Pauli und vor kleineren Polizeiwachen, die ohne jede Bedeutung waren, haben sich keine Ruhestörungen ereignet. Wo immer sich unruhige Elemente zeigten und die sofort alarmierten Sicherheitsmannschaften auf dem Feuerwehrauto nahten, ergriffen die Plünderer die Flucht vor der bewaffneten Macht.

Da um 8 Uhr bereits die Polizeistunde vorgeschrieben war, mußten auch die Theater und Kinos wie alle anderen Lokale um diese Zeit schließen. Einige Theater begannen bereits um 5 Uhr mit den Vorstellungen, andere und viele Kinos, die sich noch nicht auf den frühen Beginn einrichten konnten, blieben geschlossen. Für heute ist in allen diesen Stätten der Beginn auf 5 Uhr bzw. 5 1/4 oder 5 1/2 Uhr angesetzt worden.

In der Zeit von 8 Uhr ab sah man alle Menschen den heimischen Penaten zustreben, denn um 9 Uhr mußte jeder in seiner Wohnung sein, da das Betreten der Straße nach dieser Zeit verboten und nicht ohne Gefahr war. Es wurden bis jetzt über 100 Personen wegen Plündern, Beraubung von Passanten und Aufruhrs verhaftet, von denen 81 im Laufe des gestrigen Tages dem Fuhlsbütteler Gefängnis zugeführt wurden.

In Altona

ist, da man vermuten muß, daß das Straßengesindel den Schauplatz seiner Taten auf Altona ausdehnen werde, Vorsorge getroffen worden, diesen Plan zuschanden zu machen. Der Grund ist mit Drahtverhau abgesperrt worden, der Passantenverkehr nach Hamburg wird streng geregelt.

• Hamburger Anzeiger, 24. April 1919

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Hamburg im Belagerungszustand.

Seit Ausbruch der Unruhen hat die Niederwerfung der aufrührerischen Elemente im ganzen 12 Tote gekostet. Zu den bereits gemeldeten neun Toten sind in den letzten Tagen drei weitere Opfer gekommen, von denen zwei bestimmt als Unbeteiligte anzusehen sind. Inzwischen ist auch der am Sandweg erschossene Sicherheitswachmann erkannt worden. Es ist der am Lehmweg 33 wohnende Karl Tellkamp. Das 10. Opfer ist der 33 Jahre alte Kellner Colberg, wohnhaft Jägerstr. 15, Haus 6, der von der Arbeit kommend seine Wohnung aufsuchen wollte und durch einen Kopfschuß schwer verletzt wurde. Man brachte ihn ins Israelitische Krankenhaus, doch ist er dort bald nach seiner Einlieferung gestorben. Das elfte Opfer ist der 23 Jahre alte, in der Rosenhofstraße wohnende Artist Teschen. Er besuchte einen Künstleragenten in St. Pauli und wurde durch einen Kopfschuß auf der Stelle getötet. Die Leiche kam ins Hafenkrantenhaus. Im zwölften Falle handelt es sich um die in der Bernhardstraße 23 wohnende 20jährige Arbeiterin Ellrich, die durch einen Brust- und Armschuß getötet wurde.

Außerdem haben die Sicherheitsmannschaften

                   sechs Plünderer auf der Stelle erschossen,

die mit der Waffe in der Hand angetroffen wurden und sich gegen die bewaffnete Macht wandten. Es mußte hier ein warnendes Exempel statuiert werden.

Die letzte Nacht verlief allgemein ruhig. Vielfach wurden in der St. Pauli-Gegend Schüsse abgegeben, es handelte sich aber in allen Fällen nur um Schreckschüsse, die namentlich in der Nähe der Altonaer Grenze bis gegen Mitternacht zur Aufrechterhaltung der Ordnung erforderlich waren. Immer waren kleine Ansammlungen von Menschen zu bemerken, die, wenn Schreckschüsse fielen, sofort auseinandergingen, so daß ernstlich nirgendwo eingeschritten zu werden brauchte.

Eine große Anzahl Verhaftungen wurde wieder vorgenommen. Unter den Festgenommenen befinden sich auch drei Frauen. Teilweise sind es Leute, die sich den Anordnungen nicht fügen wollten, aber auch verschiedene Plünderer konnten in sicheren Gewahrsam gebracht werden. Darunter ein besonders schwerer Junge in Feldgrau, dem nachgewiesen werden kann, daß er sich zweimal an Ueberfällen auf Zahlmeister, mit denen bekanntlich der Aufruhr begann, schuldig gemacht hat. In einem Falle hat er über 10 000 Mk. erbeutet. Außerdem war er der Anführer einer Räuberbande, die in St. Pauli Restaurants und Kaffeehäuser überfiel und unter Androhung von Gewalt Speisen und Getränke erpreßte. Ein anderer Verhafteter ist erkannt als einer von denen, die auf Schutzleute geschossen haben. Er hat auch eine Anzahl Frauen bei dem Sturm auf das Hüttengefängnis befreit. Im Besitz eines anderen Festgenommenen fand man eine große Anzahl falscher oder gestohlener Meldescheine; mit diesen erschwindelte sich der Bursche Brotkarten, die er in Herbergen für teures Geld verkaufte.

p. In Altona bildete sich Donmerstag nachmittag gegen 6 Uhr auf dem Rathausmarkt eine Ansammlung von zweifelhaften Elementen. Als man den Aufforderungen der Wachmannschaften zum Auseinandergehen nicht Folge leistete, wurden einige Schüsse abgegeben. Dadurch wurde ein Zigarrettenarbeiter am rechten Oberschenkel verletzt. Die Menge zerstreute sich darauf.

In Bahrenfeld ereignete sich eim bedauerlicher Unfall: Am Donnerstag abend war  gemeldet worden, daß 100 bis 150 Spartacisten im Anzuge seien. Daraufhin wurden die Truppen sofort alarmiert. Ein Maschinengewehr gab einige Probeschüsse ab und verletzte dabei einen Wachtmeister an der Backe. Die signalisierten Spartacisten ließen sich nicht sehen.

• NHZ, 25. April 1919

*

Die Säuberung Hamburgs.

Das Gängeviertel im Drahtverhau.

Gestern wie in St. Pauli ist heute im Laufe der Nacht unerwartet und in aller Stille eine Besetzung des Gängeviertels der Neustadt erfolgt, in dem ja seit langer Zeit ebenfalls viel Gesindel Unterschlupf gefunden hat. Zwischen Holstenplatz, Hütten, Zeughausmarkt, Neuer Steinweg, Groß-Neumarkt, Alter Steinweg und Kaiser-Wilhelmstraße sind sämtliche Zugänge zu den Gängen durch Drahtverhaue abgesperrt worden, die von Pionieren gezogen wurden.

Geschütze, Maschinengewehre und Minenwerfer sind am Holstenplatz aufgefahren. 1500 Soldaten sind bei der Absperrung tätig. Einige hundert Kriminalbeamte und Sicherheitsleute begannen schon in aller Frühe mit einer Durchsuchung sämtlicher Häuser nach Waffen. Bei dieser Durchsuchung wurde eine große Zahl Leute verhaftet, die sich unangemeldet im Gängeviertel aufhielt, und viele Leute, die sich nicht ausweisen konnten. Darunter auch einige, die als Anführer von Plündererbanden schon seit mehreren Tagen gesucht werden. Als die Bewohner des Gängeviertels heute morgen erwachten, fanden sie sich eingeschlossen in einem kleinen Festungsbereich. Nur an den Seiten war ein schmaler Durchgang gelassen worden; wer passieren wollte, mußte sich ausweisen, daß er dort wohnt. Selbst die Zugangsstraßen, wie die Düsternstraße usw., sind gesperrt; wer dort geschäftlich zu tun hat, kann nur nach gehörigem Ausweis passieren.

Auch der Anführer, der am Dienstag nachmittag den Sturm auf die Kasernen leitete, ist bei dieser Razzia erwischt und verhaftet worden. In seinem Besitz fand man geladene Waffen und einen Sack voll Munition. In seiner Wohnung in der Speckstraße wurde der Malermeister Heider verhaftet, der früher bei den Sicherheitsmannschaften als Wachführer tätig war. Er wird in Kreisen seiner früheren Kameraden als Verräter bezeichnet, der den ersten Putsch auf das Stadthaus im Januar leitete, bei dem die Waffen geraubt wurden. Er wird auch als der Anführer bei dem Sturm auf die Wachen 10 und 13 am Ostersonnabend bezeichnet. Heider hatte einen großzügigen Plan entworfen, der mit der Festsetzung Lehmkuhls und anderer Bevollmächtigter als Geiseln eingeleitet werden sollte. Er hatte, wie einwandfrei nachgewiesen ist, bereits einen neuen Putsch vorbereitet.

Das Hauptquartier für die Absperrung des Gängeviertels befindet sich in Hüttmanns Hotel an der Ecke von Holstenplatz und Poolstraße. Die einzelnen Mannschaften sind auf die Gastwirtschaften der verschiedenen Straßen in der Neustadt verteilt, um mit warmer Kost versehen zu werden. Mehrere Autos, voll mit Gefangenen aus dem Gängeviertel, sind bereits im Sdadthaus eingetroffen, außerdem wurde wieder sehr viel Diebesgut gefunden.

Vielfache Schießereien in allen Stadtteilen im Laufe des gestrigen Abends und der Nacht hatten den Zweck, Leute, die nach 10 Uhr noch Licht brannten, zu warnen und sie zu veranlassen, das Licht zu löschen. Zwischen 10 und 11 Uhr gestern abend erfolgte auf dem Rathausmarkt eine kleine Ansammlung, sodaß Verstärkung vom Stadthaus erbeten wurde. Mehrere Leute, die im Besitz von Revolvern waren, wurden festgenommen und in die Wache gebracht. Damit war der Auflauf beendet, und die Verstärkungen brauchten nicht einzuschreiten. Weitere Schießereien bezweckten in allen Stadtgegenden Einbrecher zu verscheuchen und Ansammlungen zu zerstreuen.

50 Sicherheitsleute hoben in der Lincolnstraße eine Spielhölle aus. Als die festgenommenen Spieler, etwa 30 Personen, zur Wache 13 geführt wurden, schossen unbekannte Täter aus Fenstern heraus vielfach auf den Zug. Das Feuer wurde von den Truppen kräftig erwidert. So weit bekannt geworden ist, sind bei dieser Schießerei Verletzungen nicht vorgekommen.

• NHZ, 26. April 1919 (Abendausgabe, Sonnabend)
Kopf der 7. Ausgabe des Alarm (vierte Ausgabe im April 1919)

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Die Säuberung Hamburgs.

Neuerdings wurden aus der gesperrten Neustadt und St. Pauli 375 Personen verhaftet; darunter befinden sich viele Schwerverbrecher, die schon seit einiger Zeit von den Behörden gesucht werden. Es befinden sich dabei auch mehrere Leute, die von außerhalb verfolgt werden und namentlich im Gängeviertel Unterschlupf gefunden haben.

Eine große Menge Diebesgut und Waffen ist beschlagnahmt worden. Auf große Lastautos wurden die beschlagnahmten Massen verladen und einstweilen im Stadthaushof aufgestapelt.

Zu Ruhestörungen ist es im Laufe des Sonnabends nicht gekommen. Eine Horde unlauterer Elemente stattete der Druckerei des Klugschieter am Neuen Steinweg einen Besuch ab, schleppte die fertig gedruckten Exemplare auf die Straße und errichtete einen großen Scheiterhaufen, der angezündet wurde, so daß alle Blätter verbrannten.

• NHZ, 27. April 1919 (Morgenausgabe, Sonntag)

*

Aufhebung des Belagerungszustandes.
Der am 23. April 1919 durch die Kommandantur Groß-Hamburg über Hamburg, Altona und Wandsbek verhängte Belagerungszustand wird am 30. April 1919, mittags 12 Uhr, aufgehoben.
Sämtliche, während der Zeit des Belagerungszustandes ausgestellten, besonderen Ausweise werden hiermit für ungültig erklärt.
Lamp’l,
Kommandant von Groß-Hamburg.
Wrede,
Kommandantur-Soldatenrat.

Hamburger Anzeiger, 30. April 1919
Straßensperre auf St. Pauli – Drahtverhau und Militärpatrouille

Eine logische Konsequenz sind die im Juni 1919 folgenden „Sülze-Unruhen“ und die Besetzung Hamburgs durch den Afrika-Schlächter Lettow-Vorbeck.

Stadtplan-Ausschnitt Altona-St.Pauli-Neustadt 1920

*

Anhang:

Löhne und Arbeitszeiten

Metallarbeiter: Stundenlöhne zwischen 1,60-2,20 Mk. (HA, 17.4.1919)

—n. Die Löhne der Mühlenarbeiter sind nach längeren ergebnislos verlaufenen Verhandlungen durch einen Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses wie folgt festgelegt worden: Für Müller 95 Mk., für Arbeiter 90 Mk., und für Arbeiterinnen 50 Mk. die Woche. Der Schiedsspruch wurde von den beteiligten Parteien anerkannt. (HA, 22.4.1919)

Die Angestellten des Hamburgischen Arbeitsamtes haben allen Grund zur Unzufriedenheit, wenn die folgenden, uns vom einem Leser unseres Blattes eingesandten Ausführungen allgemein zutreffend sind. Unser Gewährsmann schreibt uns:

Erwerbslose erhalten nach den neuen Tagessätzen an Erwerbslosenunterstützung: 7.50 Mk. für den Ehemann, 4 Mk. für die Ehefrau, das macht zusammen 11.50 Mk. täglich oder 299 Mk. monatlich (26 Werktage). Außerdem trägt das Hamburgische Arbeitsamt die Beiträge für die Krankenversicherung.
Angestellte des Hamburgischen Arbeitsamts erhalten dagegen, wenn sie verheiratet sind, 12.30 Mk. täglich, das macht für 26 Werktage (Sonntage werden ebenfalls nicht bezahlt) monatlich 319.80 Mk. Davon sind abzuziehen für Reichsversicherung, Krankenkasse und Invalidenversicherung 21.30 Mk., so daß nur monatlich 298.50 Mk. als Einkommen verbleiben.
Noch wesentlich ungünstiger gestellt sind Angestellte mit Kindern. Erwerbslose Familienväter erhalten für die Folge pro Kind und Tag 2 Mk.; ein Angestellter des Hamburgischen Arbeitsamtes pro Kind und Tag nur: 1.50 Mk. ausbezahlt. Ein Angestellter mit 2 Kindern erhält also für die 26 Tage weitere 26 Mk. weniger als ein Erwerbsloser.“

—n. Ein verschärfter Lohnkampf im Stellmachergewerbe, der, wenn keine Einigung bis Sonnabend erzielt wird, am Montag zur Arbeitseinstellung führen soll, steht bevor. Die Arbeitgeber hatten sich bereit erklärt, den Lohn ab 1. Mai von 1,80 M. auf  2,00 M. für die Stunde zu erhöhen. In einer Versammlung der Gesellen wurde ein Stundenlohn von 2,50 M. für Stellmacher und 2,70 M. für Kastenmacher und Einführung einer Arbeitszeit von wöchentlich 46 Stunden gefordert. Dieser Beschluß soll der Innung und den Arbeitgebern nochmals unterbreitet werden. (HA, 25.4.1919)

Die Tarifvereinbarungen im Baugewerbe sind, wie in einer Mitgliederversammlung des Deutschen Bauarbeiterverbandes bekanntgegeben wurde, mit folgender Grundlage zum Abschluß gekommen: 1. Die normale Arbeitszeit beträgt bei Lohn- und Akkordarbeit 8 Stunden. An den Sonnabenden ist in der Zeit vom 16. Februar bis 31. Oktober nachmittags eine halbe Stunde, an den Tagen vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten zwe:i Stunden früher Feierabend ohne Lohnabzug. Ueberstunden-, Nachtarbeit, sowie Arbeit am Sonn- und Festtagen dürfen nur gefordert und geleistet werden bei Gefahr von Menschenleben oder bei Verkehrsstörungen und sind mit dem entsprechenden Lohnaufschlag zu bezahlen. Der Stundenlohn beträgt für gelernte Arbeiter wie Maurer, Zimmerer, Steinträger usw. 2.40 Mk., für Bau- und Betonhilfsarbeiter 2,30 Mk. Die Vereinbarungen gelten rückwirkend ab 1. April für ein Jahr. (HA, 28.4.1919)

—n. Zur Lohnbewegung der Hafenarbeiter nahm eine vom Transportarbeiterverband einberufene Versammlung aller Branchen Stellung. Hähnel teilt, mit, daß der Hafenbetriebsverein sich bereit erklärt habe, auf die bisherigen Teuerungszulagen einen Zuschlag von 1.50 Mk. pro Tag und für Ueberstunden eine Lohnerhöhung von 25 Prozent zu gewähren. Ueber die übrigen Forderungen seien keine Vereinbarungen getroffen. Nach einer lebhaften Aussprache, in der die Zugeständnisse allgemein als unannehmbar bezeichnet wurden, lehnte die Versammlung die vom Hafenbetriebsverein gemachten Vorschläge einmütig ab und beschloß, die Forderung der Erhöhung der Teuerungszulagen um sechs Mark täglich unter allen Umständen zur Durchführung zu bringen.

—n. Eine teilweise Arbeitseinstellung im Holzgewerbe ist gestern dadurch erfolgt, daß die Einigungsverhandlungen in Stellmachergewerbe, über die wir bereits berichtet haben, gescheitert sind. (HA, 30.4.1919)

Zur Lohnbewegung der Hafenarbeiter.
—n. In der Angelegenheit der Hamburger Hafenarbeiter hat der Schlichtungsausschuß am Mittwoch seinen Spruch gefällt. Es soll den Arbeitern zu den bisherigen Teuerungszulagen noch eine Zulage von 3.60 Mk. gewährt werden, so daß sie im ganzen eine tägliche Zulage von 12.60 Mk. erhalten. Der Tagesverdienst würde sich damit auf 18 Mk. erhöhen. Für Ueberstunden würde dann einschließlich des Zuschlages von 33 1/3 Prozent ein Lohn von 3 Mk. zu zahlen sein. Die Vertreter der Arbeiter erklärten aber, diese Sätze nicht ohne weiteres annehmen zu können, sondern erst die Entscheidung ihres Verbandes abwarten zu müssen. (HA, 2. Mai 1919)

* * *

Hinweis: sämtliche kursiv gesetzten Textteile sind in den Originalbeiträgen  g e s p e r r t  gesetzt. Die Texte sind der neuen deutschen Rechtschreibung nicht angepasst worden.
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Anarchistenprozesse.

Hier noch ein kleiner juristischer Nachschlag zu Albert Weidners Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung und den Prozessen um die Arbeitslosendemonstration 1894 in Berlin.
Als pdf bieber_anarchisten-prozesse_1897

Adler_Deutsches-Reich

Dr. jur. Richard Bieber (Berlin)

Anarchisten-Prozesse. [*]

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass in unserer Gerichtspraxis die einzelnen Sachen in der Weise bezeichnet werden, dass man den Namen des Angeklagten nennt und die Strafthat hinzufügt, wegen der die Anklage erhoben wurde. So wurde der letzte Aufsehen erregende Prozess vor dem hiesigen Schwurgericht richtig in den Zeitungen bezeichnet: „wider Koschemann und Genossen wegen versuchten Mordes“. Von dieser wohl für ganz Deutschland gängigen Praxis wird aber in der amtlichen Aktenbezeichnung eine Ausnahme gemacht, welche nicht bekannt sein dürfte. Seit mehreren Jahren bezeichnet man bei dem Landgericht I zu Berlin eine Reihe von Strafthaten nicht bloss wie oben angegeben, sondern es steht auch noch auf dem Aktendeckel von vornherein roth unterstrichen der Name [1] „Anarchistensache“, und zwar wird dieser Name nur aus dem Grunde daraufgesetzt, weil die politische Polizei den Angeklagten als Anhänger der politischen Lehren des Anarchismus bezeichnet. So unscheinbar an sich diese Aeusserlichkeit einem dem Gerichtsleben Fernstehenden vorkommen mag, so schwerwiegend ist sie in Wirklichkeit. Gerade bei unserem Strafverfahren und der dasselbe beherrschenden freien Beweiswürdigung darf man psychologische Eindrücke in keiner Weise unterschätzen. Man muss sich klar machen, wie selbst in unseren Richterkreisen, und natürlich noch mehr in den weiten Kreisen der Bevölkerung überhaupt, eine fast absolute Unwissenheit herrscht über das, was die Anarchisten-Lehre predigt und bezweckt, um übersehen zu können, welches Vorurtheil von vornherein wachgerufen wird, wenn auf der Anklagebank eine Person vorgeführt wird, die durch die Bezeichnung Anarchist in den Augen der Richter jeder That fähig erscheint, welche gegen Gesetz und Gesellschaftsordnung verstösst. Sind doch nach Meinung unendlich Vieler die Anarchisten Leute, die mit Bomben in der Tasche umherlaufen, um bei erster bester Gelegenheit eine Schreckensthat zu begehen. Bezeichnet nun gar der Vertreter der politischen Polizei auf Grund seiner, von unbekannten und ungenannten Hintermännern ihm gewordenen Information den Angeklagten als Anhänger der Propaganda der That, so überlauft sämmtliche Betheiligte ein Gruseln, das wahrlich nicht dazu beitragt, eine objektive Urtheilsfindung zu erleichtern.

Vor Allem muss darum auch immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Lehren des Anarchismus an sich absolut nichts mit den Schreckensthaten, welche von einzelnen Anhängern dieser Lehren zweifellos verübt worden sind, zu thun haben. Bezeichnet doch Elisée Reclus, der berühmte Geograph und Anarchist, als Propaganda der That: die vorbildliche Lebensführung, welche beweise, dass jeder Herrschaftszwang entbehrlich sei, und verlangt, dass die Anarchisten durch eine solche Propaganda der That für ihre Ideallehre eintraten. Die grosse Zahl der sogen. Anarchisten, welche unter dieser Bezeichnung die Anklagebank betreten und meistens als Verurtheilte verlassen haben, bestritten auf das Entschiedenste, und in durchaus glaubwürdiger Weise, Anhänger der Propaganda der Thal im Sinne der Anklagebehörde zu sein. In der langen Reihe von Anarchisten-Prozessen, die sich in Berlin seit dem Jahre 1892 vor dem Prozess Koschemann abgespielt hatten, ist niemals ein Delikt auch nur nur Sprache gekommen, das als ein spezifisch anarchistisches, d. h. als gewalttätiges wahlloses Zerstören von Eigenthum und Leben gerichtetes, bezeichnet werden kann. Es handelt sich fast immer um Pressvergehen oder um aufreizende Reden.

Die Art und Beurtheilung dieser Delikte zeigen am deutlichsten einige Beispiele. Im September 1893 befanden sich auf der Anklagebank 3 Männer, beschuldigt der Geheimbündelei. Monatelang waren zwei derselben aua den Grunde in Untersuchungshaft, weil sie den dritten gekannt, anarchistische Schriften besessen, und der eine überdies 2 Adressen bei sich geführt hatte, über welche er glaubhafte Auskunft nicht hatte geben wollen, während der andere in einem Brief an den Hauptangeklagten erwähnt worden war und im Besitz eines Briefes sich befunden hatte, in dem zwei Mal die Abkürzung K. A. vorkam und ausserdem die Worte „Ich verbitte mir solche Injurien, wie Kutschergruppe, so wat jiebts hier nicht zu lecken”. Die Anklage folgerte hieraus, dass der Angeklagte mit dem Klub Autonomie in London zu thun, und „dass er zur Bildung einer anarchistischen Kutschergruppe aufgefordert habe”. In Wirklichkeit war mit K. A. „Kommunistische Anarchisten“ gemeint, der Adressat war gar kein Kutscher, sondern Mechaniker, und mit Kutscher war eine bekannte Mischung von Kümmel mit Rum gemeint. Allerdings wurden diese Angeklagten, aber doch erst nach langer Untersuchungshaft, freigesprochen. — Ein anderer, besonderes Aufsehen erregender Fall waren die Anklagen gegen den jungen praktischen Arzt Dr. G. [2] aus Oesterreich im Februar und Mai 1894. Derselbe wurde in einer Volksversammlung verhaftet, weil er in seiner Rede die geschmacklose Aeusserung gemacht hatte, „der Staat sei eine organisierte Räuberbande”. In diesen Worten wurde eine Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen gefunden, und eine Strafe von 9 Monaten Gefängnis ausgesprochen. Charakteristisch scheint mir aber besonders, dass derselbe Mann dann noch wegen Aeusscrungen, die er in einer früheren Rede gethan hatte, unter Anklage gestellt wurde, und auch hierfür weitere 9 Monate Gefängnis erhielt. Unsere Polizei macht doch im Allgemeinen mit unliebsamen Ausländern nicht viel Umstände. Es ist mir unerfindlich, warum man den Dr. G. nicht sofort nach seiner ersten Rede verhaftete oder auswies und so am weiteren Delikten im Lande verhinderte, anstatt ihn erst, ohne ihm auch nur Mittheilung zu machen, dass man an einer ersten Rede Anstoss genommen habe, längere Zeit sich hier noch aufhalten zu lassen, bis er wiederum mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Bei der Verbindung gegen Dr. G. ereignete sich auch jenes denkwürdige Ereignis, dass der jetzige Erste Staatsanwalt Dr. Benedix, welcher zunächst etwa 2 Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf die Vertheidigungsrede des Dr. G. hin, welcher ausführte, dass eine längere Gefängnissstrafe gegen ihn gar keinen Sinn habe, da die Gefängnissbeamten ungebildet und nicht in der Lage seien, ihn zu bessern, aufsprang, und nunmehr wegen dieser Rede eine Gefängnissstrafe von 8 Jahren verlangen zu müssen sich verpflichtet hielt. — In Kottbus hatte man im Juli 1895 3 Leute wegen Geheimbündelei angeklagt. Nach viermonatlicher Untersuchungshaft stellte sich als einziges Ergebniss der als Geheimbündelei bezeichneten intimen Beziehung heraus, daß die Drei befreundet waren, und in ihren Familien miteinander verkehrt hatten. Nur der Eine von ihnen gab zu, Anarchist zu sein, und es wurde in dieser Beziehung weiter nichts erwiesen, als dass er ein Heft der anarchistischen Bibliothek, welches hier in Berlin anstandslos und mit Wissen der Polizei vertrieben worden war, an einen Logisgenossen verkauft halte mit den Worten: „Das sei etwas zum Lesen”. Hieraus folgerte das Gericht „die Absicht, dass nicht nur der Käufer, sondern auch Andere die Schrift lesen sollten”. Das Gericht fand nun in der Brochüre an einigen Stellen Aufforderungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Die beiden anderen Angeklagten wurden freigesprochen, der anarchistische Verkäufer erhielt wegen Verbreitung einer derartigen Schrift 9 Monate Gefängnis. — Gegen einen ferneren Angeklagten. welcher unter seinen Genossen den Spitznamen „der gesetzliche Anarchist” erhalten hatte, weil er stets die Ansicht vertrat, er wolle beweisen, dass man Anarchist sein könne, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, führte der Staatsanwalt bei einer Anklage wegen Betheiligung an einem Pressvergehen als strafschärfend aus: der Angeklagte sei besonders gefährlich, weil er es bisher verstanden habe, sich so zu halten, dass er noch nie mit den Gesetzen in Konflikt gekommen. Den Drucker der anarchistischen Zeitung „Der Sozialist” klagte man wiederholt mit an, weil in der Zeitung ein Artikel strafbaren Inhalts erschienen war. Er wurde zunächst stets freigesprochen, schließlich aber doch auf Grund des gleichen Thatbestandes unter der Feststellung, dass er sich um die Redaktion und Expedition der fraglichen Nummer nicht gekümmert habe, zu 6 Monaten Gefängnis verurtheilt, natürlich mit Hülfe des bekannten Dolus eventualis [3]. Ein andermal erhielt der Redakteur des Sozialist für einen ohne jeden Zusatz erfolgten Abdruck des bekannten Gedichts von Heine „König Langohr” [4] wegen Majestätsbeleidigung 4 Monate Gefängnis. Alle diese Verurtheilungen und Beurtheilungen sogenannter anarchistischer Strafthaten sind nur wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Sie könnten noch um eine erhebliche Anzahl Beispiele bereichert werden.

Die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Rechtsprechung Anarchisten gegenüber hat erst der Prozess wider Koschemann und Genossen, welche der Absendung einer Sprengkiste an den Polizeiobersten Krause beschuldigt wurden, erregt, welcher vom 6.—15. April d. J. vor dem Schwurgericht am Landgericht I Berlin verhandelt wurde.

In der Nacht vom 29. zum 30 Juni 1895 kam in Berlin aus Fürstenwalde eine an den Obersten Krause, Alexanderplatz 2, adressirte Kiste an. Dieselbe wurde infolge heraustropfender Flüssigkeit verdächtig, und als sie unter Anwendung von Vorsichtsmaassregeln auf der Post geöffnet wurde, ergab sich als Inhalt des Packets eine sogenannte Höllenmaschine: ein Pulverbehälter mit Zündschnur, die mit einer Weckeruhr derart verbunden war, dass nach Ablauf einer bestimmten Zeit die Explosion erfolgen musste. Die Anklage beschuldigte die beiden Hauptangeklagten Koschemann und Westphal der gemeinsamen Thäterschaft. Sie sollten beide in der Wohnung Westphals die Kiste hergestellt und Koschemann sie dann selbst in Fürstenwalde zur Post gegeben haben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angegeben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angetreten, für die Thäterschaft wurde in der Hauptsache angeführt: Koschemann sei identisch mit der Person, die das Packet in Fürstenwalde aufgegeben hat. Es wurden ca. 20 Zeugen vernommen, welche die in Frage kommende Person am 29 Juni 1895 gesehen hatten. Auf fast sämtliche Zeugen hatte die Person den Eindruck einer verkleideten Frau gemacht. Von Koschemann, einem durchaus männlich gebauten, jungen Menschen von 23 Jahren mit bartlosem, vielleicht etwas mädchenhaftem Kopf, sagten nun einige Zeugen, er könne mit jener Person identisch sein, andere verneinten es mit Bestimmtheit. Ferner bekundete der Bibliotheksdiener Brede, gegen dessen objektive Glaubwürdigkeit erhebliche Bedenken geltend gemacht wurden: Koschemann habe ihm gegenüber viel Redensarten über den Obersten Krause gemacht, er habe ihm am zweiten Pfingsttag (3. Juni) 1895 gesagt, dass er sich in Wusterhausen eine Weckuhr gekauft habe. In der Kiste befand sich nun eine sogenannte Junghans-Weckuhr. Ein Uhrmacher in Wusterhausen hatte am zweiten oder dritten Pfingstfeiertag (nach der Eintragung in den Büchern aber wahrscheinlich am dritten) eine solche Weckuhr an einen ihm unbekannten Käufer, der den Namen Kurte angab, also einen Namen, der mit demselben Buchstaben anfange, wie Koschemann, verkauft. In Bezug auf die erste und wichtigste Frage, die Identität mit der in Fürstenwalde gesehenen Person trat Koschemann einen Alibi-Beweis an, dessen Beweiskraft aber von der Anklagebehörde bestritten wurde. Diese blieb auf Grund der mündlichen Verhandlung bei der Ansicht, dass Koschemann die Kiste zur Post gegeben habe, verlangte dagegen Verurtheilung des Westphal nur wegen Begünstigung, welche darin gefunden werden sollte, dass Westphal versucht habe, dem Koschemann den Alibi-Beweis zu sichern, in der Absicht, ihn der Bestrafung zu entziehen.

Die Geschworenen haben die Frage, ob Koschemann der Thäter ist, verneint. Sie haben also Koschemann nicht für die Person gehalten, welche die Kiste in Fürstenwalde zur Post gegeben hat. Die Geschworenen haben aber die Frage, ob er zur That Beihülfe geleistet habe, bejaht und haben ferner Westphal der Begünstigung schuldig erklärt. Jener wurde zu 10 Jahren und 1 Monat Zuchthaus, dieser zu 1 Jahr Gefängnis verurtheilt.

In welchen Thatumständen die Geschworenen eine Beihülfe gefunden haben, die Koschemann unbekannten Thätern geleistet haben soll, entzieht sich der öffentlichen Kenntniss. Wie nun aber die Geschworenen weiter dazu gekommen sind, trotz der Verneinung der Thäterschaft Koschemanns die Frage gegen Westphal auf Begünstigung zu beziehen, ist unerfindlich. Es sei denn, man nehme an, dass die Geschworenen der Ansicht waren: die Angeklagten sind Anarchisten, man kann sich von ihnen der That versehen, und darum werden sie verurtheilt.

Die Möglichkeit, dass die Geschworenen zu einem solchen Urtheil kommen konnten, muss man zugestehen, wenn man der ganzen langen Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist. Da durfte zunächst der Kriminalkommissar Bösel eine lange Geschichte über das angebliche Treiben der hiesigen Anarchisten in einem Lokal in der Petersburgerstrasse (wo die Angeklagten aber, wie Bösel selbst zugiebt, nie verkehrt haben) und in einem Lokal bei Späth, wo ein Diskutirklub nach polizeilicher Anmeldung seine Sitzungen abhielt und wo allerdings die Angeklagten auch ab und zu hingegangen sind, erzählen. Gerade an diesen Orten sollten nach Angaben des Herrn Bösel eifrige Anhänger der Propaganda der That verkehren, wie ihm seine — ungenannten — Gewährsmänner versichert haben. Es ist aber nun doch mehr als auffällig, dass noch nicht ein Mal gegen irgend einen Besucher dieser Diskutir-Versammlungen eine Anklage wegen strafbarer Aeusserungen erhoben worden ist. Entweder sind die Angaben der Gewährsmänner des Herrn Bösel falsch, oder man lasst dort bei Späth ruhig Strafthaten begehen, die anderswo, wie wir an oben aufgeführten Beispielen ersehen haben, mit schweren Strafen belegt worden sind. Aus diesem Gedankengang heraus wird es dann verständlich, wenn ein anderer im Prozess vernommener Zeuge die Diskutir-Versammlungen bei Späth als „Spitzelfalle” bezeichnete. — Ein anderes Mal bekundete der Zeuge Bösel in längerer Auseinandersetzung, wie die Polizei dazu gekommen sei, nach Jahr und Tag doch wieder den schon einmal fallen gelassenen Verdacht gegen die Angeklagten aufzunehmen [5], warum er sie für schuldig halte, und dass das Beweismaterial erdrückend sei. Hat man denn schon jemals früher in einem Prozess einen Polizeibeamten, welcher die Vorermittelungen angestellt hatte, als Gutachter auftreten lassen? Ein Zeuge ist zum Bekunden von Thatsachen da; eine gutachtliche Meinungsäusserung über die Frage, ob das Beweismaterial erdrückend ist, oder nicht, hat ein Gericht noch niemals extrahirt, weil dies die Frage ist, die von den Urtheilenden selbst zu beantworten ist. — Ein anderer Kriminalbeamter hielt den Geschworenen einen ausführlichen Vortrag über die Herkunft des in der Sprengkiste befindlichen Revolvers, um damit zu schliessen, dass es nicht gelungen sei, irgend einem der Angeschuldigten zu beweisen, dass sie überhaupt einen Revolver, am wenigsten den hier in der Kiste befindlich gewesenen jemals besessen haben. Bei einem der freigesprochenen Angeklagten hatte man die Abschrift eines Sprengstoff-Rezeptes gefunden. Flugs hält der sachverständige Chemiker den Geschworenen einen Vortrag über die Gefährlichkeit des Stoffes, welcher nach diesem Rezept angefertigt werden könne. Zum Schluss aber die (in diesem Prozess fast übliche) Bezeugung, dass das Rezept mit der an den Obersten Krause adressirten Sprengkiste und deren Inhalt nicht das Geringste zu thun habe. Dutzende von Zeugen werden vernommen, nur um darzuthun, dass irgend welche anderen Leute, die nicht auf der Anklagebank sitzen, auf die man aber vielleicht hatte Verdacht werfen können, nicht die zur Anklage gestellte That begangen haben. Ja, muss denn nicht schliesslich in den Geschworenen die Ansicht sich festsetzen: wenn alle Anderen es nicht gewesen sind, dann bleiben ja nur die Angeklagten übrig. Bisher war im Gerichtsaal Sitte, dass man nicht aufwies, wer es nicht gewesen sei, sondern nur sich für verpflichtet erachtete, zu erweisen, dass der Angeklagte die That begangen. Wehe den Angeklagten, wenn die Rechtsprechung diesen einzig zulässigen Weg verlässt.

Dass alle diese Umstände zusammen geeignet sind, auf Geschworene dahin zu wirken, dass sie die Angeklagten mit anderen Augen ansehen, als sie es Angeklagten gegenüber gethan haben worden, deren politische Ansicht ausser Betracht geblieben wäre, bedarf keines besonderen Beweises.

Der Unterzeichnete hörte einmal aus berufenem Munde in einer Anarchistensache den Ausspruch: „Was, solche Leute berufen sich auf das Gesetz!” Mit diesem Ausspruch ist die Stimmung bezeichnet, in welcher allein es möglich ist, von Anarchistensachen als von einer besonderen Kategorie von Strafprozessen zu sprechen. Erste Grundlage des Rechtsstaats sollte es doch wohl sein, dass alle Menschen, mögen sie selbst die Gesetze für noch so schlecht halten, mögen sie politische oder religiöse Ansichten haben, welche sie wollen, von ihren Richtern nur nach dem Gesetz beurtheilt werden. Er ist deshalb unzulässig, einen Angeklagten allein darum, weil er sich Anarchist nennt, für schuldig zu erachten.

Die zahlreichen Anarchisten-Prozesse, welche in den letzten 5 Jahren, und namentlich seit dem Scheitern der Umsturzvorlage [6], angestrengt wurden, haben das eine gemeinsame Ergebniss zutage befördert, dass es eine anarchistische Bewegung, welche den gewaltsamen Umsturz anstrebt, in Deutschland nicht giebt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gefahr einer solchen Bewegung gänzlich ausgeschlossen sei. Diejenigen, welche den Wunsch hegen, es möge in Deutschland wirklich zur feststehenden Methode werden, anarchistischen Angeklagten gegenüber ein anderes Beweisverfahren und eine andere Rechtsprechung zu üben, als gegenüber Angeklagten anderer politischer Richtungen, mögen sich klar machen, dass dann allerdings einmal ein also Verurtheilter aufstehen und sagen könnte: Ihr habt mir gegenüber das Gesetz ausser Kraft gesetzt, ich halte mich infolgedessen auch meinerseits nicht mehr an ein solches gebunden.

Mit Ungerechtigkeit wird man Ungerechte nicht zu Gerechten machen.

Richard Bieber

Anmerkungen
*      Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik (Berlin – Frankfurt/M). Jg. VI, No. 31, 29. April 1897, Spalte 745-751. – Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Sperrungen im Original werden kursiv wiedergegeben, Anmerkungen der Herausgeber sind mit [JS] gekennzeichnet.

Richard Bieber (1858 – 1936), Dr. jur.; Schriftsteller, Rechtsanwalt und Notar. Verheiratet mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hanna Bieber-Böhm (1851 – 1910). Beide gehörten 1892 zu den Begründern der in Berlin ansässigen Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur und ihrer Zeitschrift Ethische Kultur, die bis 1936 bestanden. Bieber war lange Zeit in der Leitung der Gesellschaft und Herausgeber der Zeitschrift. In der Gesellschaft waren bekannte Linksliberale und Sozialisten wie Ferdinand Tönnies, Dora Lux (geb. Bieber), Heinrich Lux, Lily Braun und Friedrich Wilhelm Foerster aktiv. [JS]

[1]      Durch Zufall wurde dem Unterzeichneten gegen Ende des Jahres 1892 das erste Mal eine Vertheidigung in einer sogenannten Anarchistensache übertragen, und er hat seit dieser Zeit in der weitaus grössten Mehrzahl derartiger zur Verhandlung gekommener Sachen mitgewirkt. Es ist dies im Ganzen in 27 Anklagen der Fall gewesen. Für die herrschenden Vorurtheile muss als charakteristisch erwähnt werden, dass in der beim Landgericht Kottbus verhandelten Sache (s. u.) die Angeklagten sich an den Unterzeichneten wandten, weil es ihnen nicht möglich war, in Kottbus selbst einen Vertheidiger zu finden; dass der Unterzeichnete ferner sehr häufig gefragt wird, ob er etwa selbst Anarchist sei, offenbar weil in den Augen der Frager ein Anarchist ein Individuum ist, das an sich auf Gerechtigkeit keinen Anspruch hat, und das man gegen ungerechte Anklagen nur zu vertheidigen wagt, wenn man selbst dessen politische Anschauungen theilt.

[2]      Władysław (Ladislaus) Gumplowicz (1869 – 1942); Wirtschaftswissenschaftler, Geograph, Politiker; nach der Verhaftung Gustav Landauers 1893 kurzfristig Herausgeber des „Sozialist”; Übersetzer von Peter Kropotkin, Die historische Rolle des Staates, Berlin 1898; Verfasser von Nationalismus und Internationalismus im 19. Jahrhundert (Am Anfang des Jahrhunderts, 7. Heft), Berlin 1902; Kwestya polska a socyalizm, Warszawa 1908. [JS]

[3]      Dolus eventualis, Eventualvorsatz, Eventualdolus oder bedingter Vorsatz: wenn der Täter den Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hält und ihn zugleich billigend (im Rechtssinne) in Kauf nimmt und sich damit abfindet (wikipedia). [JS]

[4]      Heinrich Heine, König Langohr I. (http://www.heinrich-heine.net/langohr.htm) [JS]

[5]      Sofort am 30. Juni 1895 hat die politische Polizei gegen Koschemann und Westphal ein Ermittelungsverfahren begonnen. Die damaligen Ermittelungen hatten damit geendet, dass die Polizei das Alibi als bewiesen annahm. Nach etwa einem Jahr nahm man das Verfahren wieder auf. Da die Polizei es gleich nach der That nicht für nötig gehalten hatte, die Entlastungsbeweise in ausführlichen Protokollen festzulegen, verwickelten sich die Beschuldigten nunmehr nach Jahr und Tag in einzelnen Punkten in Widersprüche (und wer würde sich nicht in Widersprüche verwickeln, wenn er gezwungen würde, sich heute darüber auszusprechen, wo er am 29. Juni 1895, sowie an den Tagen vorher und nachher sich aufgehalten habe), welche danach das Hauptbelastungsmaterial der Anklage bildeten.

[6]      Gesetz, betreffend Änderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuchs, des Militärgesetzbuchs und des Gesetzes über die Presse – ein am 6. Dezember 1894 von der Regierung Hohenlohe dem deutschen Reichstag vorgelegter Gesetzentwurf, der sich in erster Linie gegen die Sozialdemokratie und deren (angeblich) gesellschaftsumstürzende Absichten richtete und einer verschärften Neuauflage des Sozialistengesetzes gleichkam, in seinen verwaschenen Formulierungen allerdings auch tiefgreifende Eingriffe in die Pressefreiheit und selbst in die Freiheit der Forschung und Lehre möglich gemacht hätte. Der Gesetzentwurf führt zu einer breiten Protestbewegung, an der sich neben der Arbeiterbewegung auch die liberalen Parteien, Stadtverwaltungen, Bauernverbände sowie bekannte Intellektuelle aus Kunst und Wissenschaft beteiligen. Die Umsturzvorlage scheiterte am 11. Mai 1895 in zweiter Lesung im Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokratie und den liberalen bürgerlichen Parteien. [JS]

[JS – bearbeitet von Jonnie Schlichting | barrikade]

kaiserzeit02_gross[26.12.2016]

Revolutionsromantik

SPD-1«Die Autonomie», London, Nr. 164 – 12. Dezember 1891 – VI. Jahrgang, S. 4

 

Revolutionsromantik

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Wer sich daran erinnert, daß sozialdemokratische Wortführer im Anfang der neunziger Jahre mehrfach die soziale Revolution, d.h. das, was man gemeinhin als den „großen Kladderadatsch“ bezeichnet, für das Jahr 1898 ankündigten, wird es begreiflich finden, daß zu jener Zeit in den Tiefen der großstädtischen Arbeiterbewegung die Zuversicht der bevorstehenden Umwälzung eine allgemeine war. Eine Reihe an Umfang und Wirkung zunehmender wirtschaftlicher Krisen hatten das wirtschaftliche Leben in Deutschland stark erschüttert, und es schien, als solle die marxistische Krisentheorie durch die Tatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung ihre baldige Bestätigung erleben und die Realisierung der sozialistischen Ideale damit in nächster Nähe gerückt sein.

In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde um diese Zeit mit aller Kraft die politische Organisation des Proletariats zu vervollkommnen gesucht, damit im entscheidenden Moment, wenn die Gewalt einer wirtschaftlichen Krise das bisherige soziale System umstürze, die politische Macht der Arbeiterklasse einer reaktionären Konterrevolution siegreich standzuhalten vermöge.

In den anarchistischen Arbeiterkreisen machte sich ein mehr praktisch-revolutionärer Zug geltend. Derselbe äußerte sich aber keineswegs in Taten, sondern blieb – entsprechend dem zu pedantischer Tüftelei neigenden Charakter der deutschen Arbeiter – auf die theoretische Diskussion revolutionärer Möglichkeiten beschränkt. Wie weit das ging, mag die Erwähnung einer Auseinandersetzung beweisen, der ich einmal beiwohnte und in der um das Schicksal der öffentlichen Kunstschätze und Bibliotheken für den Fall einer Revolution heiß gestritten wurde; es gab zwei Meinungen: die einen hielten das Schicksal dieser Kulturgüter bei aller Anerkennung ihres Wertes doch für so unwichtig, als daß man sich darüber etwa während eines Straßenkampfes den Kopf zerbrechen dürfe, – die anderen aber erklärten den Schutz und die Erhaltung derselben für eine der ersten Aufgaben fortgeschrittener Revolutionäre und priesen die Bewachung der Museen und Bibliotheken gegen etwaige Plünderungen durch Unwissende als nicht minder rühmlich wie den Kampf auf der Barrikade.

Es liegt in Hinsicht auf derartige Debatten nahe, anzunehmen, daß in diesen Kreisen positiv auf den Ausbruch einer Revolution hingearbeitet worden wäre. Jedoch war das keineswegs der Fall. Nichts lag ihnen ferner als der Gedanke etwa an eine Verschwörung oder der Inszenierung eines Putsches und Michael Bakunin, dessen Anschauungen von Staat und Gesellschaft der Ideengang dieser Männer zu folgen versuchte, hätte solchen Anhängern wohl gelangweilt und verdrossen den Rücken gewandt.

Einzig der felsenfeste Glaube, daß eine Krise im Laufe des gesellschaftlichen Entwicklungsganges die soziale Revolution automatisch auslösen müsse, und daß dieses Ereignis unmittelbar bevorstehe, führte zu einer revolutionären Stimmung, die besonders prägnant da zum Ausdruck kam, wo es, sei es in Volksversammlungen oder am Biertisch, Streitigkeiten mit Sozialdemokraten gab, deren sozialreformatorische Bestrebungen als revolutionshemmend und –hinausschiebend angesehen wurden.

Johann Most, der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, der zufolge seiner radikalen Tendenz Deutschland zur Zeit des Sozialistengesetzes verlassen mußte, und seitdem, zuerst in London, dann in Neuyork, die kommunistisch-anarchistische Wochenschrift „Freiheit“ herausgab und noch herausgibt, hat ein – schon erwähntes – Büchlein herausgegeben, betitelt: „Revolutionäre Kriegskunst“. Es stellt gewissermaßen eine Strategie des Straßenkampfes, wie auch der indivivuellen, revolutionären Tat, des Attentats, dar. Die Herstellung von Nitroglyzerin, der Bau von Barrikaden und ähnliches sind darin anschaulich geschildert.

Ich fühle mich außerstande, den praktischen Wert dieser Schrift zu beurteilen. Ich weiß jedoch, daß die Polizei ihr eine große Bedeutung beimaß, sehr eifrig danach fahndete und daß sie einem Polizeikommissar – wie wir noch sehen werden – als ein begehrenswerter Besitz erschien. Andererseits weiß ich aber ebensowohl, daß in den Kreisen derer, für die das Buch geschrieben ist, es nie eine andere Schätzung erfahren hat, als die, daß es allgemein für eine Rarität galt, nach dessen Lektüre manch einer sich mit demselben erwartungsvollen Schauer sehnte wie ein stupides Dienstmädchen nach der Fortsetzung ihres Schundromans. Es ist zu bezweifeln, ob es je und irgendwo zur Ausbildung auch nur eines einzigen entschlossenen Revolutionskämpfers beigetragen hat.

Zur selben Zeit, da in Paris der Anarchist Vaillant seine unschädliche Demonstrationsbombe in die französische Deputiertenkammer warf, und, um seinen Tod unter der Guillotine zu rächen und zur Vernichtung der Bourgeoisie anzuspornen, sein Genosse Emile Henry die Explosion im Pariser Café Terminus bewirkte, um diese Tat alsdann vor Gericht sachlich und mit geradezu philosophischer Kaltblütigkeit eingehend zu begründen, – in diesen Tagen, da die Anarchistenverfolgung auch in Deutschland eine äußerst rigorose war, dachte gleichwohl unter den Anarchisten niemand daran, solche Taten nachzuahmen. Die in diese Zeit fallenden, weiter vorn schon einmal erwähnten Schüsse des Berliner Anarchisten Schewe auf einen Kriminalpolizisten stellen lediglich einen spontanen Zornesausbruch über eine unaufhörliche und schließlich unerträgliche Observation dar.

Ein akademisch gebildeten Feuerkopf slawischer Abstammung, der einmal unter Berliner Anarchisten Pläne entwickelte, die auf die Propaganda anarchistischer Ideen im Heere abzielten, begegnete allgemeiner Skepsis, der sich teilweise sogar direktes Mißtrauen zugesellte.

Ein proletarischer Feuerkopf, der sich hoch und teuer verschwor, dem damals noch lebenden Reichsanwalt Tessendorf seine Rigorosität in den Hochverratsprozessen gegen Sozialdemokraten und Anarchisten einzutränken und an ihm ein abschreckendes Beispiel zu demonstrieren, ward weder ausgelacht oder gemieden. Mit Büchners „Kraft und Stoff“ in der einen, und einem Revolver in der anderen Tasche, erzählte er davon jedem, der es hören wollte, und behauptete verdrossen, seinen Plan nur deshalb nicht ausführen zu können, weil ihm kein Mensch den Taler zum Fahrgeld nach Leipzig pumpe, dem Wohnsitz des Verhaßten.

… Fortsetzung folgt …

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… im Buch. Auszug aus dem im März/April 2016 erscheinenden Neuauflage
Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung
von Alfred Weidner aus dem Jahre 1904.

Dieser Nachdruck wird ergänzt durch Prozeßberichte zum Koschemann-Prozeß
sowie eine Kurzbiografie über Albert Weidner.

Insgesamt ca. 180 Seiten Umfang – Preis 10 €uro