Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Der Holtz-Weg (II)

Der F.C. Holtz-Weg zum Nationalsozialisten

»Schwarz-Weiß-Rot bis in den Tod!«

»Es ist in der Tat ein Muster der Publizistik, wie sie wohl von jener Seite her nicht eben selten begegnet:
das Günstige wird verschwiegen, das Ungünstige auf das schärfste beleuchtet.«

• Tönnies, »Fridericus« (1932)

Friedrich Carl Holtz * 1881 (Wismar) – 1939 (Berlin)

• Freiwilliger im deutschen Expeditionskorps in China 1899-1904 Tsientsien, China, Leiter der deutsch-chinesischen Schule, Mitarbeiter der Soldatenzeitung Ostasiatischer Lloyd

Lehrer für kaufmännische Korrespondenz und vaterländische Geschichte an einer Beamten-Fachschule und einer Handelsschule in Lübeck bis zum Kriegsausbruch

• 54. Infanterie-Division unter General Freiherr von Watter in I. Weltkrieg 1915-1918 [Watter erwarb sich weitere Verdienste bei der Niederschlagung der »Roten Ruhr-Armee« – Severing nannte sein Buch über den Kampf gegen die Rote Ruhr-Armee »Im Wetter- und Watter-Winkel«]

• Hamburg, Dezember 1918 – München, Juni 1922 – Juni 1924

• Berlin, 1924 bis zu seinem Tode 1939

In der BARRIKADE zwo haben wir über den »Fall Dr. Paschen« ausführlich geschrieben. Nun, kurz vor der Veröffentlichung der Ausgabe am 19. Oktober erreichte uns das letzte veröffentlichte Buch des F.C. Holtz, welches der Historiker und Geschichtslehrer/innen-Prüfer Studiendirektor Dr. Joachim Paschen in seinem Verriß der Hamburger Revolution 1918/19 (Frieden, Freiheit, Brot – DOBU-Verlag Hamburg 2008) nicht erwähnt.

Dazu bedarf es auch keiner weiteren Erklärung, wenn wir die Fakten aus dem Holtz-Buch von 1939 hier vorlegen – das Buch heißt Nacht der Nation [und nicht Nacht der Nationen, wie es in den einschlägigen Universitätsbibliotheken geführt wird; wir haben es schlicht und einfach über das Internet innerhalb von einer Woche kaufen können].

Hamburger Warte:
Gegen die Diktatur des Deserteurs Laufenberg und des Juden Wolfheim

F.C. Holtz, äußerlich der bürgerliche Biedermann und kriegsverletzte Vollinvalide (er schlug als 18jähriger Freiwilliger 1899 den chinesischen Boxeraufstand nieder), war als nationalsozialistischer Brandstifter in Norddeutschland tätig. Er war der  seit »Dezember 1918 aufgetretener öffentlicher Bekämpfer der Novemberverbrecher« (Knoll, [NdN, S. 297])

Sein Haß auf die Hamburger und die deutsche Revolution war glühend heiß – sein Antisemitismus kommt bereits in seiner Wochenzeitung Hamburger Warte ab dem 14. Dezember 1918 zu Tage. Er hetzte gegen die organisierte Arbeiterbewegung, gegen den ‚roten Pöbel‘, das Lumpenproletariat und die politischen Parteien der Linken – egal ob MSPD, Unabhängige oder Linksradikale. Alle mußten vernichtet werden, um Deutschland zu erneuter Größe zu verhelfen.

»Man hat uns gesagt, es sei ein Wagnis in heutiger Zeit eine bürgerliche Zeitung herauszugeben. Wir haben’s gewagt! Denn wir meinen, dass Arbeiter und Bürger, die mehr als 4 Jahre zusammen im Schützengraben gelegen haben, nun auch weiter miteinander gehen sollen … Wir können uns nicht damit befreunden, dass das Band, das Arbeiter und Bürger im grauen Rock umschlang, nun auf einmal zerrissen sein soll. Von dem wenigen Guten, das uns der Krieg gebracht hat, ist das verständnisvolle, kameradschaftliche Verhältnis zwischen Bürger und Arbeiter das Beste. Das wollen wir hegen und pflegen zum Wohle unseres Volkes und Vaterlandes.«
Hamburger Warte, Nr. 1 – 14.12.1918 (Sembritzki, S. 46)

Der Pöbel (abgeleitet vom französischen le peuple – das Volk) durfte nicht putschen oder gegen die Obrigkeit meutern. Dieses Vorrechte hat nach F.C. Holtz nur herrschende Kreise, seine Aufgabe sah er deshalb »die unbarmherzige Aufdeckung aller durch den Umsturz verursachten Fehler und Gebrästen, daß die Erkenntnis des Übels der erste Schritt zur Neuerstarkung unseres Vaterlandes sein muß.« (zitiert nach Sembritzki, S. 49 – wohl versehendlich der Ausgabe vom 13.12.1919 zugeordnet (?)).

Putschversuch? 20. Juli 1920

„Aktionsausschuss der Linksradikalen – Aufstand: Führer außer Laufenberg/Wolffheim, Roche (Syndikalisten), Langer und Rüddigkeit (Fr. Sozialisten) zusammen mit AAU und Thälmann (USP) – Folgende Stadtteile wurden zugewiesen Hammerbrook, Horn: AAU; Eimsbüttel: Syndikalisten; Grenze Altona und Berzirk St. Pauli: Freie Sozialisten.“

Syndikalisten und AAU (beide angeführt von Roche!) sowie die Freien Sozialisten um Langer planen also den bewaffneten Aufstand nach einer gemeinsamen Demonstration mit dem Angriff und der Besetzung von Polizeiwachen und Behörden zusammen mit Thälmanns USP, nicht aber mit der KPD! Altona-Ottensen war nicht mit einbezogen, kommt in den Lageberichten nicht vor, obwohl die AAU hier einen eigene Bezirk Altona-Ottensen hat … [• Bericht darüber in Hamburger Warte – Sonnabend, 21. August 1920 – Seite 20]

Interessant ist auch folgende kleine Randnotiz: der designierte Hamburger Bürgermeister nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 – der rechte Sozialdemokrat Gustav Dahrendorf, wurde von seinem Lehrherren während der Revolution auf einer Apfelsinenkiste stehend und revolutionäre Reden schwingend angetroffen und sofort entlassen. Das waren also die »roten Halbstarken« der angeblichen Roten Garde. (Gustav Dahrendorf, zdk-Büchlein, Hamburg 2004 [S. 34])

»Hunger ist die Mutter der Anarchie« (Paschen, S. 118)

 Versorgungsengpässe werden von F.C. Holtz als Ergebnis der Inkompetenz der Arbeiter-und Soldaten-Rates unter Laufenberg bezeichnet. Der monarchistische Sozialdemokrat Baumann dagegen wirft eben diesem AuS-Rat vor, die öffentliche Versorgung nur selektiv und nicht für die gesamte Bevölkerung bereitgestellt zu haben. Stichwort: Plünderungen von Lebensmittel-Lagern durch den Pöbel. Der war bis dato am Verhungern, während das Bürgertum aus vollen Kellern sich versorgte …

Hinweis: Paschen beschreibt, daß die Fahrpreise für die Straßen- und Hochbahn (U-Bahn) zum 1. Januar 1919 von 15 auf 20 Pfennige erhöht werden. Delikatessenläden wurden angewiesen »aus Rücksicht auf die Arbeitslosen aus dem Schaufenster zu nehmen, um niemanden zu erbittern, der sich für 80 Pfennige das Pfund Wurzelmus als Marmeladenersatz auf das Kommissbrot schmieren darf.« [S. 69] Einige Seiten früher, erwähnt »wir« (Paschen, fiktiv) eine 20seitige Broschüre mit der Rede Laufenbergs vor dem Arbeiter- und Soldatenrat vom 30. November 1918 für 30 Pfennig, »die wir uns vom Munde absparen, verzichten auf die Wochenration von 60 Gramm Margarine«  … die Hamburger Warte kostete damals 15 Pfennige für vier Zeitungsseiten … Im Gewerkschaftshaus kostet ein Glas Bier damals 80 Pfennig [Paschen, S. 97], die »Arbeitersülze kostet das Pfund 3 Mark« [Paschen, S. 178]

Ein »armer Mann« kann Holtz nicht gewesen sein, denn am 3. Oktober 1919 gründet er zusammen mit dem Kaufmann Gustav Schilling die Hamburger Warte G.m.b.H. mit einem Kapital von 140.000 Mark (Schilling übernahm 77.000 Mark Stammeinlage, Holtz 63.000 Mark) – siehe Handelsregister C 2529 [Sembritzki, S. 53].

Vergessen zu erwähnen hat Holtz natürlich auch, daß Laufenberg und Wolfheim bereits gleich nach der KAPD-Gründung im April 1920 ihren Ausschluß aus dieser kommunistischen Arbeiterpartei einleiteten, als sie ein Bündnis der Arbeiterklasse mit der nationalen Bourgeoisie zum Kampf gegen den westlichen Imperialismus forderten. Diese als Hamburger Nationalbolschewismus in die Geschichte eingegangene Ideologie dauerte nur bis 1921 und fand ebenso wenige klassenbewußte Arbeiter/innen wie Querfrontlern der völkisch-nationalrevolutionären Rechten (»linke Leute von rechts«). Der »Jude« Fritz Wolfheim ging diesen Weg konsequent über erfolglose Wiedereintrittsversuche in die bolschewistische KPD hin zum Beitritt 1930 zur Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten (GSRN) um Karl Otto Paetel zuende, er wurde im KZ Ravensbrück 1942 ermordet. Heinrich Laufenberg verstarb völlig verarmt und isoliert am 3. Februar 1932 als Gegner des Nationalsozialismus.

Mehr als interessant ist die Tatsache, daß Paschen nach dem 30. Juni 1919 keine Meldungen mehr des Echo verwendet, die über die Unruhen berichten. Erstens ist festzustellen, daß die Todesopfer von 42 über 54 auf 64 Personen erhöht hatte (HE, 2.7.19). Außerdem wurden plötzlich erhöhte Brotrationen und Margarine ohne Bezugscheine herausgegeben …

Und der antisemitische Deutsche Schutz- und Trutzbund und der Hammerbund gaben ein gemeinsames Hetzflugblatt heraus, das behauptete, der Sülze-Fabrikant Heil sei »Jude« … war er aber nicht, wie der Verein der Staatsbürger jüdischen Glaubens geflissentlich feststellte (HE, 28. Juni 1919), er war also ein übler deutscher Kapitalist und Ausbeuter.

Ein weiterer Aspekt, der nicht verschwiegen werden darf: Nach dem Einmarsch der Reichwehrtruppen unter Lettow-Vorbeck wurden Befehle zur Rückgabe der widerrechtlich angeeigneten Waffen erlassen. Dabei wurde für jedes Gewehr ganze 4 Mark, für 1.000 Schuß Infanterie- oder MG-Munition 4 M. und für ein Maschinengewehr 30 M. gezahlt. In den Betrieben übernahmen »Vertrauensleute der Arbeiterschaft« die Entwaffnung und Durchsuchung der Betriebe, und die einzelnen Stadtteile wurden abgeriegelt und Haus für Haus durchsucht. Bei wem noch eine Waffe gefunden wurde, der wurde festgenommen und auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand abgeurteilt (Verordnung Nr. 4 vom 1. Juli 1919, gültig ab 3. Juli, 12 Uhr mittags an; HE 3. Juli 1919).

Bei den Freien Sozialisten wurden ja angeblich 187 Maschinengewehre vermutet (siehe barrikade zwo) – leider ergaben die ab dem 3. Juli bezirks- und stadtteilweise durchgeführten Durchsuchungen nach Waffen insgesamt aber nur 185 Maschinengewehre, 8000 Gewehre, 2000 Karabiner, 1 Kanone und 2 Granatwerfer … [Danner, S. 22]

Hier zitiert Paschen dann ein Flugblatt der Freien Sozialisten, das Karl Langer auf seiner Alarm-Druckmaschine hergestellt haben soll: »Sieg oder Untergang! Haltet eure Waffen bereit, bis alle eure Forderungen erfüllt sind!« (ohne Quellenangabe!) – siehe nebenstehenden Artikel

Nochmal Alarm und Freie Sozialisten um Karl Langer

Auch diese Infamie des Herrn Paschen gilt es aufzudecken – das von ihm angeführte Freie Sozialisten-Flugblatt: »Behaltet Eure Waffen in der Hand!« wird vom Hamburgischen Correspondent (HC v. 26.6.1919 abends) in seiner Abendausgabe erwähnt, das Hamburger Echo schreibt in seiner Morgen-Ausgabe vom 27.6., daß dieses Flugblatt »auch nur in wenigen Exemplaren verbreitet« wurde, andererseits macht es die Freien Sozialisten zu den Verantwortlichen »für die wilde Bewaffnung unkontrollierbarer Volkshaufen« und wettert gleichzeitg gegen die Kommunisten, die nur an den Entwaffnungskommissionen teilgenommen hätte, um die eigenen Anhänger zu bewaffnen. Tja, so traurig ist die MSPD, gegen die Linksradikalen als Verräter an der Arbeitereinheit hetzen und die putschistischen Reaktionäre verharmlosen. Das konnten sie mit Inbrunst.

Die MSPD unterstellt der USP und der KPD/Linksradikalen/Spartakisten, daß sich auch gegen den gemeinsamen Beschluß der Entwaffnung angehen. Auf der anderen Seite argumentieren sie gegen die »Verräter« dieses Beschlusses. Sie dokumentieren damit nicht zum ersten und letzten Mal ihren Alleinvertretungsanspruch über die Arbeiterklasse, sie allein bzw. notfalls die übrigen beiden Arbeiterparteien eingeschlossen, haben das alleinige Recht, die Arbeitermassen zu führen und zu belehren. Als »moralische Pest«, »Pestilenz« bezeichnete die MSPD (HE vom 25. Juni 1919 – Abendausgabe, „Volksgericht!“) die Aburteilung von Verbrechern durch das »Volksgericht«, und die Unterzeichner und Flugblattverteiler, die morgens – ohne Einbindung der Sozialdemokraten – ein Flugblatt an die Bevölkerung Hamburgs verteilten: »Revolutionäre Obleute«, Zwölferkommission, USP und Spartakisten forderten die Arbeiter auf »kaltes Blut zu bewahren und nichts »zu unternehmen«, »was eine Aktion der ganzen hamburgischen Arbeiterschaft zersplittern könnte«. Im tolldreisten Umkehrschluß ist das für die MSP der Aufruf zur Zersplitterung der Arbeiterschaft! Und dann stellen sie die Kommunistische Arbeiterzeitung in einem Satz gleich neben die Hamburger Warte des Herrn F.C. Holtz … allerdings gibt sie beiden Zeitungen und der übrigen Presse recht, »daß die milden Urteile unserer Gerichte gegen Lebensmittelfälscher, Wucherer und Schieber geradezu Ermunterungen zur Ausübung dieser Verbrechen gewesen sind.« (HE, 25. Juni 19 – AA). Die »Herrschaft des Verbrechens« (Rätediktatur) könne nur durch die »Ausrottung aller Verbrechen« verhindert werden …

Wir drucken hier den Flugblatt-Text so vollständig ab, wie er aus dem HE vom 27.6.19, hervorgeht:

[Im Alarm, Nr. 27 vom 13.7.1921, wird das Flugblatt in der Rückschau abgedruckt, auf jeden Fall gegenlesen!!!]

Arbeiter, Proletarier!

Haltet fest, was Ihr habt!

Die Stunde der Entscheidung naht – sie ist da! Sieg des Prolateriats oder Untergang! Laßt Eure Interessen nicht verhandeln; handelt selbst. Ihr habt jetzt Euer Geschick in der Hand!

Es folgen Forderungen:

  1. Einziehung aller geld- und sonstigen Werte von der Kommune;
  2. Annullierung aller materiellen Verpflichtungen;
  3. Ausgabe von Lebensmitteln nur auf Lebensmittelkarten und Verpflegung der Bevölkerung durch die Kommune;
  4. Organisierung der Produktion durch die Betriebsräte auf der Grundlage des Bedarfs und der verfügbaren Arbeitskräfte.

Haltet Eure Waffen so lange in der Hand, bis diese Forderungen durchgeführt sind. Laßt Euch nicht wieder durch die parteipolitischen „Führer“ entzweien.

Das HE schreibt dann folgenden netten Satz: »Das ist die Aufforderung zum Verrat an den gestern beschlossenen Vereinbarungen aller drei Richtungen der Arbeiterbewegung Hamburgs, und darum können wir bis zum Beweis des Gegenteils nicht annehmen, daß die Parteileitungen der U.S.P. und der K.P.D. irgendeinen Zusammenhang mit diesen „Freien Sozialisten“, die zur Verweigerung der Waffenabgabe aufreizen, haben. Unsere Partei lehnt selbstverständlich jede Gemeinschaft mit solchen dunklen Elementen ab, die den Sozialismus mißbräuchlich im Munde führen, wenn sie ihn mit der Flinte in der Hand von heute auf morgen durchsetzen wollen. Die unter dem Schutze der wilden Bewaffnung ausgeführten Diebstähle, Plünderungen und sonstigen Gewalttaten zeigen ja auch deutlich genug, was man unter dieser Sorte von „freiem Sozialismus“ zu verstehen hat.« Der Aufruf der FS sei ein »Versuch, die Bevölkerung Hamburgs – und zwar die Arbeiterschaft genau wie das Bürgertum – in ähnlicher Weise zu vergewaltigen, wie es in Berlin, Bremen, München geschehen ist.«

Ein anderes Flugblatt der Freien Sozialisten datiert vom 26. Juni – also vor dem Einmarsch Lettow-Vorbecks (!) – und wird hier nachgedruckt [Dopf]. Anhand dieses Plakates wird endgültig deutlich, welche Geistes Kind die FS um Karl Langer sind, wenn er davon schreibt, daß der Hunger »auch das bessere Bürgertum zu Opfern« gemacht habe. Außerdem wendet sich der Aufruf ganz energisch gegen die »Hyänen der Kampfes« (Paschen und Holtz bezeichnen Plünderer ebenso), »die Plünderer, diese haben keine Gemeinschaft mit ehrlichen Kämpfern.«

Nach dem Einmarsch der Reichswehr erscheint ein weiteres Flugblatt, nun allerdings mit der (M)SPD, der USPD, der KPD und auch dem Arbeiterrat. Auch die »revolutionären Obleute« unterzeichnen jetzt einen Inhalt, der besagt, daß es sich bei den Sülze-Unruhen »der letzten Tage um keine politische Aktion handelte« und der neue Aufruf nur erfolge, um »unnützes Blutvergießen unter allen Umständen zu verhüten.« Wenige Tage vorher erklärten die gleichen Unterzeichner, allerdings eben ohne SPD und Arbeiterrat, daß aus »der spontanen Entrüstung über die schändliche Verfälschung von Lebensmitteln … eine stürmische Protestbewegung entstanden (sei), die die Hamburger Regierung glaubte, im Blut ersticken zu müssen.«

Aus der Hamburger Warte wird der Berliner Fridericus

»Kalter Bürgerkrieg ersetzt den offenen.« • Emil J. Gumbel – Vom Fememord zur Reichkanzlei (S. 36)

Nachdem Holtz und seine Warte bereits mehrfach verboten und der Verleger selbst zweimal Haftstrafen antreten mußte, das damalige Pressegesetz ihn des öfteren mit Beleidungsklagen und empfindlichen Geldstrafen belegte (Sembritzki, S. 55), so hinderte das die Auflagensteigerungen der Warte nicht – Ende 1921 soll sie bei 80.000 Exemplaren gelegen haben (Hamburger Warte, 3.8.1921).

Zu Beginn 1922 erschien in Berlin die Deutsche Fackel im Hamburger Warte-Verlag, und beide Zeitungen tauschten Textbeiträge aus, »der hamburgische Lokalcharakter« (Sembritzki, S. 57) ging in der Warte deutlich zurück.

Die letzte Ausgabe der Hamburger Warte erschien am 24. Juni 1922 mit einem Kommentar zum Rathenau-Attentat. Daraufhin wurde sie am 1. Juli 1922 beschlagnahmt und am 3. Juli durch den Hamburgischen Senat für 6 Monate verboten – zusammen mit 19 anderen faschistischen und rechtsextremen Organisationen, u.a. dem Holtzschen Jungbismarck-Bund, dem paramilitärischen Saalschutz der DNVP, der Organisation Consul, der NSDAP und auch der Zeitung Hamburger Tageblatt. Holtz rettet die Fahne des Jungbismarck-Bundes bei der Hausdurchsuchung, indem er sie sich um den Leib gebunden hat. Da nicht nur in Hamburg das Vermögen der Wochenzeitung beschlagnahmt, sondern die Warte auch in Schleswig-Holstein, Lübeck und Hannover verboten wurde (1) [NdN, S. 65/66] – emigrierte Holtz nach München, in die Hauptstadt der Bewegung.

In seinem Büchlein, Aus meiner gelben Mappe – Zweite Folge, 1923 in München erschienen, klingt das so: Die Hamburger Warte wurde im August 1922 »mit einem nassen und einem trockenen Auge nach München« beurlaubt und mit dem »‚Fridericus’, der ‚Deutschen Fackel’ und der ‚sächsischen Landeszeitung’« verbunden. (GM II, S. 1)

Denn sein Entschluß ist bereits gefaßt: er will von München aus eine neue Zeitung herausgeben [NdN, S. 68]. Bereits am Sonntag, den 9. Juli 1922 ist er in München und nimmt als Redner an der Fahnenweihe des dortigen Jungbismarck-Bundes teil. [NdN, S. 68] Holtz nennt seine Zeitung Fridericus – nach dem Alten Fritz -, um auch so gegen den bayerischen Separatismus energisch zu protestieren. Schnell lernt er auch Adolf Hitler kennen und wird einer seiner glühendsten Verehrer und Protagonisten (möglicherweise allerdings erst in Nachhinein).

Daß Herr Holtz ein sympathischer Kerl ist, wird auch durch die Meldung der Vossischen Zeitung vom Juli 1924 erhellt, die in einem Artikel über die rechtsextreme Mörder-Organisation C (»Consul«) des steckbrieflich gesuchten Ex-Marinebrigade-Führers Kapitänleutnant Ehrhardt folgendes schreibt: »Das Presseorgan der O.C. für den Süden ist der „Fridericus“, der in München herausgegeben wird.« [zitiert nach Munzinger-Archiv, N. 720, 15.7.24, 11771 a] Leider wird F.C. Holtz im Zusammenhang mit der Aburteilung der O.C. durch den Staatsgerichtshof in Leipzig 1924 nicht erwähnt. Dafür gab es aber gute Gründe – wie E.J. Gumbel schreibt – die  Lage hatte sich »beruhigt« und das öffentliche Interesse an einer Aufarbeitung der rechtsradikalen, völkischen und vaterländischen Putsche war erloschen … Entsprechend wurden die Verurteilten Mörder später amnestiert, während die Ermordeten Arbeiter und Femeopfer eben Pech gehabt hatten, sie waren ja schon liquidiert worden …

Holtz wird Nationalsozialist – 1922 in München

 »Arbeiter. Ist nicht die Seele des deutschen Volkes, die Seele des deutschen Arbeiters gleich der Seele eines Kindes, in die man alles Gute, Schöne und Edle hineinpflanzen könnte, wenn man sich nur die Mühe geben wollte?«
• F.C. Holtz – Aus meiner gelben Mappe, II. Folge 1923, München – »Arbeiter.« (S. 24)

 Holtz macht umgehend die Bekanntschaft mit der NSDAP und ihrem Führer Adolf Hitler, dem er so manchen norddeutschen Gesinnungsfreund vorstellt. [NdN, S. 75] Über den 1. Parteitag der Nazi-Partei schreibt Holtz im Fridericus: »… das wird man zugeben müssen, daß es der Führern der Bewegung, vor allem den wackeren Adolf Hitler, gelungen ist, Hunderttausende von deutschen Arbeitern der vaterländischen Sache zurückzugewinnen. (…) Die nationalsozialistische Bewegung … wie ihr Führer Adolf Hitler … [haben] die Erkenntnis gewonnen (…), daß die starken Wurzeln der Kraft des deutschen Volkes, insbesondere des deutschen Arbeiters, nicht in der Internationale, sondern im deutschen Vaterlande stecken.« [NdN, S. 77/78]

Den Hitlerputsch am 8./9. November 1923 erlebt er hautnah mit. Nachdem die angeblich friedliche Aufmarsch der Nationalsozialisten durch die Regierung des Generalstaats-kommissars v. Kahrs zusammengeschossen wurde (»feiger Verrat und Mord« [NdN, S. 82]), veröffentlicht Holtz die Ansichten und Erklärungen des Generals Ludendorff in seiner Zeitung am 18. November 1923 (Nr. 46/1923). Daraufhin wird auch der Fridericus für 3 Wochen verboten.

Die am Putsch beteiligten Verbände Oberland, Reichskriegsflagge und die NSDAP wurden noch in der Nacht zum 9. November für aufgelöst erklärt.

Bereits im Oktober 1922 lautet der Titel der Zeitung Fridericus – vereinigt mit Hamburger Warte.

Es gab noch eine kurze Zwischenepisode in Hamburg, als das Verbot der Warte wieder aufgehoben war. Geschäftlich übernahm Holtz dann die Verlags-GmbH vollständig, löste sie auf und siedelte nach Berlin über, wo dann auch die Deutsche Fackel im Fridericus aufging.

Ab dem 1. Juni 1924 residierte Holtz dann in der »jüdisch-marxistischen Hochburg«, in des Reiches Hauptstadt Berlin [NdN, S. 90]. Er trug also die Fackel »der am 9. November 1923 meuchlerisch hingemordeten Blutzeugen« nach Berlin, um deren »Flamme, die höher und höher aufloderte und endlich – 10 Jahre später – alles vernichtete, was an Einzelwesen und an Organisationen zu Deutschlands Schaden lebte und schmarotze.« [NdN, S. 90]

Holtz siedelt also noch vor dem neuen NSDAP-Gauleiter Dr. Josef Goebbels nach Berlin um. Der kam erst am 9. November 1926 und publizierte als Gegenzeitung zum offiziellen NSDAP-Organ Berliner Arbeiter-Zeitung der Strasser-Brüder ab 4. Juli 1927 die Montags-Wochenzeitung Der Angriff. Für die Unterdrückten – Gegen die Ausbeuter! – anfangs nur mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren (1927), während der Fridericus bereits  …

Er ist ein Nazi der ersten Stunde, sein Antisemitismus ist unglaublich, denn er zitiert aus seinem ‚Fridericus‘ Artikel zu Hitler – meine Fresse. Paschen erwähnt dieses Holtz-Buch NICHT – wohlweislich, denn es kommt mir fast so vor, als wenn Holtz von Hitler zu seinem Nordischen Wegbereiter gemacht wurde. Wo könnte mensch kurzfristig suchen? denn Goebbels und ganz speziell Hitler sollen Holtz gelobt und gewürdigt haben (zu Lebzeiten und nach seinem Tode) …

Holtz gründet für die Fememörder die Vaterländische Gefangen-Hilfe

»Der Kapitalismus hat sich konsolidiert, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Und die Arbeiterschaft möge wissen: Wenn der jetzige Siegeszug des Kapitalismus zum Stocken kommt und wenn die Demokratie nicht mehr zum Schutz der herrschenden Klasse genügt, werden Schwarze Reichswehr und Fememorde wieder auferstehen. Wenn diese Zeit sich an unsere Arbeit erinnert, so ist sie nicht vergebens gewesen.« E. J. Gumbel [i]

 Holtz war auch derjenige, der 1927 die Vaterländische Gefangenen-Hilfe gründete und damit die Feme-Mörder (»Auf Vaterlandsverrat steht der Tod«, »Säuberung der Arbeitskommandos der Schwarzen Reichswehr von Verrätern« wurde durch die SPD-Regierung gedeckt, in Sachsen gab’s dafür sogar eine Spezialpolizeitruppe!) über eine ‚Amnestie für a l l e politischen Gefangenen‘ rausholte. Es bestand eine Arbeitsgemeinschaft mit der Nationalen Nothilfe, die als Gegenstück zur KPD-Roten Hilfe die Verteidigungskosten und »für jeden Kameraden ein Entlassungsgeld bereitzustellen« [NdN, S. 242] Grundlage dieser Kampagne war die seit Jahren praktizierte Straffreiheit und –straflosigkeit für die politischen Morde der Nationalisten: »Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig!« Nach dieser Devise wurden weder die rechtsradikalen Morde bis 1923 (Gumbel) nie gesühnt. Einzige Ausnahme war der Mord an dem Reichsaußenminuister Rathenau. Die Mörder von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und all den  niedergemetzelten Arbeitern und Arbeiterinnen – oder auch von Erzberger – brauchten nichts zu befürchten.

Aber bereits 1933 wird F.C. Holtz von Wilhelm Freiherrn von Müffling als ‚Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland’, als einer der ‚Schöpfer des neuen Reiches’, erwähnt:

»Friedrich Carl Holtz schuf sich im ‚Fridericus’ eine scharfe Waffe gegen die November-Gewinnler und die republikanische Mißwirtschaft. Weil er für Ludendorff eintrat, wurde seine Wochenschrift in Bayern verboten. Unvergessen soll ihm sein, wie er die gesamte nationale Front für die Rettung der ‚Femerichter’ aufrief.« ([ii]) [Müffling, S. 36]

• Seit Berlin ist der Hauptmann a.D. Ernst Knoll einer seiner wichtigsten Mitkämpfer, der war Freikorpsfrewilliger

Friedrich Schwag kommentiert die ‚Denkschrift des Reichsjustizministers zu 2 Jahre Mord’ in der Weltbühne vom 24. Juli 1924: »Man braucht psychologisch nicht besonders geschult zu sein, um zwischen den Zeilen die hohe Befriedigung, das Lob und die Freude zu spüren, daß die bürgerliche Gesellschaft so schneidige Verteidiger besitzt. Sie schlugen über die Strenge, mehr noch: sie mußten das Opfer der Uebertretung des formalen Rechts auf sich nehmen, um mit dem revolutionären „Pack“, das die gottgewollte, kapitalistische Gesellschaftsordnung bedroht, fertig zu werden.«

»Dann haben sie auch wohl von der Zukunft geträumt. Die „verfluchten Proleten“ sollten gehenkt werden, ja, neue Foltersysteme wurden mit sadistischer Wollust ausgebaut. Die sie am meisten haßten, die wurden oft, ja fast täglich im Geiste zu Tode gemartert. Aber es waren keine Franzosen; sondern ihre „Erbfeinde“ waren: reiche Juden, dicke Bauern, sozialistische Arbeiter – und welcher Arbeiter ist für sie nicht Sozialist? – Gewerkschaftssekretäre und Männer der Regierung, (…)«
* * *: „Die Vaterländischen Verbände“, in: Die Weltbühne, 18. August 1925, S. 239–258, hier S. 244

Holtz gründet die Gewerkschaft Deutsche Hilfe

1929 gründet er die nationale Gewerkschaft Deutsche Hilfe [S. 267]. Diese ‚Gewerkschaft’ zahlte beim »von Kommunisten inszenierten, ungerechten Hafenarbeiterstreik« in Hamburg (wann?, Holtz nennt kein Datum) Gemaßregeltenunterstützung statt Streikgeld, weil »sie es ablehnte, ihre Mitglieder während des Streiks zur Arbeit zu schicken und sie dem Terror der Streikenden auszusetzen« [NdN, S. 268]. – Warum gründete er eine eigene Gewerkschaft als Konkurrenz zur nationalsozialistischen NSBO ? Ganz klar, weil die NSBO proletarischen Ursprungs ist und Klasseninteressen der Nazi-Arbeiter/innen vertreten wollte, Holtz war von Anfang an für die Nazi-Ideologie der Volksgemeinschaft.

Holtz initiiert 1930 den freiwilligen Reichsarbeitsdienst – die Rada

Ab Januar 1930 organisiert der ebenfalls von Holtz gegründete Bund Deutsche Hilfe (Bundesführer: Hermann Holtz und Rudolf Stanke) die Reichsarbeitsgemeinschaft für deutsche Arbeitsdienstpflicht (Rada). Diese, die »feste Grundlagen ausgearbeitet (hat) für die Einführung eines Arbeitsdienstes, seine Aufgaben und seine Finanzierung« (Nachwort Ernst Knoll [NdN, S. 305]). Die Idee zu diesem Arbeitsdienst war, die entlassenen Kameraden und rechtsextremen Gesinnungsfreunde in Lohn und Brot zu bringen. Hier kritisierte Holtz ganz energisch diejenigen Arbeitgeber, die sich zwar national gebärdeten, aber keine Arbeitsplätze für rechte Kämpfer, Frontsoldaten und Freikorpskämpfer aus Furcht vor den »roten Betriebsräten und den Belegschaften« zur Verfügung stellten. Die hauptsächlichen Träger der Rada-Arbeitsgemeinschaft waren »die Artamanen, der Stahlhelm, Jungdo und nicht zuletzt die NSDAP« [NdN, S. 283] Geholfen hat den Rechtsextremen bei der Arbeitsvermittlung von Kameraden neben Siemens und Knorr-Bremse weitere von Holtz aufgezählte Firmen, ohne Rücksicht auf Kritik aus der eigenen Belegschaft.

Holtz arbeitete »in diesem großen Werk der Kameradschaftstreue« mit allen vaterländisch gesinnten Organisationen zusammen und brachte 61 Parteien und Gruppierungen dazu, ein Konzept für einen Allgemeinen Arbeitsdienst zu entwickeln, der dann nach der Machtergreifung durch die NSDAP sehr schnell aus dem Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) den faschistischen Reichsarbeitsdienst (RAD) machte. Interessant ist hierbei, daß auf wikipedia weder Holtz noch die besagten 61 Organisationen als Wegbereiter, sondern Bulgarien erwähnt wird, das bereits 1920 einen Pflichtdienst eingeführt hatte.

F.C. Holtz redet auf einer Versammlung des Erwerbslosen-Bundes e.V. in Hamburg.

Das »arbeitsscheue Arbeitsministerium« des Ministers Stegerwald verweigerte der Rada die Anhörung bei einer für den 12. Januar 1931 im Reichsarbeitsministerium [NdN, S. 277/278] anberaumten Sitzung und ein hoher Beamter erklärte: »Diese Kreise wünschen wir nicht mit heranzuziehen.« [NdN, S. 278]. Dennoch setzte die Regierung Brüning 1931 einen Freiwilligen Arbeitsdienst ein, der zum Abbau der hohen, durch die Weltwirtschaftskrise verursachte Arbeitslosigkeit dienen sollte. Die Maßnahme hatten mehr propagandistischen Effekt, und die entstandenen Lager wurden teilweise als paramilitärische Ausbildungslager genutzt.

Oberst a.D. Konstantin Hierl (von 1929-31 Reichsorganisationleiter II der NSDAP) wurde Beauftragter des Führers für den Arbeitsdiens’ und nach Hitlers Machtantritt zum Reichskommissar für den FAD ernannt. Reichsarbeitsminister wurde der Stahlhelm-Führer Seldte.

• kein einziger Hinweis auf Holtz in Wolfgang Benz über den FAD (4)

Holtz agitiert gegen Warenhäuser

Genau das, was F.C. Holtz während der Hamburger Sülze-Unruhen 1919 dem »roten Pöbel« vorgeworfen hatte – nämlich bewußte politische Agitation gegen die Heilsche Katzen-Sülze zum Zwecke des Umsturzes – genau das betreibt Holtz in seinem Fridericus (2. Dezember-Ausgabe, Nr. 50 von 1929): »Kauft nicht in Warenhäusern!« lautet seine Parole zur Rettung des Kleinhandels und fordert staatliche Lebensmittelkontrolle. Er mutmaßt, daß die Kaufhäuser wie Karstadt (Rudolf Karstadt war übrigens einer der Anzeigenkunden in der Hamburger Warte, der dort seine Baumwollwaren halbseitig anpries! Nr. 28 vom 15. Juli 1919) ihr schlechtes Fleisch dritter Qualität falsch auszeichneten, um es teuer als „erstklassige oder feinste Qualität“ zu verkaufen und so von der Dummheit der preisbewußten Konsumentinnen zu profitieren. Dann schreibt der Verfasser Daun: »Derartige Gesetzeswidrigkeiten sind sehr leicht festzustellen, und sofort muß beim breiten Publikum das Gefühl des Ekels vor den Lebensmitteln der Warenhäuser durch entsprechende Flugschriften angeregt werden, und zwar ebenso rücksichtslos wie von seiten der Warenhaus-Konzerne das Publikum und die Kleingeschäftsleute getäuscht werden.« Das wird dann »Schlachter-Selbsthilfe« genannt … Interessant ist natürlich der ebenfalls erkannte und angemerkte Zusammenhang zwischen der »erzdemokratischen und ‚Sozialkultur’«, den Warenhausangestellten nur einen kärglichen Lohn von täglich 4 Mark zu zahlen, nach dem Grundsatz: „Wenn Sie nicht wollen, gibt es andere, die damit zufrieden sind!“

Holtz propagiert den Kronprinzen Wilhelm als Reichspräsidenten-Kandidat der extremen Rechten – Adolf Hitler stimmt zu (1932)

Im Reichspräsidentenwahlkampf 1932 den Kronprinzen Wilhelm als Einheitskandidaten der extremen Rechten vorschlug … sein Freund Hitler stimmte zu.

Schlußbetrachtung

»Kennzeichen für demokratische Gesinnung war das Bekenntnis zur Volkssouveränität. Die demokratischen Intellektuellen beriefen sich auf den „allgemeinen Willen“ des „ungeteilten einigen Volkes“. Das „Wohl des Ganzen“, die allgemein menschlichen Interessen sollten über demokratisch gebildete Institutionen durchgesetzt werden. Dabei orientierten sich die Demokraten am parlamentarischen Modell der politischen Beteiligung, das demokratisch verbreitert wurde. Im Unterschied zu den liberalen Verfechtern einer konstitutionellen Monarchie verlangten die Demokraten das gleiche und direkte Wahlrecht, eine aus einer einzigen Kammer bestehende Volksvertretung, eine von der Mehrheit der Volksvertretung abhängige Regierung, jährliche Wahlen, imperatives Mandat, Volksentscheid über grundlegende Gesetze. So sollte ein permanenter und unmittelbarer Einfluß des „Volkes“ auf die Politik verankert werden.“

• Joachim Paschen – (S. 160) [ – ]Dissertation zur Erlangung der Doktor-Würde der Philosophieder Universität Hamburg

Die Holtz’sche Geschichtsschreibung ist faszinierend, weil dieser Nazi sehr geschickt mit der Geschichte umgeht. Allerings läuft alles auf eine einfach Formel hinaus – der marxistische Pöbel und die Juden haben sich vereint, um Deutschland zu vernichten. Dagegen mußten sich schwarz-weiß-roten Helden in Notwehr mit Gewalt verteidigen, morden und vernichten, um das Dritte Reich als das »neue Deutschland« aufzubauen. Dafür war ihnen jedes Mittel recht. Und F.C. Holtz war einer der wichtigsten Wegbereiter, wie ihm nicht nur Ernst Knoll (sein Adlatus beim Fridericus) im Nachwort zu »Nacht der Nation« bescheinigt, sondern wohl auch mehrfach Adolf Hitler selbst. Holtz war »dem Führer … ein treuer Wegbereiter in einer Zeit, die wir heute mit Recht als die Nacht der Nation bezeichnen.« (Knoll, NdN, S. 307)

Holtz erklärt sich allumfassenden Aktivisten, der zeitlebens immer neue Ideen und Organisationen schuf – von denen wir bisher nichts gehört haben oder die auch in der wissenschaftlichen Literatur bisher kein Sterbenswörtchen erwähnt wurde (siehe u.a. die Entwicklung der Idee des Allgemeinen Arbeitsdienstes, der auf dem Vaterländischen Hilfsdienstgesetz 1916/17 basierte, aber Holtz hat’s natürlich erfunden …). Ein rechtsextremer bürgerlicher Gernegroß, der seine Unabhängigkeit von der NSDAP angeblich nur deswegen beibehielt, um besser zwischen den rechtsexremen Gruppierungen und Parteien mittels seiner Hetzpostille Fridericus vermitteln zu können. [das könnte stimmen – Roselius tat es, und Herrmann Wirth trat sogar im Parteiauftrag aus der NSDAP wieder aus, um besser für die NS wirken zu können …]

Was F.C. Holtz unter Sozialpolitik versteht, ist ziemlich einfach zu umschreiben – nationalsozialistische Volksgemeinschaft als christliche Nächstenliebe verpackt. Almosen für die Arbeiterklasse statt dem Recht auf Klassenkampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, Kampf um den Sozialismus. Sein Engagement für Kriegerwitwen und –waisen verkauft er als Vorläufer für das NS-Winterhilfswerk.

Das Buch Nacht der Nation beleuchtet noch einmal schlaglichtartig den extremen Antisemitismus früherer Jahre des F.C. Holtz, der nicht dem Dritten Reich geschuldet ist. Holtz wurde von seinen Kameraden nicht umsonst der Titel »Wegbereiter des Nationalsozialismus im Norden« verliehen.

Zu klären wäre sicherlich noch, weshalb diese schillernde Persönlichkeit fast keinerlei Niederschlag in der wissenschaftlichen Literatur der Historiker findet. Außer der Erwähnung durch Joachim Paschen findet sich nur der Verweis des Nestors der Soziologie, Tönnies, von 1932 und ein Hinweis in einem englischsprachigen Beitrag über Humour in Nazi Germany von Paztrick Merziger.

So gesehen müssen wir Joachim Paschen das ‚Verdienst’ zukommen lassen, diesen aggressiven Antisemiten und Nazi aus dem Dunkel des Vergessen gerissen zu haben.

Folkert Mohrhof

barrikade # 

(1)         F.C. Holtz – Nacht der Nation, Berlin 1939 [NdN]

(2)         F.C. Holtz – Aus meiner gelben Mappe, Zweite Folge, München 1923 [GM II]

(3)         F.C. Holtz und Hanns Prehm-Dewitz – Die hamburgische Revolution, Hamburg (o.J.) [DhR]

(4)         Wolfgang Benz – Vom freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 4, 16. Jahrgang, Oktober 1968

(5)         Wilhelm v. Müffling – Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland, München 1933

(6)         E.J. Gumbel – Verräter verfallen der Feme. Opfer/Mörder/Richter/1919-1920, Berlin 1929

(7)         Emil J. Gumbel – Vom Fememord zur Reichskanzlei, Heidelberg 1962

(8)         Joachim Paschen – Demokratische Vereine und preußischer Staat – Entwicklung und Unterdrückung der demokratischen Bewegung während der Revolution von 1848/49, München 1977 (Dissertation)

(9)         Werner Sembritzki – Das politische Zeitungswesen in Hamburg von der Novemberrevolution bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Untersuchungen zur Geschichte des liberalen Pressesystems, Leipzig 1944 (unver. Dissertation)

(10)     Lothar Danner – Ordnungspolizei Hamburg: Betrachtungen zu ihrer Geschichte 1918 – 1933, Hamburg 1958, Verlag Deutsche  Polizei, 1958, S. 22

(11)     Tagebuchaufzeichnungen Karl Dopf – Artikel von in: Gerhard Botz: Der Nachlass des Anarchisten Carl Dopf (1883-1968); IWK, Berlin, Nr. 13/1971

(12)     Joachim Paschen – Die soziale Bewegung. Aus Leben und Politik der Arbeiter in Deutschland 1830-1917 – Frankfurt am Main / Berlin / München, 1976

Abkürzungen:

Jungdo – Jungdeutscher Orden, Arthur Mahraun – Ziel „Volksstaat“

Artamanen– 1924 gegründeten Bund Artam – Blut und Boden-Ideologie


[i]               E. J. Gumbel, S. 383

[ii]              v. Müffling, Seite 36/37 (Foto)

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