Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Nordwest FAUD und der Block antiautoritärer Revolutionäre 1924

Die Konferenz des Bezirks Nordwest der FAUD
und des Block antiautoritärer Revolutionäre.

Bremen am 27. und 28. Dezember 1924 – Eine Dokumentation

Einleitung

I.

Schon wenige Jahre nach der Revolution von 1918 hatte es unter den revolutionären Organisationen in Deutschland erste Versuche gegeben, die Trennung zu überwinden oder zumindest zu gemeinsamen Aktionen zu kommen.

Im April 1921, als nach dem Scheitern der März-Aktion der VKPD die staatliche Repressionsschraube mal wieder angezogen wurde, entstanden in vielen Orten Einigungsversuche. In Berlin gründeten im April 1921 die Berliner Ortsgruppen der AAUD und der FAUD(S) einen paritätisch besetzten Aktionsausschuß und einigten sich auf Richtlinien für eine Aktionsgemeinschaft (1). Dieser Ansatz scheiterte an der Geschäftskommission der FAUD und den KAPD-Anhängern in der AAUD (2).

In Pommern bestand seit Ende 1921 eine Einheitsfront aus FAUD(S), AAUD und AAUE, die auf Initiative der Föderationen der Verkehrsarbeiter und der Bauarbeiter in Stettin zustande kam (3).

Zuletzt sei noch erwähnt, daß die AAUE am Gründungsprozeß und -kongreß der syndikalistischen IAA teilnahm (4), allerdings aufgrund der Intervention der FAUD (etwa Fritz Kater) (5) der neugegründeten Internationale nicht beitreten, da die FAUD gegen die Mitgliedschaft zweier deutscher Organisationen war.

II.

Im Jahre 1924 initiierte die Hamburger Ortsgruppe der AAUE zusammen mit dem Anarchosyndikalisten Karl Roche einen neuen Anlauf, die Revolutionäre jenseits der KPD zu einen (6). Auf lokaler Ebene hatte es gelegentlich schon gemeinsame Aktionen und Versammlungen gegeben, etwa in Berlin und Hannover (7). Der hier dokumentierte Bericht von der Regionalkonferenz Nord-West der FAUD vom Dezember 1924 konnte optimistisch stimmen. An der Konferenz nahmen neben den FAUD-Gewerkschaften und -Ortsgruppen aus Braunschweig, Bremen, Bremerhaven-Unterweser und Delmenhorst sowie Carl Haffner für die Berliner Geschäftskommission der FAUD Vertreter der SAJD (Bremen, Geestemünde – übrigens die einzige anwesende Genossin – und Hamburg), der AAUE Hamburg (von denen einer das Protokoll führte), der FKAD Hamburg, der IWW Hamburg sowie ein Hamburger Individual-Anarchist teil. Interessanterweise blieben die Hamburger Syndikalisten der Konferenz fern (8).

Referent zum zentralen Tagesordnungspunkt »Die Aufgaben der antiautoritären Organisationen im Bezirk Nord-West« war Karl Roche (Hamburg), der in 1924 über die FKAD wieder zur FAUD gestoßen war, die er Ende 1919 mit der Mehrzahl der Hamburger Syndikalisten verlassen hatte, um zur AAU überzutreten. Deren erstes Programm hatte er entscheidend im föderalistischen und parteiverneinenden Sinne geprägt – womit er letztlich das von ihm verfaßte erste Programm der syndikalistischen FVdG von 1919 fortschrieb (9) – und als Redakteur und Vorsitzender der Pressekommission des Hamburger AAU-Organs Der Unionist publizistisch vertreten. Roche gehörte 1921 mit Otto Rühle und Franz Pfempfert zu den Köpfen der Opposition, die nach dem Sieg der KAPD-Linie in der AAU die AAUE gründeten (10).

III.

Anfang 1925 warb der »Block« mit einer reichsweiten Flugblattaktion für seine Ziele, die auch von Pfempfert und seiner Zeitschrift Die Aktion unterstützt wurde (11), und zur Bildung von Gruppen in Braunschweig, Hagen/Westphalen, Danzig und Frankfurt/Main führte; auf Bezirkseben entstanden Zusammenschlüsse in Sachsen und Rheinland-Westphalen (12). Besonders in Rheinland-Westphalen konsolidierte sich der Ansatz mit einer Bezirksinformationsstelle und regelmäßigen Konferenzen. Hier erhielt sich eine Kontinuität, die über die gemeinsame Plattform »Antiparlamentarismus, Antimilitarismus, Antiautorität« von 1928 zur »Arbeits- und Kampfgemeinschaft anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Gruppen Rheinland-Westphalens« im Jahre 1931 führte (13).

Am 30. Mai 1925 fand in Berlin eine gemeinsame Konferenz von AAUD, AAUE, Kommunistischem Rätebund, FKAD und FAUD statt. Allerdings überwogen wohl die Differenzen, denn eine organisatorische Konsolidierung wurde nicht erreicht. Immerhin wurde geplant, gemeinsame Veranstaltungen und Funktionärsversammlungen durchzuführen und eine gemeinsame Tageszeitung herauszugeben (14) (letzteres wurde bekanntlich nicht realisiert).

Schon der 15. Kongreß der FAUD (10. – 13. April 1925 in Leipzig) hatte unter dem Einfluß Carl Haffners den Bestrebungen des Blocks eine weitgehende Absage erteilt (15). Auch die FKAD hatte in ihrem Organ Der Freie Arbeiter der Blockbildung keine Sympathien entgegen gebracht (16).

Die Versuche einer Einigung zur Kartellierung auf Reichsebene scheiterten recht kläglich: Im Dezember 1925 beschlossen die AAUD, AAUE und KAPD auf der Konferenz der »Arbeits- und Kampfgemeinschaft der revolutionären antiautoritären Organisationen« (so der neue Name) den Ausschluß der FAUD und der FKAD und, nachdem sie dagegen protestiert hatten, auch den Ausschluß der opponierende AAUE-Gruppen Eisenach, Zwickau und Wasserkante. Die Differenzen hatten sich an der Absicht der Linkskommunisten entzündet, die linke Opposition innerhalb der KPD zu integrieren oder mit der KPD ein Kartell zu bilden (17). Zudem geriet die FAUD in die Kritik, da diese auf ihrem 15. Kongreß die Beteiligung an den Betriebsratswahlen nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen hatte (18).

Gründungen Antiautoritärer Blöcke blieben auf Regional- oder maximal Bezirksebene beschränkt, wo sie allerdings teilweise eine recht lange Existenz führten. Sie wurden von den Mitgliedern der beteiligten Organisationen gegründet, »denen die feinen politischen Unterschiede ihrer jeweiligen ‚Geschäftskommissionen‘ weitgehend gleichgültig waren«, wie Wolfgang Haug es einmal treffend formuliert hat (19).

Rückblickend bleibt allerdings das Fazit: zu spät, zu inkonsequent, zu wenig. Es war der zur Macht gekommene Nationalsozialismus, der die tatsächlichen Gemeinsamkeiten der anti-autoritären Revolutionäre weitaus schärfer erkannte als die GenossInnen selbst – und sie besonders erbarmungslos verfolgte.

Jonnie Schlichting

Editorische Notiz: Die Dokumente sind im wesentlichen unverändert wiedergegeben, offensichtliche Druckfehler wurden aber stillschweigend berichtigt. Größere Texteingriffe sind in den Anmerkungen ausgewiesen. Alle Anmerkungen und die Ergänzungen in [eckigen Klammern] stammen vom Bearbeiter.

Konferenz des Bezirks Nordwest der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten) in Bremen am 27. und 28. Dezember 1924.

(Der Schriftführer der Konferenz, Genosse Carl Matzen, sendet uns einen umfangreichen Bericht, dem wir obenstehendes entnehmen. [Anm. Syndikalist]) [Erster Teil] (20)

Die Konferenz sollte sich beschäftigen mit dem Bericht über die geleistete Propaganda im Bezirk, mit dem Auf- und Ausbau der syndikalistischen Organisationen im Bezirk und über die Aufgaben aller anti-autoritären Organisationen des Bezirks. Zu letzterem Tagesordnungspunkt hatte man, um eine breitere Basis für die Verhandlungen zu finden, an alle antiautoritaren Organisationen des Bezirks Einladungen gesandt, denen auch Folge geleistet wurde. Vertreten waren von den syndikalistischen Organisationen:

Braunschweig: F.A.U.D. (Genosse Heinrich Borchart).

Bremen: Syndikal[istische] Einheitsorg[anisation]: Albert Schmidt, Karl Künitz. Delegierte. Föderat[ion] d[er] Hafenarbeiter: Th. Starzynoki, Peter Gietz, Delegierte. [Adolf] Bittner, als Gast. Föderat[ion] d[er] Metall- u[nd] Ind[ustrie].-Arb[eiter] D[eutschlands]: Albin Diedrich, [Richard] Schnause, Delegierte. Ortsbörse: Emil Reinke. [Agitationskommission: [Wilhelm] Buchholz]

Delmenhorst: Freie Arb[eiter]-Un[ion] (Anarcho-Synd[ikalisten]) Josef Drieschmann, Wilh[elm] Schroers, Delegierte; als Gast Genosse Wedrich.

Bremerhaven: Syndikal[istischen] Vereinig[ung] Unterweser. Gen[osse] Bolles.

Berlin: Vertreter der Gesch[äfts]-Kommission: Gen[osse] [Carl] Haffner; von Hamburg – als Referent Genosse [Karl] Roche.

Von der »Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands«:

Bremen: S.A.J.D. – Hans Friedrichsen.

Hamburg: S.A.J.D. – Max Holst.

Geestemünde: S.A.J.D. – Sophie Hanf.

Von der Föderat[ion] kommun[istischen] Anarchisten [Deutschlands]:

Hamburg: Franz Klingner und Holst [sen.]; als Gast H. Grieme.

Von der Allgem[einen] Arbeiterunion (Einheitsorganisation):

Hamburg: Ernst Fiering, Carl Matzen; als Gast Edm[und] Struve.

Aus Hamburg als Gäste:

I.W.W. – (Genosse Lemke) (21).

Individual-Sozialist (Kamerad Freitag).

Das Büro übernahmen als Vorsitzende die Kam[eraden] Buchholz und Schmidt; als Schriftführer: (A.A.U.(E.)) – Carl Matzen.

Zum 1. Punkt der Tagesordnung erstattete Kamerad B[uchholz] von der Agitations-Kommission Bericht. – Er führte aus, das die Tätigkeit nur in eifrigster Propaganda bestehen konnte. Bremen hat sich trotz der Militärdiktatur unter dem Belagerungszustand gut gehalten. Der geringe Erfolg der Propaganda liegt an der mangelnden Aktivität der einzelnen Genossen.

Anschließend berichten die Vertreter von Braunschweig. Bremen, der Hafenarbeiter und der Metallarbeiter-Föderation.

Bremen liegt wegen Terrorakte in Klage mit dem Baugewerksbund, die wahrscheinlich günstig verlaufen wird. Es berichten ferner die Delegierten der Börsen Bremen, Delmenhorst und Bremerhaven. Der Vertreter von Delmenhorst forderte Austausch der rednerischen Kräfte. Von Bremerhaven wird berichtet, daß die Mitgliederzahl gestiegen sei. Das Verkehrslokal ist beschlagnahmt.

Roche–Hamburg: Durch die Taktik der Zentral-Gewerkschaften (Akkordarbeit, Niederschlagung jeder spontanen Bewegung) von Verrat zu Verrat schreitend, sind die Arbeiter sehend geworden. Auf den Hamburger Werften sind höchstens noch 15 Prozent der Arbeiter organisiert. Unorganiserte oder Andersorganisierte sind das treibende Moment in der Bewegung.

Die Entwicklung wurde durch verschiedene Dinge gehemmt. Im Werftarbeiterstreik (22) wurden die syndikalistischen Streikenden aus eigenen Mitteln durch freiwillige Sammlung über Wasser gehalten. In erster Zeit waren die Sätze höher,sonst aber fast immer gleichwertig mit Unterstützungssätzen der Zentralverbände. Trotzdem sind viele Unterstützte nach dem Streik fortgeblieben.

Die Hamburger Genossen sind äußerst rege, bei den Binnenschiffern (23) besonders, haben in der Solidarität Vorzügliches geleistet und Erwerbslose gut unterstützt.

Roche wünscht keine Verschmelzung der Organisationen. Er will aber den Organisations-Egoismus beseitigt wissen und warnt vor jeder Vereinsmeierei.

Allg[emeine] Arb[eiter]-Union (Einheitsorg[anisation]) Hamburg (E[rnst] F[iering]): Mitgliederzahl stark zurückgegangen – an Aktivität nichts eingebüßt. – Antiparlamentarisch, antistaatlich eingestellt, gegen jede Wahl von Betriebsräten und gegen jede Beteiligung an denselben, gegen jeden Lohnkampf- und Teilstreik, machen nur gezwungen mit (passiv bleibend), da Streikbruch nicht als revolutionär betrachtet werden kann.

Dann verlas Kamerad Buchholz zwei Briefe von der Hamburger Ortsgruppe der Syndikalisten, in denen sie ihr Fernbleiben auf dieser Konferenz begründen (24).

Zum 2. Punkt der Tagesordnung: »Die Aufgaben der antiautoritären Organisationen« im Bezirk Nord-West, erhielt das Wort [Karl] Roche-Hamburg: Die hier von uns zu lösende Aufgabe ist schwierig! Wir müssen erkennen: Wer ist unser gemeinsamer Feind? Der gemeinsame Feind ist das Kapital! Die alten, zentralistischen Organisationen sind unser gemeinsamer Feind, sie stehen der sozialistischen ßewcpung mindestens so feindlich gegenüber wie der Kapitalismus selbst! – Was ist Kapitalismus? Ein System? Etwas, was man aufbauen, umbauen, stürzen, wiederaufbauen kann? Nein, es ist eine Organisation, die psychologisch im Denkprozeß der Menschen verankert ist! Kein äußeres System, sondern eine Organisation. die nur geändert wird, wenn die Gehirne der Menschen (die heute immer noch nach Besitz streben) revolutioniert werden! Also innere, psychologische Umwälzung; die Psyche der Arbeiter muß geändert werden! – Wieweit bekämpfen die alten,  zentralistischen Organisationen den Kapitalismus? S.P.D. wie K.P.D. wollen den Kapitalismus durch den Staat monopolisieren. Rußland beweist es uns! Durch die Taktik und Politik der K.P.D. wurde die Arbeiterschaft psychisch in den Kapitalismus gebunden, durch Parlamentarismus und Gewerkschaft bewiesen! Im Betrieb müssen wir alle Parteiunterschiede überwinden! Wie machen wir Propaganda für den herrschaftslosen Sozialismus? Was sind wir einander? Was sind die Syndikalisten? Nach unserer Ansicht muß der Klassenkampf in erster Linie ein psychologischer sein! Die soziale Revolution beginnt mit der psychologischen Befreiung der  Menschen von der Gier nach Besitz! In zweiter Linie ist die soziale Revolution ein wirtschaftlicher Kampf!    Durch Parlamentarismus und rein gewerkschaftliche Kämpfe ist die sozialistische Revolution nicht  durchführbar, dazu sind syndikalistische Organisationen notwendig! Die soziale Revolution ist die soziale Umgestaltung des Wirtschaftslebens, ist Umorganisierung der kapitalistischen Organisation! Weil wir noch unfähig sind, einen Gesellschafts-Aufbau durchführen zu können, darum müssen wir uns die Organisation des Staates, der Gewalt gefallen lassen! Wann werden wir fähig sein? Wir wissen nur, daß die Ideen ständig   vorwärts streben! Vielleicht zerschlägt die Technik schon in wenigen Jahren den Kapitalismus, was abhängt von den größten Geistern, die genügend Erkenntnisse und Einsicht hierin besitzen werden! Die Ansicht der S.P.D. und K.P.D., der auf die Spitze getriebene Kapitalismus würde die Arbeiterklasse wesentlich fördern, ihre Einstellung gegenüber dem Staat – trennt uns von ihnen! Ihre Theorien haben in Deutschland und Rußland Schiffbruch gelitten, die Wege der alten Organisationen sind falsch, sind unmöglich! Die Organisationen, die   die Zukunft beherrschen werden, müssen den herrschaftslosen Geist in sich tragen; den alten Organisations-Geist müssen wir bannen!

Am nächsten steht uns die A.A.U.(E.) – Inwiefern haben unsere Grundsätze dort Schiffbruch gelitten? Man schaffte Mitgliedsbücher, -marken usw. ab, und eines guten Tages war die Organisation auch zerschlagen! – Es dürfen keine Mehrheitsbeschlüsse mehr gefaßt werden, durch Gewährung weitestgehender Meinungsfreiheit muß Einstimmigkeit erzielt werden! Auf diesen Geist hin müssen wir uns einstellen! Niemals passiv werden, sonst werden die tätigen Genossen zu Bonzen, bei uns selber müssen wir beginnen, oder wir sind Heuchler oder Demagogen!

Die Anarcho-Kommunisten sind fast alle wohl schon syndikalistisch organisiert gewesen, die Notwendigkeit der Organisation ist auch ihnen klar (25). Ohne Organisation ist eine Umorganisierung des Wirtschaftslebens nicht machbar! Seien wir niemals intolerant, wir würden jede Möglichkeit zur Einigkeit und zur Einheit zerstören. Was ist am Tage nach der revolutionären Erhebung zu tun? Die Arbeiter müssen organisatorisch in die Wirtschaft eindringen, auf diesem Boden stehen A.A.U.(E.) und Anarcho-Kommunisten. Der Syndikalismus wird sich selbst genügen, wenn die Hirne der Arbeiter revolutioniert sein werden, aber erst dann. Noch genügt der Syndikalismus nicht sich selbst, er ist auf die Hilfe aller Revolutionäre jetzt noch angewiesen! – Darum müssen Syndikalisten, Anarchisten, Unionisten sich frei in ihren Gruppen betätigen können!

Das Denken der Besitzenden wird nie ohne Gewalt umgeändert werden können! Gewaltlosigkeit muß aber gepredigt werden, auch wenn Gewalt gegenüber der gegen uns aggressiv werdenden Gewalt einstmals notwendig werden würde (26)! Wir müssen vor allen Dingen die Psyche der Arbeiter revolutionieren! Propaganda treiben! Flugblätter! Presse! Wir müssen, durch die Notwendigkeit getrieben, mit allen Organisationen antiautoritärer Einstellung zusammengehen, da jede einzelne Organisation zu schwach ist, um tatkräftige Propaganda zu treiben.

Ein Antrag, den Kameraden Haffner als Korreferenten sprechen zu lassen, wurde abgelehnt, was H[affner] selbst genügend begründete. Roche hatte sich im Rahmen der syndikalistischen Prinzipien bewegt, man könne ihn nur ergänzen und seine Gedanken weiterspinnen! Zur Frage des Marxismus (27) könne er absolut nichts anderes sagen! – Haffner bedauerte das Fehlen der Hamburger Syndikalisten auf dieser Konferenz, er hielt den Beschluß der Hamburger Syndikalisten in taktischer Hinsicht für falsch. Die Frage der Arbeitslosigkeit, heraufbeschworen durch die rasende Entwicklung und die Auswirkungen der Technik, wird seitens der alten Organisationen viel zu wenig beachtet (28)! Die Frage des Generalstreiks ist bisher auch viel zu eng betrachtet! Die Frage der Konsumtion ist absolut nicht weniger wichtig als die der Produktion (Bedarfs-Wirtschaft!! Der Berichterstatter). Betreffs der Organisationen und Gruppen sprach er für Toleranz, die jeder Syndikalist in weitestem Maße pflegen sollte! Tageskämpfe sind gewissermaßen Gymnastik des revolutionären Willens, werden Vorboten sein des Tages, an dem die soziale Revolution ihr Haupt erhebt. – Verschmelzung der Organisationen hält Haffner taktisch heute noch für nicht möglich und für falsch. Das Beispiel Torgelow (Pommern) (29) schreckt uns.

Dann wurde ein Antrag verlesen, im Bezirk Nord-West kurzgehaltene Flugblätter herauszugeben. Schmidt-Bremen widersprach der Behauptung Roches, daß die K.P.D. die Arbeiter rebellisch gemacht hätte. Rebellengeist sei etwas anderes als Unzufriedenheit gegen Führer! Das Rebellische hat man den syndikalistisch orientierten Genossen zu verdanken!

Künitz-Bremen konstatierte, daß die Verbreitung der syndikalistischen Ideen nach dem Kriege kolossale Fortschritte gemacht habe, die Umstellung der Gehirne geht kolossal schnell vorwärts! Betrachtet [die] Jugendbewegung, Intellektuelle, heute beschäftigt sich alles mit unseren Ideen, wir sind vorwärts geschritten! Unsere größten Feinde sind die sozialdemokratischen Bonzen, die jeden Rebellengeist ersticken und abwürgen! Hiergegen und gegen jeden Terror im Betrieb müssen wir entschlossen Front machen! Produktiv untätige Menschen sind unsere größten Feinde, die Berufsführer, die nie im Produktionsprozeß standen oder nie dahin zurückkehren werden!

Der Vertreter der A.A U.(E.) Hamburg [Ernst Fiering] führte aus: Eine soziale Revolution ist ein langwieriger Prozeß. Eine Revolution, die in ein paar Tagen erledigt wurde, ist nur eine politische gewesen. – Wir dürfen trotz aller Erfahrungen nicht Pessimisten sein, die antiautoritäre Idee wächst, sorgen wir dafür, daß die Völker aller Länder möglichst Schritt miteinander halten! Man kann sich nicht vorstellen, wie ein satter Bauch je Revolution machen sollte, insofern sei er Anhänger der Verelendungs-Theorie? [Die] A.A.U.(E.) [ist] im Reich nicht überall gleich eingestellt! Wasserkante im gewissen Gegensatz zur Berliner Organisation, die vielleicht glaubt, als Organisation (als A.A.U.(E.)) den Wirtschaftsprozeß übernehmen zu können! – Eine einzelne Organisation wird es nie können! Auf diesem Boden stehen Wasserkante und Westsachsen. Lohnkämpfe lehnen wir ab, es gibt nur einen Weg der Befreiung, den Weg einer wahren Befreiung: Die soziale Revolution! Wir sind gegen den Lohnstreik, nicht gegen einen Streik, der sich ausweiten kann zu großem Kampf; im Lohnstreik also negierend, im Kampf immer bejahend!

Vorsitzender Buchholz: Roche hat die Gegensätze nicht klargestellt zwischen den H[am]b[ur]g[er. Synd[ikalisten] u[nd] An[archo]-Kommunisten. – Wir müssen aber Klarheit haben am jeden Preis! Daß Angestellte keine Bonzen werden, liegt bei der Aktivität der Mitglieder einer Organisation! Lohnkämpfe sind seiner Meinung nach notwendig, er glaubt, daß ohne die Zentral- und syndikal[istischen] Gewerkschaften die Lebenshaltung der Arbeiterklasse auf einem bedeutend niedrigeren Niveau stünde, verkannte aber nicht, daß alle Lohnkämpfe letzten Endes nur einen Kreislauf bedeuten. Wünschte einen engeren Zusammenschluß der einzelnen anti-autoritären Organisationen!

Roche-Hamburg regte die Herausgabe einer Propagandazeitung an, die rein im antiautorritären Sinne geschrieben, leicht und flüssig und nicht zu umfangreich sein dürfte. Eine Zeitung in diesem Sinne ist nur Sache der Begeisterung: wenn sie nicht herauskommt, ist es nur unsere Schuld, unsere Schuld allein! Das Blatt muß erscheinen! (30)

Grieme-Hamburg [F.K.A.D.] berichtete von dem Reichstreffen der S.A.J.D. in Hannover, die dort während der beiden Weihnachtstage zusammenkam.

Matzen – Hamburg [A.A.U.(E.)] wies hin auf einen Artikel »Sozialdemokraten unterm Sozialistengesetz – Unionisten unter dem Terror ihrer Klassengenossen« – den er vor 2 Jahren in »Der Unionist« schrieb – Noch heute ist der gemeine Fanatismus der S.P.D. und K.P.D. uns Anti-Autoritären gegenüber sich gleich geblieben. Zur Frage der Verelendungstheorie: Wer noch etwas zu verlieren hat, wird sich empören, wird rebellieren; wer gänzlich am Boden liegt, total zerschmettert, – steht manchmal nie wieder auf! Machen die Verhältnisse den Menschen, oder machen die Menschen die Verhältnisse? Beides ist nur bedingt richtig und steht in Wechselwirkung. – Wenn wir die soziale Revolution beginnen, hoffen wir als Anti-Autoritäre doch wohl, daß die uns bisher fremd oder gar feindlich gegenüberstehenden Massen durch die zugunsten der Menschen geschaffenen Veränderungen mit Sympathie für unser Wirken erfüllt werden. Wir erhoffen also von den Verhältnissen, die wir schaffen (wollen!), einen psychologischen Einfluß auf die Massen, und so verstanden, brauche ich gern den Satz: Die Verhältnisse machen die Menschen! – Innerhalb der A.A.U.(E.) gibt es keine gesonderte Frauen- oder Jugendfrage. Frauen und Jugendliche sind absolut gleichberechtigt und arbeiten innerhalb der Organisationskörper mit! Die Frage der Internationale, ob Anschluß an die I.A.A. oder nicht, ist noch nicht geklärt. Ich glaube, die K.P.D. ist für manchen Anti-Autoritären die beste Schule gewesen, da sie den besten Anschauungsunterricht gibt, »wie man’s nicht machen soll!«

Klingner-Hamburg gab eine Erklärung ab über sein Verhältnis zur syndikalistschen Organisation.

Roche-Hamburg wünschte, daß der Kongreß mit dem Geist der Kampfesharmonie auseinandergehen möge.

Konferenz  des Bezirks Nordwest der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten).

(Schluß.)
Zum 3. Punkt der Tagesordnung: Auf- und Ausbau der syndikalistischen Organisationen im Bezirk, erhielt dann der Vertreter der Geschäfts-Kommission, Kamerad Haffner, das Wort. Er sprach über den Rückgang der Mitgliederzahl, der erstens wirtschaftliche Untergründe hätte. Metallabeiter und Bergarbeiter sind durch die Inflationszeit schwer mitgenommen, was natürlich auf alle Organisationen sehr stark zurückwirkte. In Bayern waren unsere Ortsgruppen verboten, durch diesen staatlichen Druck stehen sie aber mustergültig vor uns in Fragen der Propaganda und Organisation. Die »Konjunktur« (wenn ich mich so ausdrücken darf) war im Zeichen der Wahlverhetzungen unserer Arbeit und Propaganda nicht günstig. – In der Inflationszeit war uns die Unterstützung, die Ausübung der gegenseitigen Hilfe sehr erschwert, jetzt sind die Verhältnisse etwa günstiger für uns! Wie arbeiten wir nun? – Eine gute Idee ist nur wertvoll, wenn man sie in die Praxis umsetzen kann. Wie arbeiten wir praktisch als Syndikalisten? Wir haben unsere Ansichten darüber in unserer Prinzipien-Erklärung niedergelegt. Kam[erad] Haffner las verschiedenes über Aufbau und Wesen der syndikalistischen Organisation daraus vor. Er hob das hervor, was Syndikalisten von den Zentralgewerkschaften trennt und daß eine fatalistisch eingestellte Arbeiterschaft niemals schöpferisch tätig sein kann. – Was sind syndikalistische Gewerkschaften? Organisationen in revolutionärem Geist, die streben und tätig sein wollen, um die Lebenshaltung der Arbeiterklasse zu verbessern. Das Selbstbestimmungsrecht muß gewährleistet werden, muß also letzten Endes zur Selbstveranwortlichkeit der Arbeiter führen. Eine Instanz darf nicht hemmend wirken! – Aus der Broschüre »Die Arbeiter-Börsen des Syndikalismus« (31) über Aufbau und Tätigkeit derselben vorlesend, betonte Haffner besonders die Frage der Organisierung des Konsums. Was wird konsumiert? Danach ist die Produktion einzustellen! [Die] Produktion [ist] in sozialistischem Sinne so [zu] beeinflussen, daß die Weiterexistenz der siegreichen Arbeiterschaft gewährleistet wird. Die Befreiung der Arbeiter kann nur ihr eigenes Werk sein! Von der kapitalistischen zur sozialistischen Welt – bedeutet und bedingt eine   Uebergangsepoche!

Wo treiben wir Propaganda? Im Betrieb! Dort, wo die Arbeiter gegenseitig aufeinander angewiesen sind. Jeden Tag müssen wir lernen, zulernen; die Ideen müssen im Einklang stehen mit dem Leben. Die Arbeiter-Börsen haben Innen- und Aussenarbeit zu leisten, Schulung der Ideen der Mitglieder, nach außen Agitation zu entfalten. – Arbeitsgemeinschaft, Tarifverträge lehnen wir ab. Wir propagieren die direkte Aktion! Ueber finanzielle Unterstützung hinweg müssen wir zur Tatsolidarität kommen, nicht einzelne Organisationen allein stehen lassen im Streik, ganze Berufsgruppen [müssen wir] stillstehen lassen, [den Kampf] ausweiten über den Teilstreik zum Generalstreik! Heute schon müssen wir den Aufbau »von unten auf« vollziehen, vom Betrieb zur Organisation, von der Organisation zur Ortsbörse usw. Den richtigen Mann an den richtigen Platz stellen: Jeder soll sein bestmöglichstes Können geben! Ob wir heute zur Gründung einer Prov[inzial]-Arb[eiter]-Börse schreiten, ist eure Sache, ich wurde es begrüßen! Wir müssen unseren geistigen Horizont erweitern, mit unseren Ideen uns im Leben praktisch betätigen, dazu müssen wir uns die Organisationen schaffen! Hinweg über persönliche Streitigkeiten und Kleinigkeiten zur lebensbejahenden Sache! (Der kleine Geist läßt sich in Händel ein, der große kennt den Kampf nur um die Sache! Dieses Zitat fiel mir in jenem Augenblick ein, als ich die Ausführungen des Kam[erad] Haffner aufzeichnete. Der Berichterstatter.) – Die Kampfeswaffen des Syndikalismus sind: 1. Die direkte Aktion, – das heißt, alles selbst tun, unter voller Selbstverantwortlichkeit! Eine absolute Freiheit gibt es nicht, wir haben Beziehungen als Menschen zueinander, es kann nicht jeder tun und lassen, was er will! 2. Passive Resistenz – Sabotage: Wir können nicht auf dem Standpunkt der absoluten Gewaltlosigkeit stehen! Alles fließt! Alles muß die jeweilige Situation uns zu erkennen geben! – Aber jeder muß unbedingt das Waffentragen für das heutige System verweigern! Kirche, Schule, Staat, Polizei müssen wir noch viel mehr als bisher bekämpfen! Wir müssen die Menschen schulen in revolutionärem Sinne! – Wir müssen dabei mit geistig verwandten Organisationen zusammengehen, das ist bei gewissen Aktionen sicher möglich.

Die befähigsten Genossen müssen in den Bezirken propagandistisch ausgetauscht werden! Oeffentliche Versammlungen sind notwendig, um in die große Masse eindringen zu können, die Mitgliederversammlungen sind aber die Stätten der wirklich aufbauenden Arbeit! Vertieft eueh in die reichhaltige revolutionär-syndikalistische Literatur. Bestimmtes vorschlagen läßt sich da nicht, jeder muß nach seinem Gefühl, seiner Veranlagung sich entscheiden. Jeder muß mitarbeiten nach seinen Kräften, nicht nur für sich, er arbeitet im Sinne der Menschheit! Das möge euch bewegen und immer vor Augen stehen!

Roche-Hamburg: Unsere Werbekraft baut sich auf in den Betrieben! Da berühren wir uns ganz besonders mit der A.A.U.(E.). Was sie Räte nennen, nennen wir Arbeiter-Börsen. Das ist das, was uns eint und bindet. Diese werden einstmals etwas absolut Notwendiges sein! – Die Gründung einer Prov[inzial]-Arb[eiter]-Börse hält er aber in diesem Moment für verfrüht und für eine Belastung der Organisation, die unnötig Kräfte absorbiert. Er bittet, hiervon abzusehen, desto eifriger aber in den Betrieben zu agitieren! Was hat Syndikalismus nur mit Separatismus (32) zu tun? Wir wollen den Staat vernichten, wollen die Zentralisation aus den Hirnen der Arbeiter herausreißen, dezentralistische Ideen dafür hineingraben! Das neue Geschlecht wartet auf uns, suchen wir, es für uns zu gewinnen!

Vorsitzender Buchholz: Der Niedergang ist in allen Organisationen gemeinsam, woraus ist dies zu erklären? Zu wenig Propaganda haben wir geleistet, unsere Ideen sind gesund, das wird niemand bestreiten! Wenn wir eine »Massen«-Organisation werden, sollte es mit unserer Idee, dem Syndikalismus, dem Anarchismus vorbei sein? Ja, dann müßte ich die Idee für nicht gesund halten, dann können wir heute ebensogut – resultatlos – auseinandergehen. Ohne die Stoßkraft der Massen wird die soziale Revolution niemals siegreich durchgeführt werden können, wir brauchen dazu die Massen! Wir brauchen nicht nur mündliche, auch schriftliche Propaganda. (Eine Bewegung ohne Presse ist wie ein Mensch ohne Zunge! schrieb der »Alarm« in Hamburg einstmals. Der Berichterstatter.) Wir müssen neben dem »Syndikalist« noch andere schriftliche Möglichkeiten haben, wir brauchen auch den Austausch der Kräfte! Wir müssen immer und überall Material sammeln und uns gegenseitig übermitteln! Wir müssen die Situationen nutzen und schneller, als es bisher der Fall war, handeln! Wenn eine Prov[inzial]-Arb[eiter]-Börse geschaffen werden sollte, dann sorgt dafür, daß es keine leere Formel bleibt!

Künitz-Bremen hält die Gründung für verfrüht, hat keine Angst vor Massen-Organisationen; wir müssen fähig sein, unter allen Umständen den freiheitlichen föderativen Geist zu wahren!

Holst sr.-Hamburg [F.K.A.D.]: Es fehlt der Wille der Masse, etwas zu tun. Wie kommen wir an die Massen heran? Wir müssen Fühlung nehmen mit der Masse, in den Betrieben, wo wir täglich mit ihnen zusammen sind! Nicht in Konferenzen wird die Einigkeit geschaffen. wir müssen sie erleben! Wir sind armselig in unserer Bewegung, wenn wir nicht voll Willen, voll Energie sind, die Verhältnisse zu meistern, dieses System zu stürzen! Wir wollen nicht die Massen-Organisation erstreben, wir werden die besten, tüchtigsten, treuesten Menschen aussuchen; auf solchen Fundament können wir weiterbauen! Was nicht lebensfähig ist, das mag zugrunde gehen! Der »Block Antiautoritärer Revolutionäre« wird bestehen bleiben, er wird bestehen bleiben, koste es, was es wolle! Wo unser Wille hinschlägt, zündet er! Stagniert nicht, seid lebendig! Stahlharter Wille muß in uns lebendig werden, dann werden wir vorwärts kommen!

Schmidt-Bremen verliest Haffners Antrag auf Bildung einer Agitations-Kommission für den Bezirk. –

Hafenarbeiter Bittner-Bremen: Es ist ein Fehler, die Jugend zu dirigieren, sie muß sich selber führen! Schaffen wir keine Instutionen, lassen wir sie wachsen, der Arbeiter kann sich vor lauter Institutionen kaum frei bewegen auf der Straße! Ich begrüße die Genossen der A.A.U.(E.), weil ich fühle, daß wir nur Propaganda-Gruppen sind. Wenn wir »Massen«-Organisationen werden, versinken wir im Reformismus.

Roche-Hamburg spricht für die Verlegung der Agit.-Komm. nach Hamburg, die selbstverständlich neben dem »Block Antiautoritärer Revolutionäre« arbeiten wird, und ganz gewiß nicht durch die »überragende Autorität des Blocks« lahmgelegt werden wird!

Haffner-Berlin befürwortete die Verlegung der Agit[ations]-Komm[ission] nach Hamburg, [er] glaubt zuversichtlich, daß die Hamburger Syndikalisten etwas Tüchtiges daraus machen.

Zwei Anträge seien hier wörtlich wiedergegeben:

Antrag der Bremer Ortsbörse:

Die am 28. und 29. Dezember l924 in Bremen tagende Bezirkskonferenz Nordwestdeutschlands der F.A.U.D. stellt zum 15. Reichskongreß der F.A.U.D. den Antrag:

Eine klare Entscheidung über die Betriebsräte zu fällen, in dem Sinne, daß – solange das Betriebswahlrecht staatlich sanktioniert ist – jede Beteiligung an den Betriebsratswahlen strikte abzulehnen ist.

Antrag der Syndikalistischen Einheits-Organisationen Bremen und Umgegend:

Die Mitglieder-Versammlung vom 11. 12. 24 stellt folgenden Antrag: Die Konferenz wolle beschließen, im Bezirke Nord-West periodenweise kurzgehaltene Flugblätter herauszugeben.

Haffner-Berlin sprach über die Beschlüsse des Erfurter Kongresses zu den Betriebsräten. Oertliche Verhältnisse im Reiche haben die Genossen aber zu anderer Stellungnahme zum Teil gezwungen.

RocheHamburg: In Hamburg wählt wohl niemand mehr von uns zu den Betriebsräten, da sie auf Einstellung der Arbeiter usw. gar keinen Einfluß mehr haben; wir müssen uns grundsätzlich auf den Erfurter Beschluß stellen, der prinzipiell Wahlbeteiligung [an den] (33) B.-R. ablehnt.

Buchholz-Bremen sprach aus seinen Erfahrungen heraus für die Beteiligung an den Betriebsräten!

Hafenarbeiter Bittner-Bremen: Wer in den Betriebsrat geht als Revolutionär, legt sich selber eine Kette um den Fuß. Gesetzliche Betriebsräte sind eine Gefahr für das revolutionäre Proletariat.

A.A.U.(E.) Hamburg (C. M. [Carl Matzen]) präzisiert kurz die prinzipiell und konsequent durchgeführte Stellungnahme der A.A.U.(E.) gegenüber den gesetzlichen Betriebsräten! Ein gesetzlicher Betriebsrat ist gesetzlich gebunden, kann keine revolutionäre Arbeit leisten, kann nicht kämpfen, kann nur kriechen und sich bücken! – [Wenn] Klassengenossen, aus dem Betrieb spontan herausgewählt und bestimmt, als Kommission oder Delegation der Betriebsleitung die Forderung der Belegschaft zu unterbreiten, [die] dann nur zu handeln, nicht zu verhandeln hat, wer sollte dagegen etwas einwenden? Aber § 1 verlangt, das Interesse des Betriebes und der Arbeitnehmer (Angestellte und Arbeiter) zu wahren (34). – Also – Harmonie zwischen Kapital und Arbeit??

RocheHamburg: Wir sind gegen jedes Unterhandeln und Verhandeln. Sie lähmen die Aktivität und Initiative der Belegschaften, ja, jedes einzelnen sogar. – Der Vorsitzende konstatierte dann auch, daß die Aussprache mit  genügender Klarheit ergeben hätte, daß sie den Betriebsräten ablehnend gegenüberständen.

Delmenhorst lehnt prinzipiell die Wahl und Beteiligung ab.

Roche-Hamburg sagte, daß der Reichskongreß zu der Frage der Betriebsräte eventuell die Vertreter anderer Organisationen einladen sollte.

Fiering, A.A.U.(E)-Hamburg, warnt vor einer Ueberstürzung in dieser Frage, wünscht allerdings, daß die Einstellung hier sich übers Reich ausbreiten möge; aber nicht von oben spruchreif machen, [es] bedarf der ruhigen Entwicklung!

Hafenarbeiter Bittner-Bremen wünschte für den Reichskongreß (35) einen »Sondertag«, an dem die anderen antiautoritären Organisationen teilnehmen könnten. Nach seiner Meinung sind die syndikalistischen und unionistischcn Organisationcn die ökonomischen Organisationen des Anarchismus. – Als wirtschaftliche Organisationen müssen wir zusammenstehen. Es gibt zwischen Anarchisten und den ökonomischen Organisationen (Syndik[alisten] und Unionisten) keine unüberbrückbaren Gegensätze. Die linken Organisationen müssen sich zusammentun zu gemeinsamen Propagandaarbeiten und -aktionen, zu einem gemeinsamen Kampf.

[Die] S.A.J.D. gab folgende Erklärung ab: Die anwesenden Jugendkameraden des Bez. Nord-West heißen die Kartellierung der Hamburger Organisationen zum »Block Antiautoritärer Revolutionäre« gut um der Propaganda für die soziale Revolution willen und werden versuchen [dazu] beizutragen, in allen Orten derartige Blöcke mitzuschaffen, verausgesetzt, daß der Wille danach vorhanden ist. (36)

Unterschrieben von den anwesenden Kameraden der S.A.J.D.

In wahrhaft einträchtiger Harmonie wurde die Konferenz im Sonntagabend geschlossen.

Anhang

Resolution: Stellung der FAUD. zu den übrigen revolutionären Richtungen innerhalb der Arbeiterbewegung.

Die FAUD. (AS) ist eine selbständige, von allen anderen Richtungen der Arbeiterbewegung organisatorisch unabhängige Organisation. Die Anerkennung der Prinzipienerklärung und der organisatorischen Aufgaben ist die Grundlage für die Mitgliedschaft in derselben. Der organisatorische und prinzipielle Charakter der Bewegung schließt jede Bindung, Kartellierung oder Blockbildung mit einer anderen Organisationsrichtung auf Kosten ihrer Prinzipienerklärung und programmatischen Grundlage grundsätzlich aus.

Die Erfahrungen über frühere Blockbildungen, die von Ortsvereinen oder Bezirken eingegangen wurden, führten nur zur Schädigung der syndikalistischen Bewegung. Bei Versuchen, die bisher unternommen wurden, verlangten die Vertreter anderer Richtungen von den Syndikalisten Konzessionen, die mit unserer Weltanschauung im Widerspruch stehen. Der Kongreß erinnert deshalb an die Worte der Prinzipienerklärung: »Die Syndikalisten stehen auf dem Boden der direkten Aktion und unterstützen alle Bestrebungen und Kämpfe des Volkes, die mit ihren Zielen – der Abschaffung der Wirtschaftsmonopole und der Gewaltherrschaft des Staates – nicht im Widerspruch stehen.«

Der Kongreß hält daher daran fest, daß die Syndikalisten bei bestimmten Aktionen des Tages, wie Streiks und Aussperrungen, öffentlichen Demonstrationen, Eintreten zur Freigabe politischer Gefangener oder Fürsorge für dieselben, Boykott usw. mit allen anderen Arbeiterorganisationen zusammengehen können. Die Weltanschauung des Anarcho-Syndikalismus verlangt freie Initiative in der Propaganda auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens, die in allen Aktionen und Entschließungen der FAUD. zum Ausdruck kommen muß.

Resolutionen des 15. Kongresses der FAUD.; in: Der Syndikalist, Jg. 7, Nr. 18, 2. Mai 1925, Beilage, S. 3

Anmerkungen:

(1) Text der »Richtlinien« in der Barrikade Nr. 2/November 2009, S. 19: »Syndikalisten und Allgemeine Arbeiter-Union«

(2) Bock 1993, S. 177; siehe Carl Haffner, Syndikalisten und Allgemeine Arbeiter-Union (B.-O.); in: Der Syndikalist, Jg. 3, Nr. 15, 16. April 1921, und Nr. 17, 30. April 1921; Wir und der deutsche Syndikalismus; in: Der Kampfruf (Berlin), Jg. 2, Nr. 2 [1. Maiwoche 1921], und Nr. 3 [2. Maiwoche 1921]. Die Polemik ist wieder abgedruckt in der Barrikade Nr. 2/November 2009, S. 16 – 22

(3) Rübner 1994, S. 76

(4) Delegierter der AAUE mit beratender Stimme war Franz Pfempfert, der Herausgeber der Berliner Aktion. Siehe Pfempfert 1923a, Sp. 13f.; Pfempfert 1985, S. 191 – 196; Haug 1985, S. 44f.

(5) Haug 1985, S. 45

(6) Rübner 1996, S. 84; Rübner 1994, S. 76

(7) Linse 1971, S. 353, Anm. 297

(8) Die Begründung dafür konnte bisher nich aufgefunden werden. Es ist aber wahrscheinlich, daß die Hamburger mehrheitlich der Intention der Konferenz negativ gegenüber standen.

(9) Roche 1919

(10) siehe hierzu Archiv Karl Roche 2009, S. 7 – 9

(11) Rübner 1994, S. 76

(12) Linse 1971, S. 354; Rübner 1994, S. 77

(13) Linse 1971, S. 355

(14) Rübner 1994, S. 76f; Linse 1971, S. 356

(15) siehe Der 15. Kongreß der F.A.U.D.; in: Der Syndikalist, Jg. 7, Nr. 16, 1. April 1925, S. 2 sowie die im Anhang dokumentierte Resolution des Kongresses.

(16) Linse 1971, S. 355f

(17) Rübner 1994, S. 77

(18) siehe das Schwerpunktthema »Gewerkschaftliche Kampforganisation oder Sekte?« in Barrikade Nr. 3/April 2010; Döhring 2005

(19) Haug 1985, S. 45

(20) Das Protokoll erschien in Der Syndikalist, Jg. 7, Nr. 4, 24. Januar 1925, Beilage, S. 2 – 3 (1. Teil) und Der Syndikalist, Jg. 7, Nr. 5, 1. Februar 1925, Beilage, S. 3 – 4 (Schluß)

(21) Zur IWW allgemein siehe Bock 1976; zur Rolle der IWW in der Weimarer Republik findet sich ein Überblick bei Rübner 1994, S. 114 – 123

(22) Der Streik auf den norddeutschen Werften dauerte 13 Wochen, vom 26. Februar bis zum 21. Mai 1924; die Werftkapitalisten hatten eine Verlängerung der Arbeitszeit verlangt, obwohl die Betriebe schlecht ausgelastet waren. Es ging offensichtlich um einen reinen Machtkampf. »Diese Erkenntnis führte zu breiter Solidarität mit den Werftarbeitern. Von unbeteiligten Gewerkschaften, Arbeitern im ganzen Reich und auch bürgerlichen Familien erhielten sie Geld- und Lebensmittelspenden, die allein es ihnen ermöglichten, den Kampf solange durchzuhalten. Am Ende errangen sie nur einen halben Erfolg: Die 48-Stunden-Woche wurde als Norm anerkannt, bis Ende März 1925 aber mußten sie 54 Siunden arbeiten.

Wichtiger war, daß der Versuch, an die Stelle der Vereinbarung das Diktat der Unternehmer zu setzen, abgewehrt wurde. Schon 1925 galt für 80% der Hamburger Arbeiter wieder der Achtstundentag.« (Büttner 1988, S. 151)

(23) siehe hierzu Rübner 1994, S. 123 – 128

(24) Der Inhalt konnte bisher nicht ermittelt werden.

(25) Zum Verhältnis FAUD – FKAD siehe Linse 1971, besonders S. 356 ff

(26) in der Vorlage lautet der Halbsatz: ‚… wenn auch Gewalt einstmals gegenüber der gegen uns aggressiv werdenden Gewalt notwendig würde.‘

(27) Der Bezug dieser Stelle ist nicht klar. Vielleicht ist er der Kürzung durch die Redaktion des Syndikalist ‚zum Opfer gefallen‘.

(28) Eine gründliche Kritik der seit 1924 einsetzenden Rationalisierungswelle ist Rocker 1927.

(29) Hierzu fanden sich bisher keine Quellen – möglicherweise bezieht sich Haffner auf die 1921/22 existierende Einheitsfront zwischen FAUD, AAUD und AAUE in Pommern (s. Einleitung)

(30) Zur Diskussion um die Herausgabe einer antiautoritären Tageszeitung siehe Linse 1971, S. 356; Rübner 1994, S. 76

(31) siehe Barwich [1923]

(32) siehe hierzu Weberskirch 1999, S. 153 – 177

(33) in der Vorlage: des

(34) § 1 des Betriebsrätegesetzes vom 4. Februar 1920 lautet: »Zur Wahrnehmung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Arbeitnehmer (Arbeiter und Angestellte) dem Arbeitgeber gegenüber und zur Unterstützung des Arbeitgebers in der Erfüllung der Betriebszwecke sind in allen Betrieben, die in der Regel mindestens zwanzig Arbeitnehmer beschäftigen, Betriebsräte zu errichten.« (Reichs-Gesetzblatt Nr. 26. Ausgegeben zu Berlin den 9. Februar 1920, S. 147)

(35) 15. Reichskongreß der FAUD, 10. – 13. April 1925 in Leipzig

(36) in der Vorlage ist der Satz etwas schwer verständlich: ‚Die anwesenden Jugendkameraden des Bez. Nord-West heißen die Kartellierung der Hamburger Organisationen zum »Block Antiautoritärer Revolutionäre« um der Propaganda willen für die soziale Revolution gut und werden versuchen, beizutragen in allen Orten, derartige Blöcke, vorausgesetzt, daß der Wille danach vorhanden ist, mitzuschaffen.“

Abkürzungen

AAU: Allgemeine Arbeiter-Union

AAUD: Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands

AAUE: Allgemeine Arbeiter-Union (Einheitsorganisation)

B-O: Betriebs-Organisation

FAUD: Freie Arbeiter-Union Deutschlands

FKAD: Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands

IAA: Internationale Arbeiter-Assoziation

IWW: Industrial Workers of the World

KAPD: Kommunistische Arbeiter-Partei Deutschlands

KPD: Kommunistische Partei Deutschlands

SAJD: Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands

VKPD: Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands

Literatur

Archiv Karl Roche 2009: Wer war Karl Roche? Eine politisch-biographische Skizze; in: Roche 2009

http://archivkarlroche.wordpress.com/2009/04/22/wer-war-karl-roche/

Barrikade. Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus (Hamburg);

Barwich [1923]: Franz Barwich, Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus. Mit einem Vorwort von A. Souchy, Berlin [1923] (Der Syndikalist) – erweiterter und vermehrter Neudruck unter dem Titel: Studienkommission der Berliner Arbeiterbörsen/Franz Barwich, »Das ist Syndikalismus«. Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus. Mit Texten von Franz Gampe, Fritz Kater, Augustin Souchy u. a. Mit einer Einleitung von Helge Döhring, Frankfurt/M 2005 (Edition AV)

Bock 1976: Gisela Bock, Die »andere« Arbeiterbewegung in den USA von 1909 – 1922. Die Industrial Workers of the World, München (Trikont)

Büttner 1988: Ursula Büttner, Die Hamburger freien Gewerkschaften in der Zeit der Weimarer Republik; in:  Ulrich Bauche/Ludwig Eiber/Ursula Wamser/Wilfried Weinke (Hrg.), »Wir sind die Kraft«. Arbeiterbewegung in Hamburg von den Anfängen bis 1945. Katalogbuch zu Ausstellungen des Museums für Hamburgische Geschichte, Hamburg (VSA), S. 131 – 167

Döhring 2005: Helge Döhring, Zwischen Reform und Revolution: Die Stellung der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD ) zur Betriebsratsfrage; in: FAU-Bremen (Hrg.), Syndikalismus. Geschichte und Perspektiven, Bremen (FAU HB)

Haug 1985: Wolfgang Haug, Das »Phänomen Pfempfert« – eine biographische Skizze; in: Pfempfert 1985

Linse 1971: Ulrich Linse, Die Transformation der Gesellschaft durch die anarchistische Weltanschauung. Zur Ideologie und Organisation anarchistischer Gruppen in der Weimarer Republik; in: Archiv für Sozialgeschichte (hrgg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung), Band XI/1971, S. 289 – 373

http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00020066/afs-1971-289.pdf

Pfempfert 1922: Franz Pfempfert, [Rede auf dem Gründungskongreß der IAA von 26. 12. 1922]; in: Die Aktion, Jg. 1923, Nr. 1, 8. 1. 1923, Spalte 48 – 52; neu abgedruckt in Pfempfert 1985, S. 191 – 196

Pfempfert 1923: Franz Pfempfert, »Internationale Arbeiter-Assoziation« (IAA.); in: Die Aktion, Jg. 1923, Nr. 1, 8. 1. 1923, Spalte 13f.

Pfempfert 1985; Franz Pfempfert, Ich setze diese Zeitschrift wider diese Zeit. Sozialpolitische und literaturkritische Aufsätze. Herausgeggeben von Wolfgang Haug, Darmstadt und Neuwied (Luchterhand)

Roche 1919: Karl Roche, Was wollen die Syndikalisten? Programm, Ziele und Wege der »Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften; reprint in Roche 2009

Roche 2009: Karl Roche, Sozialismus und Syndikalismus. Agitationsschriften aus dem Jahre 1919 (Archiv Karl Roche 2), Moers (Syndikat-A)

Rocker 1927: Rudolf Rocker, Die Rationalisierung der Wirtschaft und die Arbeiterklasse, Berlin (Der Syndikalist) – ein Reprint erschien 1980 im Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt/M

Rübner 1994: Hartmut Rübner, Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarcho-Syndikalismus (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte 5), Berlin – Köln

Rübner 1996: Hartmut Rübner, Linksradikale Gewerkschaftsalternativen. Anarchosyndikalismus in Norddeutschland von den Anfängen bis zur Illegalisierung nach 1933; in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (Fernwald/Annerod), No. 14/1996, S. 67 – 108 (Germinal)

Weberskirch 1999: Klaus Weberskirch, Anarcho-Syndikalisten an der Wurm. Ein fast vegessenes Kapitel der Geschichte des Aachener Raumes nach dem Ersten Weltkrieg, Aachen (Heimatblätter des Kreises Aachen)

barrikade # 4 – Dezember 2010

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