Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Anarchistenprozesse.

Hier noch ein kleiner juristischer Nachschlag zu Albert Weidners Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung und den Prozessen um die Arbeitslosendemonstration 1894 in Berlin.
Als pdf bieber_anarchisten-prozesse_1897

Adler_Deutsches-Reich

Dr. jur. Richard Bieber (Berlin)

Anarchisten-Prozesse. [*]

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass in unserer Gerichtspraxis die einzelnen Sachen in der Weise bezeichnet werden, dass man den Namen des Angeklagten nennt und die Strafthat hinzufügt, wegen der die Anklage erhoben wurde. So wurde der letzte Aufsehen erregende Prozess vor dem hiesigen Schwurgericht richtig in den Zeitungen bezeichnet: „wider Koschemann und Genossen wegen versuchten Mordes“. Von dieser wohl für ganz Deutschland gängigen Praxis wird aber in der amtlichen Aktenbezeichnung eine Ausnahme gemacht, welche nicht bekannt sein dürfte. Seit mehreren Jahren bezeichnet man bei dem Landgericht I zu Berlin eine Reihe von Strafthaten nicht bloss wie oben angegeben, sondern es steht auch noch auf dem Aktendeckel von vornherein roth unterstrichen der Name [1] „Anarchistensache“, und zwar wird dieser Name nur aus dem Grunde daraufgesetzt, weil die politische Polizei den Angeklagten als Anhänger der politischen Lehren des Anarchismus bezeichnet. So unscheinbar an sich diese Aeusserlichkeit einem dem Gerichtsleben Fernstehenden vorkommen mag, so schwerwiegend ist sie in Wirklichkeit. Gerade bei unserem Strafverfahren und der dasselbe beherrschenden freien Beweiswürdigung darf man psychologische Eindrücke in keiner Weise unterschätzen. Man muss sich klar machen, wie selbst in unseren Richterkreisen, und natürlich noch mehr in den weiten Kreisen der Bevölkerung überhaupt, eine fast absolute Unwissenheit herrscht über das, was die Anarchisten-Lehre predigt und bezweckt, um übersehen zu können, welches Vorurtheil von vornherein wachgerufen wird, wenn auf der Anklagebank eine Person vorgeführt wird, die durch die Bezeichnung Anarchist in den Augen der Richter jeder That fähig erscheint, welche gegen Gesetz und Gesellschaftsordnung verstösst. Sind doch nach Meinung unendlich Vieler die Anarchisten Leute, die mit Bomben in der Tasche umherlaufen, um bei erster bester Gelegenheit eine Schreckensthat zu begehen. Bezeichnet nun gar der Vertreter der politischen Polizei auf Grund seiner, von unbekannten und ungenannten Hintermännern ihm gewordenen Information den Angeklagten als Anhänger der Propaganda der That, so überlauft sämmtliche Betheiligte ein Gruseln, das wahrlich nicht dazu beitragt, eine objektive Urtheilsfindung zu erleichtern.

Vor Allem muss darum auch immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Lehren des Anarchismus an sich absolut nichts mit den Schreckensthaten, welche von einzelnen Anhängern dieser Lehren zweifellos verübt worden sind, zu thun haben. Bezeichnet doch Elisée Reclus, der berühmte Geograph und Anarchist, als Propaganda der That: die vorbildliche Lebensführung, welche beweise, dass jeder Herrschaftszwang entbehrlich sei, und verlangt, dass die Anarchisten durch eine solche Propaganda der That für ihre Ideallehre eintraten. Die grosse Zahl der sogen. Anarchisten, welche unter dieser Bezeichnung die Anklagebank betreten und meistens als Verurtheilte verlassen haben, bestritten auf das Entschiedenste, und in durchaus glaubwürdiger Weise, Anhänger der Propaganda der Thal im Sinne der Anklagebehörde zu sein. In der langen Reihe von Anarchisten-Prozessen, die sich in Berlin seit dem Jahre 1892 vor dem Prozess Koschemann abgespielt hatten, ist niemals ein Delikt auch nur nur Sprache gekommen, das als ein spezifisch anarchistisches, d. h. als gewalttätiges wahlloses Zerstören von Eigenthum und Leben gerichtetes, bezeichnet werden kann. Es handelt sich fast immer um Pressvergehen oder um aufreizende Reden.

Die Art und Beurtheilung dieser Delikte zeigen am deutlichsten einige Beispiele. Im September 1893 befanden sich auf der Anklagebank 3 Männer, beschuldigt der Geheimbündelei. Monatelang waren zwei derselben aua den Grunde in Untersuchungshaft, weil sie den dritten gekannt, anarchistische Schriften besessen, und der eine überdies 2 Adressen bei sich geführt hatte, über welche er glaubhafte Auskunft nicht hatte geben wollen, während der andere in einem Brief an den Hauptangeklagten erwähnt worden war und im Besitz eines Briefes sich befunden hatte, in dem zwei Mal die Abkürzung K. A. vorkam und ausserdem die Worte „Ich verbitte mir solche Injurien, wie Kutschergruppe, so wat jiebts hier nicht zu lecken”. Die Anklage folgerte hieraus, dass der Angeklagte mit dem Klub Autonomie in London zu thun, und „dass er zur Bildung einer anarchistischen Kutschergruppe aufgefordert habe”. In Wirklichkeit war mit K. A. „Kommunistische Anarchisten“ gemeint, der Adressat war gar kein Kutscher, sondern Mechaniker, und mit Kutscher war eine bekannte Mischung von Kümmel mit Rum gemeint. Allerdings wurden diese Angeklagten, aber doch erst nach langer Untersuchungshaft, freigesprochen. — Ein anderer, besonderes Aufsehen erregender Fall waren die Anklagen gegen den jungen praktischen Arzt Dr. G. [2] aus Oesterreich im Februar und Mai 1894. Derselbe wurde in einer Volksversammlung verhaftet, weil er in seiner Rede die geschmacklose Aeusserung gemacht hatte, „der Staat sei eine organisierte Räuberbande”. In diesen Worten wurde eine Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen gefunden, und eine Strafe von 9 Monaten Gefängnis ausgesprochen. Charakteristisch scheint mir aber besonders, dass derselbe Mann dann noch wegen Aeusscrungen, die er in einer früheren Rede gethan hatte, unter Anklage gestellt wurde, und auch hierfür weitere 9 Monate Gefängnis erhielt. Unsere Polizei macht doch im Allgemeinen mit unliebsamen Ausländern nicht viel Umstände. Es ist mir unerfindlich, warum man den Dr. G. nicht sofort nach seiner ersten Rede verhaftete oder auswies und so am weiteren Delikten im Lande verhinderte, anstatt ihn erst, ohne ihm auch nur Mittheilung zu machen, dass man an einer ersten Rede Anstoss genommen habe, längere Zeit sich hier noch aufhalten zu lassen, bis er wiederum mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Bei der Verbindung gegen Dr. G. ereignete sich auch jenes denkwürdige Ereignis, dass der jetzige Erste Staatsanwalt Dr. Benedix, welcher zunächst etwa 2 Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf die Vertheidigungsrede des Dr. G. hin, welcher ausführte, dass eine längere Gefängnissstrafe gegen ihn gar keinen Sinn habe, da die Gefängnissbeamten ungebildet und nicht in der Lage seien, ihn zu bessern, aufsprang, und nunmehr wegen dieser Rede eine Gefängnissstrafe von 8 Jahren verlangen zu müssen sich verpflichtet hielt. — In Kottbus hatte man im Juli 1895 3 Leute wegen Geheimbündelei angeklagt. Nach viermonatlicher Untersuchungshaft stellte sich als einziges Ergebniss der als Geheimbündelei bezeichneten intimen Beziehung heraus, daß die Drei befreundet waren, und in ihren Familien miteinander verkehrt hatten. Nur der Eine von ihnen gab zu, Anarchist zu sein, und es wurde in dieser Beziehung weiter nichts erwiesen, als dass er ein Heft der anarchistischen Bibliothek, welches hier in Berlin anstandslos und mit Wissen der Polizei vertrieben worden war, an einen Logisgenossen verkauft halte mit den Worten: „Das sei etwas zum Lesen”. Hieraus folgerte das Gericht „die Absicht, dass nicht nur der Käufer, sondern auch Andere die Schrift lesen sollten”. Das Gericht fand nun in der Brochüre an einigen Stellen Aufforderungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Die beiden anderen Angeklagten wurden freigesprochen, der anarchistische Verkäufer erhielt wegen Verbreitung einer derartigen Schrift 9 Monate Gefängnis. — Gegen einen ferneren Angeklagten. welcher unter seinen Genossen den Spitznamen „der gesetzliche Anarchist” erhalten hatte, weil er stets die Ansicht vertrat, er wolle beweisen, dass man Anarchist sein könne, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, führte der Staatsanwalt bei einer Anklage wegen Betheiligung an einem Pressvergehen als strafschärfend aus: der Angeklagte sei besonders gefährlich, weil er es bisher verstanden habe, sich so zu halten, dass er noch nie mit den Gesetzen in Konflikt gekommen. Den Drucker der anarchistischen Zeitung „Der Sozialist” klagte man wiederholt mit an, weil in der Zeitung ein Artikel strafbaren Inhalts erschienen war. Er wurde zunächst stets freigesprochen, schließlich aber doch auf Grund des gleichen Thatbestandes unter der Feststellung, dass er sich um die Redaktion und Expedition der fraglichen Nummer nicht gekümmert habe, zu 6 Monaten Gefängnis verurtheilt, natürlich mit Hülfe des bekannten Dolus eventualis [3]. Ein andermal erhielt der Redakteur des Sozialist für einen ohne jeden Zusatz erfolgten Abdruck des bekannten Gedichts von Heine „König Langohr” [4] wegen Majestätsbeleidigung 4 Monate Gefängnis. Alle diese Verurtheilungen und Beurtheilungen sogenannter anarchistischer Strafthaten sind nur wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Sie könnten noch um eine erhebliche Anzahl Beispiele bereichert werden.

Die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Rechtsprechung Anarchisten gegenüber hat erst der Prozess wider Koschemann und Genossen, welche der Absendung einer Sprengkiste an den Polizeiobersten Krause beschuldigt wurden, erregt, welcher vom 6.—15. April d. J. vor dem Schwurgericht am Landgericht I Berlin verhandelt wurde.

In der Nacht vom 29. zum 30 Juni 1895 kam in Berlin aus Fürstenwalde eine an den Obersten Krause, Alexanderplatz 2, adressirte Kiste an. Dieselbe wurde infolge heraustropfender Flüssigkeit verdächtig, und als sie unter Anwendung von Vorsichtsmaassregeln auf der Post geöffnet wurde, ergab sich als Inhalt des Packets eine sogenannte Höllenmaschine: ein Pulverbehälter mit Zündschnur, die mit einer Weckeruhr derart verbunden war, dass nach Ablauf einer bestimmten Zeit die Explosion erfolgen musste. Die Anklage beschuldigte die beiden Hauptangeklagten Koschemann und Westphal der gemeinsamen Thäterschaft. Sie sollten beide in der Wohnung Westphals die Kiste hergestellt und Koschemann sie dann selbst in Fürstenwalde zur Post gegeben haben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angegeben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angetreten, für die Thäterschaft wurde in der Hauptsache angeführt: Koschemann sei identisch mit der Person, die das Packet in Fürstenwalde aufgegeben hat. Es wurden ca. 20 Zeugen vernommen, welche die in Frage kommende Person am 29 Juni 1895 gesehen hatten. Auf fast sämtliche Zeugen hatte die Person den Eindruck einer verkleideten Frau gemacht. Von Koschemann, einem durchaus männlich gebauten, jungen Menschen von 23 Jahren mit bartlosem, vielleicht etwas mädchenhaftem Kopf, sagten nun einige Zeugen, er könne mit jener Person identisch sein, andere verneinten es mit Bestimmtheit. Ferner bekundete der Bibliotheksdiener Brede, gegen dessen objektive Glaubwürdigkeit erhebliche Bedenken geltend gemacht wurden: Koschemann habe ihm gegenüber viel Redensarten über den Obersten Krause gemacht, er habe ihm am zweiten Pfingsttag (3. Juni) 1895 gesagt, dass er sich in Wusterhausen eine Weckuhr gekauft habe. In der Kiste befand sich nun eine sogenannte Junghans-Weckuhr. Ein Uhrmacher in Wusterhausen hatte am zweiten oder dritten Pfingstfeiertag (nach der Eintragung in den Büchern aber wahrscheinlich am dritten) eine solche Weckuhr an einen ihm unbekannten Käufer, der den Namen Kurte angab, also einen Namen, der mit demselben Buchstaben anfange, wie Koschemann, verkauft. In Bezug auf die erste und wichtigste Frage, die Identität mit der in Fürstenwalde gesehenen Person trat Koschemann einen Alibi-Beweis an, dessen Beweiskraft aber von der Anklagebehörde bestritten wurde. Diese blieb auf Grund der mündlichen Verhandlung bei der Ansicht, dass Koschemann die Kiste zur Post gegeben habe, verlangte dagegen Verurtheilung des Westphal nur wegen Begünstigung, welche darin gefunden werden sollte, dass Westphal versucht habe, dem Koschemann den Alibi-Beweis zu sichern, in der Absicht, ihn der Bestrafung zu entziehen.

Die Geschworenen haben die Frage, ob Koschemann der Thäter ist, verneint. Sie haben also Koschemann nicht für die Person gehalten, welche die Kiste in Fürstenwalde zur Post gegeben hat. Die Geschworenen haben aber die Frage, ob er zur That Beihülfe geleistet habe, bejaht und haben ferner Westphal der Begünstigung schuldig erklärt. Jener wurde zu 10 Jahren und 1 Monat Zuchthaus, dieser zu 1 Jahr Gefängnis verurtheilt.

In welchen Thatumständen die Geschworenen eine Beihülfe gefunden haben, die Koschemann unbekannten Thätern geleistet haben soll, entzieht sich der öffentlichen Kenntniss. Wie nun aber die Geschworenen weiter dazu gekommen sind, trotz der Verneinung der Thäterschaft Koschemanns die Frage gegen Westphal auf Begünstigung zu beziehen, ist unerfindlich. Es sei denn, man nehme an, dass die Geschworenen der Ansicht waren: die Angeklagten sind Anarchisten, man kann sich von ihnen der That versehen, und darum werden sie verurtheilt.

Die Möglichkeit, dass die Geschworenen zu einem solchen Urtheil kommen konnten, muss man zugestehen, wenn man der ganzen langen Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist. Da durfte zunächst der Kriminalkommissar Bösel eine lange Geschichte über das angebliche Treiben der hiesigen Anarchisten in einem Lokal in der Petersburgerstrasse (wo die Angeklagten aber, wie Bösel selbst zugiebt, nie verkehrt haben) und in einem Lokal bei Späth, wo ein Diskutirklub nach polizeilicher Anmeldung seine Sitzungen abhielt und wo allerdings die Angeklagten auch ab und zu hingegangen sind, erzählen. Gerade an diesen Orten sollten nach Angaben des Herrn Bösel eifrige Anhänger der Propaganda der That verkehren, wie ihm seine — ungenannten — Gewährsmänner versichert haben. Es ist aber nun doch mehr als auffällig, dass noch nicht ein Mal gegen irgend einen Besucher dieser Diskutir-Versammlungen eine Anklage wegen strafbarer Aeusserungen erhoben worden ist. Entweder sind die Angaben der Gewährsmänner des Herrn Bösel falsch, oder man lasst dort bei Späth ruhig Strafthaten begehen, die anderswo, wie wir an oben aufgeführten Beispielen ersehen haben, mit schweren Strafen belegt worden sind. Aus diesem Gedankengang heraus wird es dann verständlich, wenn ein anderer im Prozess vernommener Zeuge die Diskutir-Versammlungen bei Späth als „Spitzelfalle” bezeichnete. — Ein anderes Mal bekundete der Zeuge Bösel in längerer Auseinandersetzung, wie die Polizei dazu gekommen sei, nach Jahr und Tag doch wieder den schon einmal fallen gelassenen Verdacht gegen die Angeklagten aufzunehmen [5], warum er sie für schuldig halte, und dass das Beweismaterial erdrückend sei. Hat man denn schon jemals früher in einem Prozess einen Polizeibeamten, welcher die Vorermittelungen angestellt hatte, als Gutachter auftreten lassen? Ein Zeuge ist zum Bekunden von Thatsachen da; eine gutachtliche Meinungsäusserung über die Frage, ob das Beweismaterial erdrückend ist, oder nicht, hat ein Gericht noch niemals extrahirt, weil dies die Frage ist, die von den Urtheilenden selbst zu beantworten ist. — Ein anderer Kriminalbeamter hielt den Geschworenen einen ausführlichen Vortrag über die Herkunft des in der Sprengkiste befindlichen Revolvers, um damit zu schliessen, dass es nicht gelungen sei, irgend einem der Angeschuldigten zu beweisen, dass sie überhaupt einen Revolver, am wenigsten den hier in der Kiste befindlich gewesenen jemals besessen haben. Bei einem der freigesprochenen Angeklagten hatte man die Abschrift eines Sprengstoff-Rezeptes gefunden. Flugs hält der sachverständige Chemiker den Geschworenen einen Vortrag über die Gefährlichkeit des Stoffes, welcher nach diesem Rezept angefertigt werden könne. Zum Schluss aber die (in diesem Prozess fast übliche) Bezeugung, dass das Rezept mit der an den Obersten Krause adressirten Sprengkiste und deren Inhalt nicht das Geringste zu thun habe. Dutzende von Zeugen werden vernommen, nur um darzuthun, dass irgend welche anderen Leute, die nicht auf der Anklagebank sitzen, auf die man aber vielleicht hatte Verdacht werfen können, nicht die zur Anklage gestellte That begangen haben. Ja, muss denn nicht schliesslich in den Geschworenen die Ansicht sich festsetzen: wenn alle Anderen es nicht gewesen sind, dann bleiben ja nur die Angeklagten übrig. Bisher war im Gerichtsaal Sitte, dass man nicht aufwies, wer es nicht gewesen sei, sondern nur sich für verpflichtet erachtete, zu erweisen, dass der Angeklagte die That begangen. Wehe den Angeklagten, wenn die Rechtsprechung diesen einzig zulässigen Weg verlässt.

Dass alle diese Umstände zusammen geeignet sind, auf Geschworene dahin zu wirken, dass sie die Angeklagten mit anderen Augen ansehen, als sie es Angeklagten gegenüber gethan haben worden, deren politische Ansicht ausser Betracht geblieben wäre, bedarf keines besonderen Beweises.

Der Unterzeichnete hörte einmal aus berufenem Munde in einer Anarchistensache den Ausspruch: „Was, solche Leute berufen sich auf das Gesetz!” Mit diesem Ausspruch ist die Stimmung bezeichnet, in welcher allein es möglich ist, von Anarchistensachen als von einer besonderen Kategorie von Strafprozessen zu sprechen. Erste Grundlage des Rechtsstaats sollte es doch wohl sein, dass alle Menschen, mögen sie selbst die Gesetze für noch so schlecht halten, mögen sie politische oder religiöse Ansichten haben, welche sie wollen, von ihren Richtern nur nach dem Gesetz beurtheilt werden. Er ist deshalb unzulässig, einen Angeklagten allein darum, weil er sich Anarchist nennt, für schuldig zu erachten.

Die zahlreichen Anarchisten-Prozesse, welche in den letzten 5 Jahren, und namentlich seit dem Scheitern der Umsturzvorlage [6], angestrengt wurden, haben das eine gemeinsame Ergebniss zutage befördert, dass es eine anarchistische Bewegung, welche den gewaltsamen Umsturz anstrebt, in Deutschland nicht giebt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gefahr einer solchen Bewegung gänzlich ausgeschlossen sei. Diejenigen, welche den Wunsch hegen, es möge in Deutschland wirklich zur feststehenden Methode werden, anarchistischen Angeklagten gegenüber ein anderes Beweisverfahren und eine andere Rechtsprechung zu üben, als gegenüber Angeklagten anderer politischer Richtungen, mögen sich klar machen, dass dann allerdings einmal ein also Verurtheilter aufstehen und sagen könnte: Ihr habt mir gegenüber das Gesetz ausser Kraft gesetzt, ich halte mich infolgedessen auch meinerseits nicht mehr an ein solches gebunden.

Mit Ungerechtigkeit wird man Ungerechte nicht zu Gerechten machen.

Richard Bieber

Anmerkungen
*      Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik (Berlin – Frankfurt/M). Jg. VI, No. 31, 29. April 1897, Spalte 745-751. – Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Sperrungen im Original werden kursiv wiedergegeben, Anmerkungen der Herausgeber sind mit [JS] gekennzeichnet.

Richard Bieber (1858 – 1936), Dr. jur.; Schriftsteller, Rechtsanwalt und Notar. Verheiratet mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hanna Bieber-Böhm (1851 – 1910). Beide gehörten 1892 zu den Begründern der in Berlin ansässigen Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur und ihrer Zeitschrift Ethische Kultur, die bis 1936 bestanden. Bieber war lange Zeit in der Leitung der Gesellschaft und Herausgeber der Zeitschrift. In der Gesellschaft waren bekannte Linksliberale und Sozialisten wie Ferdinand Tönnies, Dora Lux (geb. Bieber), Heinrich Lux, Lily Braun und Friedrich Wilhelm Foerster aktiv. [JS]

[1]      Durch Zufall wurde dem Unterzeichneten gegen Ende des Jahres 1892 das erste Mal eine Vertheidigung in einer sogenannten Anarchistensache übertragen, und er hat seit dieser Zeit in der weitaus grössten Mehrzahl derartiger zur Verhandlung gekommener Sachen mitgewirkt. Es ist dies im Ganzen in 27 Anklagen der Fall gewesen. Für die herrschenden Vorurtheile muss als charakteristisch erwähnt werden, dass in der beim Landgericht Kottbus verhandelten Sache (s. u.) die Angeklagten sich an den Unterzeichneten wandten, weil es ihnen nicht möglich war, in Kottbus selbst einen Vertheidiger zu finden; dass der Unterzeichnete ferner sehr häufig gefragt wird, ob er etwa selbst Anarchist sei, offenbar weil in den Augen der Frager ein Anarchist ein Individuum ist, das an sich auf Gerechtigkeit keinen Anspruch hat, und das man gegen ungerechte Anklagen nur zu vertheidigen wagt, wenn man selbst dessen politische Anschauungen theilt.

[2]      Władysław (Ladislaus) Gumplowicz (1869 – 1942); Wirtschaftswissenschaftler, Geograph, Politiker; nach der Verhaftung Gustav Landauers 1893 kurzfristig Herausgeber des „Sozialist”; Übersetzer von Peter Kropotkin, Die historische Rolle des Staates, Berlin 1898; Verfasser von Nationalismus und Internationalismus im 19. Jahrhundert (Am Anfang des Jahrhunderts, 7. Heft), Berlin 1902; Kwestya polska a socyalizm, Warszawa 1908. [JS]

[3]      Dolus eventualis, Eventualvorsatz, Eventualdolus oder bedingter Vorsatz: wenn der Täter den Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hält und ihn zugleich billigend (im Rechtssinne) in Kauf nimmt und sich damit abfindet (wikipedia). [JS]

[4]      Heinrich Heine, König Langohr I. (http://www.heinrich-heine.net/langohr.htm) [JS]

[5]      Sofort am 30. Juni 1895 hat die politische Polizei gegen Koschemann und Westphal ein Ermittelungsverfahren begonnen. Die damaligen Ermittelungen hatten damit geendet, dass die Polizei das Alibi als bewiesen annahm. Nach etwa einem Jahr nahm man das Verfahren wieder auf. Da die Polizei es gleich nach der That nicht für nötig gehalten hatte, die Entlastungsbeweise in ausführlichen Protokollen festzulegen, verwickelten sich die Beschuldigten nunmehr nach Jahr und Tag in einzelnen Punkten in Widersprüche (und wer würde sich nicht in Widersprüche verwickeln, wenn er gezwungen würde, sich heute darüber auszusprechen, wo er am 29. Juni 1895, sowie an den Tagen vorher und nachher sich aufgehalten habe), welche danach das Hauptbelastungsmaterial der Anklage bildeten.

[6]      Gesetz, betreffend Änderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuchs, des Militärgesetzbuchs und des Gesetzes über die Presse – ein am 6. Dezember 1894 von der Regierung Hohenlohe dem deutschen Reichstag vorgelegter Gesetzentwurf, der sich in erster Linie gegen die Sozialdemokratie und deren (angeblich) gesellschaftsumstürzende Absichten richtete und einer verschärften Neuauflage des Sozialistengesetzes gleichkam, in seinen verwaschenen Formulierungen allerdings auch tiefgreifende Eingriffe in die Pressefreiheit und selbst in die Freiheit der Forschung und Lehre möglich gemacht hätte. Der Gesetzentwurf führt zu einer breiten Protestbewegung, an der sich neben der Arbeiterbewegung auch die liberalen Parteien, Stadtverwaltungen, Bauernverbände sowie bekannte Intellektuelle aus Kunst und Wissenschaft beteiligen. Die Umsturzvorlage scheiterte am 11. Mai 1895 in zweiter Lesung im Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokratie und den liberalen bürgerlichen Parteien. [JS]

[JS – bearbeitet von Jonnie Schlichting | barrikade]

kaiserzeit02_gross[26.12.2016]

Advertisements

Die Arbeitslosenversammlung – 18. Januar 1894

Vor 123 Jahren passierte in Berlin folgendes …

poor-houseWarten auf den Einlaß in eine Wärmehalle – das Bild stammt aus England -, ähnlich dürfte es am Alexanderplatz in Berlin ausgesehen haben (Poor house – Armenhaus)

Die Arbeitslosenversammlung

 Anfangs der neunziger Jahre legte sich eine schwere Depression über das wirtschaftliche Leben Deutschlands. Besonders die arbeitenden Schichten des Volkes litten darunter außerordentlich, und die Zahl der Arbeitslosen wuchs zusehends, um schließlich andauernd in einer Höhe zu bleiben, wie kaum je zuvor.

Die Sozialdemokratie ergriff die Gelegenheit zur Einberufung von Arbeitslosenversammlungen, die sich eines zahlreichen Besuchs erfreuten und in denen Männer wie Liebknecht die sozialdemokratischen Ziele als einzige Erlösung von dem Drucke und von der ewigen Existenzgefahr darlegten, unter denen das moderne Proletariat leide. Daneben wurde gewöhnlich in Resolutionen an Staat und Kommune die Forderung geeigneter Maßnahmen zur augenblicklichen Steuerung und Verminderung des großstädtischen Arbeitslosenelends gestellt.

Schon war es im Anschluß an derartige Arbeitslosenversammlungen zu aufsehenerregenden Demonstrationen auf offener Straße gekommen. Die Arbeitslosen hatten sich, wie es der Zufall gab, zu geschlossenen Zügen formiert. Aus den Vorstädten, wo diese Versammlungen gewöhnlich stattfanden, bewegten sie sich nach dem Stadtinnern, dem Rathaus und dem königlichen Schloß zu, mit jenem Instinkt, der jede revolutionäre Volksmenge zu dem Sitz der obersten Gewalten hinstreben heißt.

Da erwachte im Januar 1894 bei einer Anzahl Berliner Anarchisten die Idee einer großen Arbeitslosenversammlung, von einer Art, wie sie Berlin noch nicht gesehen.

Das Publikum der gewöhnlichen, sozialdemokratischen Arbeitslosenversammlungen bestand durchgehend aus jener verhältnismäßig gut situierten Schicht der industriellen Arbeiterschaft, die sich in den Gewerkschaften organisiert findet, augenblicklich Arbeitslose, die immerhin insofern noch Boden unter den Füßen haben, als ihnen die, wenn auch mitunter nicht allzunahe Hoffnung auf Arbeitsvermittlung durch den gewerkschaftlichen Arbeitsnachweis winkt.

Die erwähnte Anzahl Anarchisten jedoch, selbst Arbeitslose, faßten die Idee, einmal jene breite, stumme Masse aufzurütteln, die den sozialen Bodensatz der Großstand bildet. Gelegentlich der – schon erwähnten – Februarkrawalle von 1891 hatte das sozialdemokratische Zentralorgan, der „Vorwärts“, dieser untersten Schicht des Volkes, dem Lumpenproletariat gegenüber die arbeitslose Arbeiterschaft streng abgetrennt.

Nun sollte einmal der Versuch gemacht werden, dieses Lumpenproletariat zu versammeln, dem jeder Zusammenhalt fehlt und das so tief gesunken ist, daß ihm von irgend einer Interessengemeinschaft nichts bewußt ist.

„Unsere Anklage“ – so kündigte der Einberufer an – „wollen wir der heutigen Gesellschaft entgegenschleudern, bis unter der Wucht dieser Anklagen und der von allen Seiten auf sie eindringenden Not- und Verzweiflungsschreie diese morsche Gebäude der Unvernunft und der Willkür zusammenbricht.“

Zum 18. Januar wurde die Versammlung anberaumt, und zwar in einem der größten Berliner Versammlungssäle, dem der Brauerei Friedrichshain im Nordosten der Stadt; Inserate in der Arbeiterpresse wie Plakate an den Anschlagsäulen waren wie gewöhnlich auch hier Publikationsmittel.

Mehrere Tage vorher machten indessen bereits außergewöhnliche Anzeichen auf diese Versammlung aufmerksam. Da die Veranstalter derselben sich sagen müßten, daß jene Parias der Großstadt, die sie aufzurütteln gedachten, die Inserate der Arbeiterblätter so wenig lesen als die öffentlichen Plakate beachten würden, bedienten sie sich alsbald noch anderer Mittel und Wege, sie auf diese Versammlung hinzuweisen. So wurde das Lumpenproletariat direkt an jenen Orten aufgesucht, wo sein bedauernswertes Los es zusammendrängt. In den Volksküchen und Volkskaffeehäusern, in den Wärmehallen und in den Asylen tauchte die Versammlungsankündigung in Gestalt von Zetteln auf, die unbekannte Hände verteilten und die von Hand zu Hand weitergingen.

* * *

Unweit des Bahnhofs Alexanderplatz befindet sich, in einigen Stadtbahnbogen etabliert, die städtische Wärmehalle. Während der Wintermonate ist sie der einzige Zufluchtsort jener Tausende bejammernswürdiger Existenzen, die durch Arbeitslosigkeit zur Obdachlosigkeit gesunken sind. Nur ein Teil findet in den weiten Hallen Raum. Auf rohen Holzbänken dicht zusammengefercht, lassen sie die gastfrei gespendete Wärme den gebrechlichen, wenn nicht schon gebrochenen Körper durchströmen. Schweigsam oder leise flüsternd hocken sie beisammen, eine Anzahl „Booste“ oder „Kalfaktore“ beobachtet sie ständig und sorgt dafür, daß sie nach einer bestimmten Zeit die Plätze wieder verlassen. Denn auch hier sind sie nicht zu unbegrenzter Ruhe geduldet; neue Scharen warten schon des Einlasses.

Dicht zusammengedrängt harren diese draußen auf der Straße, von einem starken Polizeiaufgebot zu Reihen formiert und streng bewacht. Eng an den Straßenbahnviadukt ist die Menge gepreßt. Ein Zug donnert über ihre Köpfe hin – und plötzlich rauscht es und flattert herab: hunderte kleine Zettelchen, aus dem Coupéfenster geschleudert, breiten sich über den Menschenschwarm aus. Hunderte Hände recken sich empor, alles greift danach. Und ehe noch die resolut eindringende Schutzmannschaft die Versammlungsankündigung den Widerstandslosen aus den verklammten Händen gerissen, läuft die Sensation durch die Menge; eine Versammlung für uns! Und bei Nacht, im Asyl wie in jenen Schlupfwinkeln, wo berechnendes Geschäftigkeit selbst von den Pfennigen dieser Heruntergekommenen noch Profite zu machen weiß, überall raunt die Kunde von der Versammlung, wo über „Das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ gesprochen werden soll.

* * *

Doch auch an anderer Stelle hat das bevorstehende Ereignis die Gemüter erregt.

Gegenüber der Wärmehalle ragt jener gewaltige Gebäudekomplex empor, in dem die Großstadtpolizei ihre Zentrale hat. Dort erscheint unter dem Eindruck dieser anarchistischen Propganda das Gespenst der Rebellion und befängt die Gemüter.

So ballt sich ein Gewitter zusammen.

In einem vornehmen Restaurant des Westens sitzen drei Männer an einem Tisch, deren halblaut geführte Unterhaltung sich um die bevorstehende Demonstration dreht.

Der Polizeikommissar Röwer in Begleitung des seinem Ressort angehörenden Kriminalschutzmannes Lachmund haben in Eile den Schlosser Brandt zu einem Rendevouz geladen. Er ist ein intimer Freund des Einberufers der in drohende Nähe gerückten Arbeitslosenversammlung. Wenige Wochen zuvor hat Lachmund gelegentlich einer gegen Brandt eingeleiteten Untersuchung versucht, diesen in Polizeidienst zu locken. Er hat dem Arbeitslosen, der mit Weib und Kindern bitter Not leidet, ein Goldstück über den Tisch hin zugeschoben. Im Verlauf des Verhörs hat der so Attackierte es wiederholt zurückgeschoben; schließlich siegt die Begier; er steckt es ein. Und er empfängt seine Weisungen. Nur beobachten und berichten darf er, nicht selbst handeln, provozieren. Letzteres sei früher wohl mal geübt worden, aber mit diesem System sei gebrochen.

Im Norden, „im 6. Wahlkreise“, vermutet die Polizei „Männer der Tat“. Ihre Namen werden genannt. An sie soll Brandt sich heranmachen. Gegen 50-70 M. Monatseinkommen. Gelingt es ihm, rechtzeitig zu ermitteln, daß ein Attentat geplant sei, oder vermag er irgendwo das Vorhandensein von Dynamit zu entdecken, so soll er spornstreichs per Droschke zur Behörde eilen: 1000 M. seien ihm sicher.

Der Vigilant aber hat seinen Freunden, eben diesen verdächtigen „Männern der Tat“, vor dem Handel Mitteilung gemacht. Er berichtet das, was er mit diesen vorher verabredet. So auch die geplante Arbeitslosendemonstration. Und er verschweigt nicht, daß er zu dem Druck der mysteriösen Handzettel, die an den Stätten des Elends massenhaft kursieren, einige Mark beigesteuert.

Angesichts dieser Tatsache ist bei dem Polizeikommissar, der die Affäre Brandt leitet, der Verdacht rege geworden, daß der Vigilant ein doppeltes Spiel treibe.

Nun tritt der Kommissar bei diesem Rendevouz dem zweifelhaften Vigilanten persönlich gegenüber.

„Sie treiben ein falsches Spiel mit uns! Sie geben von Ihrem Gelde, das sie von uns erhielten, zur Veranstaltung dieser Demonstration, damit es nachher heißt: sie sei mit Polizeigeld gemacht, eine Provokation!“

So fährt der aufgeregte Beamte den Anarchisten an.

Dieser verteidigt sich.

Die paar Mark seien Geld, das er von früher her im Besitz habe.

„Wie dürfen Sie sich überhaupt in solche Geschichten einlassen!“ herrscht ihn der Kommissar an. „Das ist direkt gegen unsere Anordnungen! Wollen Sie die Verantwortung übernehmen für das, was geschieht? Glauben Sie man nicht, daß die Sache so milde abgehen word, wie bei den Krawallen von 1892.“

Alle Möglichkeiten werden in der weiteren Unterredung erwogen. Ja, daß es gelegentlich der Versammlung Blutvergießen und Leichen geben könne. Schließlich droht der Kommissar dem Anarchisten, von dessen doppelter Rolle er sich allmählich überzeugt hat, mit sofortiger Verhaftung für den Fall, daß derselbe in der Versammlung das Wort zu nehmen wage.

* * *

Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Am Morgen des 18. Januar zeigt der Friedrichshain am Königstor ein ungewöhnliches Aussehen. Ueberall blitzt und leuchtet es von Helmspitzen. Der Weg vom Tor zum Versammlungslokal, links von den Vorgärten der Häuser, rechts vom Hain begrenzt, gleicht einer Spießrutengasse. Schutzleute zu Fuß und zu Pferde bilden eng Spalier.

Um 11 Uhr ist die Versammlung anberaumt. Doch schon vom frühen Morgen an kommen die Besucher in schwarzen Scharen herangezogen. Zwei Stunden vor Beginn ist der riesige Raum gedrängt voll.

Ein Polizeiaufgebot schließt den Saal und bewacht seine Ausgänge.

Tausend müssen vor der verschlossenen Türe umkehren. Schwarz und dicht steht die Menge am Königstor. Von wo aus die Polizei schließlich die ganze Straße zum Saal absperrt.

Inzwischen harren die Versammelten des Beginnes.

An dreitausend sitzen still und starr beieinander. Vor ihnen auf der Estrade, an einem kleinen Seitentisch der überwachende Polizeileutnant und sein Begleiter. Auch ihn mag der Anblick peinigen, denn das ist keine Versammlung wie so viele andere. An langen Tischen, auf denen die üblichen Biergläser völlig fehlen, hockt da, tausenfältig vervielfacht, jenes scheue Individiuum, das man sonst nur vereinzelt zu sehen gewohnt ist, bleich, von Hunger und Kälte zermergelt, in verschlossenem, zerlumptem Gewand. Von den Veranstaltern hat keiner in den Saal zu dringen vermocht. Er war überfüllt und gesperrt, ehe sie ihn erreicht. Ein halbes Dutzend ihrer Genossen stehen schweigsam am Eingang des Saales beisammen, befangen gegenüber dieser Menge, von der aus es wie ein einziger Schrei nach Brot und Sonne emporsteigt.

Mitten in der Menge sitzt ein Mann in guter, bürgerlicher Kleidung, den Zylinder auf dem Kopf. Aus dem ernsten Antlitz mit der hohen, gewölbten Stirn und dem festen, energischen Kinn leuchten ein Paar mildblaue Augen über die Menge hin: es ist Moritz von Egidy, der einstige Oberstleutnant. Von den dogmatischen Satzungen der Kirche innerlich befreit, hat er auch äußerlich den Bruch vollzogen. Und hat weiter seine militärische Stellung aufgegeben, an der er mit Liebe hing, wie selten einer; nicht um der Luft an Herrschaft und Blutvergießen willen, aber um der Freude willen, die dieser klaren kernigen Mannesnatur der Dienst mit seinen Anforderungen, Strapazen und seiner Entwicklung schlagfertiger Energie bedeutete.

So sitzt die Versammlung wohl zwei Stunden beisammen. Ruhig und peinlich schweigsam. Bis endlich einer der Anarchisten [35] die Estrade ersteigt, um nach kurzer Auseinandersetzung mit dem überwachenden Polizisten der Menge in wenigen Worten mitzuteilen, daß der Einberufer verhaftet ist und daß die Versammlung deshalb nicht tagen dürfe. Dann tritt er zurück. Und ohne einen Laut des Mißfallens, niedergeschlagen, wortlos erheben sich die Tausende, und langsam, Schritt für Schritt, ohne Drängen, verlassen sie den Saal über die breite Treppe, die zur Straße führt.

Dichter noch steht hier das Polizeispalier. Lautlos schiebt sich die Menge hindurch. So wogt es zum Känigstor. Eine geschlossene Kette von Polizisten ist hier aufgestellt. Sie hat wohl die Instruktion, die Menge zu verteilen. Diese aber weiß nichts davon, begreift es nicht. Die Vordersten werden aufgehalten, in eine bestimmte Richtung gewiesen. Allein wer vermöchte in dem Drängen der von hinten heranrückenden Masse der Weisung zu folgen. So schiebt es sich schwer über den Platz.

Plötzlich ist das Bild verändert.

Kommandorufe erschallen. In die Polizei kommt Bewegung. Mit ihren Pferden bricht sie in die Menge. Blanke Säbel blitzen in der Luft, Zivilbeamte mit Gummischläuchen werden bemerkbar, und im Nu bedeckt ein wildes Getümmel den Platz. Schläge und Geschrei. Die Menge, hilflos, ratlos, drängt sich nach allen Seiten, verfolgt und mit Waffengewalt zerstreut. Einige Minuten später spielen sich in den angrenzenden Straßen die letzten Szenen des Schauspiels ab. Vereinzelte, die sich vor dem Getümmel in die Häuser felüchtet, werden herausgeholt und von berittenen Schutzleuten verjagt.

* * *

Die Anarchisten aber, denen die Polizei die Inszenierung einer Revolte zugetraut, von deren Bewaffnung gemunkelt wurde, waren nicht in die Versammlung gelangt und saßen, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, in einem Lokal dicht am Schauplatz des Getümmels, von dem in jeder geschilderten Unterredung des Scheinvigilanten mit dem Polizeikommissar gedroht worden war, daß es mit Blut und Leichen enden werde.

War nun auch dieses letztere nicht eingetroffen, so veranlaßten die geschilderten Vorgänge doch sowohl die sozialdemokratische wie auch die freisinnige Presse zu einer scharfen Kritik des polizeilichen Vorgehens. Die Folge davon war ein umfangreicher Prozeß, der unter der Leitung des später im Irrenhause verstorbenen Landgerichtsdirektors Brausewetter tagte und in dem der Staatsanwalt Bendix die Bestrafung der Preßsünder durchsetzte, obgleich die Zeugenaussagen, vor allen die klaren, konkreten Aussagen M. von Egidys, die Ereignisse, wie sie sich ohne Verschulden der Einberufer wie der Arbeitsloen abgespielt, anschaulich darlegten.

Der Einberufer der Versammlung wurde gleichfalls unter Anklage gestellt. Ihm wurde vorgeworfen, mit seinem Aufruf zum Besuch der Versammlung gegen den § 130 (Aufreizung zu Gewalttätigkeiten) verstoßen zu haben. –

Berlin hat eine ähnliche Versammlung nie wieder gesehen. Ein von einigen Anarchisten wenige Tage später unternommener Versuch, eine Arbeitslosenversammlung zum 27. Januar (dem Geburtstag des deutschen Kaisers) im Saale des Feenpalast, eine Minute vom Königl. Schloß entfernt, abzuhalten, scheiterte an dem Bedenken des Saalbesitzers, der seinen schon zugesagten Saal noch vor Ankündigung der Versammlung verweigerte.

––––––––––

2-G50-A6-1892 -------------------- D: -------------------- Polizeieinsatz gegen Arbeiter, 1892 Geschichte: Arbeiterbewegung. - Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin (Naehe Denk- mal Friedrichs II.) am 25.2.1892. - Zeitgen. Holzstich.

Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin in der Nähe des Denkmals für Friedrichs II. am 25.2.1892. (Zeitgenössischer Holzstich)

• • •

In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Januar 1894 – Abendausgabe lesen wir unter „Aus Berlin.“:

„lb. Eine für heute Vormittag auf 10 ½ Uhr durch den unabhängigen Sozialisten Metallarbeiter Rodrian nach der Brauerei Friedrichshain einberufenen Versammlung von Arbeitslosen konnte nicht stattfinden, weil, wie Metallarbeiter Litsin den Versammelten mittheilte, der Einberufer verhaftet und die polizeiliche Genehmigung deshalb nicht zur Stelle war. Der Andrang zu der Versammlung war sehr bedeutend. Schon um 10 Uhr wurde das etwa 2000 Personen fassende Lokal als gefüllt polizeilich geschlossen. Die zahlreich aufgebotene Schutzmannschaft – die 500 an diesem Tage dienstfreien Schutzleute waren einberufen – verhinderte schon an den Zugangsstraßen zum Friedrichshain, am Königsthor u.s.w. jede Ansammlung.“ (Seite 2 unten)

sozialist-1894-tbsozialist-4-1894

Und die anarchistische Wochenzeitung Der Sozialist – Organ aller Revolutionäre. (Redakteure/Herausgaber u.a. Gustav Landauer und Albert Weidner) schreibt am Sonnabend, den 27. Januar 1894, Nr. 4 / 4. Jahrgang (verantwortlicher Redakteur: Oskar Adam, Berlin) u.a. folgendes:

„Schon zu früher Stunde sah man Schutzleute zu Fuß und zu Pferde truppweise nach einer dem Königsschlosse entgegengesetzten Richtung die Straße ziehen. Weiter dem Osten zu waren dem Auge kleine Gruppen von Arbeitern bemerkbar, die schweigend ihres Weges gingen, ebenfalls der Richtung nach dem Königsthor zu.

Das Verhalten der Polizei in der Morgenstunde von 9 bis 10 Uhr, also als die Gefahr einer Demonstration noch nicht vorlag, ist ganz und gar nicht zu erklären. Schon um diese Zeit wurde am Königsthor und in der Greifswalderstraße blank gezogen und Passanten belästigt. – Vor den Rinnsteinen der Straße standen Mann an Mann geheime Polizisten und Schufte von Achtgroschen-Jungen, die für diesen Tag ein Extraschnapsgeld bezogen haben mochten, Spalier. Unter die Arbeiter mischten sich verrätherische Schufte, agents provocateurs in künstlich zerlumpten Kleidern, und suchten bereits am frühen Morgen die Arbeitslosen zu provozieren und traktirten auf ein gegebenes Zeichen, oder auch selbständig, ohne mit ihren Provokationen Erfolg gehabt zu haben, die Arbeitslosen und andere unbetheiligte Passanten mit ihren Knüppeln, Gummischläuchen und Ochsenziemern. Ich sah, wie eine alte Frau, die über den Fahrdamm ging, von hinten mit einen Säbel angegriffen wurde und wie dann eine Bestie mit ihrer Waffe der Frau den Topf mit Milch aus der Hand schlug, daß Milch und Scherben auseinanderstoben und die Frau von der Wucht der Schläge hinstürzte. Einem Barbier, der ahnungslos in seiner Ladenthür stand, schlug ein Polizeiagent mit seinem Ochsenziemer mitten in’s Gesicht. Doch das Alles war Kinderspiel gegen die Metzeleien und rohen Gewaltthaten der darauf folgenden Stunden.

In der Versammlung, in der Dr. Gumplowicz über „das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ referiren sollte, bestieg gegen 11 ¼ Uhr Genosse Litsin die Rednertribüne und theilte der Versammlung mit, daß der Einberufer, Metallarbeiter Rodrian, in dessen Besitz sich die polizeiliche Genehmigung der Versammlung befinde, plötzlich verhaftet worden sei und die Versammlung, da eine polizeiliche Anmeldung derselben einen anderen Genossen nicht zugegangen sei, daher nicht stattfinden könne, (in Wirklichkeit war der mit der Anmeldung erschienene Freund Rodrian’s nicht zur Versammlung zugelassen worden). Litsin mahnte zur Ruhe und warnte davor, sich von Unbekannten zu unbesonnenen Handlungen hinreißen zu lassen. Der Umstand, daß man Rodrian in frechster Weise belästigte, war allein schon provozirend, aber jedenfalls mußte es provozirend wirken, daß man angesichts der versammelten Menge, die gekommen war, sich über ihr Elend auszusprechen, den durch den Besitz der Versammlungsgenehmigung als Einberufer qualifizirten Arbeitslosen den Einlaß verweigerte. Nichtsdestoweniger war die versammelte Menge friedlich gestimmt, wie es den Deutschen mit ihrer Eselsgeduld geziemt.“ Danach zitiert das Blatt den Bericht des Vorwärts.

vorwaerts-1894vorwaerts-artikel-19-2-1894vorwaerts-1894 (pdf)

• • •

Dem Gummischlauchprozeß am 5. Mai folgte am 8. Mai 1894 – der Massenpresseprozeß unter dem Rubrum «Adam und Genossen»

Im sogenannten Massen-Preßprozeß werden gegen neun Zeitungsredakteure mehrmonatige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Die Angeklagten hatten behauptet, Krimalbeamte und Politische Polizei in Zivil hätten im Januar nach der Arbeitslosen-Kundgebung am 18. Januar 1894 Demonstranten mit Gummischläuchen geschlagen.

Den Vorsitz der zweiten Strafkammer des Landgerichts I hatte Landgerichtsdirektor Brausewetter, die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Benedix. Es sind ca. 40 Zeugen geladen, darunter Polizeihauptmann Feist, vier Polizeilieutenants, mehrere Schutzleute und Kriminalbeamte, Oberstlieutenant v. Egidy, mehrere Zeitungsberichterstatter u.s.w. [Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Vorab einige Bonmots aus dem Prozeß, entnommen ddem Prozeßbericht der Volks-Zeitung vom 9. April 1894 (Abendausgabe):

  • „Der Verteidiger will sich ferner vergewissern, daß es gerichtsnotorisch sei, daß über die Existenz von Polizeispitzeln eine Legendenbildung im Volke bestehe, die von den Sozialdemokraten weidlich ausgebeutet wird. – Präs.: Das kann ich sofort beantworten: Ich gehöre auch zum Volke und weiß von Lockspitzeln nichts. – Rechtsanwalt Mosse beantragt dann die Verlesung der Akten in dem Prozesse Christensen in Bern. Ein Berliner Gericht hat damals festgestellt, daß ein Polizeibeamter Ihring-Mahlow[1] als agent provocateur zu Dynamitverbrechen etc. aufgefordert habe. Das Posener Gericht ist in gleicher Angelegenheit anderer meinung gewesen. Daraus schon wird sich ergeben, daß eine Legendenbildung in Sachen Lockspitzeltums besteht. – Der Vorsitzende will von einem solchen Antrage nichts wissen. Der Staatsanwalt bittet, den Antrag abzulehnen. Hier handle es sich einfach um die Frage, ob das Polizeipräsidium den Beamten den Befehl erteilt hat, unter fingirtem Vorwande auf die Menge loszuschlagen, d.h. durch agents provocateurs Unruhen zu provoziren. Er habe durch den Kommissarius Boesel und den Hauptmann Feist das gegenteil strikte erwiesen. – Die beiden Letztgenannten bestätigen dies, namentlich erklärt Hauptmann Feist, daß er nur den Auftrag erhalten habe, unter allen Umständen für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Er habe sich lange Zeit sehr ruhig verhalten und den Beamten der Befehl erteilt, sehr ruhig und zurückhaltend vorzugehen. Er sei aber dann doch gezwungen gewesen, energische Maßregeln zu ergreifen. Dadurch sei es möglich gewesen, in ganz kurzer Zeit den Platz wieder so herzurichten, wie er vorher war. – Rechtsanwalt Mosse: Der Angeklagte Grüttsien hat direkrt die Frage aufgeworfen, ob die Ihring-Mahlow’s noch existiren und das Polizeipräsidium hätte doch eine Aufklärung geben sollen. – Präs.: Wem denn? – Rechtsanwalt Mosse: Der Öffentlichkeit. – Präs.: Ach was, die Öffentlichkeit existirt nicht! – Rechtsanwalt Mosse: Gott sei Dank, daß sie doch existirt! – Präs.: Solche Dinge wie Lockspitzel, agents provocateurs etc. existiren doch nur in der Einbildung sehr konfuser Köpfe. – R.-A. Mosse: Dann müssten also die betr. Berliner Richter sehr unvernünftige Menschen gewesen sein. – Präs.: Wir sind hier auch ein Berliner Gericht! Wenn wir anderer Meinung sind, dann existirt jener Gerichtsspruch für uns nicht. Es ist doch ein reiner Unsinn, von Lockspitzeln und dergl. zu reden. Die Polizei braucht Leute, die ihr Nachrichten zubringen, zur Sicherheit des Publikums und zur Information! – Der Antrag des Verteidigers wird hierauf abgelehnt.“ Hintergrund ist, dass der Rechtsanwalt Mosse behauptet und beweisen will, „daß Lorenz den Brandt im Auftrage des Röber als Polizeispitzel für anarchistische Dinge angestellt hat, daß Brandt dafür 95 Mark erhalten und das Geld zum Druck der Einladungen zu jeneer Versammlung verwendet hat. Es ergebe sich daraus, daß die Kriminalpolizei durch Beschäftigung solcher unzuverlässiger Leute wider ihrem Willen anarchistischen Bestrebungen Verschub leiste.“ Der Staatsanwalt Dr. Bendix stellt darauf ebenfalls Beweisantrag, um das „direkte Gegenteil zu erweisen und diese Unterstellung als unrichtig hinzustellen.“
  • „Der Berichterstatter der ‚Deutschen Warte’, Journalist Joël, hat an Ort und Stelle gesehen, daß plötzlich aus den Häusern Männer herausschwirrten und mit Gummischläuchen auf die Menge losschlugen.“
  • „Auf Antrag des Staatsanwalts Dr. Benedix werden sodann Artikel des ‚Vorwärts’ und des ‚Sozialist’ vom Jahre 1892 über das Thema der damaligen Februar-Excesse verlesen. Der ‚Vorwärts’ hatte die Excedenten als Vertreter der ‚Ballonmützen’[2] und Wachtparade-Radaubrüder bezeichnet, und der ‚Sozialist’ hatte ihn darob arg abgekanzelt.“
  • „Bei der Frage der Erledigung des Antrages des Rechtsanwalts Mosse fällt von diesem wieder das Wort „Lockspitzel“, gegen welches sich der Vorsitzende wieder wendet. Er meint, das Wort „Lockspitzel“ sei in der besseren Gesellschaft den meisten unbekannt. Das sei nur gebräuchlich in der anarchistischen und sozialistischen Presse. – Rechtsanwalt Mosse überreicht ein Zeitungsblatt, in welchem das ganz gebräuchliche Wort auch vorkomme. – Präs.: Das ist wohl auch ein anarchistisches Blatt. – Rechtsanwalt Mosse: O nein, es ist die ‚Norddeutsche Allegemeine Zeitung’![3] (Heiterkeit) – Der Präsident rügt es weiter, daß es jetzt Mode werde, immer 24 Stunden vor Beginn einer Verhandlung mit ellenlangen Beweisanträgen zu kommen. – R.-A. Mosse verweist darauf, daß es ihm trotz vieler Mühen nicht geglückt sei, Einsicht in die Akten zu erhalten und daß hier die Anklage gegen so viele Personen auf einmal erhoben wird, gegen die auch getrennt hätte verhandelt werden können. – Staatsanwalt Dr. Bendix: Das geht den Verteidiger garnichts an, wie die Anklage erhoben wird.“

Das Urteil vom 9. Mai 1894 (auszugsweise aus der Berliner Volks-Zeitung vom 10. April 1894, Morgenblatt):

„Die Versammlung war von einem als Anarchisten bekannter Mann einberufen und zwar auf Grund einer sehr aufreizenden gedruckten Einladung. Zum Schutze des Publikums und zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der Ruhe war ein kleines Aufgebot von Polizeioffizieren und Schutzleuten angerückt. Die Polizeibeamten haben zuerst von den Waffen nicht Gebrauch gemacht, unter der Menschenmenge, die mit der Polizei in Konflikt kam, befanden sich viele jugendliche Leute, die in Berlin hauptsächlich die Radaubrüder bilden. Diese vielen Personen im Zaume zu halten, war, wenn man sich der Februarereignisse des Jahres 1892 erinnert, ein wichtiges und schweiriges Werk, dessen Misslingen äußerst gefährlich werden konnte. Die Polizeibeamten haben nach Ansicht des Gerichts ihre volle Pflicht und Schuldigkeit getan, wenn sie die Bildung von Ansammlungen zu verhindern suchten und event. Die Menschenmassen zwangen, auseinanderzugehen. Demgemäß hat die Polizei operirt. Der Polizei-Hauptmann Feist hat unter seinem Eide bekundet, daß er wohl hundert Mal zum Auseinandergehen aufgefordert hat und daß erst, als der Polizei aktiver und passiver Widerstand geleistet wurde, zu energischen Maßregeln gegriffen werden musste. Der Polizeisergeant Arndt hat eidlich bekundet, daß seinen Mannschaften ein ganzer Haufe entgegengekommen war und er deshalb blank ziehen musste. Der Polizeihauptmann Feist hat auch ausdrücklich bekundet, daß die Mannschaften zur größten Zurückhaltung instruirt waren. Erst dann, als die Aufforderungen vergeblich waren, wurde das Kommando zum Blankziehen gegeben. Der Widerstand der Bevölkerung musste gebrochen werden. Unter diesen Umständen lag für die Presse kein Anlass vor zu gehässigen Angriffen gegen die Polizei. Was hätte wohl daraus werden sollen, wenn die Auftritte vom Jahre 1892 sich wiederholt hätten? Auch der Vorwurf, daß einzelne Personen, die sich in die Häuser geflüchtet hatten, von den Beamten wieder herausgeholt wurden, ist nicht berechtigt. Die Polizei musste diese Leute holen, damit dieselben nicht hinter dem Rücken der Polizei sich wieder zusammentaten und Trupps bildeten. Der Gerichtshof erachtet auch für erwiesen, daß einige Personen, welche zufällig in die Menge geraten waren, unter den polizeilichen Maßnahmen haben leiden müssen und daß sogar Frauen in arger Weise in Bedrängnis gerieten. Aber dergleichen kommt bei dergleichen Tumulten immer vor und kann der Polizei nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Hauptschuldigen und Anstifter wissen sich immer zu decken, die Verführten und zufällig hinein Geratenen müssen leiden. Jeder hat das Recht, darüber zu berichten und kann auch in Erwägung ziehen, ob es praktisch ist, Beamte in Zivil mit Gummischläuchen auszustatten, aber dies muss in einer Form geschehen, die in den zulässigen Grenzen bleibt und nicht beleidigt.“ [Originalschreibweise nicht verändert]

Zu den Verurteilten gehört auch Dr. Gustav Keßler (Volkszeitung), später Mitbegründer der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften: „Auch aus den Artikel des Angeklagten Keßler springt die Absicht der Beleidigung in die Augen. Er hätte sich bei der Übernahme dieses Artikels aus dem ‚Vorwärts’ sagen müssen, daß derselbe auf Wahrheit nicht beruhen kann. Mit Rücksicht auf seine Vorstrafen ist der Angeklagte zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden.“. Der anarchistische Genosse Oskar Adam (Sozialist) ist flüchtig. Schmidt hat 5 Monate Gefängnis bekommen (‚Vorwärts’), „wegen dreier beleidigender Artikel“.

Die Angeklagten Redakteure waren: 1. Oscar Adam (‚Sozialist’), 2. Max Zachau (‚Vorwärts’), 3. Gustav Keßler (‚Volksblatt’), 4. Franz Wißberger (‚Berliner Zeitung’), 5. Siegmund Perl und 6. Ernst Grüttesien (beide ‚Berliner Tagebblatt’), 7. Friedrich Harnisch (‚Die Lichtstrahlen’), 8. Wilhelm Schütte (‚Allg. Fahrzeitung’), 9. Schmidt (‚Vorwärts’).
[Quelle: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Wann und ob der Genosse Oskar Adam gefasst oder nach Deutschland zurückgekehrt ist und ob er abgeurteilt wurde, haben wir bisher nicht ausfindig machen können.

(Abtipperei: FM)

Fußnoten:

[1]  Ihring-Mahlow, agent provocateur der Berliner Politischen Polizei, der sich als Schutzmann Ihring als „Techniker Mahlow“ in die Berliner Sozialdemokratie eingeschlichen hatte. Er schwelgte in Majestätsbeleidigungen, vertrieb anarchistische Schriften und wirkte für die „Propaganda der Tat“.

[2]  Ballonmütze, auch Schiebermütze, abfällig für Arbeitermütze und die von Berliner Kleinganoven

[3]  ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung’, das Sprachrohr und Magenblatt des Eisernen Kanzlers, Otto Fürst von Bismarck, Reichskanzler …

Kleiner Nachtrag:
• Kurze Zeit später verfiel der Gerichtspräsident Brausewetter dem Wahnsinn unheilbar anheim; ebenso endete der Staatsanwalt Benedix in einer Irrenanstalt in Breslau.

...Karikatur eines „Anarchisten“ in der schweizer Satire-Zeitschrift Nebelspalter 1895
– Zeichnung von Fritz Broscovitz (mit freundlicher Genehmigung des ‚Nebelspalter‘)

Netter Nachtrag:

„In Zukunft werden wir den Arbeitern raten müssen,
sich mit Revolvern zu bewaffnen, sie haben doch nicht nötig,
sich von der Polizei überfallen zu lassen.“

Berliner Volks-Zeitung, 24. Januar 1894 – Beiblatt –
Notstandsdebatte – Hier Disput zwischen Karl Heinrich von Boetticher
(Stellvertreter des Reichskanzlers) und dem rechten SPD-Abgeordneten Paul Singer

• • •

Zur Infiltration der anarchistischen und sozialdemokratischen Bewegungen siehe die beiden Beiträge von Albert Weidner in Aus den TiefenDie unsichtbaren Fäden der Polizei und Eine mißglückte Spitzelwerbung (hier wird der Polizeikommissar Boesel enttarnt, siehe Foto).

spohr-landauer-weidner-1898Drei Männer mit Bärten bei der Aufdeckung der Spitzelaffäre Machner um den Polizeikommissar Boesel in Berlin:
Landauer übersandte Boesel das Foto mit der handschriftlichen Widmung: „Herrn Kriminalkommissarius Boesel zur freundlichen Erinnerung an den schönen Abend in der Gewerbe-Ausstellung, 1. Oktober 1896, Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Albert Weidner“ (von links).

• • •

A l b e r t   W e i d n e r

alfred-weidneralbert-weidner-unterschriftAlbert Wilhelm Weidner (24.2.1871-1.2.1946), in Berlin geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater fiel im Deutsch-Französischen Krieg 1871. Er erlernte den Beruf eines Schriftsetzers, arbeitete aber auch als Buchdrucker.

Politisch bekannte sich Albert Weidner seit ca. 1891 zu den Unabhängigen Sozialisten. Er strebte aber bald zum Anarchismus und geriet seit 1895/96 deshalb unter strenge Polizeikontrolle. Er wurde Vorsitzender der Freien anarchistisch-sozialistischen Vereinigung und übernahm um 1896 die Redaktion der Zeitung der Unabhängigen, Der Sozialist. Aus dieser Zeitung wurde dann das ‚Organ für Anarchisrnus und Sozialismus‘, das er zusammen mit Gustav Landauer und Wilhelm Spohr leitete. Ab 1896 war er gleichzeitig verantwortlich für das anarchistische Agitations- und Arbeiterblatt Der arme Konrad.

1899 erschien die letzte Ausgabe des Sozialist; Weidner musste die Herausgabe einstellen – 2.000 Mark Schulden beim Drucker und nur noch 4-500 Abonnenten waren der Grund.

Als Mitglieder des Friedrichshagener Dichterkreis (dies war eine lose Vereinigung von Schriftstellern, die seit 1888/89 zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille in Friedrichshagen am Müggelsee – heute im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick – zusammenkamen) sind als bekannte Anarchisten John Henry Mackay und Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Max Baginski, Hermann Teistler sowie Bernhard und Paul Kampffmeyer, der sozialistische Politiker Georg Ledebour, eben auch Albert Weidner zu nennen. Angesichts dieser Breite unterschiedlicher Milieus und ihrer politischen und literarischen Wortführer der gesellschaftlichen Opposition, charakterisierte Bruno Wille, sie als „literarisches Zigeunertum und sozialistische wie anarchistische Ideen, keckes Streben nach vorurteilsloser eigenfreier Lebensweise, Kameradschaft zwischen Kopfarbeitern und begabten Handarbeitern, aber auch geistvollen Vertretern des Reichtums“. (1)

Weidner schreibt nebenher im Jahre 1898 auch in der rechten SPD-Theorie-Zeitschrift Sozialistische Montshefte Artikel über den Anarchismus, so wie Spohr und Landauer und andere linksradikale intellektuelle Genossen ebenfalls.

Seit dem 4. Mai 1902 gab Weidner die Zeitung Der arme Teufel heraus. Für ein Jahr arbeitete auch Erich Mühsam als Redakteur für das Blatt. Den Satz machte Weidner in seiner Wohnung selbst. Um den Drucker vor Polizeimaßnahmen zu schützen meldete er eine Druckerei an. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten erschien der Arme Teufel unregelmäßig und wurde 1905 eingestellt.

Erich Mühsam erinnert sich an die Zeit: „Ich kam nach Friedrichshagen als Mitbegründer, Mitarbeiter und verantwortlicher Redakteur der Wochenschrift Der arme Teufel, als dessen Herausgeber Albert Weidner zeichnete. Weidner war von Hause aus Setzer, die Zeitschrift wurde dadurch materialisiert daß er sich auf Abzahlung den erforderlichen Schriftsatz kaufte; seine Artikel flössen stets ohne Manuskript aus dem Kopf in den Setzkasten, währenddem ich dabeisaß und mir bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre das aktuell-satirische Gedicht abquälte, das unter dem Pseudonym »Nolo« jede Nummer beleben mußte, oder technische Redaktionsarbeiten erledigte.“ (2)

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung erscheint dann 1905 in den Berliner Großstadt-Dokumenten. Zu dieser Zeit ist er – seit 1904 – auch Redakteur des Organs Der freie Arbeiter in Berlin. Diese Wochenzeitung der Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) ist die Fortsetzung der Konkurrenzgründung Neues Leben, deretwegen seinerzeit angeblich der landauersche Sozialist einging (es waren finanzielle Gründe!). Mit Weidners Übernahme der Redaktion – er hat sich die Namensänderung wohl als Forderung ausbedungen gehabt – erscheinen auch vermehrt literarische Artikel und Übersetzungen in der Wochenzeitung. Er bleibt trotz heftiger Querelen wegen seines Stiles, der den radikaleren Elemente als zu gemäßigt daherkam, und die im Jahre 1904 bereits sein Ausscheiden erwarteten, und dieser Mißachtung und schlechten Behandlung durch einen Teil der Genossen bis zur Mainummer 1906 als verantwortlicher Redakteur im Amt. Allein zwischen der Nr. 1 (1904) und der Nr. 31 (1914) wurden 86 Verbote gegen das Blatt erlassen. Ab der Nr. 31 (1. August 1914) wurde die Zeitschrift polizeilich verboten sowie Geldzuweisungen und Briefe von der Post gesperrt.

Bisher ist nichts mehr auffindbar zu dem Hinweis bei Volker Linse, dass Albert Weidner im Jahre 1907 eine neue eigene Zeitung namens Die Unabhängigen editiert haben soll.

*

Weidner ging auf Reisen nach Süddeutschland und Holland, wo er für den Anarchismus agitierte. In den folgenden Jahren wandte er sich immer mehr vom Anarchismus ab. Er legte seine Tätigkeit als Redakteur nieder und wurde sogar 1913 aus der „Anarchistenliste“ der Berliner Polizei gestrichen. Nebenbei hatte Weidner bereits bei der vom liberalen Hellmuth von Gerlach herausgegebenen Wochenzeitung Welt am Montag : Unabhängige Zeitung für Politik und Kultur mitgearbeitet, an der auch Erich Mühsam regelmässiger Mitarbeiter war. Beide wurden dafür in der anarchistischen Bewegung kritisiert, weil sie dort für Geld arbeiteten.

Ob Albert Weidner als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen wurde, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Sein Engagement bei der WaM umschrieb er 1920 so: „Vielmehr wollte sie eine Lücke im Berliner Zeitungswesen ausfüllen: es fehlte an einem Blatte, das über Partei- und sonstige Gruppeninteressen stand, das infolgedessen, vorurteilslos und rücksichtslos der Wahrheit dienend, Schäden und Schädlinge geißeln konnte, wo immer sie sich zeigten.“ (3)

1930 schreibt er noch in Ossietzkys Weltbühne einen Nachruf auf Gustav Landauer.

Die Familie Weidner, die aus zehn Personen bestand, war auf Grund ihrer elenden finanziellen Verhältnisse gezwungen bis zum Jahr 1913 zehnmal umzuziehen.

Anfang Februar 1932 beantwortete er noch Fragen von Max Nettlau zur Geschichte des Sozialist. Darin schreibt er u.a.: Nachdem Landauer und Spohr im August 1895 aus dem Gefängnis entlassen waren, betrieb „Landauer jetzt besonders die Propaganda der Arbeiter-Konsum-Genossenschaft als Waffe proletarischer Selbsthilfe. (…) Im Sozialist begann nun eine gründliche Debatte über die sozialistischen Theorien. Sie dehnte sich im Raum des Blattes schließlich so stark aus, dass im Kreise der Genossen sich Widerstand dagegen regte, das das Blatt durch Überlastung mit theoretischen Abhandlungen dem Propagandazwecke zu stark zu entziehen. Die Verärgerung bei einer Anzahl Gruppen wurde zu einem noch schlimmeren inneren Kampf. Schließlich konnten die drei Herausgeber des Sozialist sich nicht der Einsicht verschliessen, dass jene Kritik nicht ganz unzutreffend war. Deshalb entschlossen sie sich, neben dem Sozialist noch ein kleineres, ganz populäres, mehr aktuelles Wochenblatt zu schaffen, so erschien im August 1896 neben dem Sozialist neu Der arme Konrad, herausgegeb, redigiert und zum Teil gesetzt von Weidner.“ (4)

Als fest angestellter Redakteur arbeitete Weidner bis zum 6. März 1933 bei der Welt am Montag, mit dieser 10. Ausgabe des 39. Jahrgangs wurde das Erscheinen durch die Nationalsozialisten verboten. Es ist der Tag nach dem überwältigenden Wahlsieg der NSDAP bei den „letzten freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933“ …

Aber, – „Albert Weidner blieb seiner Gesinnung treu, für die ‚Hakenkreuzblätter‘ schrieb er keine Zeile mehr. Von 1935 bis 1945 lebte er zurückgezogen von der Tätigkeit als Lektor des Ullstein-Verlages, später Deutschen Verlages, für Unterhaltungsromane.“ (5)

Hierbei wird leider nicht erwähnt, dass nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 das Familieunternehmen Ullstein 1934 „arisiert“ wurde. Der Verlag wurde 1937 in Deutscher Verlag umbenannt und dem Zentralverlag der NSDAP (Franz Eher Nachfolger GmbH) angegliedert. Die politisch-inhaltliche Ausrichtung – auch der Unterhaltungsromane, die Weidner lektorierte! – wurde durch die Übernahme im Sinne des NS-Regimes verändert. Wie Weidner das ertragen oder mitmachen konnte, ist zumindest fragwürdig.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Weidner 1925 ein zweites mal und siedelte nach Charlottenburg über. Hier wurde er 1943 ausgebombt und kehrte nach Friedrichshagen zurück.

Nach Kriegsende erhielt er 1945 vom Friedrichshagener Kultur- und Volksbildungsamt den Auftrag, die Volksbücherei ‚vom Nazigift zu reinigen‘. Im September trat er der SPD bei, veröffentlichte Artikel in dem Parteiorgan Das Volk und hielt Vorträge in der Volkshochschule Friedrichshagen.“ (6)

Von Mai 1945 bis November 1946 wohnte er bei Verwandten in der Bruno-Wille-Str. 75, wo er auch im 75. Lebensjahr am 1. Februar 1946 an einem Hungerödem verstarb. (7)

Albert Weidner lebte also in östlichen Ostberlin in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die Gründung der DDR 1949 erlebte er nicht mehr, ebenso erspart geblieben ist ihm die Vereinigung von SPD und KPD am 21./22. April 1946 zur SED und damit zur Staatspartei des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates“ auf deutschem Boden.

Albert Weidner ist eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Figur im kaiserlich-wilhelminischen Anarchismus Berlins. Seine vielfältigen Fähigkeiten als Setzer, Redakteur und Autor spiegeln seine pazifistisch-liberales verständnis eines friedfertigen Anarchismus wider, den es in Literaten- und Bohéme-Kreisen seiner Zeit mannigfaltig gab, diese intellektuell-idealistische Sichtweise – geprägt durch Landauers geradezu gottesfürchtigem Sozialismus-Anarchismus-Begriff – führte zu den Konflikten in und mit der mehrheitlich klassenkämpferisch eingestellten anarchistischen Arbeiterbewegung Berlins.

Weidners Beschreibungen der Verhältnisse zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 sind so tiefschürfend interessant und amüsant zugleich, dass wir uns entschlossen haben, sein ‚Hauptwerk‘ nachzudrucken. Es ist schon deshalb erhellend, weil er versucht, einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Publikum – die Großstadt-Dokumente erreichten recht hohe Auflagen – eine Sicht auf den Anarchismus zu verschaffen, der selbst heute noch bürgerlichen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, ob ihrer verdrehten Gewaltphantasien.

Folkert Mohrhof

 

(1) Bruno Wille – Aus Traum und Kampf. Mein 60jähriges Leben. (Berlin 1920, S. 507)
(2) Erich Mühsam – Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen, Leipzig 1949 (erschienen zuerst 1927-1929 in der Vossischen Zeitung)
(3) Albert Weidner: „25 Jahre Welt am Montag“, in: Welt am Montag, 26. Jg., 13.12.1920
4) Brief von Albert Weidner an Max Nettlau vom 2. Februar 1932 (Quelle: IISG)
5) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. Von Friedrichshagen nach Woltersdorf. Briefe an Albert Weidner 1903-1939 (Berlin 1998)
6) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. (1998)
7) Albert Weidner ist in Berlin auf dem Friedhof Christophorus-Friedhof, Feld B beerdigt und hat dort einen Ehrenplatz auf der Gedächtnisstätte gefunden. (http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=1201)

Heleno Saña am 7.10.2016 in Hamburg

Plakat Heleno_ A3Der Flyer: Flyer_heleno-sana

Nazi-Politik in Spanien 1936-39

Die Faschisten marschieren auf Madrid 20.7.1936Der Kampf beginnt … die spanischen Faschisten starten ihren Militärputsch … Norddeutsche Nachrichten, Ausgabe Altonaer Nachrichten vom 20. Juli 1936 … Gleichzeitig startet das „Olympische Feuer“ in Griechenland zu den Olympischen Spielen in Berlin im August 1936 …

barricadas-sucesos-mayo.png              Barrikaden in Barcelona im Mai 1937 …
… und die Abrechnung der Ausgaben für die Legion Condor 1936-1938

Ausgaben Drittes Reich Spanien 1936-38 Seite 765.jpg

Vortrag Doris 27. April 2016

Hiermit veröffentlichen wir den überarbeiteten Vortrag zur Buchvorstellung von Doris Ensinger, den sie am 27. April 2015 in der AGiJ gehalten hat.

WER TYRANNEI SÄT, WIRD GEWALT ERNTEN

Die Vorstellung meines Buches „Quer denken – gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo“ findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe 80 Jahre Soziale Revolution in Spanien statt. Im ersten Teil meines Beitrags – den ich mit WER TYRANNEI SÄT, WIRD GEWALT ERNTEN betitele – möchte ich über die 80 Jahre sprechen, die dem Spanischen Bürgerkrieg und der sozialen Revolution vorausgegangen sind. Zum einen spielen sie in einem Kapitel des Buches eine kleine Rolle, worauf ich am Ende eingehen werde, zum anderen müssen die Geschehnisse in den vorangegangenen Jahrzehnten berücksichtigt werden, um verstehen zu können, warum sich die Anarchisten, die ihrem Selbstverständnis nach Antimilitaristen und Antibellizisten sind, mit Gewalt gegen die Faschisten wehrten.

Doris Ensinger VORTRAG (download)

http://wp.me/p1W7VR-oJ

Doris Ensinger im ‚Schattenblick‘

Spanien36-Flyer-klein_Seite_1Vorder- und Rückseite des 6er-Faltblattes der ASG Hamburg-Altona
und des verlag | barrikadeSpanien36-Flyer-klein_Seite_2Download Spanien36-Flyer-klein
DSC_2459Foto von unserer Veranstaltung am 27. April 2016 mit Doris Ensinger
in Rahmen unserer Veranstaltungen zum
80. Jahrestag der Spanischen Revolution
abr16-ed160430-pag060pdf-1461961840586Am 30. April erschien dann ein kleines Interview in der Tageszeitung El Periodico in Barcelona: «No soy una mujer heroica, pero defiendo mis ideas»
http://www.elperiodico.com/es/noticias/sociedad/doris-ensinger-soy-una-mujer-heroica-pero-defiendo-mis-ideas-5098002
dsc05996Doris Ensinger bei ihrer Buchvorstellung am 1.11.2015
in Nürnberg auf der 20. Linken Buchmesse

Interview vom 1. November 2015 – veröffentlicht am 9.1.2016 im ‚Schattenblick‚:
http://www.schattenblick.de/infopool/d-brille/report/dbri0040.html

Revolutionsromantik

SPD-1«Die Autonomie», London, Nr. 164 – 12. Dezember 1891 – VI. Jahrgang, S. 4

 

Revolutionsromantik

______________________________

Wer sich daran erinnert, daß sozialdemokratische Wortführer im Anfang der neunziger Jahre mehrfach die soziale Revolution, d.h. das, was man gemeinhin als den „großen Kladderadatsch“ bezeichnet, für das Jahr 1898 ankündigten, wird es begreiflich finden, daß zu jener Zeit in den Tiefen der großstädtischen Arbeiterbewegung die Zuversicht der bevorstehenden Umwälzung eine allgemeine war. Eine Reihe an Umfang und Wirkung zunehmender wirtschaftlicher Krisen hatten das wirtschaftliche Leben in Deutschland stark erschüttert, und es schien, als solle die marxistische Krisentheorie durch die Tatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung ihre baldige Bestätigung erleben und die Realisierung der sozialistischen Ideale damit in nächster Nähe gerückt sein.

In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde um diese Zeit mit aller Kraft die politische Organisation des Proletariats zu vervollkommnen gesucht, damit im entscheidenden Moment, wenn die Gewalt einer wirtschaftlichen Krise das bisherige soziale System umstürze, die politische Macht der Arbeiterklasse einer reaktionären Konterrevolution siegreich standzuhalten vermöge.

In den anarchistischen Arbeiterkreisen machte sich ein mehr praktisch-revolutionärer Zug geltend. Derselbe äußerte sich aber keineswegs in Taten, sondern blieb – entsprechend dem zu pedantischer Tüftelei neigenden Charakter der deutschen Arbeiter – auf die theoretische Diskussion revolutionärer Möglichkeiten beschränkt. Wie weit das ging, mag die Erwähnung einer Auseinandersetzung beweisen, der ich einmal beiwohnte und in der um das Schicksal der öffentlichen Kunstschätze und Bibliotheken für den Fall einer Revolution heiß gestritten wurde; es gab zwei Meinungen: die einen hielten das Schicksal dieser Kulturgüter bei aller Anerkennung ihres Wertes doch für so unwichtig, als daß man sich darüber etwa während eines Straßenkampfes den Kopf zerbrechen dürfe, – die anderen aber erklärten den Schutz und die Erhaltung derselben für eine der ersten Aufgaben fortgeschrittener Revolutionäre und priesen die Bewachung der Museen und Bibliotheken gegen etwaige Plünderungen durch Unwissende als nicht minder rühmlich wie den Kampf auf der Barrikade.

Es liegt in Hinsicht auf derartige Debatten nahe, anzunehmen, daß in diesen Kreisen positiv auf den Ausbruch einer Revolution hingearbeitet worden wäre. Jedoch war das keineswegs der Fall. Nichts lag ihnen ferner als der Gedanke etwa an eine Verschwörung oder der Inszenierung eines Putsches und Michael Bakunin, dessen Anschauungen von Staat und Gesellschaft der Ideengang dieser Männer zu folgen versuchte, hätte solchen Anhängern wohl gelangweilt und verdrossen den Rücken gewandt.

Einzig der felsenfeste Glaube, daß eine Krise im Laufe des gesellschaftlichen Entwicklungsganges die soziale Revolution automatisch auslösen müsse, und daß dieses Ereignis unmittelbar bevorstehe, führte zu einer revolutionären Stimmung, die besonders prägnant da zum Ausdruck kam, wo es, sei es in Volksversammlungen oder am Biertisch, Streitigkeiten mit Sozialdemokraten gab, deren sozialreformatorische Bestrebungen als revolutionshemmend und –hinausschiebend angesehen wurden.

Johann Most, der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, der zufolge seiner radikalen Tendenz Deutschland zur Zeit des Sozialistengesetzes verlassen mußte, und seitdem, zuerst in London, dann in Neuyork, die kommunistisch-anarchistische Wochenschrift „Freiheit“ herausgab und noch herausgibt, hat ein – schon erwähntes – Büchlein herausgegeben, betitelt: „Revolutionäre Kriegskunst“. Es stellt gewissermaßen eine Strategie des Straßenkampfes, wie auch der indivivuellen, revolutionären Tat, des Attentats, dar. Die Herstellung von Nitroglyzerin, der Bau von Barrikaden und ähnliches sind darin anschaulich geschildert.

Ich fühle mich außerstande, den praktischen Wert dieser Schrift zu beurteilen. Ich weiß jedoch, daß die Polizei ihr eine große Bedeutung beimaß, sehr eifrig danach fahndete und daß sie einem Polizeikommissar – wie wir noch sehen werden – als ein begehrenswerter Besitz erschien. Andererseits weiß ich aber ebensowohl, daß in den Kreisen derer, für die das Buch geschrieben ist, es nie eine andere Schätzung erfahren hat, als die, daß es allgemein für eine Rarität galt, nach dessen Lektüre manch einer sich mit demselben erwartungsvollen Schauer sehnte wie ein stupides Dienstmädchen nach der Fortsetzung ihres Schundromans. Es ist zu bezweifeln, ob es je und irgendwo zur Ausbildung auch nur eines einzigen entschlossenen Revolutionskämpfers beigetragen hat.

Zur selben Zeit, da in Paris der Anarchist Vaillant seine unschädliche Demonstrationsbombe in die französische Deputiertenkammer warf, und, um seinen Tod unter der Guillotine zu rächen und zur Vernichtung der Bourgeoisie anzuspornen, sein Genosse Emile Henry die Explosion im Pariser Café Terminus bewirkte, um diese Tat alsdann vor Gericht sachlich und mit geradezu philosophischer Kaltblütigkeit eingehend zu begründen, – in diesen Tagen, da die Anarchistenverfolgung auch in Deutschland eine äußerst rigorose war, dachte gleichwohl unter den Anarchisten niemand daran, solche Taten nachzuahmen. Die in diese Zeit fallenden, weiter vorn schon einmal erwähnten Schüsse des Berliner Anarchisten Schewe auf einen Kriminalpolizisten stellen lediglich einen spontanen Zornesausbruch über eine unaufhörliche und schließlich unerträgliche Observation dar.

Ein akademisch gebildeten Feuerkopf slawischer Abstammung, der einmal unter Berliner Anarchisten Pläne entwickelte, die auf die Propaganda anarchistischer Ideen im Heere abzielten, begegnete allgemeiner Skepsis, der sich teilweise sogar direktes Mißtrauen zugesellte.

Ein proletarischer Feuerkopf, der sich hoch und teuer verschwor, dem damals noch lebenden Reichsanwalt Tessendorf seine Rigorosität in den Hochverratsprozessen gegen Sozialdemokraten und Anarchisten einzutränken und an ihm ein abschreckendes Beispiel zu demonstrieren, ward weder ausgelacht oder gemieden. Mit Büchners „Kraft und Stoff“ in der einen, und einem Revolver in der anderen Tasche, erzählte er davon jedem, der es hören wollte, und behauptete verdrossen, seinen Plan nur deshalb nicht ausführen zu können, weil ihm kein Mensch den Taler zum Fahrgeld nach Leipzig pumpe, dem Wohnsitz des Verhaßten.

… Fortsetzung folgt …

––––––––––

… im Buch. Auszug aus dem im März/April 2016 erscheinenden Neuauflage
Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung
von Alfred Weidner aus dem Jahre 1904.

Dieser Nachdruck wird ergänzt durch Prozeßberichte zum Koschemann-Prozeß
sowie eine Kurzbiografie über Albert Weidner.

Insgesamt ca. 180 Seiten Umfang – Preis 10 €uro

Die Adolf Jäger-Story im «neuen deutschland»

Heute, am 13. November 2015, erschien ein weiterer Artikel zum Adolf Jäger-Buch aus unserem Verlag,
diesmal im «neues deutschland»:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/991043.vom-schustersohn-zum-fussballstar.html

Hier der Artikel als download: AdolfJäger_ND13.11.2015

jagerDas Buch kann weiterhin gegen 6,80 EUR (inkl. Porto) bei uns bezogen werden. Bedankt!

Neuerscheinung: Der Libertäre Atlantik von Tim Wätzold

Seit dem 1. September 2015 neu im Sortiment – unser erster Band der ‚Wissenschaftlichen Reihe‘

TB AtlantikDer Libertäre Atlantik

von Dr. Tim Wätzold

Der Libertäre Atlantik behandelt die Entstehung der Arbeiterbewegungen Südamerikas im Zusammenhang mit der europäische Massenmigration anhand der Untersuchungsländer Argentinien, Uruguay und Brasilien im Zeitraum 1870 bis 1920. Der Schwerpunkt liegt in der Analyse der soziokulturellen Transformationsprozesse im transnationalen historischen Vergleich. Durch Untersuchung der Entwicklung anhand von Institutionen, Diskursen sowie performativen, politischen als auch kulturellen Praktiken werden die transkulturellen Aspekte der kollektiven Identität als internationale Arbeiterbewegung behandelt. Diese vergleichbaren Praktiken im atlantischen Raum waren Teil der Subjektivierung des Internationalen Proletariats. Neben der Gründung von Gewerkschaften und Vereinen werden die damit verbundenen kulturellen Einrichtungen wie Schulen, Theater und Bibliotheken sowie die Alltags- und Freizeitgestaltung untersucht. Berücksichtigt werden die Entwicklung der Migration, Industrialisierung und Urbanisierung in den südamerikanischen Einwanderungsländern, die den Kontext bildeten für die Entstehung und Interaktion der Arbeiterbewegungen im libertären Atlantik.

ISBN  978-3-921404-04-1               • 360 Seiten – Preis: 24,80 EUR                      • Gewicht: 643 g

Libertärer Atlantik Umschlag

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Unsere Heimat ist die ganze Welt
2. Grundlagen und Kontext der atlantischen Massenmigration
2.1 Soziale und politische Entwicklung in Europa und der Welt
2.2 Europäische Massenmigration mit Destination Südamerika
2.3 Urbanisierung
2.4 Lebensbedingungen in Südamerika
2.4.1 Landwirtschaft in Brasilien
2.4.2 Landwirtschaft in Argentinien und Uruguay
2.5 Mythos Fazer America
2.6 Urbane Lebensbedingungen
2.7 Kontext der Industrialisierung
3. Praktiken der Subjektivierung:
3.1 Sozioökonomische Organisation
3.1.1 Argentinien
3.1.2 Uruguay
3.1.3 Brasilien
3.2 Zäsur: Der Erste Weltkrieg und die Eskalation des sozialen Konflikts
3.2.1 Der Generalstreik in São Paulo im Juli 1917
3.2.2 Der Fokus der Streiks, Rio de Janeiro 1918
3.3 Interaktion mit sozialen Bewegungen
3.4 Die Infrastruktur der Subkultur
3.4.1 Soziale Zentren
3.4.2 Libertäre Schulen
3.4.3 Weiterführende Bildung, das Projekt der Volksuniversität
3.5 Theater als Subjektivierungspraxis
3.6 Feiertage, Rituale, öffentliche Performance und Freizeitgestaltung
3.6.1 Der 1. Mai als Feiertag und Ritual der internationalen Arbeiterbewegung
3.7 Musik als Symbol in der Subjektivierungspraxis
3.8 Das Arbeiter Picknick als kosmopolitische Subjektivierungspraxis
4. Die urbane Bewegung und der Kontakt zu den Arbeitern auf dem Land
5. Libertäre Literatur als Beitrag zur Subjektivierung
6. Die Kommunikationsbasis des libertären Atlantiks
7. Der Libertäre Atlantik Schlussfolgerungen
8. Literatur- und Quellenverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Literatur
8.3 Periodika
8.4 Internet
8.5.Sonstige und Onlinearchive
Danksagung

Über den Autor

Dr. Tim Wätzold, Promotion in Iberischer und Lateinamerikanischer Geschichte (2007-2010) Universität zu Köln, Post-Dok Stipendiat des Graduierten Kollegs Migration der Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt (2011-2014) mit dem Forschungsprojekt: Die Entstehung der Arbeiterbewegungen Südamerikas und die europäische Massenimmigration. Transnationale Zusammenhänge und Konstruktion kollektiver Identitäten. Post-Dok Stipendiat der brasilianischen Bundesuniversität UFMG (2014 -) mit dem Forschungsprojekt: The „columbian exchange“ the other way around. The impact of the dutch trading companies on the globalization of food and beverages in the 17 th century. Autor verschiedener Artikel, Beiträge und Bücher zur globalen Sozial- und Kulturgeschichte.

Ein Gespräch mit einem neuseeländischem Syndikalisten: Percy B. Short

Ein Gespräch mit einem neuseeländischem Syndikalisten: Percy B. Short (1914)

Percy_Short

Vorbemerkung des Bearbeiters.

I. Die Quelle

Das Interview mit dem neuseeländischen Mitglied der Industrial Workers of the World (IWW) Percy B. Short (1) wurde Anfang 1914 geführt. Entdeckt hat den Text Jared Johnson in den »Max Nettlau Papers« (2) im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG) in Amsterdam (3). Es handelt sich um ein Typoskript, von dem nur die Seiten 2 und 3 erhalten sind, und das wie eine Presse-Korrespondenz o. ä. wirkt (4). Der Text wurde auf der Internet-Seite ‚Red Ruffians‘. Fragments of Aotearoa’s Anarchist and Syndicalist Past erstmals veröffentlicht. Dort ist er sowohl auf deutsch (in seiner ursprünglichen Fassung) wie auch in englischer Übersetzung nachzulesen (5).

II. Interviewer Nettlau?

Als Interviewer wird von den ‚Red Ruffians‘ der anarchistische Historiker Max Nettlau genannt. Dies wird in dem Nachdruck des Interviews im Newsletter des Labour History Project (6) und in einem Artikel in der Zeitschrift der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), Gai Dào, (Nr. 24, Dezember 2012) übernommen (7). Aber stimmt das?

Schon bei der ersten Lektüre auf der Internetseite der ‚Red Ruffians‘ irritierten mich vor allem die grammatischen und sprachlichen Schnitzer des deutschen Textes. Und die Partien, in denen Short direkt zu Worte kommt, wirken wie eine wörtliche Übersetzung aus dem Englischen, ohne Rücksicht auf die deutsche Grammatik – ein Eindruck, der sich durch den Vergleich mit der englische Übersetzung verstärkt. Völlig unverständlich sind schließlich die eingestreuten niederländischen Worte (z.B. »Einborlinge« für »Eingeborene«; »von den Blanken verdrungen« für »von den Weißen verdrängt«) – wenn man davon ausgeht, daß der Verfasser des Textes Max Nettlau ist, ein Deutsch-Österreicher. Der vorliegende Text ist jedoch offenbar von jemandem verfaßt worden, der das Deutsche zwar beherrscht, dessen Muttersprache allerdings Niederländisch (oder Flämisch) ist. Nettlau als deutscher Muttersprachler scheidet damit definitiv aus.

Der Text scheint, wie erwähnt, in einer Presse-Korrespondenz oder ähnlichem erschienen zu sein. Doch in welcher? Am wahrscheinlichsten erscheint mir, daß das Interview aus einer Ausgabe des Bulletin international du mouvement syndicaliste stammt, welches der niederländische Syndikalist Christiaan Cornelissen vom 8. September 1907 bis zum 22. März 1914 wöchentlich in französischer, deutscher, englischer und niederländischer Sprache in Paris herausgegeben hat (8). Hier würde alles passen: ein Niederländer, der neben Französisch auch Deutsch und Englisch spricht (9) und ein mehrsprachiges internationales revolutionär-syndikalistisches Bulletin herausgibt.

Der Internationale Syndikalistische Kongreß 1913 in London (10) richtete ein Informationsbüro in Amsterdam ein, unter dessem Dach Cornelissen das Bulletin weiter herausgab (11). Die erste Nummer erschien am 5. April, die letzte, Nr. 17, am 26. Juli 1914, wenige Tage vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs (12). Das Interview ist wohl – wenn meine Annahme stimmt – in einer der ersten Nummern des Jahrgangs 1914 erschienen, die gleichzeitig eine der letzten Nummern ist, die Cornelissen in Eigenregie herausgab.

Aber wer führte das Interview? Da der Ort nicht angegeben ist, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Falls Percy B. Short auch in Frankreich war, so könnte Cornelissen der Interviewer sein. Ich habe bisher allerdings keine Informationen gefunden, die das bestätigen könnten. Alternativ dazu – und das ist wahrscheinlicher, da in dem Text nur erwähnt wird, daß »Short nach England reiste« – könnte das Interview von Frida Tscherkessowa-Rupertus (13) in London geführt worden sein, der Schwester von Cornelissens Lebensgefährtin Lilian ‚Lilly‘ Rupertus, die aktiv bei der Distribution des Bulletin in Großbritannien mithalf (14).

III. Datierung

In der Vorbemerkung der Red Ruffians wird das Interview auf »around 1914« datiert. Vor dem Interview befindet sich in der Vorlage eine Notiz zum Bündnis dreier britischer Gewerkschaften, der Mining Federation of Great Britain, der National Union of Railwaymen und der National Transport Workers‘ Federation, die sogenannte Triple Alliance, die Anfang 1914 gegründet wurde. Die im Interview erwähnte Zeitung der australischen IWW, Direct Action, erschien seit Januar 1914. Damit ist auch die Datierung des Interviews auf Januar, spätestens aber Februar 1914 möglich. In der Zeitschrift Gai Dào wird das Interview unverständlicherweise in das Jahr 1915 verlegt (15).

VI.

Sämtliche Anmerkungen und Ergänzungen in [eckigen] Klammern stammen vom Bearbeiter. Eingriffe in den Text sind in den Anmerkungen nachgewiesen.

Jonnie Schlichting, 2. Juni 2015

* * *

DA_Kopf_(Sidney)_No_5_(15-05-1914)

Wir hatten das Vergnügen, mit einem Genossen von den Antipoden (16) zu sprechen, der nach Europa gekommen ist, um die syndikalistische Bewegung der verschiedenen Länder kennenzulernen.

Vor einigen Wochen erhielten die Industrial Workers of the World der Sektion Auckland ein Schreiben vom Herausgeber eines offiziellen syndikalistischen Organes in Europa, um Auskunft über die letzten grossen Streiks in Neuseeland [zu bekommen] (17).

Unser Genosse Percy B. Short wurde mit einem anderen Genossen beauftragt, die Antwort zu redigieren; da aber Short nach England reiste, wurde er ersucht, persönlich die Antwort und alle ferneren Auskünfte [zu] überbringen, um seinerseits auch über die europäische Bewegung Erkundigungen einzuziehen.

Da Short auch einige Zeit Mitglied der Sektion der I.W.W. in Sydney war und also die ganze revolutionär-syndikalistische Bewegung [in Neuseeland und Australien] kennt, waren wir sehr erfreut, über beide Bewegungen mit ihm sprechen zu können. Unsere Unterhaltung war desto interessanter, weil unser Genosse von Geburt ein Māori ist (18), ein Sohn der Eingeborenen (19) Neuseelands, des Volkes, das immer mehr von den Weißen verdrängt (20) wird, sich aber mit unglaublicher Energie und Ausdauer aufrecht erhält.

Um unsere Leser einigermaßen zu orientieren, bemerken wir an erster Stelle, daß in Sydney (Neu Süd-Wales) ein revolutionär-syndikalistisches Organ besteht, Direct Action (21), während in Auckland der Industrial Unionist erscheint. Ferner wird in Wellington, Neuseeland, der Māoriland Worker (22) herausgegeben. Die Redakteure dieses Blattes sind die Genossen Harry Holland (23) und J.B. Allen (24), der letztere ein revolutionärer Syndikalist, der in England jahrelang tätig war.

Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung in Australien und Neuseeland ist ganz nach dem Muster und mit den Statuten der Industrial Workers of the World der Vereinigten Staaten organisiert(25), und unsere Antipoden verdanken denselben auch einen beträchtlichen Teil ihrer Propagandaliteratur(26). Durch das Prinzip des Industrial Unionism, d.h. der Föderation nach Industrien, unterscheidet die syndikalistische Bewegung in Australasien sich ebenso wie in Nord-Amerika vom organisatorischem Standpunkt aus von den alten Berufsvereinen.

Wir haben uns zuallererst mit Genossen Short unterhalten über die allgemeinen Zukunftsperspektiven (27) der revolutionär-syndikalistischen Propaganda, und mit einer wahren Überraschung hörten wir dabei, daß ganz besonders unter den Māoris diese Propaganda durch die Vergangenheit der Bevölkerung mit ihrem Urkommunismus begünstigt wird.

Unter den Māoris scheint ein Arbeiter, der als Streikbrecher seinen Kameraden das Brot aus dem Munde nimmt, so gut wie ein unbekanntes Wesen zu sein, dessen Existenz (28) schon durch das alte Solidaritätsgefühl in den Volkssitten ausgeschlossen ist (29).

Lang sprachen wir weiter über die anti-militaristische Propaganda, welche in den letzten Jahren seit der Einführung des Militärdienstes in Neuseeland (30) angefangen hat. Verschiedene junge Burschen, zum Gefängnis verurteilt, traten in (31) den Hungerstreik, gerade wie es jetzt auch die Suffragets (32) in England machen. Die anti-militaristische Bewegung (33) ist immer noch lebendig (34).

Schliesslich war es die Gewerkschaftsbewegung, und zwar das Verhalten zu den konservativen Verbänden, das uns am Meisten interessierte:

– Sind die konservativen Gewerkschaften, so fragten wir, diejenigen eben, die unter dem (35) Gesetz auf den verpflichteten Schiedsspruch (36) organisiert sind, im Fortschritt begriffen, oder büßen sie vielmehr an Einfluss ein?

– Augenblicklich, antwortete Short uns, sind von den 80.000 Arbeitern, die in Neuseeland leben, 65.000 unter dem Arbitration Act organisiert, während 15.000 unter dem Trade Unions Act (37) organisiert sind (38); letztere regeln ihre Streitigkeiten mit den Unternehmern direkt.

– Und wie geht es mit den Streiks in ihrem Lande, dem ‘Arbeiterparadies’, dem ‘Lande ohne Streiks und Aussperrungen’, wie unsere Sozialreformer in Europa es so gerne nennen?

– Die Streiks nehmen immer mehr zu, an Anzahl und an Intensität.

– Und das Streik-Gesetz (39), wodurch dieselben verboten sind?

– Dem Zwangsschlichtungsgesetz in Neuseeland ist der Schädel zerschmettert worden (40) (Arbitration is killed in New Zealand).

Und Short setzte uns auseinander, wie die Landesregierung es macht, um die wahre Lage zu verbergen.

– Sie werden sich wohl, es ist schon einige Jahre her (41), [an] den grossen Streik der Bergarbeiter in Blackball erinnern (42). Die Regierung ist dabei soweit gegangen, den Hausrat der zu Geldbußen verurteilten Streikenden (43) verkaufen zu lassen; Niemand wagte es aber, davon zu kaufen. Schliesslich bezahlte die Regierung nun selbst die Geldbußen, unter Vorgeben, dieselben seien von den verurteilten Bergarbeitern selbst bezahlt [worden], eine Lüge, wogegen Letztere laut ihren Protest erhoben (44).

Noch vor wenigen Wochen, wie sie sich gewiss erinnern, haben wir noch einen Generalstreik in Neuseeland gehabt, der sich auf alle Städte und auf fast alle Berufe (45) ausdehnte (46).

Short setzte uns weiter auseinander, wie in Australien, wo die Gesetzgebung weniger streng ist, und wo dem Versuch zur Versöhnung der Schiedsrechtsspruch vorausgeht, der Zustand nicht so gespannt ist und der revolutionäre Syndikalismus auch dort große Fortschritte macht.

Gerne hätten wir das Gespräch noch fortgesetzt, aber wie wir schon sagten, war Genosse Short nicht allein gekommen, um Auskunft zu geben, sondern auch um Auskunft zu holen, und da seine Zeit bemessen ist, haben wir versprechen müssen, das Gespräch wohl wieder aufzunehmen, aber um diesmal über die europäische Bewegung zu sprechen.

MW_1914_01_07_Titel

Anmerkungen

1 Zu Short siehe Derby 2012a.

2 (Nr. 3424) New Zealand. 1906 and n.d.

3 Das Original ist dort mittlerweile auch online einseh- und herunterladbar.

4 In dem Konvolut befinden sich drei weitere undatierte Dokumente: ein Flugblatt der New Zealand Society for Social Ethics; ein mehrfach durchgestrichener ‚Schmierzettel‘ (den ich weitgehend nicht entziffern kann); eine englischsprachige Tabelle (möglicherweise ein Korrekturabzug) zu Bevölkerung und Einkommensverteilung eines Landes, das jedenfalls nicht Neuseeland ist: denn dort wird eine Bevölkerungszahl von 43 Millionen angegeben, während Neuseeland selbst im Jahre 2013 nur 4,47 Millionen Einwohner hatte (vgl. Wirtschaftsdatenblatt des Auswärtigen Amtes für Neuseeland [abgerufen am 25. Mai 2015]).

5 A Conversation with a Syndicalist from New Zealand. Max Nettlau talks to Percy Short. Die Übersetzung ins Englische stammt von Urs Signer.

6 »A comrade from the antipodes«; in: LHP Newsletter 55, August 2012, S. 8 – 9.

7 Pete 2012.

8 Lehning [1986]; Thorpe 1989, S. 31f.; Wedman, 1993, S. 8; Wedman 2001, S. 476. – Es erschienen insgesamt 336 Ausgaben.

9 Wedman 2001, S. 476.

10 Westergard-Thorpe 1978; Westergard-Thorpe 1981; Thorpe 1989, S. 66 – 86.

11 Thorpe 1989, S. 78.

12 Westergard-Thorpe 1978, S. 76. – Am 1. Januar 1915 erschien noch eine Ausgabe, die lediglich die Einstellung des Bulletins aufgrund des Krieges mitteilte.

13 Sie war seit 1899 mit dem georgischen Anarchisten Waarlam Tscherkessow verheiratet, einem engen Freund Kropotkins, mit dem sie in London lebte.

14 Thorpe 1989, S. 69.

15 Pete 2012, S. 26 – Die launige Beschreibung des angeblichen Treffens zwischen Short und Nettlau – »In einem verrauchten Zimmer einer Londoner Seitenstraße treffen 1915 zwei Männer aufeinander, die weiter voneinander entfernt nicht leben könnten.« – ist zwar eine hübsche Geschichte, aber allein schon deshalb unmöglich, weil Nettlau zu diesem Zeitpunkt, dem zweiten Jahr des ‚Großen Krieges‘, als Staatsbürger der Donaumonarchie und damit ‚feindlicher Ausländer‘ (und Anarchist!) nicht mehr in London frei herumgelaufen wäre, geschweige denn dorthin hätte einreisen können. Er hätte das Schicksal Rudolf Rockers und anderer Emigranten aus den Ländern der Kriegsgegner des United Kingdom geteilt – die Internierung (siehe Rocker 1974, S. 261 – 275).

16 Veraltete Bezeichnung für Australien und Neuseeland.

17 Im März 1912 streikten 1.000 Bergarbeiter der Goldmine in Waihī. Die Regierung setzte im Oktober Polizei ein, die über 60 Streikende verhaftete und den Einsatz einer großen Zahl von Streikbrechern ermöglichte. Am 12. November griff ein Mob von mehreren hundert Streikbrechern und Polizisten das Gewerkschaftsgebäude an. Bei dessen Verteidigung wurde der Kollege Fred Evans totgeprügelt. Anschließend marodierte der Mob durch die Stadt und vertrieb die Streikenden und ihre Familien aus Waihī (Holland u. a. 1913; Mouat 1992; Derby 2012b; McCulloch 2012; Atkinson 2014).

Etwa 16.000 Hafen- und Bergarbeiter in Wellington, Auckland und Christchurch streikten im November 1913. Auch hier kam es zu militanten Auseinandersetzungen mit Streikbrechern, die von der Regierung herangebracht, bewaffnet und zu ‚Hilfspolizisten‘ ernannt wurden. Zusätzlich sandte man zwei Kriegsschiffe in die bestreikten Häfen. Nach sechs Wochen wurde der Streik durch die Verhaftung der Streikführer gebrochen (Nolan 2005; Doolin 2013; Clayworth 2014).

18 »Es ist nicht bekannt, ob Short tatsächlich von Geburt ein Māori war oder nicht (seine Familie glaubte es nicht), und einige seiner Behauptungen betreffend die Unterstützung des Syndikalismus und von Streiks durch die Māori können Übertreibungen von Nettlau [der das Interview nicht geführt hat; J.S.] oder Short sein. Nichtsdestoweniger ist es immer noch ein wichtiges Beispiel für syndikalistischen Transnationalismus und eine interessante Betrachtung von Ereignissen.« (aus der Vorbemerkung der Red Ruffians). Allerdings schrieb und übersetzte Short für das Neuseeländische IWW-Organ Texte in Māori (siehe E nga kaimahi o te Ao katoa, Whakakotahitia [Arbeiter der Welt, vereinigt euch] auf der Internet-Seite des Aotearoa Workers Solidarity Movement (http://awsm.noblogs.org/2013/07/e-nga-kaimahi-o-te-ao-katoa-whakakotahitia/).

19 in der Vorlage: ‚Einborlinge‘.

20 in der Vorlage: ‚… von den Blanken verdrungen‘. – In der englischen Übersetzung lautet diese Passage: » … the people who is more and more pushed to the side … «.

21 Direct Action. Organ of the Industrial Workers of the World. Erschien seit Januar 1914 vierzehntägig in Sidney; 78 Ausgaben von 135 der Jahrgänge 1914 – 1917 sind auf der australischen Internet-Seite Reason in Revolt online.

22 Der Māoriland Worker wurde 1910 als Monatsschrift von der Shearers’ Union (Schafscherer-Gewerkschaft) in Christchurch gegründet. Nach der Vereinigung der Shearers’ Union mit der Miners‘ Federation im gleichen Jahr erschien er als Organ der Red’ Federation of Labour. Er ist fast komplett (640 Ausgaben, vom 15 September 1910 – 30. Januar 1924) online.

23 Eigentlich Henry Edmund Holland; siehe O’Farrell [1996]; O’Farrell 2014.

24 Olssen 1976.

25 IWW 1912; Hanlon [1913]; Steiner 2006.

26 Burgman 2007; Industrial Unionism 2007; Derby 2009; Clayworth 2010.

27 in der Vorlage: ‚Voraussichten‘.

28 in der Vorlage: ‚Bestehen‘.

29 Dieser Aussage wird im LHP Newsletter vehement (und wohl zurecht) widersprochen: während des Waihī-Streiks befanden sich unter den Streikbrechern viele Māoris; sie zeigten vor dem 1. Weltkrieg auch wenig Neigung, sich der revolutionär-syndikalistischen Bewegung anzuschließen (LHP Newsletter 55, August 2012, S. 9).

30 Der Defence Act führte 1909 die allgemeine Wehrpflicht in Neuseeland ein.

31 in der Vorlage: ‚begangen‘.

32 Suffragetten: gemeint ist die außerordentlich militante Bewegung für das Frauenwahlrecht in Großbritannien und den USA, die fast ausschließlich von (meist bürgerlichen) Frauen getragen wurde.

33 Weitzel 1973; Bodman 2010; Davidson 2014.

34 in der Vorlage: ‚… dauert noch stets weiter‘. Die englische Übersetzung ist verständlicher: »The anti-militarist movement is still alive.«

35 in der Vorlage: ‚unters‘.

36 Der Industrial Conciliation and Arbitration Act (Gesetz zur Versöhnung und Schlichtung in der Industrie) wurde 1894 vom neuseeländischen Parlament verabschiedet. Im Gegenzug zur Anerkennung der Gewerkschaften sah es eine obligatorische Schlichtung vor. Die Mehrheit der Gewerkschaften, vor allem kleinere und schwächere, unterzeichnete diese Vereinbarung (Macrosty 1898; Lloyd 1900; Beer 1901a und 1901b; Labour Laws 1906; Broadhead 1908; Holt 1976).

37 Der Trade Unions Act (Gewerkschaftsgesetz) von 1908, der im Gefolge des Blackball-Streiks und der wachsenden Militanz verschiedener Gewerkschaften verabschiedet wurde, gestand den Gewerkschaften, die die Zwangsschlichtung nicht akzeptierten, weitgehende Rechte zu (s. Trade Unions Act 1908; Doolin 2013; s. a. Anm. 42).

38 in der Vorlage: ‚… gibt es auf den 80.000 Arbeitern, die in Neuseeland leben, 65.000, die unter dem Arbitration-Act organisiert sind, während 15.000 unter einem anderen Gesetz sind, das auf der Arbeitsföderation‘.

39 in der Vorlage: ‚Gesetz auf die Streiks‘.

40 in der Vorlage: ‚Das Gesetz den Verpflichtenden Schiedsspruch ist der Kopf eingedrückt in Neuseeland‘. – Die englische Übersetzung ist verständlicher: »The compulsory Arbitration Act has had its head smashed in New Zealand«.

41 in der Vorlage: ‚… schon vor einigen Jahren her‘.

42 Im Februar 1908 streikten die Bergarbeiter von Blackball. In einem dreimonatigen Arbeitskampf setzten sie den Achtstundentag und längere Arbeitspausen durch. Der Streik führte zur Aufweichung des Arbitration Act und schließlich 1910 zur Gründung der Federation of Labour, die sich dem Schlichtungsgesetz nicht unterwarf (Olssen 1988; Davidson 2011b).

43 in der Vorlage: ‚Streiker‘.

44 Derby 2012b.

45 in der Vorlage: ‚Arbeitskategorien‘.

46 siehe Anm. 17.

 

Literatur

AGWA: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (Fernwald/Anneröd)

Atkinson 2014: Neill Atkinson, ‚Black Tuesday‘ – the 1912 Waihi strike. The killing of Fred Evans [updated 19-Sep-2014]; in: NZHo http://www.nzhistory.net.nz/politics/black-tuesday/the-1912-waihi-strike

Beer 1901a: Max Beer, Das neuseeländische Ideal; in: NZ, Jg. 20, 1901-02, Bd. 2 (1902), Nr. 11 (lfd. Nr. 37), S. 325 – 329  –  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.04454&dok=1901-02b&f=190102b_0325&l=190102b_0329&c=190102b_0325

Beer 1901b: Max Beer, Das neuseeländische Ideal (Schluß); in: NZ, Jg. 20, 1901-02, Bd. 2 (1902), Nr. 12 (lfd. Nr. 38), S. 365 – 369  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.04463&dok=1901-02b&f=190102b_0365&l=190102b_0369

Bodman 2010: Ryan Bodman, ‘Don’t be a conscript, be a man!’ A History of the Passive Resisters’ Union, 1912-1914, Auckland (University of Auckland)   http://www.converge.org.nz/pma/psrb2010.pdf

Broadhead 1908: Henry Broadhead, State Regulation of Labour and Labour Disputes in New Zealand. A Description and a Criticism, Christchurch – Wellington – Dunedin, N. Z.; Melbourne – London (Whitcombe and Tombs)  https://archive.org/details/stateregulationo00broa

Burgman 2007: Verity Burgman, The IWW in International Perspective. Comparing the North American and Australasian Wobblies.  http://redruffians.tumblr.com/post/2632498201/the-iww-in-international-perspective-comparing

BWSA: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland  –  http://socialhistory.org/bwsa/

Clayworth 2010: Peter Clayworth, Prophets from Across the Pacific. The Influence of Canadian Agitators on New Zealand Labour Militancy in the early Twentieth Century (From a paper presented to the conference ‘Canada and New Zealand: Connections, comparisons and challenges’, Wellington, New Zealand, 9 February 2010) – http://redruffians.tumblr.com/post/2682342488/prophets-from-across-the-pacific-the-influence-of

Clayworth 2014: Peter Clayworth, The 1913 Great Strike (updated 24-Oct-2014); in: NZHo – http://www.nzhistory.net.nz/politics/1913-great-strike

Davidson 2011: Jared Davidson, Miners and the Labour Movement; in: Spark, November 2011, Vol. 21, No. 8, Issue No. 248, S. 6 – 7  –  http://workerspartynz.files.wordpress.com/2011/11/november-spark.pdf

Davidson 2014: Jared Davidson, Fighting war. Anarchists, Wobblies and the New Zealand state 1905-1925  –  https://libcom.org/history/fighting-war-anarchists-wobblies-new-zealand-state-1905-1925

Derby 2009: Mark Derby, A Country Considered to Be FreeNew Zealand and the IWW. Towards a Transnational Study of New Zealand Links with the Wobblies [zuerst in: Perspectives on Anarchist Studies. Journal of the Institute for Anarchist Studies, Issue 2009]  –  http://portland.indymedia.org/en/2009/08/393355.shtml

Derby 2012a: Mark Derby, Marx in Maori – Percy Short; in: LHP Newsletter 54, April 2012, S. 25 – 28  –  http://issuu.com/garagecollective/docs/_54

Derby 2012b: Mark Derby, Strikes and Labour disputes [updated 13 July 2012]; in: Te Ara  –  http://www.TeAra.govt.nz/en/strikes-and-labour-disputes/page-1

Direct Action. Organ of the Industrial Workers of the World (Australian Administration) (Sidney)  –  http://www.reasoninrevolt.net.au/bib/PR0001524.htm

Doolin 2013: Ciaran Doolin, Wobblies and Cossacks. The 1913 Great Strike [Fight Back, 20. Sept. 2013]  –  http://fightback.org.nz/2013/09/20/wobblies-and-cossacks-the-1913-great-strike/

Hanlon [1913]: Frank Hanlon, Industrial Unionism. Aim, Form, and Tactics of a Workers’ Union on I.W.W. Lines (ca. 1913); in: Industrial Unionism 2007

Holland u. a. 1913: Henry Edmund Holland, »Ballot Box« and R. S. Ross, The Tragic Story of the Waihi Strike, Wellington (The »Worker« Printery)  –  https://archive.org/details/tragicstoryofwai00holl

Holt 1976: James Holt, The Political Origins of Compulsory Arbitration in New Zealand. A Comparison with Great Britain; in: NZJH, Vol. 10 (1976), No. 2, S. 99 – 111  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=1407&action=null

Industrial Unionism 2007: Industrial Unionism. The History of the Industrial Workers of the World in Aotearoa & Aim, Form, and Tactics of a Workers’ Union on I.W.W. Lines, Wellington 2007 (Rebel Press)  –  http://www.rebelpress.org.nz/files/industrialunionism.pdf

IRSH: International Review of Social History. Published for the Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (Cambridge University Press)

IWW 1912: Constitution of the Industrial Workers of the World Club of Australasia & New Zealand, Sydney (The People Printery)  –  http://www.reasoninrevolt.net.au/objects/pdf/a000364.pdf

Labour Laws 1906: Handbook to the Labour Laws of New Zealand. Compiled by Direction of the Hon. The Minister of Labour. Fourth Edition, Wellington  –  https://archive.org/details/handbooktolabou00zealgoog

Lehning [1987]: Arthur Lehning, Cornelissen, Christianus Gerardus [zuerst in: BWSA 2 (1987), S. 35-39]  –  http://hdl.handle.net/10622/05F9A3DA-C74D-4720-B401-5B78F839F5C5

LHP: Labour History Project (Wellington)  –  http://www.lhp.org.nz/

Lloyd 1900: Henry Demarest Lloyd, A Country Without Strikes. A Visit to the Compulsory Arbitration Court of New Zealand. Introduction by William Pember Reeves, New York (Doubleday, Page & Co.)  –  https://archive.org/details/countrywithoutst00lloy

Macrosty 1898: Henry B. Macrosty, Das gewerbliche Schiedswesen in Neuseeland; in: NZ, Jg. 16. 1897-98, 2. Bd. (1898), Nr. 51, S. 783 – 786  –  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.03097&dok=1897-98b&f=189798b_0783&l=189798b_0786

McCulloch 2012: Alison McCulloch, 100 Years On: The Waihi Miners’ Strike. Waihi’s story is history in the present tense … ; in: werewolf [online magazine], August 1st, 2012  –  http://werewolf.co.nz/2012/08/100-years-on-the-waihi-miners-strike/

The Māoriland Worker. A Paper Devoted to the Interests of Industrial Unionism, Socialism and Progressive Politics, 15. September 1910 – 30. Januar 1924 [640 Ausgaben] (Christchurch; Wellington)  –  http://paperspast.natlib.govt.nz/cgi-bin/paperspast?a=d&cl=CL1.MW

Mouat 1992: Jeremy Mouat, The Ultimate Crisis of the Waihi Gold Mining Company; in: NZJH, Vol. 26 (1992), No. 2, S. 184 – 204   –   http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=822&action=null

NZHo: New Zealand History online  –  http://www.nzhistory.net.nz/

NZ: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie [bis Jg. 18, 1899-1900: Revue des geistigen und öffentlichen Lebens] (Stuttgart)  –  http://library.fes.de/nz

NZJH: The New Zealand Journal of History. Published by the Department of History at the University of Auckland  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/index.php

Nolan (2005): Melanie Nolan (ed.), Revolution. The 1913 Great Strike in New Zealand, Christchurch (Oxford University Press)

O’Farrell [1996]: Patrick J. O’Farrell, Holland, Henry Edmund [zuerst in: Dictionary of New Zealand Biography, Volume 3, 1996 – updated 30-Oct-2012]; in: Te Ara  –  http://www.teara.govt.nz/en/biographies/3h32/holland-henry-edmund

O’Farrell 2014: Patrick J. O’Farrell, Harry Holland. Biography [updated 21-Aug-2014]; in: NZHo  –  http://www.nzhistory.net.nz/people/harry-holland

Olssen 1976: Erik Olssen, W. T. Mills, E. J. B. Allen, J. A. Lee and Socialism in New Zealand; in: NZJH, Vol. 10 (1976), No. 2, S. 112 – 129  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=1408&action=null

Olssen 1988: Erik Olssen, The Red Feds. Revolutionary Industrial Unionism and the New Zealand Federation of Labour 1908-14, Auckland 1988 (Oxford University Press)

Pete 2012: Pete, Nettlau und der Anarchismus in Neuseeland; in: Gai Dào. Zeitschrift der Anarchistischen Föderation, Nr. 24, Dezember 2012, S. 26 – 28  –  http://fda-ifa.org/g%C7%8Ei-dao-nr-24-dezember-2012/

Reason in Revolt. Source Documents of Australian radicalism (online-Archiv)  –  http://www.reasoninrevolt.net.au/

‚Red Ruffians‘. Fragments of Aotearoa’s Anarchist and Syndicalist Past (online-Archiv) –  http://redruffians.tumblr.com/

Rocker 1974: Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Hrgg. von Magdalena Melnikow und Hans-Peter Duerr. Einleitung von Augustin Souchy. Nachwort von Diego Abad de Santillan, Frankfurt/M 1974 (edition suhrkamp 711)

Spark: The Spark. For workers‘ power and international socialism. Monthly magazine published by the Workers Party of New Zealand (Auckland)  –  http://the-spark.net/where.html

Stein 2001: Jeff Stein, Freiheit und Industrie. Der Syndikalismus von Christiaan Cornelissen; in: AGWA, Nr. 16/2001, S. 481 – 494

Steiner 2006: Peter Steiner, The Industrial Workers of the World in Aotearoa [2006]; in: Industrial Unionism 2007

Te Ara – the Encyclopedia of New Zealand  –  http://www.teara.govt.nz/en/

Thorpe 1989: Wayne Thorpe, »The Workers Themselves«. Revolutionary Syndicalism and International Labour, 1913 – 1923. Studies in social history (IISG) 12, Dordrecht – Boston – London 1989 (Kluver)

Trade Unions Act 1908: New Zealand Trade Unions Act 1908 No 196 (reprint as at 03 September 2007)  –  http://apirnet.ilo.org/resources/new-zealand-trade-unions-act/at_download/file1

Wedman 1993: Homme Wedman, De Collectie Cornelissen/Chichery, Amsterdam – Groningen 1993 (IISG & IvG RUG)  –  http://www.iisg.nl/archives/docs/cornelissen-wedman.pdf

Wedman 2001: Homme Wedman, Christiaan Cornelissen (1864 – 1943); in: AGWA, Nr. 16/2001, S. 471 – 480

Weitzel 1973: R. L. Weitzel, Pacifists and Anti-militarists in New Zealand, 1909-1914; in: NZJH, Vol. 7 (1973), No. 2, S. 128 – 147  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=1498&action=null

Westergard-Thorpe 1978: Wayne Westergard-Thorpe, Towards a Syndicalist International. The 1913 London Congress; in: IRSH, Vol. 23 (1978), No. 1, S. 33 – 78  –  http://search.socialhistory.org/Record/S0020859000005691/Details

Westergard-Thorpe 1981: Wayne Westergard-Thorpe, The Provisional Agenda of the International Syndicalist Congress, London 1913; in: IRSH, Vol. 26 (1981), No.1, S. 92 – 103  –  http://search.socialhistory.org/Record/S0020859000007069