Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Diego Abad de Santillán

Die Wandlungen des
Diego Abad de Santillán

»Mit dem Kult der Gewalt und der großen Arbeiterbataillone, mit der Klassenvorstellung und der Idee von den historischen Missionen verbindet sich auf ganz natürliche Weise der Gedanke der Katastrophen-Revolution, dieses mystische Ereignis, das alle Probleme löst und alle gordischen Knoten zerschneidet.«
Santillán, 1949

Bekannt ist der argentinische Anarchist D.A. de Santillàn als unermüdlicher Kämpfer für die spanische Revolution. Er war Redakteur der FORA-Tageszeitung La Protesta in Buenos Aires, nachdem er 1917 von Spanien nach Argentinien ausgewiesen
wurde. 1936 kehrte er nach Barcelona zurück und wurde einer der umumstrittenen Führer der Revolution. Seine ökonomischen Schriften (Ökonomie und Revolution) sind weltbekannt.
Welchen Sinneswandel dieser Genosse jedoch durchmachte, spottet aber jeder Beschreibung.
Jede/r kann seine seine Überzeugungen verraten oder seine Meinung ändern. Letzteres ist aktzeptabel, aber was aus D.A. de Santillàn wurde, ist ein Trauer(bei)spiel:
Nach dem verlorenen Bürgerkrieg schrieb er ein Buch Warum wir den Krieg verloren haben und wandte sich immer mehr gegen die eigenen Überzeugungen.
So schrieb er bereits 1949, daß es ein großer Fehler sei, vom Klassenkampf (einer marxistischen Indoktrination, die selbst Marx nicht propagiert haben soll) zu sprechen. Es ginge darum, eine „konstruktive Arbeiterbewegung“ aufzubauen, die alle Schichten des Volkes umfassen würde, die für die hehren Ziele der Freiheit kämpfen würden.
Da sei es dann egal, ob einer Unternehmer, Ingenieur oder eben ein bewußter Arbeiter sei.
Diese Ideologie muß dann wohl auch die Grundlage für Santilláns aus dem Exil 1965 gemachte Position der Cincopuntistas (siehe Anmerkung) gewesen sein, zusammen mit der falangistischen Staatsgewerkschaft und den Resten der CNT eine neue Einheitsgewerkschaft zu formieren. Die CNT lehnte dies jedoch letztlich ab.

Aber Santillán setzte nach: er war seit Kindesbeinen auf das Innigste mit dem späteren Minister für Gewerkschaftsorganisation, Zivilgouverneur von Barcelona und erstem Innenminister der Post-Franco-Ära befreundet: Rodolfo Martín Villa, seit seiner Jugend ein Hardliner, ein Faschist.
Und Martín Villa holte Santillán Anfang 1979 nach Barcelona zurück, um die CNT auf einen reformistischen Kurs innerhalb der parlamentarischen Demokratie zu bewegen. Das sind Anschuldigungen, die Xavier Cañadas in seinem Buch (1) erhebt. In Santilláns Biografie ist dazu nichts bekannt.
Allerdings fanden wir einige Briefe im Archiv des IISG in Amsterdam, die die Freundschaft beider bestätigen (5).
Leider ist nur eine Seite eines Briefes von 1978 an Villa erhalten. Es ist jedoch erschreckend, was ein argentinischer Anarchist zur Zeit der Militärdiktatur Videlas an einen Faschisten schreibt. Keine ehrliche Haut würde so jemanden mit „mein lieber Freund“ anreden und sich positiv über den Besuch des spanischen Königspaares in Argentinien freuen oder eine stärkere Zusammenarbeit Europas mit dem diktaturverseuchten hispanischen („Spaniens alten Gebieten“) Amerika anregen.

All dies schreibt aber Diego Abad de Santillán an seinen alten Kumpel Martín Villa. Eine derartige Verirrung habe ich lange nicht gesehen und wir fragen uns, wie groß der Schmerz der Niederlage gewesen sein muß, um mit dem Teufel zu paktieren (das Franco-Regime richtete in Barcelona 1974 noch den CNT-Genossen Puig Antich hin!)?

Diego Abad de SantillánViel schlimmer aber dürfte die unbeantwortete Frage wirken, ob hinter dieser Zusammenarbeit nicht eine grundsätzliche Strategie einiger weniger CNT-FAI-Führer gestanden hat. Der Verrat an der Revolution erfolgte ja durch die Führer der Bewegung nicht erst mit ihrer Regierungsbeteiligung und der Durchsetzung eines „Kriegsanarchismus“ in den Kooperativen und Kollektiven. Leider gibt es bis heute keine Erklärungen für die Tatsache, daß sich z.B. der ‚konservative‘ CNT-Industrieminister Juan Peiró 1942 lieber hat erschießen lassen, als Führer der Staatsgewerkschaft Francos zu werden. Santillán setzte sich aber an einen Tisch mit dem politischen Verbrecher Martín Villa und unterhielt bis zu seinem Tode 1983 beste freundschaftliche Kontakte.

fm

barrikade # 4 -Dezember 2010

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