Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Seidmans Plakat-Märchen

Seidman’s Plakat-Märchen

An dem Tag, an dem sie sich ihrer Vorurteile entledigt haben,
diesem Tag erst können die Historiker eine ernsthafte Studie
der Volksbewegung unternehmen, die das republikanische Spanien erschüttert
und eine der markantesten sozialen Revolutionen
der Geschichte hervorgebracht hat.

Noam Chomsky

Die GWR-Seidman-Polemik

»Viele der Plakatkünstler waren schon vor der Revolution in der Werbebranche tätig gewesen, und sie arbeiteten nicht nur für eine, sondern für mehrere Organisationen. So entwarf etwa ein Funktionär der Gewerkschaft der Berufsdesigner Poster für die CNT, die UGT, die PSUC und die Generalitat. Seine Gewerkschaft stellte sogar für den POUM, die unabhängige kommunistische Organisation, Plakate her. Es entstand ein ökumenischer Stil, der (trotz leichter thematischer Unterschiede) sowohl die Arbeiter als auch die Produktivkräfte in nahezu identischer Weise darstellte. Selbst als sich Anarchosyndikalisten und Kommunisten im Mai 1937 in den Straßen von Barcelona gegenseitig umbrachten, blieb die ästhetische Einheit der Volksfront bestehen. Ideologische Auseinandersetzungen und Machtkämpfe hinderten konkurrierende Organisationen nicht, ähnliche Darstellungen ihrer vorgeblichen Basis zu akzeptieren. (…)
Die Figuren wären ununterscheidbar, wären da nicht ihre Gerätschaften und ihre Körperhaltung. Lebendiges Rot und Schwarz, die Farben der anarchistischen Bewegung, verstärkten das Profil der mächtigen Arbeiter. Die Titelzeile lautete: Genosse, arbeite und kämpfe für die Revolution. Niemals bildeten die Künstler die Arbeiter und Soldaten auf den Plakaten müde, hungrig oder krank ab. (…)
Die Interpretation der Plakate hilft uns zu verstehen, wie einerseits Marxisten und Anarchosyndikalisten sich die Arbeiterklasse im wahrsten Sinne des Wortes vorstellten, und wie die Revolutionäre andererseits auf das reale Verhalten der Arbeiter während des Bürgerkriegs und der Revolution reagierten«
graswurzelrevolution Nr. 363, November 2011

Es ist also eine Anklage gegen einen der Künstler, der sich verschiedenen Gewerkschaften und Parteien grafisch zur Verfügung stellt – und es sogar wagt, die „unabhängige kommunistische Organisation“, also die POUM, plakativ zu unterstützen. Überall gröhlten die Kommunisten von der Volksfront und die CNT und UGT hatten 1938 gar ihre Fusion zur Einheitsgewerkschaft beschlossen.Diese Anschuldigungen sind infam und lächerlich. Genauso könnte man Seidman diskreditieren, weil er Bücher schreibt – für Geld und eben diese auch noch in kapitalistischen Verlagshäusern oder Universitätsverlagen herausgibt …

Unabhängig davon, dass wohl keine Werbung und schon gar keine Propaganda, weder heute noch seinerzeit, negativ die eigenen Ziele darstellen würde, wir keine/r müde Arbeiter/innen oder verhungerte Kinder oder sterbenskranke Rentner/innen für eine Lebensversicherung oder den Beitritt zu einer Organisation abbilden.  Aber was solls, Seidman weiß es eben besser.

„Unglücklicherweise”, kommentiert Seidman selbst seine magere Beweisführung (es gibt keine einzigen Quellenhinweis für seine Behauptungen zur ‚Kunst in der Revolution’ auf den Seiten 161-167 in seinem Buch), „ist es sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die Wirkung dieser Plakate auf das Verhalten der Arbeiterklasse  Barcelonas abzuschätzen: Rowdys und Graffiti-Künstler avant le lettre rissen viele Plakate herunter oder überdeckten sie, kaum dass sie an den Wänden angebracht waren. Bisher gibt es kaum Belege dafür, dass der sozialistische Realismus der Frente popular die Produktion oder die Kampfbereitschaft gesteigert hätte.“

Also mal wieder – zu welchem Zeitpunkt ergeht diese „Analyse“? Wann tauchten die angeblichen Graffiti-Aktionisten „ihrer Zeit voraus“ denn auf? Und wer hatte Zeit, den Plakat-Kolonnen hinterher zu laufen und deren Arbeit zu übermalen oder abzureißen?

Wie Seidman arbeitet, beweist folgender Satz: „Ein Plakat der CNT, das in Barcelona für das Departemento de orden público de Aragon hergestellt wurde, stellt einen dicken Mann dar, (…) Am unteren Rand stand zu lesen: Der faule Mann ist ein Faschist.“ (S. 165) Auch wenn der Rat von Aragón vom CNT-Militanten Joaquin Ascaso präsidiert und die Behörde für Öffentliche Ordnung durch den Genossen Adolfo Ballano (bis zur Auflösung des Consejo de Aragón im August 1937), so ist es nicht einfach „ein Plakat der CNT“, sondern der CNT-UGT-Regierung Aragóns.

Natürlich packt Seidman hier auch seine Kritik am Personenkult um Durruti mit hinein, den er mit dem bolschewistischen Kult um – Stalin vergleicht. Und das, obwohl er selbst schreibt, dass erst aufgrund der kommunistischen Propaganda um Marx, Lenin und Stalin „die Libertären mit Fotografien, Zeichnungen und Porträits von Durruti, dessen Bild in der anarchosyndikalistischen Presse ebenso allgegenwärtig schien wie das Konterfei Stalins in kommunistischen Veröffentlichungen antworteten“. Es „schien“ also so – das ist die reinste Meinungsmache und Manipulation! (S. 165). Außerdem dürfte es einen nicht bloß feinen Unterschied machen, ob man Lenin und Stalin als unerreichbare Lichtgestalten – eben Führer! – hinstellt oder nach dem Tode Durrutis die Arbeiterschaft auffordert: Eifert Durruti nach! (¡Imitad el hero del pueblo!). Als sich mit ihm identifizieren, seinen Zielen und ihm nacheifern. Das hat mit stalinistischem Heiligenschein nichts zu tun.

Aus dem Bildband Palette und Flamme – Plakate aus dem Spanischen Bürgerkrieg von John Tisa (Sofia-Press, 1980), also einem bulgarischen kommunistischen Verlag (!), dokumentiere ich mal folgende künstlerische Betrachtungen:

„Andere [Plakate] erschienen in den graphischen Unternehmen Grafos Collectivitzada, Barcelona; Lt. Cromo, Madrid; LYF, Madrid; Lito Martin, Madrid; Empressa Collectivitzada, Barcelona; Barguño, Barcelona; S. Dura, Valencia.
Die Grafiker, Drucker, Zeichner, Lithografen arbeiteten unter den erschwerten Bedingungen von Luftangriffen, Artilleriebeschuß, bei niedrigen Lebensmittel- und Heizstoffrationen, unzureichender Stromversorgung für die Beleuchtung und den Maschinenbetrieb usw. Und doch [haben] ihre Leistungen auch für uns eine inspirierende Wirkung bewahrt.
Die ästhetischen Tendenzen der Künstler variieren wesentlich. Sie schwankten zwischen dem relativen Naturalismus eines Bardasano und der außergewöhnlich talentierten Satire eines Pujol. (…) Muro bediente sich bei der vernichtenden Anklage gegen den Faschismus in „Kultur“ (122) der Fotomontage. Renau orchestrierte die realistische Montage einer geballten Faust, die aus einem Wald von Bajonetten auf dem Plakat „El Comisario“ (83) (Der Kommissar) herausragt.“
(S. XVI-XVII)

Arturo Ballester erreicht ebenfalls ein Gefühl von Stilreinheit und Kraft in seinem klassisch dargestellten Soldaten vor dem Hintergrund der griechischen Siegesstatue in „Sin Disciplina No Hay Victoria“ (93) (Ohne Disziplin – kein Sieg). (S. XXI)“ Und abschließend bemerkt Anthony Toney, seines Zeichens Akademiker der Nationalen Design-Akademie in den USA und Veteran der Abraham Lincoln-Brigade: „Das sind nur einige der Plakate, die mir besonders wirkungsvoll erscheinen.“ (S.  XXII)

Insgesamt enthält der Bildband 158 Plakate von 57 namentlich identifizierten und 23 von unbekannten Künstlern.
Arturo Ballester wird mit nur 3 Plakaten – Bauer: dies ist Dein Platz !für die Federación Regional de Campesinos de Levante der CNT; El Pueblo – Tageszeitung der Syndikalistische Partei und eben Ohne Disziplin – Kein Sieg! für die Sozialistische Partei PSOE, gedruckt in Valencia bei  Ortega, einem UGT-CNT-kollektiviertem Betrieb – dokumentiert.

Seidman führt auch keinerlei Quelle für die Behauptung an, dass es einen professionellen Grafikern gab, der mal  kommunisisch-marxistische oder eben anarchistische Plakate anfertigte – der ausgerechnet auch noch [Berufs-]Funktionär der Designer-Gewerkschaft (welcher Organisation?) gewesen sein. Es könnte natürlich Ballester gewesen sein, der für die UGT und die CNT tätig war.  Aber was soll‘s, denn „bisher gibt es kaum Belege dafür, dass der sozialistische Realismus“ egal welcher Plakate „die Produktion oder die Kampfbereitschaft gesteigert hätte“

* * *

Von Goya bis Heartfield …

Der Milizionär verteidigt den Bauern

»Habgier. Militarismus. Krieg – das ist Faschismus. Vernichten wir ihn mit vereinten Kräften.«
Künstler: Badia Vilató – CNT – Format: 71 x 102 cm

Plakat von Monleón zum Beitritt in die anarchistische FAI-Kolonne „Iberia“.
100 x 70, gedruckt in Valencia.

Industriegewerkschaft Transport der CNT

»Unsere Küsten werden von unseren mutigen Seeleuten verteidigt!« – CNT

»Rettet die Produktion!« – UGT

Im Übrigen gab es auch folgende Plakate, die auf das Schicksal der ermordeten Kinder durch die deutschen Bombenangriffe hinwiesen:

»Madrid – die „militärische“ Praxis der Rebellen, wenn ihr das duldet, dann kommen
Eure Kinder als nächste dran!
«

Künstler: unbekannt – Herausgeber: Propagandaministerium – Format: 51 x 66 cm

Und die CNT – AIT brachte auf den Punkt: das ist eben die Kultur des deutschen und internationalen Faschismus:

»Kultur! Die faschistische Barbarei gegen Madrid«
Künstler: Muro – CNT-AIT – Format: 71 x 102 cm

* * *

Die stalinistische Propganada

So kommentierte der kommunistische Veteran  der amerikanischen Lincoln-Brigade Anthony Toney diese vier Plakate aus dem Bildband Palette und Flamme, produziert für die Internationale Rote Hilfe – (S.R.I.):

„Die fünf satirischen Litografien von Pujol sind einfach unglaublich. Sie erscheinen so einfach und sind zugleich dermaßen kompliziert miteinander verflochten. Seine Gestalten kommen aus ser Tiefe seines von Gefühl und Selbstkontrolle erfüllten Wesens. Jede von ihnen ist eine schwarz-weiß schraffierte Gestalt mit einem Text darunter. Plastisch und überhaupt vollständig organisiert, erreichen die Gestalten eine tief in unser Bewußtsein dringende Einheit von Phantasie und Realität.
Besonders in „El Acaparador“ (Der Hamsterer), wo die ausschlaggebende Wiederholung der Form oval mit schön abgestimmten Abwandlungen erscheint, um die Konzeption von der Habgier aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
„El Pessimista“ (Der Pessimist) findet einen wirksamen Ausdruck in der Hyperbolisierung der Körperhaltung und des Gesichtsausdrucks. Hier sind die bestimmenden rhytmischen Wiederholungen dreieckig und bildnerisch kontrolliert, um das Gefühl innerer Erregung und Verzweiflung wiederzugeben. Die Litografien sind auch heute von unveränderter Aktualität.« (Seite XXI)

»Der Ultralinke. In unterschiedlicher Verkleidung lauert er im Hintergrund, um im Dunkeln besser zu töten.
Vernichten wir ihn, wo wir ihn finden.«
Autor: Puyol – Internationale Rote Hilfe – Format: 71 x 102 cm

»Der Gerüchtemacher. Krieg bis zum Tod dem Gerüchtemacher! Mit defaitistischen Schreien versuchen sie, den Kampfgeist der Front und im Hinterland zu brechen.«
Künstler: Puyol – Internationale Rote Hilfe – Format: 71 x 102 cm
Das Buch übersetzte: »Die Gerüchtemacher. Gnadenloser Kampf den Gerüchtemachern.«

Kommunistische Jugend – Valencia 1937

Kommunistische Partei: »Der Kommissar – Nerv unserer Volksarmee«
(Grafischer Bettrieb Graficos Valencia von UGT │ CNT) – Künstler: Renau

* * *

• Viele Informationen finden sich hier im Internet:

http://www.anarchismus.at/bilder-der-spanischen-revolution-1936/plakate-spanischer-buergerkrieg?start=80

http://www.arte.sbhac.net/  – hier gibt es nach Themen und Künstlern sortiert sehr viele Plakate in hoher Qualität

http://www.arte.sbhac.net/Carteles/Cartelistas/BadiaVilato/BadiaVilato.htm

http://www.flickr.com/photos/27862259@N02/ets/72157629536136137/with/6947250449/

http://www.lamemoriadelolvido.com/albums/userpics/10001/Trabajo_sobre_carteles_en_la_Guerra_Civil.pdf

barrikade # 7 – April 2012  [Folkert Mohrhof]

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: