Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Von der Hamburger Warte zum Fridericus

Von der Hamburger Warte zum Fridericus (Berlin)

Der ‚Arbeiter der Stirn’ F.C. Holtz, der nach seinem Kolonialeinsatz (1901 in Tsientsin – mit Teilnahme an der Niederschlagung des Boxeraufstandes 1905?) kriegsuntauglich bei Beginn des I. Weltkriges war, meldete sich freiwillig an die Front gegen Frankreich und wurde als Militärjournalist der mobilen Zeitung Schützengraben  eingesetzt. Ende 1918 kehrte er in seine Vaterstadt Hamburg zurück mußte die Folgen der Revolution ertragen – und rebellierte aufgrund seiner Erzeihung und seiner antidemokratischen und antisemtischen Gesinnung gegen den ‚Aufstand des Pöbels’. Die Revolution der Kieler Matrosen und Hamburger linksradikaler Arbeiter war ihm ein Dorn im Auge.

Am 14. Dezember 1918 erschien bereits die erste Ausgabe seiner »politischen Kampfschrift« – die Hamburger Warte als Wochenzeitung im kleinen Format mit 4 Seiten Umfang und einer Druckauflage von 3.000 Exemplaren. (1)

Schnell wurde F.C. Holtz zum »bestgehassten Journalisten der Hamburger Nachkriegszeit« (Sembritzki). In der dritten Ausgabe des 2. Jahrganges (Nr. 11 vom Mittwoch, dem 12. März 1919) rechnet er mit dem Hamburger »Dikator Laufenberg« ab – seine berühmt-berüchtigte Anklageschrift gegen den Vorsitzenden des A.-u.-S.-Rates. Vier Tage vor den Bürgerschaftswahlen vom 16. März verhilft er mit dieser Sonderausgabe der SPD zur  absolute Mehrheit mit 50,5 %. Die Auflage liegt bereits bei 41 000 Exemplaren und steigt bis zum Sommer 1919 auf 50.000.

Holtz ist seit 1919 Vorsitzender des Deutschen Bismarckbund (seit 1920 Bismarck-Jugend), der DNVP-eigenen paramilitärische Organisation, die als Saalschutz straff militärisch organisiert war. »Am 23. Januar 1921 verprügelt der Jung-Bismarckbund« bei einer Saalschlacht »etwa 200 Radaumacher, die eine vaterländische Kundgebung des Bundes im Conventgarten störten« (Aus meiner gelben Mappe, 1921). Die angreifende »roten Garde Hamburg, die Bolschewisten wurden windelweich gedroschen …« (Haut ihm! 1934)

Kapp-Putsch
»Die Bahrenfelder Zeitfreiwilligen hatten am Sonnabendabend auf Befehl des Garnisonsältesten Frhr. V. Wangenheim, der sich für die Kapp-Regierung erklärte und gleichzeitig seine Übernahme der vollziehenden Macht über Hamburg proklamiert hatte, das Stadtzentrum besetzt. Am Sonntag früh jedoch wurden sie durch ein großes Aufgebot der Hamburger Sicherheitswehr und der Polizei zum Rückzug nach Altona gezwungen. Am Sonntagabend wurde auf Anordnung des Senats, der Herausgeber der Hamburger Warte, F.C. Holtz, einer der prominentesten antisemitischen Agitatoren des DNVP-Landesverbandes, von den Sicherheitsmannschaften in Schutzjaft genommen und dann wegen Hochverrats verhaftet. Etwa 150.000 Flugblätter wüster antisemitischen Inhalt wurden beschlagnahmt, wie auch etwa 100.000 weitere, in denen zur Unterstützung der Kapp-Regierung aufgefordert wurde.« (2)

Nach dem Kapp-Putsch 1920 steigt die Auflage auf 70.000 und Ende 1921 soll sie bereits 80.000 Stück betragen haben.

In weiser Voraussicht vor einem weiteren Verbot seiner Hetzpostille gründet Holtz Anfang 1922 schnell noch eine zweite »vaterländische Wochenschrift« – die Deutsche Fackel in Berlin als Nebenzeitung der Warte.

Im Juni 1922 erfolgt dann aufgrund des Republikschutzgesetztes ein sechs monatiges Verbot durch die SPD-Regierung in Hamburg. Grund war Holtz’ Hetzartikel zum Rathenau-Mord. Die Hamburger Warte (letzte Ausgabe Nr. 26 vom 24.6.1922) und das Hamburger Tageblatt werden verboten, ebenso natürlich die parteikommunistische Hamburger Volkszeitung und auch der Alarm (siehe entsprechenden Artikel). Verbotsgrund ist der § 9 des Gesetzes über den Belagerungszustand: »Im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung« werden zwanzig rechtsradikale und völkische Organisationen und Zeitungen verboten.

F.C. Holtz entzog sich kurzerhand dem Publikationsverbot und flüchtete nach München. Dort gibt er ab der Nummer 22/1922 [Juni] eine neue Wochenzeitung heraus – den Fridericus (Spitzname des preußischen Königs Friedrich II., der Alte Fritz, 1712-1786). Dies ist die Fortführung der Hamburger Warte mit Schützenhilfe der München-Augsburger Abendzeitung, die ihm die erste Ausgabe auf Kredit druckt (3). Zur Tarnung fingiert eine Frau Dr. Edith Vasek als Verlegerin (die er kurzerhand zu Dr. E. Vasek macht), er selbst schreibt unter Pseudonymen weiter wie bisher und läßt das neue Blättchen kofferweise nach Hamburg »durch Freunde« transportieren. Im Oktober ist er jedoch (natürlich erneut »völlig mittellos und pleite«) wieder in Hamburg. Im Dezember geht im Fridericus der seit Juli erscheinende Sachsen-Spiegel, Dresden und auch Am Stachus, München, auf. Ende 1922 löst er den Verlag Hamburger Warte G.m.b.H. auf und siedelt nach Berlin um. Ab Anfang 1923 erfolgt die Zusammenlegung mit seiner dortigen Zeitung Deutschen Fackel, Verlag Fridericus F.C. Holtz.

F.C. Holtz kandidiert in Berlin 1927/28 erfolglos für ein DNVP-Reichtstagsmandat. (4)

Anfang Oktober 1929 war Holtz in Hamburg an der Begründung der Gewerkschaft Deutsche Hilfe beteiligt, damit »den Gewerkschaften der Roten die Spitze geboten werde(n)«. Daneben gab es in den Räumen des Fridericus in der Fridrichstraße 100 in Berlin noch den Bund Deutsche Hilfe. Ziel von Holtz war es, den immer weiter »verelenden« bürgerlichen Mittelstand« von der »politischen Wirtschaftsknebelung« zu bewahren und ihn zum Widerstand aufzufordern und seinem Antisemitismus zu frönen. (5)

Holtz bleibt seiner deutschvölkischen und antisemitischen Tradition treu. Zwar verkauft er 1929 den Titel Hamburger Warte nicht an die Hamburger NSDAP (sie nannte ihre neue Zeitung deswegen Hansische Warte (6)), denn er hatte bereits eine feste Rubrik Hamburger Warte in seiner reichsweit vertriebenen Wochenschrift Fridericus.

F.C. Holtz veröffentlichte in seinem Todesjahr 1939 in Berlin noch ein weiteres Buch Nacht der Nationen. Seine Zeitung ‚erfreute’ sich bis zur Einstellung mit der Ausgabe 11 im Jahre 1943 (Papiermangel) noch eines längeren Lebens.

In Hamburg und anderswo sind die ersten zehn Ausgaben der Hamburger Warte nicht verfügbar bzw. »für die Benutzung gesperrt« (Uni-Bibliothek). Sicherlich ist Paschen aufgrund seiner Person an diese Ausgaben herangekommen oder hätte es können. Aber vielleicht hat er es sich auch leichter gemacht, denn er zitiert die Ausgaben 1 und 2 vom 14.12. und 28.12.1918 (S. 72) und die Nr. 3 vom 18.1.1919 (S. 100) und die Nr. 7 vom 15.2.1919 (S. 132), diese Textstellen stehen aber auch in der öffentlich zugänglichen Nr. 11 vom 12.3.1919. Danach folgt dann die Erwähnung der letzten in Hamburg vorliegenden Nr. 28 vom 5. Juli 1919. Die dazwischen erschienen Ausgaben hat er wohl nicht in der Universitätsbibliothek gelesen, wozu auch? Die Revolution war ja niedergeschlagen.

Dennoch weiß er ganz genau, welche Rolle F.C. Holtz weiter gespielt hat, denn er zitiert dessen Büchlein Haut ihm! (Paschen macht daraus Haut ihn!) aus dem Jahre 1934, verlegt nach der Masche Aus meiner gelben Mappe von 1921 … erwähnen tut er diesen reaktionären Deutschvölkischen jedoch nicht in seinem ‚Epilog über die Personen des Dramas’. Er hätte sich damit wohl zu offenkundig verraten.

fm

Quellen:

(1) Werner Sembritzki – Das politische Zeitungswesen in Hamburg von der Novemberrevolution bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Untersuchungen zur Geschichte des liberalen Pressesystems. Leipzig 1944

(2) Jan Striesow, Die Deutschnationale Volkspartei und die Völkisch-Radikalen 1918-1922, Band 2, Frankfurt/Main, 1981 – als Quelle werden hierzu die Hamburger Nachrichten vom 13. bis 18. März 1920 angegeben. –  zitiert nach Fußnote 92 (S. 558)

(3) München-Augsburger Abendzeitung ging 1920, finanziert durch alldeutsche und deutschnationale Kreise, an den Hugenberg-Konzern über und galt als Sprachrohr der Deutschnationalen Volkspartei. Die Leitung übernahm im Auftrag Alfred Hugenbergs (DNVP, 1865-1951) 1921 der evangelische Pastor Gottfried Traub (1869-1956), Mitbegründer der Deutschen Vaterlandspartei (DVLP) und der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)

(4) Heinrich Laufenberg, Die Harpune, Nr. 1 vom 15. Januar 1927

(5) Fridericus Nr. 50 – 2. Dezember-Ausgabe 1929 – Seite 2

(6) 1928 erschien neben der Hansischen Warte eine zweite NS-Zeitung, das Hamburger Volksblatt, das sich im Januar 1929 den Untertitel »Sozialrevolutionäre Wochenzeitung« zulegte; ab dem 2.1.1931 erschien dann nur noch die Hamburger Tageblatt als NS-Zeitung des Gaus Hamburg der NSDAP – ihr Motto lautete bis zur Machtergreifung von Adolf Hitler am 31. Januar 1933: »Den Staat zerstört man nicht – man erobert ihn!«

Der Holtz-Weg des Geschichtsmanipulateurs Dr. Joachim Paschen – einige Belege

»Jede Gewalt ist zu verurteilen, wenn sie nicht aus berechtigter Notwehr geschieht.« Alarm, Nr. 8 – 1919

Paschen aber schreibt, gewissermaßen in schnörkellos Schrifttype als Kommentar seines Alter egos, über die Versammlungen, die Langers Freie Sozialisten jeden Mittwoch in der Sporthalle Hütten abhalten: Wie schwarz ist der Hass, wie bitter die Hoffnung, die aus der untersten Verzweiflung aufsteigt. Der Tag der Auferstehung wird kommen. (S. 157)

Die andere Variante seines literarischen Versuchs, sind die ebenfalls durch eine weitere Schrift kursiv hervorgehobenen Geistesblitze: Die Aufrührer, die Verschwörer, die Mordbrenner, die Anarchisten – sie sollen es nicht bekommen, das Hamburger Rathaus! (S. 187)

Am 19. April entlädt sich die angespannte Stimmung auf St. Pauli – »der Vulkan explodiert, (…) es sind elementare Kräfte an Werk. (…) Das Schicksal der Stadt steht auf der Kippe: Es muss mit eigenen Kräften gelingen, der Anarchie Herr zu werden, auf Ersatz von außen ist nicht zu hoffen. Alles, was regierungstreu marschieren und schießen kann, ist seit Mitte April gegen die Schreckensherrschaft in München eingesetzt.« (S. 157)

Vom 23.-30. April kommt es erneut zu politischen Unruhen mit schweren Straßenkämpfe aufgrund von Preissteigerungen. Der Belagerungszustand wird ausgerufen, das Bahrenfelder Freikorps besetzt Hamburg-Altona. Zur Beruhigung (?) wird der 1. Mai 1919 vom Senat (MSPD und DDP) zum Feiertag erklärt.

 »287 Maschinengewehre in St. Pauli – Drohender Einmarsch der Regierungstruppen.« (Alarm-Titelseite)

Reichswehrminister Noske wird bei einer kurzen Ansprache am 28. Mai vom Rathausbalkon als »Bluthund! Verräter!« durch Kriegsbeschädigte und Lazarettinsassen beschimpft. Tags zu vor hatte der die Bahrenfelder Kaserne besucht und das dortige Freikorps öffentlich gelobt. Diese Provokation führte zum Tumult, Volkswehrtruppen sollten dann die versammelten »Kriegsbeschädigten auseinandertreiben. Diese unerhörte Zumutung lehnten die Mannschaften ab, da sie sich nicht zum Aasgeier herabwürdigen wollten. Arme, von der Kriegsfurie verstümmelte Krüppel wollten sie nicht vor ihren Gewehrläufen haben«, schreibt der Alarm (1), der bereits  bereits im Mai 1919 vom Senat als »religiös Ärgernis erregend« bezeichnet und aus dem Zeitungsverzeichnis der Händler hatte streichen lassen.

Nach diesem Beitrag dann der Artikel über die 287 Maschinengewehre in St. Pauli, die im Zusammenhang mit dem »Fall Heider« stehen. Der Maler-Genosse Heider wurde verhaftet, er soll den angeblichen Oster-Putsches angezettelt haben. Karl Langer erklärt auf der Kommandantur, daß »der ganze Krawall nur das Werk von Spitzeln gewesen ist«. Deshalb habe man nun die Anklage gegen Heider auf »Aufreizung« erhoben – er soll in zwei Versammlungen in der Sporthalle, Hütten 60, zum Sturm auf Wachen aufgefordert haben. Es folgt die Aufforderung, daß sich Anwesende der Versammlung vom 16. April melden, die das Gegenteil bezeugen könnten.

Langer soll außerdem in einer Versammlung vor dem April-Krawall öffentlich gesagt haben, daß er »in der Wilhelminenstraße 287 Maschinengewehre liegen hätte«. Nun, Langer schreibt weiter, daß er, »um nicht unnötig Unruhe in die Massen zu tragen«  bisher auch seine Kenntnisse über die Anstifter des Putsches nicht veröffentlicht habe, die er »in der Nähe der Kommandantur« lokalisiert; dort habe er »4 von dieser feinen Zunft gesehen. Andere sind beim Baltenkorps zu finden, darunter ein Unteroffizier W …. l, andere bei den Schutzleuten, darunter ein Herr F….r, andere bei der Sicherheitswehr, darunter die 2 Strolche, die im Versammlungslokal Hütten 60 die Pistole versteckt haben, kurz bevor das Lokal am 16. April von der Sicherheitswehr überholt wurde«.

Karl Langer schließt seinen Alarm-Artikel mit folgenden Worten: »Nun will ich mich auf die Suche machen, damit ich die 287 Maschinengewehre finde und den Sack Munition von Heider dazu. Habe ich dieses gefunden, mache ich mich selbständig, stelle ein Heer von Spitzeln ein und erkläre Noske oder John Bull den Krieg. Jawohl, Phantasie muß man haben. – – Spitzel-Phantasie und Schrecken regiert heute in Deutschland.« (2)

Sülze-Unruhen einen Monat später
Als die Bahrenfelder Zeitfreiwilligen zu ihrem Himmelfahrtskommanda zur Sicherung des Hamburger Rathauses abkommandiert werden, kommt es dort zu schweren Kämpfen. Als der kommandierende Offizier nach der Besetzung des Rathauses auch die Rückeroberung des besetzten Stadthauses (Polizeikommandantur) und des Gewerkschaftshaus gegen starkes Maschinengewehrfeuer befiehlt, fallen den Abwehrgarben der roten MGs die ersten Freikorps-Soldaten zum Opfer.

Dabei setzt Paschen den Senatoren-Sohn Leutnant Fritz Sander ein besonderes Denkmal, der z.B. neben Bruno Streckenbach, dem späteren Chef der Hamburger Gestapo (im Zweiten Weltkrieg als Einsatzgruppenleiter und Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD am Mord von einer Million Menschen beteiligt) oder dem späteren SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei von Hamburg, Dr. jur. Walter Bierkamp, aktiv wurde. Hier zitieren wir den Freikorpsmann Dähnhardt, der als späterer Sprecher des Führerrings der Volkskonservativen Vereinigung und späteren NSDAP- und SS-Mitglied. Und der beschreibt, daß Sander aus einem Getümmel auf dem vollbesetzten Rathausmarkt heraus noch  zu »einem verlassenen (!) Maschinengewehr der Kommunisten« gelangte, um mit diesem »einen letzten Widerstand zur Rettung seiner Kameraden zu versuchen«. Hierbei wurde er an Kinn und Backe verwundet und versuchte dann, von der wütenden Menge bedrängt, »sich durch einen Sprung in die Alster zu retten und wurde von dieser beim Versuche des Durchschwimmens ertränkt« (3). Paschen schreibt: »Ein anderer, schon schwer verwundet im Gesicht, will fliehen, wird verfolgt und springt voll Todesangst in das Fleet. Was hat die Aufrührer dazu gebtrieben, diesen hilflosen Menschen als Zielscheibe zu nehmen? Sie schießen und schießen, bis er nicht mehr auftaucht. Erst Tage später wird die Leiche geborgen. Es ist Fritz Sander, der junge Sohn eines ehemaligen Senators.« (S. 193)

Auch der Führer der Einwohnerwehr, Hauptmann Coqui, überlebte seine angestrebte standrechtliche Erschießung durch die Aufständischen an der Wand des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof. Er wurde von beherzten Männern gerettet, »sechs Kommunisten« brachten ihn über über die Dächer ub Sicherheit und verhalfen ihm im Auto zur Flucht.

Dähnhardt beschriebt auch folgendes: »Es soll  nicht unerwähnt bleiben, daß in diesen Stunden neben Zügen namenloser Rohheit auch solche tapferen und edlen Schutzes gegenüber den wehrlosen Opfern zutage traten. Stets waren eine Anzahl besonnener und anständiger Elemente aus der Arbeiterschaft bereit, die Geschwächten und Wehrlosen vor tätlichen Angriffen zu schützen und ehrlich bemüht, dem erlegenen Gegner eine würdige Behandlung zuteil werden zu lassen.«

Der bürgerliche hamburgische Sozialdemokrat Frederick Seyd Baumann, der ebenfalls seine Erlebnisse zur Hamburger Revolution veröffentlicht, macht überhaupt kein großes Federlesen um die vielen Toden und die Bahrenfelder zu keinen Helden. Im trockenen Offizierston schnarrt der junge Verwaltungsassessor etwas von einem Toten im Rathauseingang, vielen anderen Erschossenen … aber bei ihm geht’s um die Infiltration des Soldatenrates und die Verbindung zum Reichskriegsministerium in Berlin. Ansonsten hat dieser Herr Baumann kein großes Interesse an der »Demokratie«. Er lehnt eine »Führerrolle« im Soldatenrat und einen Senatorenposten ab und quittiert 1924 auch den Staatsdienst. Bis dahin leitet er als Ortskundiger jedoch erstmal den Einmarsch von Lettow-Vorbecks und erklärt: »Wollten die Radikalen den Kampf, war es besser, er kam, während die Truppen in Hamburg lagen.« Allerdings verdirbt ihm der schlaue Laufenberg diese miese Tour, denn dieser »in einer großen Versammlung die Arbeiterschaft vor einem Widerstand warnte. So konnte sich der Kampfwille in der jüngeren Hamburger Arbeiterschaft ungebrochen erhalten und ist auch mit dem Aufstand im Herbst 1923 nicht als erloschen anzusehen.« (3 a)

Die Sülze-Unruhen fordern nach damaligen Presseberichten übrigens »62 Tote und 116 Schwerverwundete sowie ein halbes Tausend Leichtverletzte« (4), es gibt Frauen und Kinder unter den Getöteten. Aber Paschen schreibt: »Die Raserei der Masse kennt keine Grenze.« (S. 193)

»Welchen großen Einfluß das Eingreifen der Bahrenfelder auf die Radikalisierung der Unruhen hatte, zeigen die 16 getöteten Sicherheitskräfte und die Zahl von mindestens 26 umgekommenen Zivilisten, die die anschließenden Kämpfe forderten. Dabei verloren auffallend viele Unbeteiligte ihr Leben. So waren 24 der Zivilisten erwiesenermaßen nicht direkt an den Unruhen beteiligt oder ihnen konnte zumindest eine aktive Teilnahme nicht nachgewiesen werden. Eine nicht unerhebliche Anzahl der Opfer ist darauf zurückzuführen, daß sich während der Gefechte um den Rathausmarkt und die anderen Orte des Geschehens dichte Massen von Schaulustigen drängten, von denen einige durch Querschläger oder unkontrolliert in die Menge abgefeuerte Kugeln verletzt oder getötet wurden. Andere Opfer wiederum waren vollkommen unbeteiligt und befanden sich auf Geschäftsgängen oder dem Arbeitsweg.« (4)

In der KAZ vom Donnerstag 17. Juli 1919 findet sich folgende Titelgeschichte:
Provokateure und Spitzel entlarvt. Wer bereitet die Hamburger Unruhen vor?

Der Spitzel Meyer: »Ein kleiner Auszug aus Meyers Spesenberechnung mag in seine vielseitige Tatigkeit einen kleinen Einblick gewähren: 11.5. Blinde Tour 2,50 Mk.; Mittag 3,50 Mark; Fahrgeld 0,50 Mark; 12.5. Fahrgeld 0,60 Mark; Versammlung 1,50 Mark; 13.5. Fahrgeld 0,60 Mark; Wasmuth 0,60 Mark; 15.5. Fahrgeld 0,80 Mark; Blinde Tour 1,50 Mk.; Versammlung Busch 1 Mk.; 20.5. Bezirksabend 1.50 Mk.; 23.5. K.P.D. Mitgliederversammlung 1.20 Mk.; 27.5. Sitzung der K.P.D. 1.20 Mk.; 28.5. Beitrag Syndikalisten 1.80 Mk.; 30.5. Wasmuth 1.80 Mk.; Eberhardt 2.20 Mk.; Syndikalistenversammlung 2.40 Mk. usw. usw.«

Die anarchistische Zeitung Alarm
Die Zeitung Alarm zitiert Paschen als bisher unbekannten Dämon, weil er keine anderen Ausgaben als die paar in Dresden (5) finden konnte. In Hamburg (6), in Bremen (7) und im FES in Bonn (8) liegen weitere Ausgaben, ganz simpel über den universitären Gesamtkatalog zu finden, herum … In dem Forum www.syndsikalismus.tk erklärt er dann freimütig, dass der Alarm-Verleger und Gründer der Freien Sozialisten Karl Langer als einer der »wenigen Anarchisten in Hamburg« noch näher erforscht werden müßte. Da geben wir ihm recht, aber Karl Langer (9) war alles andere, als ein linksradikaler Revoluzzer, vielmehr verhinderte eben dieser Langer mehrfach Lynchjustiz und rief im Alarm immer wieder zur Besonnenheit und zur kulturellen Umbesinnung als Vorbedingung einer wahrhaftigen Revolution auf.

Ein passende Randnotiz
Am Sonntag, den 13. Juli wurde der 16jährige Sohn von Langer, der Klavier-Virtuose Herbert Langer-Rühling, beim Verkauf des Alarm festgenommen und bis zum Montag auf der Lindenwache verhört. Man fahndete nach seinem angeblich verschwundenen Vater und schikaniert den Jungen und seiner Mutter wurde angedroht, wenn sie öffentlich über diese Verhaftung informieren würde: »Dann werden Sie an die Wand gestellt«. Karl Langer hat den gefangenen Bahrenfeldern »durch sein Dazwischentreten das Leben gerettet und Tätlichkeiten gegen dieselben verhindert«. Die Freien Sozialisten hätten ihre Taten in der Nr. 18 des Alarm klar belegt und »scheuten keinen Richterspruch« schreibt er: »Wir predigen keine Gewalt, sondern treten für die Entwaffnung, für die Völkerversöhnung ein. Jeder Wurm, der getreten wird, krümmt sich, das Recht der Notwehr ist gesetzlich gestattet, nicht aber Gewalt gegen den Wehrlosen auszuüben. Darum rufen wir allen Menschen, ob reich ob arm zu:  „Reicht Euch die Bruderhand – Die Waffen nieder! Erkennt Euch selbst,
dann muß es besser werden! Macht frei den Geist, der Himmel ist auf Erden
«. (10)

Die Besatzung durch den Afrika-Schlächter Lettow-Vorbeck
Nach den »Sülzeunruhen« vom 23.–27. Juni 1919  um die unter unsäglichen hygienischen Verhältnissen hergestellten Heilschen Fleischkonserven verkündet der Polizeisenator Lamp’l (SPD) am 25.6.1919 den Belagerungszustand und fordert Besatzungstruppen beim Reichswehrkommando an. Noske stimmt zu und entsendet General Lettow-Vorbeck, dessen Truppen anfangs zurückgeworfen werden. Erst am 1. Juli marschiert er dann mit 10.000 Mann und 30 Geschützen sowie einem Panzerzug und einer Torpedobootsflotille in die Stadt ein: »Das Korps verhielt sich wie in einer besetzten Stadt in Feindesland. Obwohl es auf keinen Widerstand stieß, da alle Arbeiterparteien ihre Anhänger vor einem sinnlosen Blutvergießen gewarnt hatten, machte es beim Einmarsch rücksichtslos von den Waffen Gebrauch. Passanten, die die Straßen nicht schnell genug räumen könnten, wurden niedergeschossen.« (11)

Paschen verschweigt dabei, daß die von der aufgebrachte Menge den einmarschierenden Truppen abgenommenen Gewehre – zumindestens teilweise in die Alster geworfen wurden!

»Aus ihren politischen Sympathien machten die verantwortlichen Offiziere kein Geheimnis. Auf dem Rathaus und dem Hauptbahnhof ließen sie die schwarz-weiß-rote Fahne aufziehen. Zur politischen Bildung der Soldaten wurden hauptsächlich deutschnationale und völkische Redner herangezogen, unter ihnen der Hauptgeschäftsführer des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, Alfred Roth, und der Herausgeber eines schlimmen antisemitischen Hetzblattes, Friedrich C. Holtz.« (12)

Hier aber endet Paschens Recherche, weil das bürgerliche Hamburg ja wieder befriedet ist. Das »arbeitende und das besitzende Hamburg« (Dähnhardt) hatte also die Kontrolle wieder übernommen – die einen arbeiten, die anderen besitzen, so wie es sich gehört.

Der rote Terror wurde gebrochen
»In Bremen wurde das von der Front einrückende Infanterie-Regiment Nr. 75 von Soldatenräten in eine Falle gelockt und von rotem Pöbel entwaffnet. Da entsann man sich wieder der Offiziere. Die Regierung flehte den Obersten Gerstenberg förmlich an, in die alte Ansestadt mit seinem Freikorps einzumarschieren. Die Besetzung gelang, jedoch unter schweren Verlusten in einem wilden Straßenkampf. Gleichzeitig wurde in Hamburg der rote Terror gebrochen und das von Plünderern heimgesuchte Wilhelmshaven durch die neugegründete Marinebrigade Ehrhardt gesäubert. (…) Da stieß von Bremen aus General von Roeder, später vereinigt mit dem Freikorps Lichtschlag, vor und überwand die von den Roten aufgeworfenen Barrikaden nach einem hartnäckigen Ringen, das sich durch Wochen hinzog. Essen, Dortmund, Gelsenkirchen und Düsseldorf gehören zu den Etappen dieser Kämpfe. (…) Auch in Mitteldeutschland wütete der Pöbel. (…) Indessen, Berlin erwacht. Die Hauptstadt, seit Jahren fast ein Schauplatz wilder Schießereien, blutiger Kämpfe neben dem orgiastischen Taumel trunkenen Volkes in den Lokalen, ein Tummelplatz lichtscheuen Gesindels und verlotterter Gestalten in Uniform, diese Stadt, einem Vulkane gleich, auf dem der Tod das Tanzbein schwingt, sie erlebt nun etwas Ungewohntes, halb Vergessenes: den geordneten Einmarsch feldmarschmäßiger Truppen durch das Brandenburger Tor. Die Märsche Preußens klingen auf im dröhnenden Rhythmus der Trommeln. In diesen sonnenbraunen Gesichtern der Männer unterm Hakenkreuz liegt ein steinerner Ernst, der harte Wille, sich durchzukämpfen an ein fernes Ziel, liegt der Ausdruck eines Charakterzuges, der bedingt ist von einer glühenden Liebe zum deutschen Volk.«
Hans zur Megede, in: Der Schulungsbrief, I. Jahrgang, 5. Folge (Juli 1934), S. 22-31
• zitiert nach http://ns-archiv.national-socialism.org/ns/index.php/Hakenkreuz_am_Stahlhelm nicht zu verwechseln mit dem NS-Archiv – http://www.ns-archiv.de/index.php

Fazit
Über die Jahre nach der Niederschlagung der Revolution in Hamburg durch den General Lettow-Vorbeck berichtet Paschen natürlich nicht mehr, seine konterrevolutionäre Geschichtsschreibung endet mit der Aufhebung des Besatzung am 14. August, der Belagerungszustand jedoch blieb bis Ende des Jahres bestehen.

Sehr interessant ist natürlich auch, daß der Herr Studiendirektor Dr. Paschen zwar der Forschungsstelle für die Zeitgeschichte Hamburgs FZH [»Völkische und nationale Verbände und Organisationen« werden hier besonders untersucht] seine ‚historische Studie’ aufgezwungen hat, aber nicht dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (beide Beim Schlump 83 und voll gepackt mit dem alten Archiv der Hamburger Schulbehörde … (sic!)]. Aber auch Frau Prof. Dr. Ursula Büttner als Leiterin der FZH hätte einiges über den antisemitischen Hetzer Herrn F.C. Holtz erzählen können. So hat dieser Kerl also mit Steuergeldern Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Universitäts-Bibliothek, der FZH und andere Wirtschaftsarchiv nach Feierabend belästigt, sie zu Überstunden genötigt, um ein rechtsextremes und völkisch-nationales Pamphlet (Streitschrift!) zu schreiben. Vorgeführt hat er bei seinen Recherchen auch die Ernst Thälmann-Gedenkstätte, die das Andenken an den Hamburger KPD-Führer hochhält. Dort wurde Paschen bereitwillig das Archiv geöffnet und es fand sogar eine öffentliche Veranstaltung in deren Räumlichkeiten statt. Eine  partei-kommunistische Gedenkstätte als Bühne für einen antisemitisch-reaktionären Kommunistenfresser, da fehlen einem die Worte.

Das Buch Paschens hat seine »Wirkungsmächtigkeit« im Kampf gegen den ‚roten Terror’ nicht entfalten können, der Histriker und Studiendirektor konnte dem Aufmucken der Arbeiterklasse keinen letzten Riegel vorschieben. Er wollte sich posthum am Elend der verhungernden Arbeiterklasse Hamburgs ein Denkmal setzen. Das ist nicht gelungen, denn wir haben’s gelesen und dieses miese Traktat nicht einfach in den Mülleimer geworfen. Diese Schrift gehört an die Öffentlichkeit, und es wird deutlich werden, auf welches Risiko sich Paschen eingelassen hat (»Das Verfassen des Textes war ein Wagnis für mich.«).

Paschen lobt sich bereits im Vorwort über den grünen Klee, weil »die Methode, dem revolutionären Alltagsgeschehen in der zweitgrößten Stadt des Deutschen Reiches nachzuspüren, durchaus exemplarische Bedeutung für andere Regionen« habe, wenn der »Berg von eingefahrenen Darstellungen und Bewertungen« abgetragen und »ein hoher Neuigkeitswert« erreicht würde, »wenn die Quellen zum ersten Mal in aller Breite und systematisch untersucht und ausgewertet werden.« Das wir eine völlig andere Bewertung seiner manipulierten Quellenauswahl haben, beweist dieser Beitrag.

Eine der wenigen uns vorliegenden Rezensionen des Buches erschien als Gefälligkeitsbesprechung durch Michael Weigt in der Lehrerzeitung der GEW Hamburgs. Weigt sagt über das Buch, daß es »neue Sichtweisen und Interpretationen erkennen« läßt, und daß es »manche liebgewonnene ideologische Bastion« schleift. (13) Herr Weigt arbeitet ebenso wie Paschen für die Hamburger Filmförderung …

Die entscheidende Frage, die Paschen beantworten muß, ist folgende: was wäre passiert, wenn die Revolutionäre, der Pöbel, gesiegt hätten – wäre uns der Nationalsozialismus vielleicht erspart geblieben? Mit seiner reaktionären Aufarbeitung der Hamburger Revolution 1918/19 macht Paschen sehr deutlich, daß ihm der aufkommende Faschismus lieber war als eine Räterepublik.

fm

Quellen:
• Frederick Seyd Baumann – Um den Staat – Ein Beitrag zur Geschichte der Revolution in Hamburg 1918/19, Hamburg 1924
• Ursula Büttner – Politische Gerechtigkeit und sozialer Geist, Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik, Hamburg 1985
• Heinz Dähnhardt – Die Bahrenfelder. Geschichte des Zeitfreiwilligenkorps Groß-Hamburg in den Jahren 1919/20, Hamburg 1925
• Sven Philipski – Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, (unver.) wiss. Hausarbeit, Hamburg 2002

(1) Alarm, Ausgabe Nr. 15 / 1919
(2) Alarm, Nr. 15 / 1919
(3) Dähnhardt, S. 59
(3a) Baumann, S. 106
(4) Sven Philipski –  Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, Hamburg 2002, S. 84
(5) Dresden – 5.1923,7-8/9
(6) Hamburg – 1.1919 Nr. 1 – 5, 7 – 16, 19 – 26; 2.1920 Nr. 1 – 3, 5 – 8/9, 11, 14 – 16, 18 – 46; 3. 1921 Nr. 1 – 51/52; 4. 1922 Nr. 1 – 27
(7) Bremen – 2.1920 Nr.36; 3.1921 Nr.34; 4.1922, Nr.1,6,12; 7.1925 Nr.2
(8) FES, Bonn – 2.1920 Nr.36; 3.1921 Nr.34; 4.1922, Nr.1,6,12; 7.1925 Nr.2
(9) Karl Langer stand in krassen Gegensatz zu den organisierten Syndikalisten der späteren FAUD (er trat 1919 aus), bekämpfte ein angebliches ‚Führertum’ in den anarchosyndikalistischen Gewerkschaften, war überzeugter Individual-Anarchist, kein Klassenkämpfer. Während der Revolutionszeit arbeitete er eng mit den Syndikalisten, den föderierten Anarchisten (Anarchistische Föderation, später FKAD) und seinen Freien Sozialisten zusammen, die er später in eine Kulturföderation überführte. Den II. Weltkrieg überlebte er unbeschadet als Bau-Unternehmer … ab 1946 pazifistisch-libertär aktiv. Völlig falsch ist übrigens die histrorische Hinweis, daß der Alarm die Folgezeitung der syndikalistisch-anarchistischen Zeitung Kampf! aus den Jahren 1912-1914 gewesen sei.
(10) Alarm Nr. 20, 1919
(11) Ursula Büttner, Seite 97
(12) Ursula Büttner, Seite 97 – Fußnote 113, die auf den Korps-Tagesbefehl vom 16.7.1919 verweist
(13) Eine neue Darstellung der Revolution 1918 in Hamburg – hlz 12/2008 – Seite 50

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