Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Iacov Kaplan – Jacob Caplan

Iacov Kaplan (18?? – 1933)

Iacov Kaplan (in Großbritannien später zu Jacob Caplan anglisiert) war ein bedeutender Aktivist in der britischen jüdischen Arbeiterbewegung vor dem I. Weltkrieg.

Er stammte aus Sager in Litauen, wo er einige Zeit als Maggid (Wanderprediger) tätig war und sein Talent als Redner entwickelte, für das er später in der jüdischen anarchistischen Bewegung in England berühmt war.

Noch während seiner Zeit in Litauen begann er, sich mit freidenkerischer Literatur zu beschäftigen und bekam erste Zweifel an seiner Religion.

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Iacov und Rosa Kaplan (1900)

In den 1880er Jahren wanderte er nach Leeds in Großbritannien aus, wo er noch einige Zeit als Prediger für die dortige jüdische Gemeinde arbeitete, allerdings auch Kontakt zu der kleinen sozialistisch-anarchistischen Gruppe in Leeds hatte. Er begann, die jiddische anarchistische Presse zu lesen, den Londoner »Arbeyter Fraynd« und die New Yorker »Fraye Arbayter Shtimme«, und die Broschüren, die in England und den USA erschienen. Nachdem er Englisch gelernt hatte, beschäftigte er sich sekulären Autoren wie Herbert Spencer, Charles Bradlaugh, Robert G. Ingersoll und George William Foote.

Konsequenterweise gab er seine Anstellung als Prediger auf und arbeitete als Maschinist in der Bekleidungsindustrie. Kaplan wurde in der jüdischen Arbeiterbewegung in Leeds aktiv, in der er bald eine wichtige Rolle spielte. Auf seine Initiative hin schlossen sich die jüdischen ArbeiterInnen der Gas Workers and General Labourers Union (GGLU) an, die von der Socialist League (SL) in Leeds um Tom Maguire organisiert wurde und eine äußerst militante Zeit in der Geschichte der Geschichte der Arbeiterklasse in Leeds einläutete. Die jüdischen BekleidungsarbeiterInnen traten der GGLU im Februar 1890 bei. Nach dem Gasarbeiterstreik von 1890, bei dem es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Streikenden und der Polizei gab – den »Leeds Gas Strike Riots« –, trat die von den Anarchisten kontrollierte jüdische Schneider-Sektion Mitte August in den Streik gegen die ‚Schwitzbuden‘ (sweat shops). Unterstützt wurden sie von 60 Heizern der Gaswerke, die zur Unterstützung der Streikposten mit ihren furchterregenden Schürstangen kamen, von denen sie schon in den Auseinandersetzungen mit der Polizei im vorhergegangenen Streik reichlich Gebrauch gemacht hatten. Iacov Kaplan beschrieb die Situation so: »Die Polizei, die sich noch an den Geschmack der Prügel erinnerte, die sie im letzten Streik von den Gasarbeitern erhalten hatte, verlor plötzlich ihr Verlangen, für den Schutz der kapitalistischen Bestie Schläge zu kassieren, und verschwand blitzschnell vor den Betrieben. … Lang leben die Knüppel – in den Händen der ArbeiterInnen!« Das Ergebnis war ein schneller Sieg.

Die SL war aktiv in der Agitation für den Acht-Stunden-Tag, die nach dem Streik einsetzte, und Kaplan erklärte im Oktober auf einer Versammlung: »es ist besser, ein armer Mensch zu sein und acht Stunden am Tag zu arbeiten, als derselbe arme Mensch zu sein und zwölf bis fünfzehn Stunden zu arbeiten«.

Anfang Mai 1891 schrieb Kaplan allerdings an den »Arbeyter Fraynd« von seiner Enttäuschung über die GGLU und dem nachlassen des revolutionären Eifers, »nicht, weil die Arbeiter sanfter geworden waren, sondern weil die Anführer, die Agitatoren friedliche Parlamentarier geworden sind. Es macht einen krank, sie reden zu hören«. Ende 1891 hatten die meisten jüdischen TextilarbeiterInnen und Pantoffelmacher die GGLU wieder verlassen, da sie von der Bürokratie und der Besoffenheit der Funktionäre angewidert waren. Die ArbeiterInnen, so Kaplan, sollten in ihren eigenen Gewerkschaften frei atmen können. Aber er bestand immer darauf, daß die jüdischen ArbeiterInnen an der Seite ihrer britischen KlassengenossInnen stehen müßten, ansonsten würden sie als Feind betrachtet. Gegen den Widerstand der orthodoxen jüdischen Schneider gründete sich im Januar 1892 die Leeds Independent Jewish Tailors‘, Machinists‘ and Pressers‘ Union (Unabhängige jüdische Schneider-, Maschinennäher- und Bügler-Gewerkschaft in Leeds). Vorsitzender wurde Morris Goldstein, Sekretär Iacov Kaplan. Im »Arbeyter Fraynd« erschienen in diesem Jahr Berichte der Gewerkschaft, aber ab 1893 verschwand sie aus den Spalten der Zeitung. Die Krise schlug in diesen Jahren zu, allein in Leeds waren 8.000 Menschen arbeitslos, und Kaplan zog nach London.

Als Saul Janovsky, der Herausgeber des »Arbeyter Fraynd«, Anfang 1894 nach New York zurückging, übernahm Kaplan die Zeitung. Er scheiterte allerdings mit dieser Aufgabe, denn, wie Rudolf Rocker in seinen Memoiren schreibt, war Kaplan »zwar ein ausgezeichneter und volkstümlicher Redner«, der »aber leider nicht die literarischen Vorbedingungen besaß, um das Blatt am Leben zu erhalten, das nach sechs Nummern unter seiner Leitung sein Erscheinen einstellen mußte«. Erst Monate später erschien die Zeitung wieder, unter der Redaktion von William Wess.

Als Redner war Kaplan aber unschlagbar – Rocker nennt ihn »praktisch den einzigen Redner in der jüdischen Bewegung jener Zeit, der seine Reden logisch, Punkt für Punkt, ausarbeiten konnte.« Er war an vorderster Front beim verlorenen Schneiderstreik von 1906, und ebenso beim Streik, der im April 1912 im Westend begann und dank der Gruppe um den »Arbeyter Fraynd« sich in Schwitzbuden des Londoner Eastend ausbreitete – und gewonnen wurde. Kaplan war neben Rocker der Hauptredner auf der entscheidenden Versammlung in der Assembly Hall in Mile End am 10. Mai 1912, als die mehr als 8.000 versammelten jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter den Streik beschlossen, und er diente dem Streikkomitee als Vorsitzender.

Kaplan hatte aus seiner Ehe einen Sohn und zog auch die beiden Söhne seiner Frau Rosa aus erster Ehe groß. Ihr Sohn Fred meldete sich mit 18 Jahren während des I. Weltkrieges freiwillig zur Armee und starb in Feld. Rosa Kaplan erlitt darüber einen kompletten Nervenzusammenbruch und starb zwei Jahre später in einem Irrenhaus.

Der Zusammenbruch der jüdischen anarchistischen Bewegung in Großbritannien nach dem Weltkrieg und der Russischen Revolution bedeutete für Iacov Kaplan eine sich steigernde Isolation. Seine letzten Jahre verbrachte er in Armut und Krankheit. Rudolf Rocker schrieb: »Er war ein äußerst einsamer Mensch. Als Milly und ich 1933 nach London kamen, war er im Krankenhaus. Ihm war gerade ein Bein amputiert worden. Wir wollten ihn am Donnerstag besuchen. Er starb in der Nacht zuvor. Mir fiel es zu, bei seiner Einäscherung in Colders Green zu sprechen.«

 

Quellen

Nick Heath, Kaplan, Iacov aka Jacob Caplan, 18??-1933 [http://libcom.org/history/kaplan-iacov-aka-jacob-caplan-anglicised-18-1933]

Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt/M 1974

barrikade # 8 – Juni 2013

 

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