Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

• Leseprobe

Friedrich Kniestedt | Erinnerungen eines anarchistischen Auswanderers nach Rio Grande do Sul

 

Als anarchistischer Gewerkschafter in Deutschland – 1910:

[13.] Lippspringe am Jordan war bereits 1900 eine bekannte Luftheilstätte.
Es war durch seine Schwefelquellen in der Saison bei Kranken als
Kurgäste stark begehrt. Es ist begreiflich, dass das Leben für einen Arbeiter
teuer war. Wir aus der Bürsten-Abteilung verdienten nicht schlecht,
von den Hilfsarbeitern kann man das nicht sagen. Lippspringe liegt am
Ausläufer das Teutoburger Waldes, wir hatten bis zur Grenze des Fürstentum
Lippe etwa zwei Stunden. Die Lebensmittel waren in Lippe bedeutend
biliger als in Lippspringe, und so ging es denn jeden Zahltag
auf verbotenen Wegen über die Grenze, um dortselbst alle notwendigen
Lebensbedürfnisse zu decken. Die ganze Arbeiterbevölkerung betrieb
diesen Schmuggel. Lippspringe gehörte zum Wahlkreis Paderborn. Natürlich
war auch hier das Zentrum Trumpf. Eine Arbeiterbewegung bestand
nicht. Wir gehörten als Holzarbeiter zur Zahlstelle Lippstadt. In
Salzkotten, einer Bahnstation zwischen Paderborn und Lippstadt, hatte
man zwei Metallwarenfabriken errichtet. Bei einer Gesamtzahl von über
200 Arbeitern waren etwa 30 Spezialarbeiter beschäftigt, welche den
Verhältnissen entsprechend besser bezahlt wurden. Wir gründeten in
Lippspringe eine Agitationsgruppe. Dasselbe geschah in Salzkotten und
später auch in Paderborn. Jeden Monat hielten wir eine Versammlung
ab, und zwar immer abwechelnd in Paderborn, Lippspringe oder Salzkotten,
an denen auch Gesinnungsfreunde aus Alten- und Neuenbeken
teilnahmen. In allen diesen Versammlungen – welche immer im Freien
stattfanden, denn Lokale standen uns in dieser schwarzen Ecke nicht zur
Verfügung – hielt ich Vorträge, an die sich immer lebhafte Diskussionen
anschlossen.
Im April schufen wir ein Zentralkomitee dieser losen Gruppen. Am 1.
Mai 1901 veranstalteten wir eine Maifeier. Aus Paderborn, Salzkotten,
Alten- und Neuenbeken waren Gruppen Arbeitern, zum Teil mit Frauen
und Kindern, gekommen, um mit uns zusammen im Kurpark von Lippspringe
den ersten Mai zu feiern. Ich brauche wohl nicht zu betonen,
dass dies für diesen Ort eine Sensation war. Wir waren über 60 Personen.
Zuerst besichtigten wir die Badeanlagen, dann lagerten wir uns in einem
an den Kurpark angrenzenden Wald. Ich benutzte einen kleinen Hügel
als Rednertribüne und spach über die Bedeutung des Ersten Mai. Als ich
mit meiner Rede begann, waren wir etwa 60 Personen. Als ich nach über
einer Stunde Schluss machte, hatten sich weit über hundert Badegäste
eingefunden, welche mit grossem Interesse dem Vortrage gefolgt waren.
Es war das die eindrucksvollste Maifeier, welche ich in meinen ganzen
Leben mitgemacht habe.
Am 3. Mai wurde ich von zwei Polizeibeamten aus der Fabrik abgeholt
und nach Paderborn eingeliefert. Der Leiter der christlichen Bodelschwingschen
Mädchen-Erziehungs-Anstalt hatte uns denunziert.
Wahrscheinlich hatte der Mann die Absicht, auch an mir, wie an den
armen eingelieferten Kindern im grauen Hause von Lippspringe, ein Exempel
zu statuieren. Der christliche Herr hatte aber wenig Glück. Er war
nicht wenig erstaunt, als ich am 4. Mai wohlbehalten wieder in Lippspringe
ankam. (Seite 39/49)

Mörder - Der Pionier 19.2.1913
Veranstaltungsanzeige in der Wochenzeitung der FVdG Der Pionier, 19. Februar 1913

Als anarchosyndikalistischer Aktivist in Porto Alegre, Brasilien – 1918:

[58.] Die deutschen Vereine von Porto Alegre blühten in diesen Jahren
aus lauter Furcht, im verborgenen. So mancher Held stellte sein nationales
Licht unter den bekannten Scheffel und zeigte sich als Brasilianer.
An den deutschen Häusern prangte das bezeichnende Schild: «Esta casa
ô brasileira» (dieses Haus ist brasilianisch). Die beiden deutschen Zeitungen
erschienen in der Landessprache. Ein Beispiel von Mut: Der Hotelbesitzer
Schmidt hatte, als man sein Hotel anbrannte, auf diese Leute
geschossen, er wurde verhaftet und später verurteilt. Die Führer der
Deutschen beeilten sich öffentlich zu erklären, der Hotelbesitzer Schmidt
sei kein Deutscher, wir deutschen Helden verurteilen aus lauter Feigheit
das Verhalten von Schmidt, also wir lassen ihn fallen.

In dieser Zeit war es nur der Allgemeine Arbeiter-Verein, der den Mut
besass, Farbe zu bekennen, ungeachtet aller nazistischen Strömungen.
Wie bereits bemerkt, waren die Streiks 1918 zu Gunsten der Arbeiter
verlaufen. Vor allen waren es die Syndikate, die der União Geral dos Trabalhadores
angeschlossen waren. Die Federação hatte ihr Lokal nach der
Avenida Bom Fim verlegt. Dadurch, dass die UGT gegründet worden
war, hatte die Federação bedeutend an Mitgliedern verloren. Leiter war
zu jener Zeit der Schneider Collin, der im Namen der Federação eine
Verschmelzung dieser Vereinigung mit der UGT beantragte. Nach etwa
zweimonatigen Verhandlungen, kam die Verschmelzung zustande. Der
Name Federação Operária wurde beibehalten und das Statut der UGT
übernommen. Damit wurde die Federação zu einer anarcho-syndikalistischen
Vereinigung. In die Verwaltung wurden ernannt: 1. Sekretär,
Orlando Martins, Schriftsetzer; 2. Sekretär, Francisco Duarte, Zimmermann;
Kassierer, Fr. Kniestedt, Bürstenmacher. Diesen Posten bekleidete
ich über acht Jahre.

Nachdem wir mit der Reorganisation fertig waren, gründeten wir als
Organ der Federação den O Syndikalista. Für die Redaktion verantwortlich
zeichneten Polydoro dos Santos und Orlando Martins, Kassierer
war ich. Am 1. Mai 1918 erschien die erste Nummer. Natürlich habe ich
für diese Zeitung viele Artikel geschrieben, die mich des öfteren mit der
Polizei im Konflikt brachten. Da ich in der Landessprache nicht, wie notwendig,
firm war, mussten alle meine Arbeiten aus dem Deutschen ins
Portugiesische übersetzt werden, was damals in der korrektesten Weise
von einem Redakteur, Hans Grimm, gegen Bezahlung besorgt wurde.
Die Liga Operária, also die rein anarchistische Vereinigung, hatte ihre Sitzungen
in meiner Wohnung, Rua Tiradentes. Hier hatten wir eine kleine
Druckerei eingerichtet, in der neben Flugblättern einige Nummern der
Zeitung A Luta hergestellt wurden. (Seite 147)

Aktion-Schriftzug 1934
Titelkopf der Aktion – antifaschistische deutsche Zeitung in Porto Alegre

19370003

Titelseite der Wochenzeitung ALARM – die während des Verbotszeitraumes der Aktion erschien.

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