Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Offener Brief an die CNT – Alexander Schapiro (1937)

Alexander Schapiro

Offener Brief an die C.N.T.[1]

Vorbemerkung von Robert Graham

imagesIm Juni 1937, im Gefolge der Mai-Ereignisse[2] in Spanien, als Anarchisten gegen kommunistische und republikanische Kräfte in den Straßen Barcelonas kämpften und viele prominente Anarchisten verhaftet oder ermordet (Camillo Berneri) wurden oder einfach verschwanden, verabschiedete die CNT (Confederacion Nacional del Trabajo) ein »Minimalprogramm«, um sich der republikanischen Regierung und den Mächten, die sie jetzt kontrollierten, unterzuordnen – einschließlich der stalinistischen Kommunistischen Partei, die gerade eine konzertierte Kampagne begann, um die anarchistische Bewegung und andere oppositionelle Gruppen wie etwa die abtrünnige marxistischen Gruppe, die POUM[3] (einer ihrer Führer, Andrés Nin, »verschwand« offensichtlich[4] und wurde von den Kommunisten beschuldigt, zu Francos 5. Kolonne zu gehören) zu unterdrücken. Das »Minimalprogramm« wurde von der Regierung nicht akzeptiert, und die Anarchisten wurden weiterhin marginalisiert und von Regierungs- und von den kommunistisch unterstützen Kräften verfolgt. Alexander Schapiro schrieb den folgenden Offenen Brief an die CNT, in dem er sie für ihre fortgesetzte und katastrophale Politik der Kollaboration mit und Anpassung an diese konterrevolutionären Kräfte kritisierte. Er wurde von Joseph Wagner übersetzt und in der Monatsschrift One Big Union[5], August 1937, veröffentlicht. Für eine vergleichbare Kritik durch ein schwedisches Mitglied der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) siehe Albert Jensen, »The CNT-FAI, the State and Government«[6].

Wir lesen mit mehr Überraschung als Interesse das Minimal-Programm der CNT »zur Umsetzung einer Kriegs-Realpolitik«[7]. Die Lektüre dieses Programms hat eine ganze Serie von Fragen und Problemen aufgeworfen, von denen einige euch zur Kenntnis gebracht werden sollen.

Sicherlich ist keiner von uns so schlicht gestrickt zu glauben, daß ein Krieg mit Resolutionen und durch anti-militaristische Theorien geführt werden kann. Viel von uns glaubten lange vor dem 19. Juli (1936), daß die anti-militaristische Propaganda, die unseren holländischen Genossen vom Antimilitaristischen Büro so teuer ist[8], und die in der Vergangenheit ein durchaus sympathisches Echo in den Spalten eurer Presse in Spanien gefunden hat, im Widerspruch zur Organisation der Revolution stand.

Viele von uns wußten, daß die Putsche, die unseren spanischen Genossen so teuer waren, etwa die vom 8. Dezember [1932] und 8. Januar 1933[9], weit davon entfernt waren, eine Hilfe für die Organisation der Revolution zu sein, vielmehr halfen sie dabei, sie zu desorganisieren.

Der 19. Juli[10] hat euch die Augen geöffnet. Er machte euch den Fehler bewußt, den ihr in der Vergangenheit begangen habt, als ihr – in einer revolutionären Periode – es ernstlich versäumt habt, den notwendigen Rahmen für den Kampf zu organisieren, der, wie ihr wußtet, am Tag der Abrechnung unausweichlich sein würde. Und doch verschließt ihr heute eure Augen vor einer anderen wichtigen Tatsache. Ihr scheint zu denken, daß ein Bürgerkrieg, der durch den Umstand eines faschistischen Putsches ausgebrochen ist, euch nicht notwendigerweise dazu verpflichtet, die Möglichkeiten zu untersuchen, den Charakter dieses Bürgerkrieges zu modifizieren und zu verändern.

Ein »Minimal«-Programm ist nichts, was uns besorgt macht, aber ein besonderes Minimal-Programm (wie eures) kann keinen Wert haben, solange es nicht die Möglichkeit für die Vorbereitung eines Maximal-Programms schafft.

Aber nach allem ist eure »Kriegs-Realpolitik« nichts als ein Programm zum Eintritt in den Ministerrat (Regierung); mit ihm handelt ihr lediglich wie eine politische Partei, die begierig ist, an einer bestehenden Regierung teilzuhaben; ihr stellt eure Bedingungen für die Teilnahme, und diese Bedingungen haben einen so bürokratischen Charakter, daß sie weit entfernt davon sind, das bürgerlich-kapitalistische Regime wenigstens zu schwächen; im Gegenteil tendieren sie dazu, den Kapitalismus zu stärken und ihn zu stabilisieren.

Der überraschende Teil eures Programms ist, daß ihr es nicht als Mittel zur Erreichung eines wohldefinierten Zieles anseht, sondern eure »Kriegs-Realpolitik« selbst für ein Ziel haltet. Das ist die Hauptgefahr eures Programms. Es setzt die dauerhafte Teilnahme an der Regierung – nicht eine lediglich den Umständen geschuldete – voraus, die sich über eine Anzahl Jahre ausdehnen wird, auch wenn der Krieg selbst, mit all seinen brutalen täglichen Manifestationen, in der Zwischenzeit enden sollte. Ein Außenhandelsmonopol (haben die Kommunisten euch das eingeflüstert?), Zollpolitik, neue Gesetzgebung, ein neues Strafgesetzbuch – all dies dauert eine lange Zeit. Um alle diese Aufgaben zu erfüllen, schlägt euer Programm eine enge Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie (Republikanischer Block) und mit den Kommunisten (Marxistischer Block) auf allen Feldern vor, während ihr fast zur gleichen Zeit in eurem Aufruf vom 14. Juni erklärt, daß ihr sicher seid, nicht nur über Franco zu triumphieren, sondern auch über eine dummerhaftig rückständige Bourgeoisie (»den Republikanischen Block«) und über die hinterhältigen und unehrlichen Politiker (den »Marxistischen Block«).

Ihr seht also, daß sogar euer Minimal-Programm mit schreienden Widersprüchen überhäuft ist; seine Umsetzung hängt von der Hilfe eben der Bereiche ab, gegen die dieses Programm gerichtet ist. Selbst in der Zwanglosigkeit, mit der ihr diese beiden sich einander ausschließenden Programme aufstellt – einerseits Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie und dem »Marxismus« und Kampf bis zum Sieg gegen dieselbe Bourgeoisie und denselben »Marxismus«andererseits – setzt euer Programm als Ziel, und eure Erklärung vom 14. Juni wird zu bloßem Geschwätz. Wir hätten es uns natürlich gewünscht, wenn die Dinge andersherum lägen.

Das Problem der ökonomischen Rekonstruktion Spaniens ist kein Bestandteil eures Programms. Und dennoch müßt ihr doch wissen, daß in einem Bürgerkrieg wie dem, den ihr gerade durchmacht, das Volk nicht mithelfen wird, solange die Siege an der Front nicht gleichzeitig ihre eigenen Siege im Hinterland sichern.

Es ist wahr – und viele von uns außerhalb Spaniens haben es lange vor dem 19. Juli gewußt –, daß die Soziale Revolution nicht in 24 Stunden erreicht werden kann, und daß ein libertäres Regime nicht im Handumdrehen errichtet werden kann. Nichtsdestotrotz hat weder die CNT noch die FAI sich im geringsten um die vorrevolutionäre Organisation und die vorausschauende Vorbereitung des Rahmenwerks für die soziale und ökonomische Rekonstruktion gekümmert. Wir behaupten, daß es eine Brücke gibt, die vom Sturz des alten Regimes zu der Errichtung des neuen Regimes führt, welches auf der Asche und den Ruinen des alten Regimes errichtet wird. Diese Brücke ist um so mehr voller gefährlicher Fallen und Fallgruben, je mehr sich das neue Regime sich von dem alten unterscheidet. Und es war genau diese Periode des Übergangs, die ihr in der Vergangenheit mißverstanden habt und die ihr heute immer noch mißversteht. Denn wenn ihr verstanden hättet, daß die soziale und ökonomische Rekonstruktion auf einer libertären Grundlage die unverzichtbare Bedingung des Sieges über den Faschismus ist, hättet ihr (das Ziel, das erreicht werden soll, im Blick behaltend) ein minimales revolutionäres Programm ausgearbeitet, das dem städtisches und ländlichen Proletariat Spaniens den nötigen Willen und Enthusiasmus gegeben hätte, den Krieg zu seinem logischen Abschluß weiterzuführen.

Aber solch ein Programm habt ihr nicht verkündet. Die paar zaghaften Anspielungen in eurem »Kriegsprogramm« haben alles andere als einen revolutionären Charakter: die Ausarbeitung eines Plans der ökonomischen Rekonstruktion, der von allen drei Blöcken akzeptiert würde, konnte nur eine naive Illusion sein, wäre er nicht so gefährlich; die Kommunalisierung des Bodens ist ein antirevolutionäres Projekt, weil es etwas legalisiert, das eine kommende Revolution abschaffen muß, denn die Kommunen sind schließlich nichts als Räder im Getriebe des Staates, solange der Staat existieren wird.

Natürlich setzt die Ausarbeitung eines ökonomischen Programms für die Übergangsperiode ein Endziel voraus. Ist die CNT der Ansicht, daß der Libertäre Kommunismus ein unerreichbares »Utopia« ist, das ins Museum abgeschoben werden sollte?

Wenn ihr immer noch denkt (wie ihr es vor dem 19. Juli tatet), daß der Libertäre Kommunismus Bestandteil des Programms der CNT ist, dann ist es eure Pflicht – es war in der Tat seit dem Juli 1936 eure Pflicht –, euer ökonomisches Übergangsprogramm auszuarbeiten, ohne Rücksicht auf die bourgeoisen und marxistischen Blöcke, die nicht anders können als jegliches Programm mit libertärer Tendenz und Inspiration zu sabotieren.

Ein solches Programm wird sicherlich in Konflikt mit diesen Blöcken bringen, aber auf der anderen Seite wird es die große Mehrheit der Arbeiter mit euch vereinen, die nur eines wollen, den Sieg der Revolution. Es ist deshalb notwendig, zwischen die beiden Möglichkeiten zu wählen.

Solch ein Programm wird natürlich euer »Kriegsprogramm« annullieren, welches nichts als der Ausdruck eines »wahren« Bedürfnisses nach ständiger Mitarbeit im Kabinett ist. Aber diese Absicht, dieses euer »Kriegsprogramm« steht diametral gegen die traditionelle revolutionäre Haltung der CNT, die diese Organisation bisher noch nicht verleugnet hat. Deshalb ist es notwendig zu wählen.

Die CNT darf nicht – wie sie es unglücklicherweise seit dem 19. Juli getan hat – die Taktik des »Wegs des geringsten Widerstandes« akzeptieren, der nur zu einer langsamen, aber sicheren Liquidierung der Libertären Revolution führen kann.

Die Zusammenarbeit mit der Regierung hat das Programm der Revolutionären Ökonomie deutlich in den Hintergrund gedrängt. Ihr seid auf dem falschen Weg, und ihr könnt das selbst sehen.

Denkt ihr nicht, daß ihr aufhören solltet, diesem Weg zu folgen, der euch in den sicheren Untergang führt?

• Alexander Schapiro

schapiro[1]

Übersetzung und Anmerkungen: J. S.; Anmerkungen von Robert Graham sind mit [R.G.] gekennzeichnet.

Literatur

DAS 1982: Deutsche Anarcho-Syndikalisten (Hrg.), Revolution und Gegenrevolution. Die Ereignisse der Mai 1937 in Katalonien [ASY-Verlag Barcelona, Juni 1937], erweiterter Neudruck der Originalausgabe (anarchistische texte 29), Berlin/W (Libertad)

Gorkin 1980: Julián Gorkin, Stalins langer Arm. Die Vernichtung der freiheitlichen Linken im spanischen Bürgerkrieg. Mit einem Vorwort von Willy Brandt, Köln (Kiepenheuer & Witsch)

Graham 2005: Robert Graham (ed.), Anarchism. A Documentary History of Libertarian Ideas, Volume 1: From Anarchy to Anarchism (300 CE to 1939), Toronto (Black Rose Books)

Rocker 1937: Rudolf Rocker, The Tragedy of Spain, New York (Freie Arbeiter Stimme) (http://library.fes.de/pdf-files/netzquelle/a-55140.pdf)

Schapiro [1933]: Alexander Schapiro, Bericht über die Confederación Nacional del Trabajo und den Aufstand in Spanien im Januar 1933 [an das Internationale Plenum der IAA in Amsterdam, 22. – 24. April 1933]. Einleitung von Jaap Klosterman; in: Arbeiterbewegung. Theorie und Geschichte. Jahrbuch 4, Frankfurt/M 1976 (Fischer TB 6610), S. 159 – 194

Uhl 1999: Michael Uhl, Die internationalen Brigaden im Spiegel neuer Dokumente; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Heft 4/1999 (Auszüge unter http://www.hth-berlin.de/iwk/1999-4_uhl.html)

Anmerkungen

[1] nach http://robertgraham.wordpress.com/2008/07/24/alexander-schapiro-open-letter-to-the-cnt/

[2] siehe Rocker 1937; DAS [1982]; Gorkin 1980.

[3] Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) – Arbeiterpartei der marxistischen Einheit; antistalinistische revolutionäre marxistische Partei mit Schwerpunkt in Katalonien, Valencia und der Extremadura; 1935 von oppositionellen Kommunisten gegründet; während der Revolution und des Bürgerkrieges enge Zusammenarbeit mit der CNT, besonders mit dem radikalen Flügel (Amigos de Durrutti), der die Regierungsbeteiligung der CNT und die Preisgabe der Revolution kritisierte.

[4] Andrés Nin wurde am 20. 6. 1937 bei Barcelona vom spanischen NKWD-Ableger nach Folter ermordet; siehe Gorkin 1980, S. 164 – 185; und mit neuem russischen Material Uhl 1999.

[5] Zeitschrift der Industrial Workers of the World (IWW).

[6] in: Graham 2005, Selection 127.

[7] real war policy

[8] z.B. Bart de Ligt, The Conquest of Violence (1937); in: Graham 2005, Selection 120.

[9] gescheiterte Aufstände der CNT-FAI [R.G.]; siehe auch Schapiro [1933].

[10] 1936 – Francos Staatsstreich [R.G.].

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