Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Kampforganisation oder Sekte?

Kampforganisation oder Sekte

Von Karl Roche

Der Syndikalist, Nr. 4/1925

Die Aufgaben der revolutionären Gewerkschaftsbewegung (Syndikalismus) lassen sich in drei Fragenkomplexen zusammenfassen:

1. Revolutionierung der Arbeiterhirne;

2. Organisierung der Arbeiter zu dem Zweck, durch wirtschaftliche Kämpfe einen möglichst hohen Anteil am Ertrage der Arbeitsleistung zu sichern und gleichzeitig das Eindringen der revolutionären Organisationen in die kapitalistischen Betriebe zu fördern, zwecks schließlicher Besetzung und Übernahme der Betriebe durch die werktätig Schaffenden.

3. Die Schaffung der Organe, die im Werden der sozialen Revolution die Funktionen des Austausches und des Aufbaues der neuen sozialen Ordnung übernehmen und durchführen.

Von der Lösung des unter .1. zusammengefaßten Problems hängt alles andere ab. Diejenigen unter uns, welche die Frage aufwerfen: „Gewerkschaftliche Organisation oder Sekte?“ müssen sich vor allem darüber klar werden, daß zum Aufbau revolutionärer Gewerkschaften revolutionäre Gewerkschafter notwendig sind. Mit den alten eingerosteten Köpfen, die sich nicht lösen können von der Zentralisation und der Gesetzmäßigkeit, ist einfach keine syndikalistische Bewegung in Fluß zu bringen.

Vielleicht sind wir alle uns noch nicht völlig klar über die Tiefe und das Ausmaß des Problems. Wir alle – niemand ausgeschlossen – hängen innerlich so innig mit der Gegenwart: mit dem, was wir „kapitalistisches Wirtschaftssystem“ nennen, mit den Bedürfnissen unserer Zeit, mit all den Einrichtungen, die uns aufgezwungen sind, zusammen, daß wir immer wieder in den Fehler der sozialdemokratischen Bewegung verfallen, die Arbeitermassen an die Lösung sozialer Probleme heranführen zu wollen, für die ihnen die intellektuellen und seelischen Voraussetzungen fehlen.

Jawohl, wir werden solange eine „Sekte“ bleiben müssen, als es uns nicht gelingt, breiten Arbeitermassen die anarchosyndikalistische Ideenwelt     zuvermitteln. Aber sind wir denn als „Sekte“ weniger wert oder machtloser,wie als „gewerkschaftliche Organisation“? Oder erreichen die Gewerkschaften mehr für die Arbeiter wie wir als Sekte erreichen können? Oder würden wir mehr erreichen können, wenn wir dem Gegenwartsdenken der Masse und ihren Gegenwartswünschen, die wir als unerfüllbar bezeichnen müssen, Konzessionen machen wollten? Wir alle sind uns doch wohl darin einig, daß in der Besitzwirtschaft auch der größte Anteil am Ertrage der Arbeitsleistung, den die Gewerkschaft ihren Mitgliedern erkämpfen könnte, bestenfalls doch immer nur ein Augenblickserfolg sein kann.

Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit gegen den Syndikalismus, also gegen uns selbst es den Arbeitern in aller Breite und in der ganzen furchtbaren Tiefe klarzumachen, daß ihre Versklavung in dem Maße fortschreitet, als die Gewerkschaftskämpfe lediglich um Gegenwartsforderungen die Kräfte der Organisationen aufzehren. Die Stagnation unserer organisatorischen Entfaltung hat ihre letzten Ursachen nicht darin, daß wir für die Gegenwart ebensowenig, erreichen können, wie die Zentralverbände, weil wir mit denselben Menschen kämpfen müssen, sondern darin, daß wir nicht unverhohlen und mit aller Entschiedenheit ausdrücken: Arbeiter, helfen kann dir einzig und allein die wirtschaftliche Revolution! 0, da stehen heute Millionen Arbeiter in Deutschland, die der alten Bewegung, den Parteien entfremdet sind, weil sie deren Zwecklosigkeit intus haben. Sie warten auf unsere entschiedene „Parole“, denn sie sind Proleten und längst nicht verzweifelt. Geben wir ihnen das Stichwort – und wir werden aufhören, eine „Sekte“ zu sein!

Und sind wir denn als „Sekte“ so ganz machtlos? Ein Musterbeispiel: In Amerika mustern die  Gomperschen – Gott habe ihn selig – Gewerkschaften Millionen von Mitgliedern und die Industrial Workers of the World wohl eben 60.000. Die Millionen sind das stagnierende Element in der Arbeiterbewegung drüben, und die IWW. trägt den Geist des revolutionären Klassenkampfes von Ort zu Ort. Sie mögen ja nicht auf der gleichen prinzipiellen Linie sich mit uns bewegen; aber darauf kommt es in diesem Zusammenhang auch nicht an. Das sind zum größten Teil Wanderarbeiter, nicht wenige davon sind sogar „Tramps“. Aber sie haben nur höchstens einen Rock, und gar keine Autorität erkennen sie an – und ein beträchtlicher Teil von ihnen sitzt ständig  im Gefängnis, wegen revolutionärer Propaganda. Sie vollziehen die Revolutionierung der Arbeiterhirne; sie sind die Patrioten der Revolution. Sind sie machtlos? Haben sie keinen Einfluß? Und sie sind doch auch nur „Sekte“! Und – mit Verlaub und ein wenig isegrimmiger Erinnerung – vor einem halben Jahrzehnt noch träumten deutsche Syndikalisten von einer organisatorischen Zusammenfassung aller Sozialrevolutionäre im Rahmen einer Prinzipienerklärung. Die FAUD sollte es sein, mußte es sein. Die Prinzipienerklärung steht, aber die Menschen oder besser die Hirne sind uns aus den Fingern gekrümelt. Hier und dort marschieren Trupps, die auch auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, die auch freiwillige Kampfessolidarität üben, die auch den Zentralismus und die Parteien ablehnen, die auch, die auch! Es ist ihnen gesagt worden: „Schwört auf die syndikalistische Bundeslade – sonst breiter Strich, Trennung!“ Sie hatten nicht die Schwurfinger erhoben, und aus der Trennung ist Organisationsfeindschaft und auch Bruderzwist geworden. Jetzt ernten wir das Unbehagliche: Wir können die Massen nicht halten, und die anderen Gruppen können das auch nicht. Das zu bewältigende Problem ist eben so ungeheuer! Wollen wir keine „Sekte“ bleiben, wollen wir revolutionäre Gewerkschaftler sein, dann ist es nicht von der Hand zu weisen, daß wir mit den Gruppen, die auf anarcho-kommunistischem Boden stehen, ein Kartellverhältnis schaffen. Die vereinte Tätigkeit wird sich dann auch schon bei uns auswirken als Mitgliedergewinn. Der Osterkongreß in Dresden müßte sich mit der Kartellierung befassen.

In dem Maße, wie die Lösung des Fragenkomplexes unter 1. fortschreitet, werden wir revolutionäre Gewerkschaft und die Lösung unter 2. wird Wirklichkeit. Ein Vertreter der Geschäftskommission brauchte kürzlich in Bremen für unsere Kampfestätigkeit den Ausdruck: „revolutionäre Gymnastik“. Das Wort ist einmal von Friedrich Engels geprägt worden, der damit natürlich die Anarchisten verhöhnen wollte. Aber es ist die allein mögliche und richtigste Bezeichnung für den revolutionären Klassenkampf überhaupt. In ihren Organisationen müssen die Arbeiter die soziale Revolution einexerzieren. Unsere Arbeitskämpfe müssen revolutionäre Manövergefechte sein. Wir jagen dem Feind möglichst große Beute ab und immer müssen wir vorwärts drängen. Und sind wir auch tausendmal unterlegen, so sind damit noch nicht ein einziges Mal die sozialrevolutionären Ideen unterlegen; nur die dummen Menschen unterlagen, die mit alten Gedanken eine neue Zeit schaffen wollten. Die Schuld liegt da wieder bei uns: da wir es nicht verstanden hatten, die staatlich hornierten Schädel syndikalistisch umzuhämmern.

Zu 3. bleibt nichts mehr zu sagen: Haben wir die Hirne, und haben wir die Hirne organisiert, dann haben wir die Welt. Dann ist soziale Revolution! Dann werden sich die Schaffenden die Aufbauorgane auch schaffen. Ob sie diese Organe Arbeiterbörsen oder Räte nennen werden, ist wohl noch nicht ganz sicher; sicher aber auf jeden Fall wird sein, daß die Börsenräte oder Rätebörsen syndikalistisch sein müssen. Fragen wir also nicht zaghaft: Gewerkschaftsorganisation oder Sekte? sondern gehen wir an die Lösung der drei Fragenkomplexe mit Begeisterung und Leidenschaft heran.

K. R.

Der Artikel wurde nachgedruckt in direkte aktion, Organ der Initiative Freie Arbeiter-Union – FAU-IAA, Nr. 8, Juli 1978, S. 11 – 12

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