Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Würdigung Peiro

Würdigung Joan Peiró i Belis

Würdigung des revolutionären Anarchosyndikalisten und Genossenschafters – Joan Peiró Belis

Eine Erwiderung auf Helmut Rüdigers Artikel »Theorie im Lichte der Praxis«

 Helmut Rüdiger (1906-1966) gilt als reformistischer Kopf der IAA – was er während seiner Zeit im Exil in Schweden durch viele Artikel zum Ausdruck gebracht hat.[1] Sein Antikommunismus („Seit 1937 hasse ich die Kommunisten als meine eigentlichen Todfeinde“) ging so weit, daß er als Spion für den amerikanischen CIA gearbeitet hat, um den Bolschewismus zu bekämpfen.

Was für ein geschickter Schreiberling und wortreicher Taktiker Rüdiger war, zeigt dieser Artikel. Anfangs spricht er von „Akzentverschiebungen“ in der Taktik der CNT, weil die Soziale Revolution eben nicht nur allein die Anarchosyndikalisten vollbringen kann und unterstellt hier „totalitäre Ansätze“. Um dann zum Schluß von einer „radikalen ideologischen Wende“ der CNT in Bezug auf die bürgerliche Republik, die er gerne zu einer „föderativ-sozialistische Republik“ mit „genossenschaftlichem Wirtschaftsleben“ in Einklang mit seinen freiheitlichen Ideen des Syndikalismus bringen wollte, klar und deutlich zu sprechen.

Wie das funktionieren sollte, bleibt unklar. Da er aber den Genossen Joan Peiró i Belis [2] in den höchsten Tönen lobt, darf wohl vermutet werden, das er Peiró als vorbildliches Beispiel ansah.

Die Genossenschaft Cristalleries de Mataró

Was die Gründung der Genossenschaft Glaswaren in Mataró, die Cooperativa Cristalleries de Mataró, angeht, so findet sich in Rüdigers Beitrag keinerlei konkreter Hinweis über die Rettung des Betriebes, der als Aktiengesellschaft Juan, Estanyol y Compañía (Besitzer: Pau Pi, Josep Juan und Timoteu Estanyol) es nur bis zum Konkurs wirtschafte, vonstatten ging. Darüber schreibt aber dessen Sohn: längere Arbeitszeit und auch zeitlich befristete Kurzarbeit bei befristeter Lohnkürzung waren dazu notwendig. Letztlich rettete den Betrieb jedoch die Zusammenarbeit mit der deutschen Siemens-Konzerntochter OSRAM [3] in Madrid, für die die Genossenschaft nach einer Probeproduktion von einer Million Glaskolben für deren Glühbirnen zum Zulieferbetrieb wurde (Peiró Olives 2006).

Aber schauen wir einmal genauer hin.

Den Anstoß zur Gründung einer Genossenschaft gaben Streitigkeiten und wirtschaftliche Probleme im Jahre 1925. Auf Initiative des Glaskünstlers und Mitgesellschafter Josep Ros i Serra entstand unter der Diktatur Primo de Riveras, da  keine Arbeitergenossenschaft möglich war, so die eingetragene Glaswarenproduktions-Genossenschaft Cristalleries de MataróFundación Ros Serra (Cooperativa obrera mit beschränkter Haftung). Beide kannten sich seit 1916, als beide auf dem außerordentlichen Kongreß der Nationalen Gewerkschaft der Glasarbeiter (Federación Española de Vidrieros y Cristaleros) trafen, deren Vorsitzender Peiró später jahrelang war. Bis dahin wohnte und arbeitete er in Badalona, redigierte die Glasarbeiter-Zeitung El Vidrio  und war dort auch Vorsitzender der Lokalföderation der Gewerkschaften, deren Zeitung La Colmena Obrera er ebenfalls verantwortlich leitete. Peiró selbst war bis zu seinen zweiundzwanzigsten Lebensjahr Analphabet, der Lesen und Schreiben erst im Gefängnis lernte, denn er hatte bereits mit 8 Jahren die Schule verlassen, um in Glashütten in und um Barcelona zu arbeiten. 1922 zog er nach Mataró. Ob er Glasbläser oder einfacher Glashüttenarbeiter war, konnte ich herausfinden (In Badalona arbeitete er als „treballador del vidre negre“ in der Glashütte Costa i Florit).

Peiró und redigierte das Genossenschaftsstatut und wurde Produktionsleiter. Die Gründung der Genossenschaft erfolgte durch die Beteiligung der Belegschaft und das Kapital von zwei alten Gesellschaftern.

Peiró: »Wir müssen unsere eigene Welt schon in den Eingeweiden der kapitalistischen Welt schaffen, aber nicht auf dem Papier und mit Lyrik und philsophischen elucubraciones, sondern auf dem Boden, praktisch, das authentische Vertrauen in unserer Welt des heutigen Tages und von Morgen weckend.« [4] (Gerau 2010 : 202)

Erfolgreiche Jahre

Cristalleries de Mataró baute neue Glasöfen und modernisierte die Produktionsverfahren bereits in den ersten Jahren sehr erfolgreich. Peirós Sohn Josep Olives, der selbst 15 Jahre lang in der Genossenschaft arbeitete und zuletzt deren Büro leitete, informiert über die weitaus geringere Stückzahl an Glaskolben, die jede/r Arbeiter~in für den Monatslohn von 75 Pesetas anfertigen mußte (530 Stück) und das es für 575 täglich gefertigte Glaskolben den höheren Lohn von 100 Pesetas gab. Die Genossenschafter verdienten damit vergleichsweise 33% mehr Lohn als in den privatkapitalistischen Betrieben – und die Differenz zwischen Normal- und „Akkordlohn“ betrug ebenfalls 33% im Monat (statt 300 durchschnittlich eben 400 Pesetas). Der Geschäftsführer erhielt wöchentlich 250 und  der Finanzbuchhalter 175 Pesetas an Gehalt; die Auszubildenden erhielten im ersten Lehrjahr 30 Pesetas Lohn, der pro Jahr um 5 Pesetas anstieg. (Peiró Olives 2006)

1925 produzierten die Genossen zwischen 5.000 und 6.000 Glaskolben täglich – die Lohnsumme für die 155 beschäftigen Arbeiter~innen betrug 64.7000 Pesetas. Die Genossenschaft Vida Nova in Barcelona zahlte ihren 235 Arbeiter~innen bei praktisch gleicher Produktionsmenge monatlich 65.000 Pesetas aus.

1936 betrug die Produktion bereits 40-45.000 „Blasen“ täglich. Die jährliche Produktion steigerte sich von 3,5-4 Millionen Glühlampen der Jahre 1925-27 auf 11.107.210 Lampen im Jahre 1932-33. 85 Prozent gingen in den heimischen Markt

In der Wirtschaftskrise 1933, die auch die Glasindustrie erfaßte, kauft die Genossenschaft für 75.000 Pesetas ein Philips-Patent für Spanien.

Die Genossenschaft entwickelte sich ständig weiter: von 40 oder 60 Gründungsmitglieder stiegt die Zahl während der Republik auf 155-160 an: davon waren 102 Glasbläser, 20 Glashütten-Arbeiter, 4 Frauen und 29 Gehilfen (1936).

Die Genossenschaft begann mit einem Kapital von 135.000 Pesetas 1925, das bis 1934 zu einem Vermögen und Kollektivkapital von mehr als 1.500.000 Pesetas und während der Spanischen Revolution bis auf 1.886.605 Pesetas anstieg.

Die wichtigsten Abnehmer waren Firmen in Barcelona (Lámpara Vulcan und FNLE Nacional), Bilbao (Lámpara Titan), La Coruña (Yria S.A.) und hauptsächlich Lámparas OSRAM y Lámpara Metal aus Madrid, die gut 70% zum Umsatz in den Monaten vor dem Bürgerkrieg beitrugen. Die Hauptzulieferer kamen aus Barcelona und direkt aus Mataró (Lieferant für Bleimennige). (Garau 2010 : 208)

„Alle für einen, einer für alle!“ ?

Trotz all dieser wichtigen Erfolge muß auch erwähnt werden, daß Josep Peiró in seinem Text immer wieder von den Schwierigkeiten spricht, die „anarchistischen“ Ideale nicht einhalten zu können. Das betraf einmal die unterschiedliche Bezahlung, die eben nicht nach dem Motto: „Jeder nach seinen Kräften, jedem nach seinen Bedürfnissen.“  realisiert werden konnte. Das galt auch für die Arbeit selbst, die im kapitalistischen Umfeld nicht weniger wurde und auch nicht „ohne Kontrolle“ stattfand. Auch hier mußten Erfahrungen einer „schmerzlichen Erziehung“ (Seidmann : ) gemacht werden.

Der revolutionäre Wert der Genossenschaft …

Peiró übernahm nicht kritiklos die Ablehnung der Genossenschaftsidee der meisten Revolutionäre und Anarchosyndikalisten seiner Zeit; Pestaña lehnte Genossenschaften beispielsweise grundsätzlich ab. Aber er erklärte auch, daß die Arbeiter, die sich von einer Genossenschaft ernährten «es tan vago el conocimiento del fin que persiguen como cooperativistas, que su obsession por la economía y por las estadísticas domésticas corre pareja con su conformismo político-social»[5].

Aus diesem Grunde legte er im Statut der Genossenschaft fest, daß 20% der Überschüsse für soziale und kulturelle Zwecke, für gewerkschaftliche Solidarität und emanzipatorische Propaganda verwendet werden müssen [6], um die Genossenschaftsbewegung zu einem „direkten Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus“ [7] zu machen. Deshalb wurde vom Betrieb eine »Escuela Racionalista« finanziert und festgelegt, daß 20% der Gewinne reinvestiert und für Zeiten einer schlechteren Konjunktur angespart werden müssen. Auch bekamen Arbeiter, die den Betrieb verließen, eine Abfindung oder konnten sich früher pensionieren lassen.

Im November 2008 wird die Arbeitergenossenschaft endgültig aufgelöst – trotz eines Exportanteils von 40% des Umsatzes vor allem für die beiden Firmen OSRAM und Philips – die letzten 80 Arbeiter~innen der Genossenschaft werden arbeitslos.

FAI contra Peirós „Reformismus“

Für diese reformistischen Aktivitäten wurde die Glasarbeitergewerkschaft von Mataró auf Betreiben der FAI aus der CNT ausgeschlossen (Jahresangabe fehlt leider). Die Genossenschaftler seien zu Unternehmern geworden, wurde ihnen von den Puristen der Revolution vorgeworfen. Zur gleichen Zeit flog auch die gesamte Lokalföderation von Sabadell wegen „Reformismus“ aus der CNT.

Aber Peirós langjährige Geschichte als revolutionärer Gewerkschafter ist gespickt mit Konflikten, einerseits mit den „Orthodoxen“ in der CNT, als diese sich für den Übertritt von der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) 1922 zur syndikalistischen IAA einsetzten. Hier war einer seiner Gegner Angel Pestaña. Immer wieder gehörte er zu den schärfsten Kritikern der putschistischen und pseudo-revolutionären Politik der anarchistischen FAI, deren  revolutionäres Konzept er ablehnte. Er kämpfte für die Arbeitereinheit  und gegen die Zwecklosigkeit lokaler Streiks, er setzte die Industrieföderationen in der CNT maßgeblich durch und kämpfte für die Soziale Revolution durch die libertären Gewerkschaften, nicht durch die Anarchisten der FAI.

Auf Peiró ging bereits 1919 der Antrag an den CNT-Kongress zurück, die vielen kleinen Einzelgewerkschaften zu Industrieföderationen zusammenzuschließen, so wie das die Glashüttenarbeiter unter seiner Anleitung bereits in Badalona und auch in Mataró durchsetzen. Ob die CNT auf die Übernahme der Produktion zu Beginn der Revolution 1936 besser vorbereitet wäre, hätte es ein durchorganisiertes conföderales („nationales“) Netz von Industriegewerkschaften gegeben (programmatisch wurden die sindicatos unicos (lokale Einheitsgewerkschaft einer Industrie) erst auf dem Kongreß 1931 durchgesetzt, in der Realität aber weiterhin von der FAI bekämpft, die einzig und allein auf die sofortige Umsetzung  Kropotkins libertären Kommunismus und „autonome Kommunen“ setzten.

1930 unterzeichnete Peiró ein linksrepublikanisches Manifest »Inteligencia Republicana«, das zusammen mit nationalistisch-linksbürgerlichen und radikalsozialistischen Parteien und Bewegungen eine „intelligente föderative Republik“ forderten. Im August 1931 gehörte er zu den Spaltern der CNT, als er das »Manifest der 30« („Treintistas“) unterzeichnete, aus denen die Federación Sindicalista Libertaria, im Februar 1933 hervorging, die  mit Pestaña als provisorischem Generalsekretär als die „moderaten und reformistischen“ CNT-Oppositionsgewerkschaften bezeichnet wurden. Das »Manifiesto de los Treinta« war eine Abrechnung mit der FAI-Taktik, die zum Ausschluß aus der CNT im August 1933 führte. Dennoch distanzierte er sich auch vonPestaña von dessen Gründung einer Syndikalistischen Partei Ende 1932.

Peiró versuchte die Ängste der „reinen Anarchisten“ der FAI vor der Verwässerung ihrer Ziele zu entkräften: »Wenn wir vom Kollektivismus sprechen, könnten dies einige als Abkehr vom libertären Kommunismus verstehen. Dem ist aber nicht so. Wir sprechen vom Kollektivismus als Mittel, nicht als ökonomisches Ziel der künftigen Gesellschaft. Wir meinen Kollektivismus als Organisationsform, als Möglichkeit, Initiative und Kräfte aufzugreifen und sie zu entwickeln, sowie endlich Kollektivismus als Form der Disziplin des einzelnen gegenüber dem Allgemeinen.« (aus: Syndikalismus und Anarchismus, 1928/29) [8] Peiró und seine Mitstreiter werden dennoch weiterhin von den FAístas als „posibilistas“ („das mögliche anstrebend“) bekämpft und auch verhöhnt.

Erst 1936 kam es zur Wiedervereinigung von FSL/Oppositionsgewerkschaften und der CNT, ohne Pestaña, der den Weg seines Reformismus weiterging. Peiró nahm an dem berühmten Zaragoza-Kongreß der CNT vom 1.-15. Mai 1936 wieder teil.

Gemeinwohl oder Verstaatlichung ?

Statt der Verstaatlichungs- und Nationalisierungsorgien eines »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« á la Chávez in Venezuela – wo dem Staat 51% der angeblich freien Genossenschaften in Arbeiterhand gehören –, entwarf Peiró die Nationalisierung im Sinne eines übergeordneten Gemeinwohls, dem sich auch die Kollektivbetriebe und Genossenschaften zu beugen haben. Der Staat bzw. die regionalen oder lokalen Räte entsenden ihre Delegierten zu Kontrollzwecken in den Rat der Fabrik. Interessant ist auch, daß Peiró davon auszugehen scheint, daß die Arbeiterklasse einen finanziellen Anreiz für sein Engagement in einem genossenschaftlichen Betrieb haben sollten: die Arbeitergenossen sollten über einen Teil des Gewinns frei verfügen können, wofür sie aber auch Risiken übernehmen sollten. Das gilt auch für das Risiko der Entlassung oder der Lohnkürzung bei einer schlechteren Konjunktur.

Gravierende theoretische Unterschiede

Entspricht dies nicht den Ideen der sozialistischen Fraktion in der Nachkriegs-SPD auf dem Weg zum »Godesberger Programm«? Als „Volkspartei“ standen nun die Interessen des gesamten Volkes auf der Agenda als allein die der Arbeiterklasse. Wer Verständnis für die Ausbeuterklasse und die Berechtigung von privatkapitalistischen Unternehmen hat, kann antikapitalistischen Arbeiter- und Gewerkschaftswiderstandes gegen das System nicht dulden, muß aber konsequenterweise dafür bei den Unternehmern Mitbestimmung und andere Zugeständnissen (Betriebsräte) einforderten. Wie bei Kapitalisten ein sogenanntes »Gemeinschaftsbewußtsein« bei globaler Konkurrenz entstehen soll, ist unlogisch, weil es tödlich wäre (Karl Marx: »Bei Strafe des Untergangs …«].

Der theoretisch-ideologische Unterschied und die tatsächliche Praxis liegen schlicht und ergreifend in der grundsätzlichen Ablehnung des Kapitalismus durch den Anarchosyndikalismus und seinen militanten Vertreter Joan Peiró. Die Sozialdemokraten haben sich ebenso wie die schwedische syndikalistische SAC unter Führung von Helmut Rüdiger zur Anerkennung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie samt kapitalistischer Ökonomie durch Einsicht oder amerikanisch-englische Umerziehung ‚durchgerungen’. PEIRÓ ging in seinem Konzept jedoch von der Situation nach einer siegreichen sozialen Revolution aus.

Praktisch ist eine Arbeitergenossenschaft mit gesellschaftlicher Verantwortung etwas völlig anderes, als eine durch Mitbestimmungsgesetz und staatliche Mitsprache gegängelte kapitalistische Firma. Dieses Modell erinnert fatal an das „sozialistische Modell“ des Nationalsozialismus, der eine kapitalistische Produktion im Rahmen eines staatlichen 5-Jahres-Planes vorsah und als „Sozialismus“ eine Gewinnbeteiligung in Höhe von 10% für die Arbeiter~innen (Gefolgschaft) vorsah.

Auf Abwegen

»Der Eintritt der CNT in die Regierung von Madrid ist eine der wichtigsten Tatsachen in der politischen Geschichte unseres Landes. Die CNT ist immer prinzipiell und aus Überzeugung anti-staatlich und der Feind jeglicher Form von Regierung gewesen. Aber die Bedingungen/ Umstände, die dem menschlichen Willen fast immer überlegen sind, obwohl sie von ihm bestimmt werden, haben die Natur der Regierung und des Spanischen Staates transformiert/ umgewandelt. Gegenwärtig ist die Regierung als ein reguläres/rechtmäßiges Instrument des Staates nicht länger eine unterdrückerische Macht gegen die Arbeiterklasse.« [CNT-Zeitung Solidaridad Obrera, 1936 [9]]

Dies war der Ausgangspunkt für die ideologische Neuausrichtung der CNT. Die Anerkennung der bürgerlichen II. Republik als einem Staatswesen, dem man zuarbeiten und mit dem man zusammenarbeiten müsse (solange sie „links“ regiert wird?) und zweitens der Zusammenschluß von CNT und UGT zur Einheitsgewerkschaft Spaniens dann im Jahre 1938 [siehe dazu nebenstehenden Kasten].

Es ist durchaus beachtenswert, daß ausgerechnet die „reinen“ Anarchisten – die beide nie FAI-Mitglieder gewesen sind! -, die radikalen CNT-Leute Garcia Oliver (Justiz) und Federica Montseny (Gesundheitsministerin) ihren anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsrivalen mit in das Boot der Regierungsbeteiligung von 1936 holten – Peiró wurde Industrieminister und der ebenfalls als gemäßigter CNT-Genosse geltende Juan López Sanchez übernahm das Handelsministerium.

Und die Regierungsbeteiligung der CNT-FAI war der Beginn des Untergangs der Spanischen Revolution – so wie das „reformistischen“ »Manifest der 30« es vorhergesagt hatte: »Man vertraut dem Zufall, (…) man glaubt an das Wunder der Revolution, als ob die Revolution ein Allheilmittel und nicht eine schwere und schmerzhafte Angelegenheit wäre, die der Mensch mit seinem Körper und Geist durchlebt. Das oben genannte eher demagogische Revolutionskonzept wird seit Jahren von allen politischen Parteien propagiert, denen es oft gelungen ist, an die Macht zu kommen. (…) Wenn die Revolution unter diesen Bedingungen gemacht wird und siegreich ist, würde sie von der ersten besten politischen Partei übernommen oder aber wir würden so regieren, als seien wir eine politische Partei wie jede andere. Können und müssen wir uns, kann und muß sich die C.N.T. diesem katastrophalen Revolutionskonzept anschließen? (…) Gegenüber diesen simplen, klassischen und gewissermaßen traumhaften Vorstellungen von Revolution, die uns im Augenblick zu einem republikanischen Faschismus führen würden – mit Jakobinermütze zwar, aber faschistisch -, steht das andere Konzept, das echte, einzige praktizierbare und verständliche, das uns zu unserem endgültigen Ziel führen kann und zweifellos auch führen wird.« (Santillan/Peiró 1975: 69) Welche Ironie.

Zusammenfassung

Joan Peiró Belis setzte mit seiner Glashütten-Genossenschaft mit dem Geld der Kooperative die Gründung einer Rationalistischen Schule (nach Ferrer i Guardia) durch, an der ein CNT-Lehrer rund 200 Kinder unterrichtete. Außerdem wurde eine Studiengesellschaft gegründet, das Centro de Estudios Sociales de Mataró:  Diese sollte „durch intensive kulturelle und propagandistische Arbeit das Verschwinden der kapitalistischen Regierungsform beschleunigen und sich für eine Übergangsperiode einsetzen, in der die Gewerkschaften das entscheidende revolutionäre Element in moralischer und intellektueller Hinsicht sein müssen, in der wirtschaftlichen und industriellen Bereich, auf dem Weg zum anarchistischen Kommunismus“.

Es ist schon bemerkenswert, wie sich die Diskussionen in Deutschland und Spanien Anfang der 1930er Jahre ähneln: auch wenn es hierzulande keine putschistisch-insurrektionalistisch ausgerichtete FAI gab, die »revolutionäre Gymnastik« (Oliver) propagierte [10], eskalierte in Spanien der Streit zwischen den Anarchosyndikalisten des ‚konstruktiven Sozialismus’ mit den Ansichten der ‚puristischen’ Anarchisten. Dazwischen tummelte sich dann noch Pestaña, der der CNT ganz den Rücken kehrte und die bürgerlich-parlamentarische Republik verteidigte und konsequent seine ‚Gewerkschaftspartei’ gründete – ohne die Gewerkschaft im Rücken zu haben Peiró hielt weiterhin Kontakt auch zu den radikalen FAístas …

Peiró ließ sich nicht beirren auf seinem Weg – er war weiterhin für die Soziale Revolution, für eine Übergangsphase zur freien Gesellschaft [wer bestimmt die Dauer dieser Zeitspanne – und erklärt sie nicht plötzlich zur vollendeten Anarchie? [11]] – er folgte Pestaña nicht, sondern ging seinen Weg bis zum bitteren Ende vor das Exekutionskommando Francos, weil er es ablehnte, deren „vertikale“ Gewerkschaft, die spanische „Arbeitsfront“ zu führen. Er starb am 24. Juli 1942 in Paterna nahe Valencias im Alter von 55 Jahren, seine letzten Worte: »Soldaten, das ist die Gerechtigkeit Francos!«.

Er hielt sich also an die ‚Abschließenden Bemerkungen’ des Manifest der Dreißig: »Man sollte nicht vergessen: So wie die revolutionäre Tat zum Sieg führen kann – und wenn man nicht siegt, sollte man in Würde fallen -, so führt jede sporadische revolutionäre Tat zur Reaktion und zum Sieg der Demagogie.« (Santillan/Peiró 1975: 71)

Peirós Töchter schafften es übrigens nicht, ihren Großvater zu rehabilitieren; der Oberste Militärgerichtshof verwarf im Jahre 2006 ihren Antrag auf Zulassung der Revision gegen das Todesurteil des Militärgerichts in Valencia vom 21. Juli 1942. Begründung: er sei als Vorsitzender der Verteidigungsrates von Mataró für Hinrichtungen gegen Konterrevolutionäre verantwortlich gewesen, auch wenn er selbst daran nicht teilgenommen habe; das Todesurteil sei also berechtigt gewesen, da die Franco-Junta jeden Widerstand gegen ihren Putsch als Rebellion gegen die Republik mit dem Tode bestrafte. (El Pais : 5.12.2006)

Gute Aussichten?

Die CNT beginnt gerade erst, sich mit der Idee des Genossenschaftswesens als Modell einer Alternativen Ökonomie im Rahmen ihres neuen pragmatischeren gewerkschaftlichen Kurses zu beschäftigen. Interessant ist, daß sie dabei auf Joan Peiró i Belis  zurückgreift. Den äußerst geringen Widerhall, den die Gründung von Arbeitergenossenschaften noch vor der Spanischen Revolution und dem Bürgerkrieg fand, sei darin begründet gewesen, daß die Sozialisten der PSOE-UGT die Genossenschaftsidee für ihre „gute“ und ordentliche Arbeiterbewegung reklamierte, während die „schlechte“ und chaotische Arbeiterbewegung der CNT zugeschrieben wurde. Nun wird Peiró endlich aus der Versenkung geholt und als Protagonist des Genossenschaftswesens gepriesen, der die Beziehungen zwischen Genossenschaft und Anarchismus als einen „revolutionären Weg der ergänzenden Transformation“ zu den Arbeitergewerkschaften sieht. Die Entwicklung der Genossenschaften gehört also zur revolutionären Arbeiterbewegung dazu (CNT # 382 : Oktober 2011). [12]

Joan Peiró war zweifelsohne einer der wirklichen Führer der CNT, denn er verlor den Kontakt zu seiner Glasarbeiter-Basis nie, wie sonst hätte er nach seiner Arbeit als Industrieminister in den Betrieb zurückkehren können und wollen? Seine politisch-gewerkschaftlichen Vorstellungen, die einerseits eine „intelligente Republik“ mit genossenschaftlich organisierter Wirtschaft forderte, erscheint zwiespältig, denn wie weit ist es von dort bis zur erzwungenen ‚Akzeptanz’ des Kapitalismus? Diese Fragen sind lebenswichtig für eine sozialrevolutionäre Bewegung, Peiró ist dieser Fragen nicht ausgewichen und hat sie für sich beantwortet. Das Modell „seiner“ genossenschaftlichen Glashütte in Mataró sollte von uns allen genauer studiert werden (es liegt ganz aktuell eine neue Untersuchung auf Catalán vor [13]). Da könnten wir sehr viel draus lernen auf unserem Weg zu einem libertären Kommunismus.

fm

 

Eine sehr schöne, catalanische Fernsehsendung gibt es aus dem Jahre 2003 hier: http://vimeo.com/30379756 – Joan Peiró i la justicia de Franco

• Benaventura Durruti antworte im Namen der FAI auf die Vorwürfe: „Kommen wir zum Manifest zurück. Ich möchte hervorheben, daß ich auf einer unserer Sitzungen Pestaña und Peiró vorgeschlagen habe, sie mögen Theoretiker bleiben, während wir Jungen die dynamische Seite der Organisation übernehmen. D.h. sie kommen hinter uns, um alles theoretisch zu rekonstruktieren.“ [La Tierra, 2.9.1931] – Und García Oliver, späterer Justizminister der CNT-FAI in der Regierung »CNT« # 382, Oktober 2011, sagte damals zu den Treintistas: „Die Unterzeichner des Manifests haben niemals tatsächlich an die Möglichkeit einer Revolution in Spanien geglaubt. Seit langem haben sie revolutionäre Propaganda gemacht, aber heute, da der Moment gekommen ist, brach die von ihnen aufrechterhaltene Fiktion zusammen.“ [La Tierra, 3.10.1931][14]

Literatur:

• Miguel Garau – Un reto desconocido de Joan Peiró i Belis: integrar cooperativismo, cultura y revolución social (2010)

• Miguel Garau – Joan Peiró i Belis.  Col·lecció Cooperativistes Catalans der Fundació Roca i Galés i Cossetània edicions, Oktober 2011

• Josep Peiró Olives – El Ejemplo de las Cristallerías de mataró, Cooperativa Obrera (2006), Capítol XVI des unveröffentlichten Buches La vida ejemplar y la muerte heroica de Juan Peiró Belishttp://www.raco.cat/index.php/SessioEstudisMataronins/article/viewFile/113583/141426

• Diego Abad Santillán und Juan Peiró – Ökonomie und Revolution, Karin Kramer Verlag, Berlin 1975


[1] Helmut Rüdiger – Der Sozialismus wird frei sein, Oppo-Verlag, Berlin 1991

[2] Ich verwende die katalanische Schreibweise, da Peiró sich selbst als Katalane verstand

[3] Die Deutsche Gasglühlicht AG hatte bereits im November 1919 ihr Glühlampengeschäft ausgelagert und dafür die OSRAM G.m.b.H. KG gegründet. Am 5. Februar 1920 traten Siemens & Halske und die AEG der OSRAM G.m.b.H. Kommanditgesellschaft bei. Der Firmenname setzte sich aus Osmium (OS) und Wolfram (RAM) zusammen. In Madrid saß deren Tochtergesellschaft OSRAM España.

[4] Joan PEIRÓ, Ideas sobre sindicalismo y anarquismo, Barcelona, Grupo Solidaridad, 1930, p. 31

[5] Joan PEIRÓ, De la teoría a la práctica. Un caso práctico de socialización, La Tierra, Madrid, 5.91934

[6] Estatutos de Cristalleries de Mataró, 1934 (Garau 2010 : 206)

[7] «un cooperativismo que […] destine el producto de sus beneficios a la cultura, a la creación de escuelas y a la propaganda de las ideas emancipadoras, nos parece un excelente medio y un medio directo de combate contra el capitalismo» – Juan PEIRÓ, «De la teoría a la práctica. Un caso práctico de socialización», La Tierra, 1157, Madrid, 10/09/1934

[8] zitiert nach: Diego Abad Santillán und Juan Peiró – Ökonomie und Revolution, Karin Kramer Verlag, Berlin 1975

[9] zitiert nach Alfredo M. Bonanno

[10] Diese Phase endete in Deutschland sehr schnell nach der Niederlage der Novemberrevolution 1918/19 bzw. endgültig nach der KPD-Märzaktion 1921 – und die deutsche anarchistische FKAD war letztlich noch unbedeutender als die 2.000 Mitglieder der FAI, deren Einfluß auf die CNT übermächtig war. Garcia Oliver wollte nach der Niederlage übrigens auch eine politische Partei, die POT – Partido Obrero de Trabajo (Arbeiterpartei der Arbeit), gründen (1939 ???)

[11] Analog zu Stalins ‚Kommunismus’ …

[12] »CNT« # 382, Oktober 2011 – Juan Peiró y el cooperativismo en españa

[13] Miguel Garau – Joan Peiró i Belis. Oktober 2011

[14] zitiert nach: Diego Abad Santillán und Juan Peiró – Ökonomie und Revolution, Karin Kramer Verlag, Berlin 1975

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: