Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Sülzeunruhen 1919

Sven Philipski

Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919

(Hrgg. von der Heinrich-Kaufmann-Stiftung des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften e.V. und dem Adolph von Elm Institut für Genossenschaftsgeschichte e.V.), Hamburg 2010. [Verlag der Herausgeber], 123 Seiten, brosch. mit Abbildungen; ISBN 978-3-8-3918-100-3

 

Uwe Schulte-Varendorf

Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919 – eine zweite Revolution?

(Beiträge zur Geschichte Hamburgs Band 65. Hrgg. vom Verein für Hamburgische Geschichte), Hamburg 2010 (Hamburg University Press), 240 Seiten mit Abbildungen; ISBN 978-3-937816-63-0 (Printausgabe);

Kostenlose digitale Ausgabe: http://hup.sub.uni-hamburg.de/purl/HamburgUP_BGH65_Schulte-Varendorff.pdf

Die zufällige Entdeckung eines Lebensmittelskandals in einer Hamburger Sülzefabrik am 23. Juni 1919 führte zu Unruhen, die in bewaffneten Kämpfen um das Rathaus der Hansestadt, die Erstürmung der Börse, des Kriegsversorgungsamtes und des Hamburger und des Altonaer Untersuchungsgefängnisses gipfelten. In die Geschichtsschreibung sind diese Ereignisse als die ‚Hamburger Sülzeunruhen‘ eingegangen. Am Ende stand am 1. Juli 1919 der Einmarsch von Reichswehrtruppen unter dem Kommando des Generals von Lettow-Vorbeck, der wegen seiner brutalen Kriegsführung als Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika während des 1. Weltkrieges von den Alliierten als Kriegsverbrecher gesucht wurde.

Beide angezeigten Arbeiten untersuchen auf breiter zeitgenössischer Quellenbasis und unter Auswertung der vorhandenen Akten Entstehung und Verlauf der ‚Sülzeunruhen‘. Beide weisen überzeugend nach, daß es sich dabei um eine klassische Hungerevolte handelte, die sich zwanglos in die Hungeraufstände des Weltkrieges und der Nachkriegszeit in Deutschland einfügt, und nicht, wie damals von interessierter Seite (Reichsregierung, Reichswehrführung usf.) behauptet, um einen ’spartakistischen‘ Aufstandsversuch für eine ‚zweite Revolution‘ – eine Legende, die u. a. von den Nazis gepflegt, und die auch in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg ‚gerettet‘ wurde, zuletzt wieder aufgewärmt von dem in dieser Zeitschrift mehrfach behandelten Buch »Frieden, Freiheit, Brot« des Herrn Paschen (siehe auch das Editorial dieser Ausgabe).

Bei aller Übereinstimmung im Grundsatz setzen die Autoren z.T. unterschiedliche Akzente, die die Lektüre beider Bücher lohnend macht. Philipskis Buch, schon 2002 als Magisterarbeit an der Hamburger Universität entstanden, behandelt ausführlich den Bankrott der staatlichen Lebensmittelversorgung in Hamburg, die exemplarisch ist für Situation im Deutschen Reich während des 1. Weltkrieges. Philipski zeigt auch deutlich, daß Revolten wie die Hamburger Sülzeunruhen in der Tradition des Lebensmittelprotestes stehen, der in vor- und frühindustrieller Zeit gang und gäbe war, mit dem Aufkommen der organisierten Arbeiterbewegung scheinbar verschwand, um aber wieder zu bestimmten Zeiten und unter bestimmten Umständen erneut an die Oberfläche zu kommen. Es ist die Tradition der »moral economy«, die zum Leben erwacht ist(1).

Schulte-Varendorf, der auch Verfasser einer wichtigen Biographie über Lettow-Vorbeck ist (2), untersucht wiederum ausführlicher die Zusammenhänge mit der ‚hohen Politik‘, die sich in Berlin abspielte und die Reichsregierung, vor allem für den sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske, veranlaßte, Lettow-Vorbecks Truppe einzusetzen, nachdem die Unruhen schon abgeflaut waren, und gegen den ausdrücklichen Willen auch der Hamburgischen Mehrheits-Sozialdemokratie. Das ‚Wirken‘ der Besatzungstruppen und ihrer Sondergerichte unter dem Belagerungszustand, der erst im Dezember 1919 aufgehoben wurde, wird breiter als bei Philipski behandelt, und ein abschließendes Kapitel untersucht »die Neuordnung der Hamburger Sicherheitskräfte«, die durch die Übernahme ‚zuverlässiger‘ Militärs in den Polizeidienst nicht nur manchen Karriereknick wegen der vom Versailler Vertrag erzwungenen Verkleinerung der Reichswehr auffing, sondern auch die Hamburger Polizei zu einer Brutstätte rechtextremer Verschwörungen und antirepublikanischen Denkens machte.

 •Jonnie Schlichting

(1) Auch die aktuelle Diskussion über die »Gerechtigkeitslücke« ist ein Ausfluß davon, von der momentan die Partei DIE LINKE profitiert, aber auch die Nazis, die sich in den abgehängten ländlichen Gebieten Ostdeutschlands einnisten können. Und selbst die Auseinandersetzung um ‚Stuttgart 21‘ gehört cum grano salis dazu.

(2) Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck ‒ Mythos und Wirklichkeit, Berlin 2006.

 

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