Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Kluft zwischen FAUD und AAUE

Die unüberbrückbare Kluft

»Lakaien der Konterrevolution.«

• KAZ, 1. Jg. – Nr. 186 – 6. Dezember 1919
Arbeiter-Union. Union und Syndikalisten.
(Zu der bevorstehenden Konferenz.)

In der kombinierten Versammlung am 19. November, auf der die Mitglieder der Allgem. Arbeiter-Union, der syndikalistischen Vereinigung, der Vereinigung der Maler und des Deutschen Seemannsbundes beteiligt waren, wurde beschlossen, für den 6. und 7. Dezember eine Konferenz dieser Organisationen einzuberufen. Nicht völlig klar war man sich in jener Versammlung, welche Aufgaben dieser Konferenz zufallen sollen. Während die einen in ihrer Unklarheit oder aus anderen Gründen direkt auf die Vereinigung der A.A.U. mit den Syndikalisten auf der Grundlage des Programms der Syndikalisten hinarbeiteten, traten die kommunistisch orientierten und organisierten Mitglieder der Union mit aller Entschiedenheit gegen eine derartige Einigung auf.

Der Vertreter des Seemannsbundes (1) war es, der der kombinierten Versammlung empfahl, auf der Konferenz eine Einigung nach der Art, wie die in Düsseldorf (2) herbeigeführte, anzustreben.

Nach Absicht der zu diesem Zweck von der Union früher schon eingesetzten Kommission sollte diese Konferenz nicht die Einigung der verschiedenen Organisationen, sondern nur eine Verständigung herbeiführen. Es handelt sich vor allem um die gemeinsame Abwehr des Terrors der Zentral-Gewerkschaften. Seitdem in den Zentral-Gewerkschaften neben den alten „bürokratischen“ (3) auch noch die unabhängigen Bonzen (4) ihre Praktiken üben, hat der gelbe Terror an Schärfe ganz bedeutend zugenommen. Die letzten Ereignisse auf der Vulcanwerft,wo die sozialdemokratische Gewerkschaftsbürokratie beider Parteien in holder Eintracht mit dem Unternehmertum ihre Diktatur über das Proletariat ausübt, laßen eine gemeinsame Abwehraktion aller gewerkschaftsfeindlichen Elemente des Proletariats als dringend notwendig erscheinen. Für eine solche Aktion möge die bevorstehende Konferenz eine Grundlage schaffen.

Aber gerade die Erfahrungen der sogenannten „Freien“ Arbeiter-Union in Düsseldorf haben gezeigt, daß eine Arbeiter-Union gemeinsam mit den Syndikalisten ebenso vorwärtskommt, wie ein Wagen, der von einem Pferde vorwärts, von dem anderen rückwärts gezogen wird. Trotz all ihrer revolutionären Phrasen sind die Syndikalisten nichts anderes als beschränkte, tief in ihrer antiparlamentarischen Routine steckende Gewerkschaftler. So sehr man diese Ursache der Entstehung der Lokalgewerkschaften verstehen und würdigen kann, solch Unglück wäre es für die revolutionäre A.A.U., wenn diese „verärgerten Gewerkschaftler“ sich der Union anschließen, indem sie dort ihre veralteten Schlagworte als Kampfparole durchsetzen würden.

Wir verkennen nicht das, was uns mit den Syndikalisten eint – die schärfste Feindschaft gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die entschiedenste Gegnerschaft gegen die Werkzeuge und Pfeiler dieser Ordnung – die „freien“ Gewerkschaften.

Damit ist aber auch das Einigende und Gemeinsame, was wir mit den Syndikalisten haben, erledigt. Während wir unserem Ziele (Kommunismus) auf ganz bestimten Wegen – organisierter Kampf um die Macht im Staate, Eroberung und Zertrümmerung des Staates, Errichtung der proletarischen Dikatur – entgegengehen, gehen die Syndikalisten einem anderen Ziele (die Solidarität freier Organisationen und Individuen) auf ganz anderen Wegen (Organisationslosigkeit, spontane Erhebung im Generalstreik, bei dem die Kapitalistenklasse automatisch abdankt und die Arbeiterklasse ebenso automatisch von der Industrie Besitz ergreift).

Aus dieser Verschiedenheit der Auffassungen ergiebt es sich, daß wir mit den Syndikalisten von Fall zu Fall ein „vereintes Schlagen“ herbeiführen könnten, daß aber dennoch oder gerade deshalb getrenntes Marschieren unbedingt geboten ist.

Konferenz der Syndikalisten.
Wenn über das Verhältnis der Arbeiterunion zu den Syndikalisten hier und da überhaupt noch irgendwelche Unklarheiten bestanden haben könnten, so muß die Konferenz, die am 7. Dezember zwischen Syndikalisten, Seemannsbund und Arbeiterunion in Hamburg stattgefunden hat, auch die letzten davon beseitigt haben. Schon gleich zu Beginn prallten gleich die syndikalistischen Ideen und die Auffassungen der Union-Delegierten vom revolutionären Kampf des Proletariats unversöhnlich aufeinander. Als die Vertreter der Arbeiterunion erklärten, daß sie mit gebundenem Mandat geschickt seien, um eventuell über eine gemeinsame Abwehr des gelben Terrors zu beraten, daß sie aber keineswegs das Recht hätten, über eine Verschmelzung zu verhandeln, stellte die Konferenz, die von ungefähr 50 Syndikalisten, 8 Seemannsbündlern und 4 Unionisten besucht war, fest, daß als Grundlage der Tagung allein die Verschmelzung, die nur auf dem Boden des syndikalistischen Programms in Frage käme, angesehen werden könne. Die Delgierten der Union von Bremen und Hamburg erklärten nochmals, daß für sie, die auf dem Boden der dritten Internationale, auf dem Boden der proletarischen Diktatur ständen, ein programmatisches Zusammengehen mit den Syndikalisten eine Unmöglichkeit sei. In dieser Situation blieb den Vertretern der Arbeiterunion (Bremen, Hamburg, Braunschweig) nichts anderes übrig, als die Konferenz offiziell zu verlassen.

Die Syndikalisten standen der proletarischen Demokratie in der Organisation, die allein die Massen der Mitglieder über jeden Schritt entscheiden und die jeweiligen Wortführer nichts als Beauftragte sein läßt, vollkommen verständnislos gegenüber und haben damit den revolutionären Arbeitern deutlich gezeigt, was sie von diesen Auffassungen für ihren revolutionären Kampf zu halten haben. Als die Syndikalisten mit den Seemannsbündlern unter sich waren, feierte Rocker-Berlin in einem längeren Streifzug durch die Menschheitsgeschichte den Föderalismus in unbedingtem Gegensatz zu jeglicher zentralen Zusammenfassung als den einzigen Weg, der zum Kommunismus führe. Für diese Leute existiert jener Kampf nicht, den das Proletariat mit den herrschenden Klassen als Voraussetzung seiner Befreiung um die Macht führen muß. In diesem Kampf kann sich die Arbeiterklasse nur in fortgesetztem zähen Ringen durchsetzen, kann das Proletariat nur siegen, wenn es in einem großen Rahmen zusammenfaßt von unten herauf das Gebäude seiner Herrschaft errichtet.
Mögen die Syndikalisten sich abseits von diesen Notwendigkeiten stellen oder nicht, die Arbeiterklasse wird diese Disziplin der proletarischen Revolution schaffen müssen, mit ihnen oder gegen sie.

Die Vertreter des Seemannsbundes stellten sich alle auf den Boden der Syndikalisten, sie wollen ihren Gruppen die Frage der organisatorischen Verschmelzung zunächst zur Entscheidung vorlegen, ehe man auch im Norden an die Schaffung einer „Freien Arbeiter-Union“ wie im Rheinland geht.

Die Konferenz am Sonntag hat Klarheit gebracht. Klarheit darüber, wie weit die Syndikalisten den Proletariern in der Arbeiterunion Weggenossen sein können im Kampf gegen die gewerkschaftliche und sozialbürokratische Konterrevolution, im Kampf um die Beseitigung der Lohnsklaverei.

• KAZ, 2. Jg. – Nr. 72 – 21. August 1920
Arbeiter-Union – Eine große Union!
Die revolutionäre Arbeiterbewegung schält sich aus der konterrevolutionären heraus. Die Umformung der Organisationen vollzieht sich zwangsläufig mit der Revolution. Die Geister scheiden sich. Die revolutionären Gruppen suchen und finden Verbindung und solidarisches Handeln. (…)

Die Syndikalisten!
Wir stehen mit ihnen zusammen in der Auffassung, daß der Parlamentarismus zu verwerfen ist, daß die wirtschaftlichen Kämpfe von den politischen nicht zu trennen sind,  daß die Einigung der Arbeiterklasse im Rahmen revolutionär-ökonomischer Organisationen Tatsache werden kann, daß nicht eine Partei, sondern die Klasse die Macht ergreifen muß.
Ein Teil der Syndikalisten – und es sind nicht gar so viele – sind verbissene Talmudisten: Sie haben sich verrant in dem Wunderglauben, das Proletariat könne die wirtschaftliche Macht erobern und brauche sich dabei um die politischen Machtmittel nicht zu bekümmern. Das ist kindlich. Und Kindereien soll man in revolutionären Zeiten in die Weihnachtsschachtel möglichst tief verstecken. Ich habe die Eroberung der wirtschaftlichen Macht immer so aufgefaßt, daß sie nicht in den Parlamenten zu erreden ist, sondern daß sie erkämpft werden muß. Erkämpft gegen wen? Sie muß erkämpft werden gegen die politischen Machtmittel, welche die besitzenden Klassen in ihrer Gesamtorganisation: im Staat, sich zentralisiert haben. Diese politischen Machtmittel, also den Staat muß sich das Proletariat erobern, um sie (die Staatsmittel) gegen die Diktatur der Ausbeuter anwenden zu können. Das ist proletarische Diktatur und nicht Parteidiktatur, das ist Klassen- und nicht Parteipolitik. Wollen die Syndikalisten revolutionär-ökonomisch kämpfen, wollen sie den Generalstreik, den sozialen Generalstreik – und wollen sie die gewaltsame Auseinandersetzung mit der politischen Macht aus dem Wege gehen? … ja, was ist denn das? Das ist doch kindisch oder entspringt der persönlichen Feigheit gewisser Leute, die zu jedem Frühstück wenigstens drei Bonzen verzehren, oder es ist Pathologie für die Wasserheilanstalt.
Den Arbeiter sagen: Schafft nicht weiter Mordwaffen, Zuchthäuser und wartet bis … Wie lange werden die Proleten da warten müssen? Bis sie erschossen sind oder sich totgearbeitet haben.
Wie gesagt: die poltischen Abstinenzler sind nur wenige innerhalb der syndikalistischen Organisationen.
Mit der großen Mehrheit der Mitglieder ist eine Einigung möglich. Eine große Arbeiterunion ist möglich, sofern wir sie ehrlich wollen.
Karl Roche

• Der Syndikalist, Nr. 15/1921 [16. April 1921]
Syndikalisten und Allgemeine Arbeiter-Union (B.-O.)

Wir Syndikalisten haben uns auf dem 12. Kongreß eine Art Programm gegeben, welches die Aufgaben, welche wir uns gestellt haben und das Ziel, welches uns vorschwebt, fest umschreibt. Diese Prinzipienerklärung und ihre Begründung gilt für unsere Organisation so lange, bis eine neue Erkenntnis uns neue Wege weist und ein Kongreß dieselben grundsätzlich festlegt. Solange das nicht geschieht, kann bei dem klaren Wortlaut nicht daran gedeutelt werden, und vor allem kann es irgendein Kompromiß, welches unsere Grundsätze berührt, nicht geben. Und aus unseren Grundsätzen leitet sich die Taktik und die Praxis ab, welche unsere Organisationen zu befolgen haben. Wir stehen in Gegnerschaft zu jeder politischen Partei, welchen Namen sie auch tragen mag, weil bisher jede politische Partei die Eroberung der Staatsmacht auf ihre Fahnen geschrieben und ihre Taktik auf Eroberung der politischen Macht eingestellt hat. Lehnen wir die Beteiligung am Parlamentarismus grundsätzlich ab, so stehen wir auch der sogenannten Diktatur des Proletariats, wie sie von allen, auch den links gerichteten, wie die VKPD und KAPD, interpretiert wird, ablehnend gegenüber. Wir wissen, dass diese Diktatur immer nur die einer Partei und einer Führerschaft sein kann. Ist das Proletariat in seiner überwiegenden Mehrheit, nach Umstellung der bürgerlich-kapitalistischen Denkweise zur sozialistischen, so weit, eine solche Diktatur zu üben, erübrigt sich dieselbe von selbst, weil dann die ökonomische und geistige Macht des revolutionären Proletariats so groß sein wird, dass sie durch das gute Beispiel und die Wucht der geschaffenen Tatsachen alle obstruierenden Teile des Volkes in ihren Bann zieht und zur Unterordnung bringen wird. Dazu braucht man dann Schießprügel und Maschinengewehre nicht mehr. Jede revolutionäre Erhebung eines Volkes wird geschaffene Erfolge nur dann befestigen und halten können, wenn sie in der Ideologie der breiten Masse fest verankert sind. Und weil das so ist, wird jede künstlich hervorgerufene, von Druck, Versprechung und Lüge begleitete Erhebung fehlschlagen, besonders wenn revolutionär empfindende Klassengenossen die Verhältnisse nur durch die Brille ihres Umgangskreises sehen, und dabei zur Unterschätzung des Gegners kommen. Die Folge ist dann immer Resignation der indifferenten und nicht durchgebildeten Arbeiterkreise und eine Stärkung der Reaktion. Und daraus erklärt sich unsere Stellung zur Generalstreikidee, die wir, noch ehe irgendeine andere Richtung in der Arbeiterbewegung sich dazu bekannte, schon propagiert haben.

Ein Generalstreik, wie wir ihn uns vorstellen, muß getragen werden von klar präzisierten Forderungen und Ideen, welche in die Seele und das Hirn des Proletariats eingedrungen sind und dasselbe dadurch befähigen und hinreißen zu äußerster Kraftentfaltung und damit zu seinem Siege.

Und die bisherigen Erfahrungen, z.B. der Kapp-Putsch, bewiesen uns, dass der Kampf immer dann beendigt ist, wenn das Ziel erreicht scheint. Daraus ergibt sich aber, dass der Kampf, welcher ein Ziel erreichen und sichern soll, immer nur ein geistiger und ökonomischer sein kann. Solange das Proletariat nicht geistig so beschaffen ist, dass es jede Anfertigung von Waffen und Munition ablehnt und jeden Transport derselben verhindert, ist die Propagierung und Anwendung von Waffengewalt möglich. Und ehe der proletarische Ehrbegriff nicht so weit vervollkommnet ist, dass sich kein Proletariersohn in den militärischen Rock stecken und zum Morden seiner Brüder gebrauchen lässt, müssen wir dagegen Stellung nehmen, wenn gewissenlose Parteifanatiker die Arbeiter bewusst vor die Maschinengewehre treiben. Unsere Stellung zur persönlichen Notwehr bleibt dabei unberührt. Die wahren Revolutionäre sind nicht, um mit Maxim Gorki zu reden, die Maulhelden, welche in einer Sprache schwulstiger Phraseologie die Arbeiter, welche im klaren Erkennen der Lage noch rückständig sind, zu Putschen treiben, bei welchen nicht sie, sondern die Irregeführten und ihre Familien furchtbare Opfer bringen, sondern jene, welche in unablässiger, nimmermüder Aufklärungsarbeit die Weltanschauung des Proletariats zum Sozialismus umstellen und die Organisationen schaffen und ausbauen helfen, welche auch zum Tageskampf nötig und brauchbar sind.

Wir Syndikalisten wollen keine Eroberung der politischen Macht, sondern die völlige Ausschaltung jeder politischen Macht und damit des Staates und sei es auch des „Rätestaates“.
Damit ist keineswegs gesagt, dass wir keine politischen Kämpfe führen wollen. Jeder ökonomische Kampf ist in seiner Auswirkung ein politischer, weil eben Politik der Reflex der Ökonomie ist. Der beste Beweis dafür ist der gigantische Kampf, welcher zur Zeit in England geführt wird.

Zu solchen Kämpfen muß und wird das deutsche Proletariat noch kommen. Das sind dann keine Putsche mehr, sondern ökonomische Waffengänge, in welchen die Macht der Arbeiterklasse sich widerspiegelt. Wenn eingewendet wird, dazu brauchen wir starke zentralistische Einheitsorganisationen, die den Kampf führen können, so beweist auch hier England das Gegenteil. Hier durchzieht die Organisationen der Geist der Selbständigkeit, des Föderalismus. Und doch, oder gerade deswegen finden sie die gemeinsamen Plattformen zu solchen gewaltigen Klassenkämpfen.

Gerade die föderalistische Form der Organisation bringt jene geistige Einheit, welche zur Führung von Klassenkämpfen nötig ist, weil sie die Einzelorganisation und in weiterer Folge die Mitglieder zur Selbständigkeit erzieht. Der Föderalismus wirkt antiautoritär und damit revolutionär, während der Zentralismus in der Form das Gegenteil bewirkt, und dadurch in der Folge stets reaktionär wirken muß.

Wir halben es in unserer Literatur bis ins kleinste bewiesen, und unsere Stellung zu den verschiedensten Fragen des Klassenkampfes und der zu schaffenden Neugestaltung der Gesellschaft ist so klar und fest umrissen, dass es keine sophistische Verdrehung der Tatsachen geben kann.
II.
Nun machen sich in letzter Zeit in unseren Reihen in Berlin Bestrebungen bemerkbar, welche glauben, der Einheitsfront des Proletariats dadurch näher zu kommen, wenn sie mit einer Organisation, der Allgemeinen Arbeiter-Union (B.-O.), die in der Kritik an der bestehenden Gesellschaft in der Ablehnung der reaktionär wirkenden Zentralverbände, des Parlamentarismus, und der gesetzlichen Betriebsräte mit uns konform geht, eine Art Aktionsgemeinschaft von Organisation zu Organisation, also der FAUD zur AAU (B.-O.) glauben eingehen zu können. Gewiß, soweit Aktionen in Betrieben und auch für örtliche Organisationen in Frage kommen, hat das etwas für sich, aber das können wir mit allen Organisationen tun, die in irgend einer Sache ein Stück Weges gemeinsam mit uns gehen. Aber jeder Fall bedarf einer gemeinsamen Beschlussfassung und einer gemeinsamen Willensbestimmung.

Auf keinen Fall dürfen wir uns auf generelle Aktionsausschüsse einlassen. Das würde die selbständige Willensbestimmung unserer Mitglieder einfach aufheben, und die wären ohne einen Beschluß zu einer bestimmten Frage fassen zu können, unbedingt zur Heerfolge verpflichtet. Das widerspricht aufs schärfste dem antiautoritären Geist, der unsere Organisation beseelen soll, und es widerspricht auch dem Geist unserer Prinzipienerklärung. Wenn man eine Brautschaft oder gar eine Ehe eingehen will, denn darauf läuft die Absicht hinaus, darf man sich die Erkorene nicht nur in einzelnen Vorzügen ansehen, sondern man muß sich über ihr ganzes Wesen eingehend orientieren, sonst gibt es eine unausbleibliche Enttäuschung. Unter Umständen spielt sogar die politische Vergangenheit und das persönliche Verhalten der leitenden Personen bei vergangenen Aktionen keine untergeordnete Rolle. Man muß genau wissen, ob man Vertrauen haben kann.

Vor allem aber gilt das, was schriftlich niedergelegt ist. Wir finden es in einer Reihe von Broschüren und programmatischen Erklärungen. Zunächst geht daraus unzweideutig hervor, dass die AAU in Allianz mit der KAP steht. In der Broschüre „Die revolutionäre Betriebsorganisation“, AAUD, heißt es unter Absatz III a. „Sie anerkennt vorläufig die Notwendigkeit einer proletarischen Partei“. Weiter unten heißt es dann: „Die AAU wird – mit bedauerndem Blick auf die Zerspaltung in drei sozialistische Parteien – mit jenen Parteien arbeiten, die am entschiedensten den Klassenkampfcharakter der proletarischen Bewegung vertreten. Kampfparolen werden vereinbart. Die Cadres im Betrieb werden zur beweglichen Waffe der Partei, der Betrieb wird zum Nährboden der Partei.“

Nun gibt es aber heute nicht nur drei, sondern mehr wie ein halbes Dutzend sich sozialistisch nennende Parteien, ungeachtet der Strömungen in den einzelnen Parteien.

Wie man da zurechtkommen, und wie man im Einzelfalle die Entscheidung treffen will, bleibt uns ein Rätsel. Jedenfalls stehen die Grundsätze der AAU zur Partei mit unserem Standpunkt der Ablehnung jeder Partei in schärfstem Widerspruch, und da die gesellschaftliche Umwälzung keine politische, sondern eine ökonomische sein muß, müssen auch ökonomische Organisationen, welche geistig darauf eingestellt sind, die Tat vollbringen.

Im Absatz IV derselben Broschüre wird verraten, dass man zur Zeit der KAP seine Liebe geschenkt. Da aber Parteien sehr wandelbar sind, wird es wahrscheinlich auch diese Liebe sein.

In der Auseinandersetzung über KAP und AAU wird festgestellt, dass sie keine Partei im alten Sinne ist, denn dann müsste sie eine parlamentarische sein. Die ist aber eine rein politische Partei. Sie ist auch keine Räteorganisation, wie zu lesen steht. Ja, zum Donnerwetter fragt man sich, zu was ist sie denn da? Sie hat, wie man auf Seite 27 erfährt, nach der Eroberung der politischen Macht, eine Parteidiktatur zu bekämpfen und ihre ganze Kraft den Räten zu widmen. Aber sie hat rücksichtslos zuzuschlagen, wenn die ‘Reinheit der Räte’ zum Teufel geht, wenn etwa eine Rätebürokratie entstehen sollte“.

Also es ist heraus! Sie ist doch eine Aufsichtsinstanz. Und die Führer werden dann, mit dem Finger an der Nase, herausfinden, wann dieser Zeitpunkt eingetreten ist. Erkläre mit Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! – Ein einigermaßen funktionierendes Gehirn bringt das nicht fertig.

„Wo die KAPD stark ist oder auch nur ihr Geist, wird auch die Union stark sein“, heißt es weiter. An Überhebung leiden die Leute wirklich nicht.

Wenn man dann noch die Auseinandersetzung über Zentralismus und Föderalismus, oder über AAU und Syndikalismus liest, wir werden das in einem nächsten Artikel behandeln, muß man wirklich zu der Auffassung kommen, dass man es hier mit politischen Wickelkindern zu tun hat, die auf diesem Gebiet anfangen zu sprechen, aber für das, was sie sagen, nicht verantwortlich zu machen sind.

So viel Unklarheit und Konfusion wie hier in wenigen Zeilen zusammengedrängt ist, muß man, wenn man es nicht als pathologisch betrachten will, aus Unkenntnis der Dinge verzeihen.
Wenn wir in weiteren Artikeln zu diesen Fragen Stellung nahmen, tun wir es nicht, um den Verfasser dieser Ansichten über Föderalismus und Syndikalismus zu bekehren. Das wäre ein Versuch am untauglichen Objekt. Mit Leuten, welche die gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhänge nicht begreifen, ist jede Diskussion unfruchtbar. Sie müssen noch einen weiten Weg des Lernens gehen, wenn sie persönlich überhaupt dazu in der Lage sind. Wir tun es aber, uns unseren Mitgliedern die geistigen Waffen in die Hand zu geben, um wirksam für die Ideengänge des Syndikalismus, auch bei den Anhängern der AAU zu wirken, und ihre Ansichten über diese Fragen zu widerlegen.

Im Leitartikel der Nr. 50 des „Kampfruf“, Organ der AAU, heißt es: „In Deutschland ist der Kampf um die Diktatur durchaus nur als Kampf um die Klassendiktatur möglich. Er kann nur geführt werden mit Hilfe des überwältigenden Teils der bewaffneten Arbeiterschaft.“
Um diese Stellung zu verstehen, muß man folgende Rede Sinowjews kennen, die nach einer Meldung des O.E.-Büros folgende Sätze enthält. Sie wirken wie Blitzlicht auf die gegenwärtigen Zustände:
„Auf dem Kongreß der Russischen Kommunistischen Partei ging Sinowjew in seinem Bericht über die Kommunistische Internationale, der nun im Wortlaut vorliegt, ausführlich auf die Krise in der Kommunistischen Partei Deutschlands ein. Sinowjew erklärte, diese Krise habe nur ihren äußeren Anlaß in den Meinungsverschiedenheiten über die Stellungnahme zur italienischen Sozialistischen Partei und sei in Wirklichkeit auf den Kampf des rechten Flügels der VKPD unter Levi mit der Mehrheit der Partei zurückzuführen. Daß sich Klara Zetkin dem rechten Flügel angeschlossen habe, sei nur ein Missverständnis, das nicht anhalten werde. Ganz anders sei es mit Levi, der vom Exekutivkomitee unterstützt worden sei, weil es der KPD an gebildeten Führern fehlte, dessen Opportunismus sich aber endgültig offenbart haben, so dass seine Richtung nunmehr bekämpft werden müsse. Was die Kommunistische Arbeiterpartei in Deutschland betreffe, so könne die Internationale in Ländern, wo zum Kampf mit dem Kapitalismus erst gerüstet wird, ähnlich wie in Russland im Kampfe gegen die Kerenski-Regierung, auf das Zusammengehen mit anarchistischen und syndikalistischen Elementen nicht verzichten. Indessen werde alles geschehen, um den gesunden Arbeiterkern, um dessentwillen die KAPD in die Internationale aufgenommen worden sei, aus der KAPD in die VKPD hinüberzuleiten.“

Wem jetzt noch nicht klar ist, wohin die Reise geht, dem ist nicht zu helfen. Fest steht, dass die KAPD an die 3. Internationale angeschlossen ist, dass sie von dort Parolen empfängt, und dass sie mit der AAU auch durch Personalallianz verbunden ist. Die 3. Internationale steht unter dem Protektorat der russischen Regierung, und diese verkörpert in Russland nicht mehr das russische Proletariat, sondern die Kommunistische Partei. Ihr Wirken ist für Russland zur Zeit nicht mehr revolutionär, sondern reaktionär. Weitere Kreise des revolutionären Proletariats, und auch unsere syndikalistisch-anarchistischen Genossen stehen zu ihr in schärfster Opposition. Sie werden von ihr unterdrückt und in die Gefängnisse geworfen. Und wir sollen mit den Bundesgenossen dieser Regierung unter Umständen gemeinsam handeln, wenn es von dort kommandiert wird?

Hände weg von diesem Beginnen! Wir tun in allen Fragen das, was unser Gewissen und unser Verantwortungsgefühl uns vorschreiben.
• C.H.   [Carl Haffner]

• Auszug aus dem R.K.-Bericht Nr. 35 vom 12. April 1921:

»Syndikalisten und Allgemeine Arbeiter-Union
Richtlinien betr. Aktionsgemeinschaft der F.A.U. (Syndikalisten) und A.A.U.

Geleitet von dem Bestreben, eine einheitliche Kampfführung der sich organisatorisch wie ideologisch nahestehenden Organisationen der F.A.U. und A.A.U. zu ermöglichen, wurde von den Berliner Ortsgruppen beider Organisationen ein paritätisch zusammengesetzter Aktionsausschuss zwecks dauernder Verständigung und Fühlungnahme beider Organisationen miteinander gebildet.
1.) Die Schwäche des revolutionären deutschen Proletariats und seine unaufhörlichen Niederlagen im bisherigen Verlaufe der sozialen Revolution ist in der Hauptsache begründet, in der fehlenden Zielklarheit und eigenen Entschlusskraft der Arbeiter, die von ihren Parteien und den Gewerkschaften zur Abhängigkeit von ihren Führern erzogen sind.
2.) Die auf Führerpolitik und Reformismus eingestellten parlamentarischen Parteien und Gewerkschaften verhindern das Zusammenkommen aller revolutionären Arbeiter aus eigennützigen Motiven. Sie steigern die Verwirrung und halten geflissentlich die Arbeiter von der Wahrnehmung ihrer proletarischen Klasseninteressen ab. Daraus entsteht für die kapitalistische und militaristische Reaktion der Vorteil, dass die Phalanx der Arbeiter geschwächt und durchlöchert wird.
3.) Soll die Kraft des Proletariats zur vollen Auswirkung kommen, so müssen die Arbeiter sich freimachen, von ihren Vormündern und Führern, und den Kampf um die Eroberung der ökonomischen und politischen Macht durch solidarisches Zusammenwirken aller Kräfte in den Betrieben, in Person und unter persönlicher Verantwortung führen.
4.) In dieser Erwägung hält es die A.A.U. an der Zeit, mit den Genossen der F.A.U. (Syndikalisten) eine Arbeitsgemeinschaft einzugehen, die den Anfang einer Einheitsfront des Proletariats darstellen kann. Bisher ist von den verschiedensten Richtungen in der revolutionären Arbeiterbewegung allzusehr das Trennende in den Vordergrund der Meinungskämpfe gestellt worden, das Einigende aber, das alle revolutionären Richtungen miteinander verbindet, wurde unter dem wütenden Bruderkampf erstickt. Mit der F.A.U. verbindet uns der gleiche Hass gegen die kapitalistische Welt und der brennende Wunsch, die kapitalistische Wirtschaft durch die freie, kommunistische Wirtschaft abzulösen.
5.) Als notwendiges Uebergangsstadium erkennen beide die „Dikttur des Proletariats“ an, wobei unter „Diktatur“ ausschliessliche Willensbildung der werktätig Schaffenden, eine Klassen- aber keine Parteidiktatur zu verstehen ist.
6.) Gemeinsam bekämpfen wir mit aller Entschiedenheit den Parlamentarismus, jedwede Führerpolitik, die Zentralgewerkschaften mit ihren gegenrevolutionären Bestrebungen, das Rätegesetz, das die Vertrauensleute der Arbeiter zu gesetzlichen Wachhunden der Kapitalinteressen macht und endlich jede reformistische, von den revolutionären Endziel ablenkendeTätigkeit, der Parteien und Zentralgewerkschaften. Darum ermöglicht es die Uebereinstimmung in den wichtigsten prinzipiellen und taktischen Fragen den Mitgliedern beider Unionen, durchaus den Befreiungskampf der Arbeit fortan gemeinsam zu führen. Durch Schaffung von Verbindungsgliedern (in den Betrieben, Orten, Distrikten und im Reich) soll eine Einheitlichkeit und stärkende Gemeinsamkeit sowohl der Abwehr wie der Angriffsaktionen angestrebt werden.
7.) Zu weiteren Herbeiführung einheitlicher Kampfführung wird unter Zustimmung beider Organisationen der gemeinsame Aktionsausschuss bestehen bleiben, um bei besonderen Anlässen etc. einheitliche Beschlüsse zu fassen und für deren Durchführung zu wirken.
8.) Sofern technisch möglich, sollen von Zeit zu Zeit kombiniert Funktionärskonferenzen, wie gemeinsame Sitzungen der Arbeitsbörse mit der 22 er Kommission stattfinden.
9.) Die Selbständigkeit beider Organisationen, in j(e)der Weise, bleibt gewahrt. Die Form der Kritik an gegenseitig sich zeigenden Fehlern und Schwächen praktischer Natur, oder bei Auseinandersetzungen theoretischer Art, soll der notwendigen Schärfe nicht entbehren, aber stets sachlich und unpersönlich zum Austrag kommen.
So glauben wir, eine Kampfgemeinschaft, auf gegenseitiges Vertrauen basierend, einzugehen und nicht den Organisationsegoismus sondern dem Interesse des Gesamtproletariats nach bestem Können zu dienen.«

• Der Syndikalist, Nr. 17/1921 [30. April 1921]

Syndikalisten und Allgemeine Arbeiter-Union (B.-O.)

Der in Nr. 15 des „Syndikalist“ veröffentlichte, mit meinem Signum gezeichnete Artikel hat mir im Berliner „Kampfruf“, dem Organ der „Allgemeinen Arbeiter-Union (B.-O.)“ eine geharnischte Schimpfepistel eingebracht. Nun, wer sich in den Weg stellt, setzt sich der Gefahr aus, angerempelt zu werden. Damit muß man rechnen. Zu beachten ist jedoch, dass, während mein Artikel unseren prinzipiellen Standpunkt in der Frage festlegt und dann an Hand von programmatischen Broschüren gegen die Grundsätze der AAU Stellung nimmt, Namen von Personen aber überhaupt nicht nennt, wird hier mein Name in Verbindung mit Kraftausdrücken wohl ein Dutzend mal durch die Zeilen geschleift. Über Geschmack zu streiten ist zwecklos. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch den Verfasser und wir wissen, daß der mutige Federheld durch Namensnennung in seiner amtlichen Stellung nicht kompromittiert zu werden wünscht. Diese Gefahr hat bei mir noch nicht vorgelegen. Es ist gut preußischer Gendarmenton, der hier angeschlagen wird. Aber auch drüber wollen wir verstehend hinwegsehen, da psychopatische Belastung durch Vererbung vorliegt.

Jedoch verstehen wir nicht nur zu reden, sondern auch zu schweigen. Wenn uns die Sache jedoch zu ungemütlich wird, könnten wir uns diese parteikommunistische Falstaff-Figur einmal etwas näher beschauen. Wir haben eine vorzügliche Platte von ihm, die, richtig belichtet, allerhand liebliche Dinge zutage fördern könnte. Der Sinn für Humor paart sich bei uns mit großer Kinderliebe, und das hilft über manche Klippe hinweg, denn ernst kann man bei der Art, die dem Artikelschreiber im „Kampfruf“ beliebt, nicht bleiben.

Doch zur Sache. Über den Inhalt des „Syndikalist“ zu urteilen, ist Sache unserer Mitglieder. Darüber mit dem „Kampfruf“ eine Unterhaltung zu pflegen ist zwecklos. Der Artikelschreiber regt sich fürchterlich darüber auf, daß ich, von einer Sitzung der Berliner Arbeiterbörse in eine Kommission gewählt, zur Ausarbeitung von Richtlinien betreffs Aktionsgemeinschaft der FAU (Syndikalisten) und AAU, erst gegen den in einer gemeinsamen Sitzung ausgearbeiteten Entwurf in seiner Fassung nichts einzuwenden hatte, dann aber denselben offen sabotiert und bekämpft habe.

Bis zu dieser Sitzung hat das seine Richtigkeit und ich muß zu meiner Schande gestehen, dass ich über das Wesen der Betriebsorganisation nicht genügend informiert war. Seine Ursache hat dies darin, dass in Betrieben, in denen ich gearbeitet, die B.O. nicht vorhanden war, und in meiner agitatorischen Tätigkeit blieb ich ebenfalls davon verschont.

In die Kommission war ich als Ersatzmann gewählt. Erst sehr spät bestellt, fehlte es mir an Zeit und Möglichkeit, mich eingehend zu unterrichten. In der Sitzung habe ich jedoch betont, dass es sich nur um einen Entwurf handeln kann, der den Organisationen zur Beschlussfassung und zur Diskussion unterbreitet werden muß. Dem wurde zugestimmt.

Nach der Sitzung hab ich die programmatischen Broschüren gelesen und nach Kenntnisnahme des Inhalts meine Ansicht gründlich revidiert. Dann aber hab ich meine Mitkommissionsmitglieder davon in Kenntnis gesetzt und ihnen gesagt, dass ich gegen eine solche Aktionsgemeinschaft, wie sie hier geplant war, Stellung nehmen werde. Das war mein gutes Recht, und darauf schrieb ich den Artikel im „Syndikalist“. So ist der einfache Hergang. Es kommt im gewöhnlichen Leben alle Tage vor, dass man von einer Sache, zu der man erst geneigt scheint, nach gründlicher Prüfung zurücktritt.

Wenn der Artikelschreiber im „Kampfruf“ uns weismachen will, dass die von mir festgenagelte Stellung der AAU zur KAPD durch Punkt 9 des in Leipzig geschlossenen Aktionsprogramms überholt sei, so widerlegt er sich selbst, indem er einige Zeilen vorher mitteilt, dass in der Funktionärssitzung der AAU die Gemüter durch die Angriffe der KAP auf die BO sehr erregt waren. Wären sie unabhängig von der KAP, wäre das nicht möglich und in einer andren Sitzung ist zugestanden worden, dass eine Personalallianz mit der KAP besteht. Das Leipziger Programm ist übrigens ein Kompromiß zwischen beiden Organisationen und lässt für Auslegungen Tür und Tor offen, wie das bei Kompromissen immer der Fall ist.

Der erste Absatz der geplanten Richtlinien lautet:

„Geleitet von dem Bestreben, eine einheitliche Kampfführung der sich organisatorisch wie ideologisch nahe stehenden Organisationen der FAU und AAU zu ermöglichen, wurde von den Berliner Ortsgruppen beider Organisationen ein paritätisch zusammengesetzter Aktionsausschuß zwecks dauernder Verständigung und Fühlungnahme beider Organisationen miteinander gebildet.“

Im Artikel in Nr. 15 habe ich schlüssig nachgewiesen, dass diese Voraussetzungen nicht zutreffen. In der Konsequenz stehen hier zwei Weltanschauungen gegeneinander: die antiautoritäre, den Staat verneinende, anarchistisch-syndikalistische Auffassung, und die marxistisch-sozialdemokratisch-kommunistische, welche den Weg über die Eroberung der politischen Macht und des bürgerlichen Staates gehen will.

Mich mit dem „Kampfruf“ über die Ausführungen Rockers zu unserer Prinzipienerklärung auseinanderzusetzen, halte ich unter Anlehnung an das Goethesche Wort: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst“, für unnötig. Wer die Prinzipienerklärung und die Begründung in ihrem klaren Wortlaut verstehen will, wird meinen Ausführungen zustimmen müssen. Unterlegen, um dann auszulegen, ist Politikantenart, aber nicht die meine.

Zur Charakterisierung der AAU will ich folgende Blüte, die in einer 1921 herausgegebenen Broschüre nachgelesen werden kann, unseren Mitgliedern nicht vorenthalten:
„Diesen hervorragenden Verdiensten des Syndikalismus gegenüber muß freilich auch festgestellt werden, dass die syndikalistische Theorie niemals einheitlichen Charakters war und zu gleicher Zeit verschieden propagiert wurde. Infolgedessen waren und sind ihr heillose Konfusionen nachzuweisen. So ist sie immer noch durchsetzt mit kleinbürgerlich-ethischen Vorstellungen über Pazifismus über Gewaltlosigkeit. Ja, sie versteigt sich bis zur Predigt rein bürgerlich, christlicher Anschauungen. Sie dachte und denkt vielfach unhistorisch. Und darüber ging (theoretisch) die Schärfe der Betonung der Notwendigkeit des erbarmungslosesten Klassenkampfes häufig verloren. So arbeitete sie allein mit der moralischen Entrüstung und der Darlegung des Zieles in Zeiten wo alles darauf ankam, den Weg zu diesem Ziel aufzuzeigen, den Weg auch bis zur Ermöglichung der Generalstreiksidee usw.
Mit solchen Dingen ringt der Syndikalismus bis zum Augenblick. Aber zweifellos ist auch an ihm die Entwicklung nicht spurlos vorübergegangen. Er befindet sich gerade jetzt, gelegentlich seines Beschlusses, am Kongreß der Roten Gewerkschaftsinternationale teilzunehmen, in neuer Umbildung und wird sich von weiteren Schlacken befreien, die er als natürliches Erbe vergangener Kämpfe mitbringt und die nicht an einem Tage abzustoßen sind.
Daraus ergibt sich auch der oft klaffende Spalt zwischen syndikalistischen Theoretikern und der Praxis der Mitglieder. Die AAU als jüngstes, echtes Kind in der Revolution, von keiner Tradition (Überlieferung, Vergangenheit) beschwert, wird wegweisend vorangehen. In der Hauptsache wird sie kritisch, außer auf das schon erwähnte, auf folgende 3 Punkte hinweisen:
1. Die Syndikalisten sind noch nicht tief genug in das Wesen des Rätegedankens eingedrungen. Sie haben ihn weder gründlich erfasst als historisches Werden, noch als Organisationsform. Sie quälen sich noch unnütz ab mit kleinbürgerlicher Auffassung über Föderalismus – Zentralismus. Die AAU ist die praktische Lösung
2. Die Syndikalisten verwechseln vielfach den parteipolitischen Kampf mit dem politischen Kampf überhaupt. Sie sind unklar über die notwendige Eroberung der politischen Macht und die Übergangsformen von der Diktatur des Proletariats an in die kommunistische Gesellschaft
3. Ein weiterer Fehler ist das Festhalten an der Berufsorganisation. Es ist selbstverständlich, dass die Periode der Diktatur des Proletariats auch bestimmte Ansprüche an die verschiedenen Berufe stellt, die nur diese Berufe angehen. Aber diese Berufe müssen fest eingegliedert sein in größere Industrieverbände, die ihrerseits wieder auf Betriebsorganisationen ruhen (auf Betriebsorganisationen, die alle erfassen). Die Syndikalisten lehnen zwar die Betriebsorganisation – sichtlich unter dem Einfluß der syndikalistischen Bergarbeiter – nicht direkt ab, aber sie halten zäh an der Berufsorganisation (Gewerkschaft) fest und tragen damit wesentlich dazu bei, dass Hand- und Kopfarbeiter nicht zusammenkommen.
Uneingestanden kleben sie noch immer an dem Kleinbetrieb und damit an der rein handwerkmäßigen Gliederung der Schaffenden. Die Entwicklung der Großindustrie, die sie weder hindern noch leugnen können, flößt ihnen Grauen ein – sie vermögen sich mit dieser geschichtlichen Entwicklung scheinbar nicht recht abzufinden.
Ob im Laufe der Entwicklung sich zunächst eine festere engere Kampfgemeinschaft zwischen AAU und Syndikalisten ergeben wird, wird abhängen von der weiteren Entwicklung der Syndikalisten zu den Prinzipien der AAU.“

O. wie malt in diesen Köpfen sich der Syndikalismus? Gegen soviel Konfusionismus ist man machtlos. Das Urteil überlassen wir unseren Mitgliedern.
Carl Haffner

• Der Kampfruf – Organ der AAU (RBO), Berlin – 2. Jg. – Nr. 2 / 1921  [erschien nach dem 2. Mai]

Wir und der deutsche Syndikalismus.

I.
In der Nr. 15 des „Kampfruf“ find die Richtlinien veröffentlicht worden, die von einer hierfür gebildeten Kommission  aus den Reihen der Berliner Allgemeinen Arbeiter-Union mit Vertretern der Syndikalisten bezüglich einer beide Organisationen umfassenden Aktionsgemeinschaft in einer gemeinsamen Sitzung vereinbart wurden. Wir wissen, daß große Teile unserer Mitglieder – und zwar find es die besten – einem Zusammenarbeiten mit den Syndikalisten äußerst mißtrauisch gegenüberstehen und Inhalt und Tendenz dieser Richtlinieen – als Ganzes betrachtet – für völlig undiskutabel betrachten.

Schon eine oberflächliche Prüfung der für die geplante „Aktionsgemeinschaft“ ausgearbeiteten Leitsätze zeigt, daß von gewisser Seite nicht nur an eine Aktionsgemeinschaft gedacht war, sondern daß unter dem Vorwand einer angeblich von beiden Seiten gewünschten Aktionsgemeinschaft auf eine ideologische Annäherung hingearbeitet werden sollte. Das geht schon aus demeinleitenden Absatz der Richtlinien hervor, wo die merkwürdige Wendung von den „sich ideologisch nahestehenden“ Organisationen bei A.A.U. und F.A.U. gebraucht wird. Wir müssen gestehen, daß uns diese plötzlich entdeckte ideologische Nachbarschaft etwas überraschend kommt. Wir waren bisher der naiven Auffassung, daß die Allgemeine Arbeiter-Union als ein Instrument des Klassenkampfes im Dienste des Kommunismus zu gelten hatte. Wir waren weiter der Auffassung, daß die Freie Arbeiter-Union unter dem Banner des Syndikalismus arbeitet und waren des Glaubens, daß es eher zwischen der Geisteswelt der deutschnationalen „Deutschen Tageszeitung“ und der Hilferdingschen „Freiheit“ eine ideologische Annäherung geben könnte als zwischen Kommunismus und Syndikalismus.

Nun wird uns auf einmal zu unserer größten Überraschung die ideologische Annäherung bereits als Tatsache sozusagen auf den Tisch des Hauses niedergelegt, und es bleibt daher nur die Schlußfolgerung übrig, daß den Vätern jener Richtlinien entweder bis heute noch nicht die unüberbrückbare Kluft, die uns vom Syndikalismus trennt, klar zum Bewußtsein gelangt ist, oder daß sie bewußt auf die Verkleisterung von Gegensätzen grundsätzlicher Natur, die nicht von uns, sondern von der Geschichte selbst gezogen sind, mit vollen Segeln hinsteuern. Zum Beweis dafür zitieren wir wörtlich aus Nr. 4 der „Richtlinien“ den nachstehenden äußerst charakteristischen oder vom revolutionären Standpunkte aus äußerst charakterlosen Satz:
„Bisher ist von den verschiedensten Richtungen in der revolutionären Arbeiterbewegung allzusehr das Trennende in den Vordergrund der Meinungskämpfe gestellt worden, das Einigende aber, das alle revolutionären Richtungen miteinander verbindet, wurde unter dem wütenden Bruderkampf erstickt.“
Man kann nicht gut annehmen, daß die Verfasser dieses Satzes sich nicht über das ABV des proletarischen Klassenkampfes im klaren sein sollten. Sie wissen doch wohl so gut wie wir, daß es in der proletarischen Revolution – in großen Linien betrachtet – nur zwei Fronten gibt: die der revolutionären Proletarier, die für die Diktatur der Arbeiterklasse mit allen Mitteln kämpfen, und die der Konterrevolution, zu der alles gehört, was sich dem proletarisch-revolutionären Kampfe direkt oder indirekt entgegenstellt. Damit diese beiden Fronten für jeden Proletarier in den Umrissen klar und scharf hervortreten und er sich sodann entscheiden kann, auf welcher Seite der Barrikade er mitzukämpfen gedenkt, ist es notwendig, daß man die Scheidemänner und Hilferdinge nicht weniger als die Wortführer der Syndikalisten als das brandmarkt was sie sind: als Lakaien der Konterrevolution, und vor allem ihre Theorien als das charakterisiert, was sie find: als den Versuch, unter dem Deckmantel der revolutionären Phrase dem proletarischen Klassenkampf die Spitze abzubrechen, den Kampfeswillen der revolutionären Proletarier einzudämmen, die Revolution – die eben wie jede Neugeburt nicht ohne Blutverlust verläuft – ins Uferlose zu vertagen. Mit das schlimmste Betäubungsmittel aber wäre für die deutschen Arbeiter der Syndikalismus, wenn er in bedeutendem Umfang Macht über sie gwänne.
Die Einigungsapostel möchten gern das Einigende, das uns angeblich mit dem Syndikalismus verbindet, in den Vordergrund gestellt wissen. Sie sagen auch gleich, was ihrer Meinung nach das Einigende ist. Nämlich:
„Mit der F.A.U. verbindet uns der gleiche Haß gegen die kapitalistische Welt und der brennende Wunsch, die kapitalistische Wirtschaft durch die freie kommunistische Wirtschaft abzulösen.“

Ist das nicht herrlich? Wollen wir nicht beide dasselbe? Völlige Übereinstimmung in den Zielen – was will man mehr? Mit Verlaub, diese völlige Übereinstimmung hat ein Loch. Einmal: der gemeinsame Haß gegen die kapitalistische Welt ist zunächst weiter nichts als gemeinsame Gefühlsverschwommenheit, die sich außerdem auf der ein negativen Linie bewegt. Mit solcher Gefühlsverschwommenheit kann man in der Revolution nichts anfangen. Wir sind anspruchsvoller. Wir brauchen Klarheit über das Wesen der kapitalistischen Welt, über ihre Gesetze und inneren Widersprüche, über das Verhältnis der kapitalistischen Wirtschaft zu ihrem politischenMachtapparat, dem bürgerlichen Klassenstaate, um daraus unsere Lehre zu ziehen. Wir wissen aber auch nicht, um auf die positive Seite zu kommen, was sich die Väter der Richtlinien unter der „freien kommunistischen Wirtschaft“ vorstellen. Dieser Begriff ist offenbar absichtlich so verschwommen formuliert, damit sich jeder darunter das vorstellen kann, was ihm beliebt. Wer einmal einen Blick in die syndikalistische Literatur geworfen hat, weiß, daß nach deren Theorie der Aufbau der Wirtschaft von Grund aus anders sich gestalten muß als nach wissenschaftlich-marxistischer Erkenntnis, die im Prinzip der Gemeinwirtschaft (Kollektivismus) gipfelt, sowohl was Produktion wie Verwaltung anbelangt, während der Syndikalismus niemals auf eine Gemeinwirtschaft hinarbeiten kann, solange er an dem Grundsatz der Autonomie für jede Produktionsstätte festhält und in der Praxis damit jeden Betrieb so wirtschaften lassen müßte, wie es dessen lokal-individualistischem Interesse angepaßt erscheint.    Das bedeutet niemals kommunistische Wirtschaft, sondern wäre nur der Abklatsch der jetzigen kapitalistischen Ordnung, nur mit dem Unterschiede, daß statt der Konkurrenz der einzelnen Kapitalisten der sogenannte freie Wettbewerb der in einem Betriebe beschäftigten Arbeiter mit den autonom wirtschaftenden Arbeitern anderer Betriebe treten würde.   Das ist die bürgerlich-individualistische Ordnung in vermehrter und verschlechterter Auflage.

Der Syndikalismus wie jede Form des utopischen Sozialismus kann nicht anders als zu solchen geistigen Verrenkungen gelangen, weil er eben im utopistichen Sumpfboden wurzelt, d.h. weil er sich ein Bild der zukünftigen Wirtschaft und Gesellschaft in seinem Kopf zurechtgezimmert hat, nach dem er die Wirklichkeit modeln möchte. Er ignoriert die Gesetze der geschichtlichen Dialektik oder richtiger: er leugnet sie, er leugnet die Grundprinzipien der materialistischen Geschichtsauffassung und bleibt so vollkommen im Kielwasser der bürgerlich-idealistischen Geschichtstheorie. Während der historische Materialismus als Grund aller geschichtlichen Veränderungen in letzter Instanz immer wieder ökonomische Faktoren konstatiert und den menschlichen Willen in einer bestimmten Abhängigkeit von den jeweiligen Produktionsbedingungen erblickt, die jener natürlichen auch wieder seinerseits  zu beeinflussen vermag, hält der Syndikalismus an der bürgerlich-ethischen Auffassung von der persönlichen Willensfreiheit fest und ist des naiven Glaubens, daß es genüge, zu wollen, um jederzeit und überall das Wesen der bestehenden Gesellschaft zu verändern.   Hier haben wir die Wurzel der syndikalistischen Ideologie und damit aber auch den fundamentalen Gegensatz bloßlegt, der zwischen utopistischem Syndikalismus und wissenschaftlichem Kommunismus besteht. Ebenso groß wie der Gegensatz zwischen Bürgertum und Proletariat ist auch der Gegensatz zwischen bürgerlich-idealistischer und materialistisch-historischer Weltbetrachtung. Daraus ergeben sich dann von selbst die Unterschiede in der Einstellung zum Klassenkampf, zur proletarischen Revolution und den vom revolutionären Proletariat anzuwendenden Kampfmethoden. Das wird in einem späteren Artikel noch eingehend behandelt werden müssen.

Wir und der deutsche Syndikalismus.

II.
Der Syndikalismus stellt sich zwar in der Theorie auf den Boden des Klassenkampfes, aber vom Standpunkt seiner utopistisch-kleinbürgerlichen Gedankenwelt aus steht er den Bedingungen des Klassenkampfes und seinen geschichtlichen Notwendigkeiten völlig verständnislos gegenüber. Er begreift den Wahnsinn und die historische Unhaltbarkeit des kapitalistischen Systems, aber seiner unhistorischen Denkmethode gemäß verneint er auch gleichzeitig die harten Notwendigkeiten des proletarisch-revolutionären Kampfes, die auf die Beseitigung des Kapitalismus abzielen. Er hat sich ein Kulturideal der künftigen sozialistischen Gesellschaftsordnung ausgemalt, wo die Wölfe neben den Lämmern friedlich grasen, und ist des Glaubens, daß auch die Mittel, mit denen um dieses Ideal gekämpft werden soll, ebenso friedlichen Charakter haben müßten. Die Brutalitäten des bürgerlichen Klassenstaates verleiten ihn zu der Schlußfolgerung, daß der Gedanke des Staates überhaupt, also auch des proletarischen Staates, zu den Dingen gehört, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müßten. Der Syndikalismus erstrebt, wie wir, die klassenlose Gesellschaft und folgert – da er das Weltgeschehen mit ethischen anstatt mit historischem Auge betrachtet -, daß der proletarische Staat dasselbe Hindernis für die Entwicklung zur klassenlosen Gesellschaft bedeute wie die bürgerlich-kapitalistische Herrschaftsorganisation. Er leugnet darum die Notwendigkeit der proletarischen Diktatur, weil er im Staate an sich das Übel aller Übel erblickt, ohne zu begreifen, daß das jeweilige Staatssystem von Grund aus seinen Charakter ändert mit den veränderten Produktionsverhältnissen, und ohne zu begreifen, daß die Produktionsverhältnisse im kommunistischen Sinne nur geändert werden können unter der revolutionären Diktatur des Proletariats. Der Syndikalismus wettert mit echt kleinbürgerlich-moralischer Entrüstung gegen die Scheußlichkeiten des proletarischen Staates, ohne jedoch den Weg zu zeigen, der ohne das Mittel der proletarischen Diktatur zum Kommunismus führt. Der Gedanke, daß sich die Diktatur der Arbeiterklasse auch gegen einzelne (konterrevolutionäre!) Teile der Arbeiterschaft richten könnte, ist für den frommen Syndikalisten so beängstigend, daß er nicht begreift, daß die kapitalistische Konterrevolution ihre Armeen eben immer aus proletarischen Elementen rekrutieren wird und daß diese Elemente als Teile der Konterrevolution mit allen Mitteln bekämpft werden müssen.

Der Abscheu vor dem staatlichen Zwangssystem an sich bestimmt demgemäß auch die Methoden des Kampfes. Verneinung des Staates überhaupt heißt Verzicht auf die Eriberung der politischen Macht. Mit dieser Ablehnung der politischen Machtergreifung dünkt sich der Syndikalismus nun wer weiß wie radikal und merkt nicht, wie das Bürgertum sich darüber lustig macht. Der Gedanke, die ökonomische Machtpositionen zu erobern bezw. zu behaupten ohne den Besitz der politischen Macht, ist eigentlich zu naiv, als daß man diesen handgreiflichen Unsinn als Unsinn noch besonders klarmachen müßte. Die Geschichte der unter syndikalistischer Leitung im Vorjahr stattgefundenen Betriebsbesetzungen in Italien, hat wohl jedem einsichtigen Proletarier den Beweis erbracht, daß der Besitz der ökonomischen Macht, der Produktionsstätten, eine Illusion ist, solange es der herrschenden Kapitalistenklasse vermöge ihres Staatsapparats möglich ist, den Produktionsprozeß zu unterbinden. Um den Produktionsprozeß zu ermöglichen, genügt es aber nicht, die wichtigsten Fabrikbetriebe in Besitz zu nehmen, sondern es ist immerhin auch notwendig, der Bourgeoisie die Verfügungsgewalt über ihren gesamten Staats- und Verwaltungsapparat zu entreißen, da sie sonst vielleicht auf den Gedanken verfallen könnte, mit Hilfe ihrer bewaffneten weißen Garden die Betriebe zurückzuerobern. Der Einwurf, daß die Bourgeoisie die Arbeiterschaft nicht mit Gewalt zur Arbeit zwingen kann, ist erstens nur bedingt richtig. Sie hat dieses Kunststück schon mehr als einmal fertiggebracht.   Und außerdem lautet der Grundsatz heute im Zeichen des bankrotten Kapitalismus für das Bürgertum: Nicht Aufbau der Wirtschaft, sondern Abbau. Das heißt: das Kapital hat an einer geregelten Produktion nur noch bedingtes Interesse.   Gerade im Stadium des bankrotten Kapitalismus tritt die Tatsache immer deutlicher zutage, daß bei der abnehmenden ökonomischen Machtstellung der Bourgeiosie ihre politische Machtstellung immer stärker ausgebaut und täglich gefahrdrohender werden. Das bedeutet, daß der Kampf umd die Produktionsmittel in ungleich höherem Grade als bisher noch einen Kampf um die Staatsgewalt darstellt. Daraus folgt, daß dieser Kampf neben den wirtschaftlichen Kampfmitteln auch die Anwendung von allen politischen, den bewaffneten Aufstand inbegriffen, notwendig macht. Der Syndikalismus, der den bewaffneten Aufstand grundsätzlich verwirft, leugnet damit die Notwendigkeiten der proletarischen Revolution und landet im Sumpfe des ausgesprochenen bürgerlichen Pazifismus, wie die litrarische Mitarbeit einer Helene Stoecker und eines Armin T. Wegener am „Syndikalisten“ wohl unzweideutig genug beweisen.

Der Kampfruf – Organ der AAU (RBO), Berlin – 2. Jg. – Nr. 3 / 1921 [erschien nach dem 9. Mai ´21]

Anmerkungen:
[1] D.I.V. = Deutscher Industrie-Verband –
linkskommunistische Gewerkschaft in der Weimarer Republik
»Die Industrie-Verband Einheitsorganisation ist eine wirtschaftspolitische Einheitsorganisation. Er hat die klarste Organisationsform, die ihren Ausdruck in dem auf dem Reichskongreß 1929 beschlossenen Programm findet. (…) der IVE. ist eine Klassenorganisation, die die Scheidung der Arbeiter in Dutzende Berufsverbände, aber auch in wirtschaftliche Organisationen einerseits und politische Organisationen andererseits verwirft. „Politik und Wirtschaft sind eins, denn alle politischen Ereignisse haben ihre Ursache in den ökonomischen Vorgängen.“ Dieser unwiderlegbare Satz aus dem Programm des IVE. findet in der organisationsfrom seinen Ausdruck.«
Industrie-Verband – Zentralorgan des Industrie-verbandes (Einheitsorganisation aller klassenbewußten Arbeiter und Arvbeiterinnen), Nr. 7, 5. Jg, 12. februar 1930

Neben dem IVE. bestand auch ein Deutscher Industrie-Verband (DIV), der allerdings die Trennung von wirtschaftlicher Organisation und politischer Partei (ohne Parteibindung).

Der Bund revolutionärer Industrie-verbände stand der KPD nahe

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