Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

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Revolutionsromantik

SPD-1«Die Autonomie», London, Nr. 164 – 12. Dezember 1891 – VI. Jahrgang, S. 4

 

Revolutionsromantik

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Wer sich daran erinnert, daß sozialdemokratische Wortführer im Anfang der neunziger Jahre mehrfach die soziale Revolution, d.h. das, was man gemeinhin als den „großen Kladderadatsch“ bezeichnet, für das Jahr 1898 ankündigten, wird es begreiflich finden, daß zu jener Zeit in den Tiefen der großstädtischen Arbeiterbewegung die Zuversicht der bevorstehenden Umwälzung eine allgemeine war. Eine Reihe an Umfang und Wirkung zunehmender wirtschaftlicher Krisen hatten das wirtschaftliche Leben in Deutschland stark erschüttert, und es schien, als solle die marxistische Krisentheorie durch die Tatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung ihre baldige Bestätigung erleben und die Realisierung der sozialistischen Ideale damit in nächster Nähe gerückt sein.

In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde um diese Zeit mit aller Kraft die politische Organisation des Proletariats zu vervollkommnen gesucht, damit im entscheidenden Moment, wenn die Gewalt einer wirtschaftlichen Krise das bisherige soziale System umstürze, die politische Macht der Arbeiterklasse einer reaktionären Konterrevolution siegreich standzuhalten vermöge.

In den anarchistischen Arbeiterkreisen machte sich ein mehr praktisch-revolutionärer Zug geltend. Derselbe äußerte sich aber keineswegs in Taten, sondern blieb – entsprechend dem zu pedantischer Tüftelei neigenden Charakter der deutschen Arbeiter – auf die theoretische Diskussion revolutionärer Möglichkeiten beschränkt. Wie weit das ging, mag die Erwähnung einer Auseinandersetzung beweisen, der ich einmal beiwohnte und in der um das Schicksal der öffentlichen Kunstschätze und Bibliotheken für den Fall einer Revolution heiß gestritten wurde; es gab zwei Meinungen: die einen hielten das Schicksal dieser Kulturgüter bei aller Anerkennung ihres Wertes doch für so unwichtig, als daß man sich darüber etwa während eines Straßenkampfes den Kopf zerbrechen dürfe, – die anderen aber erklärten den Schutz und die Erhaltung derselben für eine der ersten Aufgaben fortgeschrittener Revolutionäre und priesen die Bewachung der Museen und Bibliotheken gegen etwaige Plünderungen durch Unwissende als nicht minder rühmlich wie den Kampf auf der Barrikade.

Es liegt in Hinsicht auf derartige Debatten nahe, anzunehmen, daß in diesen Kreisen positiv auf den Ausbruch einer Revolution hingearbeitet worden wäre. Jedoch war das keineswegs der Fall. Nichts lag ihnen ferner als der Gedanke etwa an eine Verschwörung oder der Inszenierung eines Putsches und Michael Bakunin, dessen Anschauungen von Staat und Gesellschaft der Ideengang dieser Männer zu folgen versuchte, hätte solchen Anhängern wohl gelangweilt und verdrossen den Rücken gewandt.

Einzig der felsenfeste Glaube, daß eine Krise im Laufe des gesellschaftlichen Entwicklungsganges die soziale Revolution automatisch auslösen müsse, und daß dieses Ereignis unmittelbar bevorstehe, führte zu einer revolutionären Stimmung, die besonders prägnant da zum Ausdruck kam, wo es, sei es in Volksversammlungen oder am Biertisch, Streitigkeiten mit Sozialdemokraten gab, deren sozialreformatorische Bestrebungen als revolutionshemmend und –hinausschiebend angesehen wurden.

Johann Most, der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, der zufolge seiner radikalen Tendenz Deutschland zur Zeit des Sozialistengesetzes verlassen mußte, und seitdem, zuerst in London, dann in Neuyork, die kommunistisch-anarchistische Wochenschrift „Freiheit“ herausgab und noch herausgibt, hat ein – schon erwähntes – Büchlein herausgegeben, betitelt: „Revolutionäre Kriegskunst“. Es stellt gewissermaßen eine Strategie des Straßenkampfes, wie auch der indivivuellen, revolutionären Tat, des Attentats, dar. Die Herstellung von Nitroglyzerin, der Bau von Barrikaden und ähnliches sind darin anschaulich geschildert.

Ich fühle mich außerstande, den praktischen Wert dieser Schrift zu beurteilen. Ich weiß jedoch, daß die Polizei ihr eine große Bedeutung beimaß, sehr eifrig danach fahndete und daß sie einem Polizeikommissar – wie wir noch sehen werden – als ein begehrenswerter Besitz erschien. Andererseits weiß ich aber ebensowohl, daß in den Kreisen derer, für die das Buch geschrieben ist, es nie eine andere Schätzung erfahren hat, als die, daß es allgemein für eine Rarität galt, nach dessen Lektüre manch einer sich mit demselben erwartungsvollen Schauer sehnte wie ein stupides Dienstmädchen nach der Fortsetzung ihres Schundromans. Es ist zu bezweifeln, ob es je und irgendwo zur Ausbildung auch nur eines einzigen entschlossenen Revolutionskämpfers beigetragen hat.

Zur selben Zeit, da in Paris der Anarchist Vaillant seine unschädliche Demonstrationsbombe in die französische Deputiertenkammer warf, und, um seinen Tod unter der Guillotine zu rächen und zur Vernichtung der Bourgeoisie anzuspornen, sein Genosse Emile Henry die Explosion im Pariser Café Terminus bewirkte, um diese Tat alsdann vor Gericht sachlich und mit geradezu philosophischer Kaltblütigkeit eingehend zu begründen, – in diesen Tagen, da die Anarchistenverfolgung auch in Deutschland eine äußerst rigorose war, dachte gleichwohl unter den Anarchisten niemand daran, solche Taten nachzuahmen. Die in diese Zeit fallenden, weiter vorn schon einmal erwähnten Schüsse des Berliner Anarchisten Schewe auf einen Kriminalpolizisten stellen lediglich einen spontanen Zornesausbruch über eine unaufhörliche und schließlich unerträgliche Observation dar.

Ein akademisch gebildeten Feuerkopf slawischer Abstammung, der einmal unter Berliner Anarchisten Pläne entwickelte, die auf die Propaganda anarchistischer Ideen im Heere abzielten, begegnete allgemeiner Skepsis, der sich teilweise sogar direktes Mißtrauen zugesellte.

Ein proletarischer Feuerkopf, der sich hoch und teuer verschwor, dem damals noch lebenden Reichsanwalt Tessendorf seine Rigorosität in den Hochverratsprozessen gegen Sozialdemokraten und Anarchisten einzutränken und an ihm ein abschreckendes Beispiel zu demonstrieren, ward weder ausgelacht oder gemieden. Mit Büchners „Kraft und Stoff“ in der einen, und einem Revolver in der anderen Tasche, erzählte er davon jedem, der es hören wollte, und behauptete verdrossen, seinen Plan nur deshalb nicht ausführen zu können, weil ihm kein Mensch den Taler zum Fahrgeld nach Leipzig pumpe, dem Wohnsitz des Verhaßten.

… Fortsetzung folgt …

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… im Buch. Auszug aus dem im März/April 2016 erscheinenden Neuauflage
Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung
von Alfred Weidner aus dem Jahre 1904.

Dieser Nachdruck wird ergänzt durch Prozeßberichte zum Koschemann-Prozeß
sowie eine Kurzbiografie über Albert Weidner.

Insgesamt ca. 180 Seiten Umfang – Preis 10 €uro